LETZTES UPDATE: 17.07.2017; 14:09

Im Giebelfeld über dem Haupteingang des Parlamentsgebäudes entdecken BesucherInnen ein 38 Tonnen schweres Relief aus Laaser Marmor. Dort zu sehen: Kaiser Franz Joseph I., dargestellt als römischer Imperator.

Die von Edmund Hellmer ausgeführte Giebelgruppe zeigt den Kaiser, wie er den Kronländern die Verfassung gibt. Die Kronländer als allegorische Frauengestalten sind am jeweiligen Wappen erkennbar. Die Gestaltung des Monarchen als römischer Imperator deutet auf das Selbstverständnis des Kaisers als absolutistischen Regenten hin, der die Geschicke der Österreichisch-Ungarischen Monarchie leitet.

Verfassung nicht freiwillig gewährt

Auch wenn die Geste Franz Josephs eine Einladung an die Kronländer vermitteln soll, mit ihm zu regieren, lässt sie keinen Zweifel daran, dass die Gewährung der Verfassung als ein einseitiger Gnadenakt des Kaisers gesehen wird, der trotz des nun gewählten Parlaments zentrale Rechte in seiner Hand behält. Kaiser Franz Joseph lehnte die Idee des Parlamentarismus aus innerster Überzeugung bis zu seinem Tod ab, musste aber auf Grund der politischen Entwicklung das "Februarpatent" 1861, das als Geburtsurkunde des österreichischen Parlamentarismus gilt, erlassen und schließlich die "Dezemberverfassung 1867" akzeptieren. Aus Pflichtbewusstsein hielt er in weiterer Folge an diesen Verfassungsgrundlagen fest.

Franz Joseph war kein Freund des Parlaments

Mit großem Selbstvertrauen und in dem Glauben an die gottgewollte Aufgabe seines Hauses hatte sich Kaiser Franz Joseph einem absolutistisch-zentralistischen System verschrieben. Von diesem wich er nur unter äußerem Druck ab.

Er hielt es sogar für seine Pflicht – mehr als sein Recht –, für seine Völker zu sorgen. Die Vorgänge im Abgeordnetenhaus, die durch nationale Kämpfe und Konflikte gekennzeichnet waren, bestärkten ihn in seiner Meinung. Sie schadeten nicht nur dem jungen Parlamentarismus, sondern auch dem Zusammenhalt der Monarchie.

Der Kaiser war nur zweimal im Parlament

Franz Joseph besuchte auch nie eine Sitzung des Hohen Hauses und betrat nur zweimal das Gebäude: 1879 zur Gleichenfeier und 1884 nach der Fertigstellung. Deutlicher konnte er seine Abneigung gegen die konstitutionelle Entwicklung nicht zeigen.

Ungewohntes Styling: "Der Kaiser im Nachthemd"

Die Wiener und Wienerinnen beschreiben das Relief schon seit je her etwas despektierlich als "Der Kaiser im Nachthemd". Grund dafür ist der ungewöhnliche Bekleidungsstil Kaiser Franz Josephs: Er trägt eine Toga. Diese lässt seine Körperkonturen sehr deutlich erkennen. Das eng anliegende Gewand irritierte, da es so ganz und gar nicht zur Persönlichkeit des Kaisers passte, der in gewohnter soldatischer Strenge stets auf ein korrektes Äußeres Wert legte.