LETZTES UPDATE: 07.09.2018; 14:01
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Hintergrundpapier

Interparlamentarische Konferenz über Stabilität,
wirtschaftspolitische Koordinierung und Steuerung in der EU
Wien, 17. bis 18. September 2018

Session 4: Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf die Beschäftigung

    Die Zahl der Erwerbstätigen hat neue Höchstwerte erreicht. Fast 238 Millionen Menschen haben eine Arbeit – nie zuvor war das Beschäftigungsniveau in der EU so hoch wie heute. Im Vergleich zu 2016 waren 2017 über dreieinhalb Millionen mehr Menschen erwerbstätig. Zwar ist die Zahl der pro Beschäftigtem geleisteten Arbeitsstunden in den letzten Jahren gestiegen, sie liegt aber immer noch unter dem Niveau von 2008. Gleichzeitig sind ein steigendes verfügbares Einkommen und niedrigere Armutsraten zu beobachten. Im Vergleich zu 2012 waren 16,1 Millionen weniger Menschen von erheblicher materieller Entbehrung betroffen – ein Rekordtief.

    Die Vertragsparteien des Vertrags über Stabilität, Koordinierung und Steuerung in der Wirtschafts- und Währungsunion verfolgen das Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung in der EU weiter zu fördern. Dies soll unter anderem durch die Digitalisierung der Arbeitswelt erfolgen.

    Eine Steigerung der Produktivität, die Förderung des Wachstums und der Zahl der Beschäftigten, mehr Flexibilität, eine bessere Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben oder die Inklusion von Menschen mit Behinderungen und Älteren sind einige Vorteile die im Zusammenhang mit Digitalisierung häufig genannt werden.

    Die Zunahme atypischer Arbeitsverhältnisse birgt jedoch auch das Risiko einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, einer höheren Einkommensvolatilität, einer geringeren Arbeitsplatzsicherheit und eines unzureichenden Zugangs zum Sozialschutz.
    In jedem Fall ist aus heutiger Sicht nicht eindeutig, wie sich technologische Entwicklungen, Digitalisierung, Automatisierung und neue Arbeitsformen in Zukunft auswirken werden.

    Diskussionspunkte: 

    • Was sind die Herausforderungen und Risiken zunehmender Digitalisierung?
    • Welche Rolle spielen Digitalisierung, Robotisierung und künstliche Intelligenz in der Produktivitätssteigerung?
    • Welche Auswirkungen haben neue Geschäftsmodelle auf den Arbeitsmarkt?
    • Stellt die Digitalisierung eine Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt oder eine Chance für die Integration dar?
    • Wie kann das Bildungssystem in Hinblick auf zukünftige Qualifikationsanforderungen verbessert werden?

    Wachstum, Beschäftigung, Produktivität
    Der technologische Wandel birgt ein großes Potenzial zur Förderung von Wachstum und Beschäftigung und zur Steigerung der Gesamtproduktivität.

    Neue Technologien tragen zur Erhöhung der Zahl der atypisch Beschäftigten und der Selbständigen bei. Neue Arbeitsformen können sowohl für Arbeitnehmer als auch für Unternehmen Vorteile in Form einer größeren Flexibilität und einer besseren Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben mit sich bringen und gleichzeitig Menschen, einschließlich Personen mit Behinderungen und Älteren, neue Chancen eröffnen, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen oder auf dem Arbeitsmarkt zu verbleiben. Aus Arbeitgebersicht erfordert die Digitalisierung mehr Flexibilität: Arbeitszeit und Arbeitsort müssen flexibler und individueller werden.

    Für Unternehmen sind die Einführung neuer Technologien und innovativer Geschäftsmodelle Quellen für zusätzliches Wachstum und mehr Arbeitsplätze.

    Die technologische Weiterentwicklung ist selbstverständlicher Begleiter von Gesellschaft und Wirtschaft. Sie hat stets die Produktivität gesteigert – und damit auch Wohlstand und Beschäftigung. Die Digitalisierung ist ein weiterer Meilenstein des technologischen Wandels, ein weiterer Schritt der Automatisierung, die seit der ersten industriellen Revolution passiert.
    Dieser Prozess der Digitalisierung läuft somit bereits seit Generationen. Große Umwälzungen wird es hingegen in Bereichen wie Handel und Verwaltung geben. Insgesamt soll es aber zu keiner nachhaltigen Erhöhung der Arbeitslosigkeit kommen, wie eine Studie ergeben hat. Die Digitalisierung wird bis zum Jahr 2035 nur geringe Auswirkungen auf das Gesamtniveau der Beschäftigung haben, aber große Umbrüche bei der Art der Arbeitsplätze mit sich bringen.

    Herausforderungen und Risiken

    Zwar gibt es keine definitive Aussage über den möglichen Umfang, in dem sich die Technologie auf die Beschäftigung auswirkt, doch aus Studien geht hervor, dass repetitive Routinearbeiten bei den derzeit ausgeübten Tätigkeiten am ehesten teilweise oder vollständig automatisiert werden. Eine Teilautomatisierung könnte einer Studie zufolge in naher Zukunft bei 37 % bis 69 % der Arbeitsplätze erfolgen. Eine bessere Bildung und lebenslanges Lernen sowie die Gewährleistung, dass der Arbeitsmarkt und die Sozialschutzsysteme den Herausforderungen gewachsen sind, sind für die Anpassung an diese sich wandelnde Arbeitswelt von entscheidender Bedeutung.

    Technologische Entwicklungen und Digitalisierung führen zu einer Vielfalt an neuen Arbeitsformen wie etwa mobiles Arbeiten, virtuelle Zusammenarbeit, Crowdworking, etc. und immer größerer Flexibilisierung.

    Allerdings besteht auch ein Zusammenhang zwischen der zunehmenden Zahl atypischer Arbeitsverhältnisse und einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen mit einer höheren Einkommensvolatilität, einer geringeren Arbeitsplatzsicherheit und einem unzureichenden Zugang zum Sozialschutz, wie etwa bei über Online-Plattformen beschäftigten Arbeitnehmern. Die Europäische Kommission will hier durch Vorschläge zur Modernisierung des Arbeitsrechts und der Sozialschutzsysteme auf die neue Arbeitswelt reagieren. Mit dem Vorschlag für eine Richtlinie über transparente und verlässliche Arbeitsbedingungen werden neue Mindeststandards für alle Arbeitnehmer vorgesehen, auch für jene in atypischen Beschäftigungsformen. Außerdem werden die Mitgliedstaaten mit dem Vorschlag für eine Empfehlung für den Zugang zum Sozialschutz dazu angehalten, allen Arbeitnehmern und Selbständigen Zugang zum Sozialversicherungsschutz zu gewähren, einschließlich der Übertragbarkeit von Ansprüchen von einem Arbeitsplatz auf den nächsten und von einem Beschäftigungsstatus auf den anderen.

    Schließlich gibt es auch einige verbleibende strukturbezogene Herausforderungen, beispielsweise Einkommensungleichheit und geschlechtsspezifische Diskrepanzen, aber auch Herausforderungen bei der Kompetenzentwicklung und Bildung.

    Bildung und Qualifikation

    Einigkeit besteht darüber, dass Bildung und Qualifikation eine Schlüsselfrage in der Diskussion rund um Digitalisierung sind.

    Zukünftige Qualitätsanforderungen gehen in Richtung einer Verschiebung hin zu höherer und breiterer Qualifikation sowie interdisziplinärer Ausbildungen.

    Mit der neuen europäischen Agenda für Kompetenzen und mit EU-Finanzmitteln hat die Kommission den Weg dafür bereitet, in enger Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten, Ausbildungsanbietern und Unternehmen die Menschen in Europa mit besseren Qualifikationen auf allen Ebenen auszustatten. Auch die Sozialpartner spielen eine wichtige Rolle bei der Weiterqualifizierung und Umschulung der Arbeitskräfte und beim Umgang mit der größeren Flexibilität in der sich wandelnden Arbeitswelt. Sie tragen zur Gestaltung von Schulungsprogrammen bei und ermitteln die positiven und negativen Seiten der raschen Veränderungen, denen die Arbeitsmärkte unterliegen.

    Weitere Maßnahmen

    Der jüngste Vorschlag der Europäischen Kommission für den Mehrjährigen Finanzrahmen sieht mehr Mittel für Investitionen in Menschen vor, u. a. über den neuen Europäischen Sozialfonds Plus (ESF+) und einen verbesserten Europäischen Fonds für die Anpassung an die Globalisierung (EGF). Initiativen und Instrumente wie die Jugendgarantie und die Beschäftigungsinitiative für junge Menschen, die weitere Stärkung des Programms Erasmus und das Europäische Solidaritätskorps werden genauso wie die Vorschläge der Kommission über den Zugang zum Sozialschutz und zu transparenten und verlässlichen Arbeitsbedingungen dazu beitragen, diese Ziele zu erreichen.