Parlamentskorrespondenz Nr. 535 vom 26.05.2011

Festwochenprojekt "Safe European Home?" vor dem Parlament eröffnet

Wien (PK) – Minderheiten in Europa, die prekäre Situation der Roma und Sinti, sind ein Thema, dessen sich heuer auch die Wiener Festwochen annehmen. Im Rahmen der Reihe "Into the City" wird nun vom 27. Mai bis 8. Juni 2011 in Kooperation mit dem Parlament ein gemeinsames Projekt gezeigt, das sich unter dem Titel "Safe European Home?" mit der Problematik auseinandersetzt.

Eine von Delaine und Damian Le Bas gestaltete begehbare Installation auf dem Vorplatz des Parlaments soll auf grundlegende Phänomene wachsender sozialer Unsicherheit und Ungleichheit in Europa aufmerksam machen und gleichzeitig eine Diskussion über notwendige Maßnahmen zur Gleichstellung von Minderheiten wie der Volksgruppe der Roma und Sinti anregen. Die parallel dazu im Pressezentrum des Parlaments stattfindende von Suzana Milevska kuratierte Ausstellung "Roma Protokoll" versammelt unterschiedliche künstlerische Positionen, die auf die Situation der Roma im heutigen Europa Bezug nehmen, und thematisiert historische und aktuelle Sachverhalte, wie den Roma-Holocaust, Rassismus, Vertreibung, erzwungenes Nomadentum, ungleichen Zugang zu Bildung, unzureichende humanitäre Rechte und deren Auswirkungen.

Das Projekt wurde heute Abend von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und dem Präsidenten der Wiener Festwochen, Rudolf Scholten, eröffnet. Mit der aktuellen Situation der Roma und Sinti in Europa setzte sich die Beraterin zu Roma- und Sinti-Fragen der OSZE, Mirjam Karoly, auseinander, Wolfgang Schlag, der Kurator der Reihe "Into the City", präsentierte sodann das Projekt. Die Eröffnung der Installation erfolgte durch die Künstlerin Delaine Le Bas.

Prammer: Projekt soll zum Nachdenken anregen

Es sei notwendig, ein derartiges Projekt und eine derartige Dokumentation auf einem Platz, wie es der Vorplatz des Parlaments darstellt, zu zeigen, betontet Nationalratspräsidentin Barbara Prammer in ihrer Begrüßung. Roma und Sinti hätten es lange Zeit auch bei uns in Österreich nicht leicht gehabt. Die Anerkennung als sechste Volksgruppe in Österreich stelle einen wichtigen Schritt dar und gebe zur Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Perspektive Anlass.

Als Präsidentin des Nationalrats sei ihr das Thema Minderheiten immer ein wichtiges gewesen und deshalb habe sie auch entsprechende Akzente gesetzt. Prammer erinnerte in diesem Zusammenhang an den Internationalen Tag der Roma und Sinti vor zwei Jahren im Parlament sowie an den Volksgruppentag im Herbst 2010, zu dem alle sechs österreichischen Volksgruppen eingeladen waren, über bestehende Problembereiche und notwendige Maßnahmen zu diskutieren. Mit dem vorliegenden Projekt versuche man nun, Aufmerksamkeit zu erreichen, die Menschen zu motivieren, stehen zu bleiben, hinzuschauen und nachzudenken. Sie sei auf die Reaktionen gespannt, sagte Prammer.

Scholten: Auch Kontroversen können etwas bewirken

Der Präsident der Wiener Festwochen, Rudolf Scholten, griff den letzten Satz der Präsidentin auf und meinte, auch Kontroversen würden in manchen Fragen sehr wichtig sein. Er begrüße es, dass die Installation auf dem Vorplatz des Parlaments gezeigt werden kann, denn das Parlament sei der natürliche Ort und der Ansprechpartner, wo derart wichtige Fragen besprochen werden müssen. Scholten würdigte in seinen kurzen Statement das Gesamtprojekt "Into the City" und wies darauf hin, dass dieses auch im Ausland hohes Ansehen genieße.

Europa ist verpflichtet, für Roma eine sichere Heimat zu sein

Zur Situation der Roma und Sinti nahm dann Mirjam Karoly, die Beraterin für diese Fragen innerhalb der OSZE, Stellung. Der Titel der Installation "Safe European Home?" lasse eine Vielzahl von Deutungen und Assoziationen zu, sagte sie. Aus ihrer Erfahrung müsse sie leider verneinen, dass das heutige Europa ein sicherer Ort für Roma und Sinti ist. In den vergangenen Jahren sei die rassistische Gewalt gegenüber Roma und Sinti angestiegen, stellte sie anhand einiger Beispiele fest, und habe auch zu Todesopfern geführt. Romafeindliche Rhetorik werde teilweise von Medien und PolitikerInnen transportiert, politische Hassreden, die auf alte Stereotype und Vorurteilsmuster zurückgreifen, gehalten und vielerorts eine Anti-Roma-Stimmung innerhalb der Bevölkerung geschürt. Karoly prangerte auch die zunehmende Kriminalisierung armutsbedingter Überlebensstrategien an, wie z.B. das Betteln und die Stigmatisierung der Roma und Sinti als Bedrohung der öffentlichen Sicherheit. Das führe zu einer Umkehrung der Sicherheitsfrage, wobei die Frage nach dem Motiv, das Menschen zur Migration bewegt, oder nach deren ökonomischen Überlebensmöglichkeiten und sozialer Realität in den Hintergrund trete.

Karoly kam dann auf die Wohnsituation der Volksgruppe der Roma zu sprechen, die sich äußerst trist darstellt. Viele Roma lebten in getrennten Siedlungen, Ghettos und Dörfern, sie seien vor allem in wirtschaftsschwachen, ländlichen Regionen zu finden. Problematisch dabei seien vor allem jene Siedlungen, die als illegal eingestuft werden, da sie meist ohne Baugenehmigung errichtet wurden und über keinen Zugang zu örtlicher Infrastruktur verfügen. Es seien besonders die EinwohnerInnen dieser Siedlungen, die von Armut, Arbeitslosigkeit und mangelnder Integration im Bildungsbereich betroffen seien. Viele der vertriebenen Roma warteten bereits seit Jahren auf eine nachhaltige Lösung ihrer Situation, unter ihnen eine große Anzahl von Flüchtlingen die auf Grund fehlender Personaldokumente nie als Kriegsvertriebene anerkannt wurden. Als beunruhigend bezeichnete Karoly auch den Trend, Roma und Sinti von den Wohnbezirken der übrigen Bevölkerung mit Mauern zu trennen.

Auf die Frage, ob Europa Roma und Sinti eine sichere Heimat bieten kann, gebe es nur eine Antwort, konstatierte Karoly: Europa kann nicht nur, sondern ist dazu verpflichtet, dieser Gruppe eine sichere Heimat zu sein. Wie man für diese Menschen eine sichere Heimat, gleiche Rechte und Chancen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, gewährleisten und wie man Rassismus und Diskriminierung entgegenwirken kann, dazu sei eine breite gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit der Thematik unabdingbar, schloss Karoly.

We can make the change!

Schließlich präsentierte die Künstlerin Delaine Le Bas die Installation. Sie zeigte sich beeindruckt davon, dass diese vor dem Parlament gezeigt werden kann. Dies sei nicht überall möglich, sagte sie, beispielsweise würde das vor dem Parlament in London nicht erlaubt sein. Delaine Le Bas wies darauf hin, dass die Rezession den Rassismus wieder gefördert habe und die Gesellschaft nun gefordert sei, alles daran zu setzen, um zu integrieren und nicht auszuschließen. Die Botschaft dieser Installation solle sein: "We have to work together and we can make the change." Arbeiten wir gemeinsam für ein Umdenken, so ihr Appell, denn der Zugang zu diesen Fragen müsse im 21. Jahrhundert ein anderer sein als in den vorangegangenen.

Die begehbare Installation am Vorplatz des Parlaments ist vom 27. Mai bis 8. Juni täglich in der Zeit von 10 bis 19 Uhr und die dazu gehörige Ausstellung im Pressezentrum des Hohen Hauses Mo-Fr von 10 bis 19 Uhr (außer Feiertag), an Samstagen 10 bis 16.30 Uhr kostenlos zu besichtigen.

Mit "Safe European Home ?" bildet das Parlament nach der Inszenierung des antiken Flüchtlingsdramas "The Children of Herakles" im Jahr 2004 bereits zum zweiten Mal den Rahmen für eine Festwochenveranstaltung.

Begleitet wird das Projekt von einer Bibliothek/Infothek, einer Filmnacht (1. Juni, 19-24 Uhr, Architekturzentrum Wien), einem Symposium (28. Mai, 10-20 Uhr, Architekturzentrum Wien), einem Workshop für Roma-Kinder (26. Mai, 8-12 Uhr, Volksschule Erdberg), einem Forum zum Wissensaustausch (29. Mai, 10-19 Uhr, Parlamentsvorplatz) und einem Abschlusskonzert (8. Juni, 18 Uhr, Parlamentsvorplatz). (Schluss)

HINWEIS: Fotos von diesem Besuch/dieser Veranstaltung finden Sie – etwas zeitverzögert – auf der Website des Parlaments (www.parlament.gv.at) im Fotoalbum.