LETZTES UPDATE: 25.10.2014; 13:21
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Der historische Sitzungssaal: Tagungsort des ersten multinationalen Parlaments der Welt

Das Parlament der Monarchie war wohl tatsächlich ein "Völkerbund im Kleinen", wie Karl Renner sagte.

Acht Nationen, elf verschiedene Muttersprachen, 17 Kronländer, mehr als 30 Parteien und Gruppierungen, zuletzt 516 Abgeordnete – so präsentierte sich das Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrates. Es war dies das erste multinationale Parlament der Welt. Die Verhandlungen wurden ausschließlich in deutscher Sprache geführt.

Nationale Emotionen und "Pultdeckelkonzerte"

Im Abgeordnetenhaus wurden Reden auf hohem intellektuellem Niveau gehalten. Gleichzeitig war das parlamentarische Leben aber von Nationalitätenkonflikten geprägt.

Immer wieder wurde die Arbeit des Reichsrates durch Obstruktion, also bewusste Verfahrensverzögerung, erschwert.

Legendär waren die sogenannten "Pultdeckelkonzerte": Abgeordnete, die ihrem Unmut Ausdruck verleihen wollten, verursachten durch das Hin- und Herschieben der Pultdeckel großen Lärm und hinderten so den jeweiligen Redner am Sprechen.

Mark Twain, Beobachter mit spitzer Feder

Einen lebendigen Eindruck solcher Sitzungen und von der aufgeladenen politischen Atmosphäre der Zeit vermittelt Mark Twain in seinem Text "Bewegte Zeiten in Österreich" (Stirring Times in Austria). Von 1897 bis 1899 in Wien und Kaltenleutgeben, war der amerikanische Autor ein präziser Beobachter und Chronist der heimischen politischen Szene vor dem Ersten Weltkrieg. (Mark Twain: Government by Article 14 / Regieren mit Paragraph 14)

"Lehr- und Gesellenjahre" bedeutender Staatsmänner

Im Vielvölkerparlament saßen einige Politiker, die nach dem Zerfall der Monarchie in mittel- und südosteuropäischen Demokratien bedeutende Staatsmänner wurden: etwa Alcide de Gasperi (später italienischer Außenminister und Ministerpräsident), Thomas Masaryk (erster Präsident der Tschechoslowakei) und Ignacy Daszyński (Polens erster Premierminister).

Der vorletzte Präsident des Abgeordnetenhauses, Julius Sylvester, meinte einmal, die Nachfolgestaaten hätten nicht binnen weniger Wochen selbstständige Staaten bilden können, wenn nicht die Gesetze, die sie vom alten Staat übernahmen, im österreichischen Abgeordnetenhaus beschlossen worden wären.

Sitzungen der Bundesversammlung

Im Plenarsaal des ehemaligen Abgeordnetenhauses des Reichsrates ("historischer Sitzungssaal" oder "Reichsratssitzungssaal") finden heute die Sitzungen der Bundesversammlung statt. In diesem Saal wird alle sechs Jahre der/die neu gewählte BundespräsidentIn angelobt.

Fest-, Gedenk- und Trauersitzungen

Auch für gemeinsame Fest-, Gedenk- und Trauersitzungen des Nationalrates und des Bundesrates bietet dieser Saal einen würdevollen Rahmen: z.B. die Auftaktveranstaltung anlässlich des Jubiläumsjahres 2005, Trauersitzungen anlässlich des Ablebens bedeutender Politiker oder die hier alljährlich im Mai stattfindende Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus.

Der historische Sitzungssaal als Ort der kulturellen Begegnung

"Theaterfeeling" entsteht bei den BesucherInnen dieses Saales aufgrund der Architektur (das eindrucksvolle an ein Zelt erinnernde Glasdach, die Logen,... ). Der Architekt hat bewusst versucht, diesen Raum einem antiken Theater nachzuempfinden. Wohl auch deshalb eignet sich dieser Saal besonders gut für kulturelle Veranstaltungen - seien es nun Opernaufführungen anlässlich der jährlichen Gedenkveranstaltungen (z. B. "Das Tagebuch der Anne Frank" von Grigori Fried oder die Kammeroper "Die weiße Rose") oder Projekte anlässlich der Wiener Festwochen (z. B. 2004 Inszenierung des antiken Flüchtlingsdramas "The Children of Herakles" durch Peter Sellar).