Parlamentskorrespondenz Nr. 1000 vom 18.12.2003

MENSCHEN MIT DOWN-SYNDROM BRAUCHEN LIEBE STATT VORURTEILE

Wien (PK) - Die Mädchen und Buben, die heute Abend das Parlament besuchten, hießen Martin, Christoph, Sarah und Christiane und sie zeigten, dass man im Hohen Haus auch richtig spielen kann. Dass einige von ihnen zu jenen Mädchen und Buben gehören, die mit dem Down-Syndrom leben, schmälerte weder den Spaß mit dem Spielzeug im Sprechzimmer noch die Freude am Buffet in der Säulenhalle. Und damit führten die Kinder anschaulich vor Augen, worüber die andern Gäste bei dieser letzten Veranstaltung im vorweihnachtlichen Parlament intensiv sprachen - über das vorurteilsfreie Miteinander von Menschen mit und solchen ohne Beeinträchtigungen. Ein neuer Bildband der Autorin Angelika Kampfer über 43 Kinder und Jugendliche bot berührende Illustrationen zu diesem Thema. Der Titel des Buches, das im Böhlau-verlag erschienen ist, lautet: "Aufgenommen. Leben mit Down-Syndrom".

Zur Buchpräsentation eingeladen hatte der Zweite Nationalratspräsident Heinz Fischer, der die Gäste herzlich begrüßte und auf die Beobachtung hinwies, dass die Liste der unerledigten Aufgaben auf dem Gebiet der Behindertenpolitik auch am Ende des Jahres 2003, des Europäischen Jahres der Behinderten, noch sehr lange sei. "Aber auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt", sagte Präsident Fischer und begründete seinen Optimismus mit der Erfahrung, dass der Einzug behinderter Abgeordneter in das Parlament die Aufmerksamkeit der Abgeordneten für die Anliegen der Behinderten sehr positiv verändert habe.

EINE FOTOGRAFIN ARBEITET AM VERSCHIEBEN INNERER GRENZEN

"Wie weit kann man Vorurteile abbauen?" lautete die Frage, die Angelika Kampfer ihren Ausführungen voranstellte. Die Autorin und Fotografin schilderte die Wirkung von Vorurteilen über behinderte Menschen, indem sie freimütig den Schock beschrieb, den eine unvorbereitete Begegnung mit behinderten Jugendlichen bei ihr selbst einmal ausgelöst hatte. Vorurteile habe sie auch bei Menschen beobachtet, die ihre Arbeit an dem vorliegenden Buch als deprimierend empfanden und sie deswegen bedauerten. - "Tatsächlich habe ich noch nie an einem Thema gearbeitet, das so voll Liebe war", sagte Angelika Kampfer. Die 43 Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sie fotografiert habe, sind so "offen, fröhlich und grantig, laut und leise, charmant, verlegen oder selbstbewusst, wie es Kinder und junge Menschen eben sind". Sie bewundere die Eltern, die ihre Kinder annehmen, wie sie sind, mit ihnen ein ganz normales Leben führen und wie alle Eltern stolz auf ihre Töchter und Söhne sind. Aber nicht nur die Eltern, alle, die ganze Gesellschaft müsse lernen, diese Kinder so zu akzeptieren, wie sie sind. Angelika Kampfer wünschte den Kindern von heute und morgen, dass sie aufgrund der gelungenen sozialen Integration von Menschen mit Beeinträchtigung nicht mehr schockiert einen Speisesaal verlassen müssen, wie einst sie selbst, sondern sich unbefangen mit ihnen an einen Tisch setzen können.

Abgeordnete Christine Muttonen würdigte das Bemühen von Angelika Kampfer, Menschen durch ihre fotografischen Dokumentationen über das Leben am Rande der Gesellschaft, seien es Bergbauern, Krebskranke, Obdachlose oder eben Kinder mit Down-Syndrom, mit Hilfe von Wort und Bild in die Gesellschaft "hereinzuholen" und "innere Grenzen zu verschieben".

Abgeordnete Christine Lapp unterstrich das politische Ziel, Menschen mit Behinderungen zu Partnern der Gesellschaft zu machen und bekannte sich zur Ausarbeitung eines Gleichstellungsgesetzes mit dem Motto "barrierefrei und gleichberechtigt" im kommenden Jahr.  

Angelika Kampfers Bildband "Aufgenommen. Leben mit dem Down-Syndrom" erscheint im Böhlau-Verlag Wien und ist im Buchhandel zum Preis von 29,90 € erhältlich. (Schluss)