LETZTES UPDATE: 17.07.2017; 14:10
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Der Skulpturenschmuck der Saalbauten

Die Attiken auf dem Dach des Parlamentsgebäudes werden außer durch die imposanten Quadrigen noch durch 76 Marmorstatuen und 66 Reliefs geschmückt.

"Ressortallegorien" der Eckpavillons

Während 50 kleinere Reliefs die Kronländer und deren Hauptstädte sowie wichtige Flüsse versinnbildlichen, werden an den Sockeln der acht Quadrigen acht "Ressorts" (Ministerien) in 16 Reliefs thematisiert.

Diese Reliefs sind von jeweils zwei Statuen flankiert, die für berühmte Persönlichkeiten der Antike stehen. Natürlich haben die Dargestellten einen thematischen Bezug zu dem jeweiligen Bereich, dem sie beigestellt sind.

"Beredsamkeit" und "Gerechtigkeit"

So sind zum Beispiel dem Ministerium für Justiz die Reliefs mit den Allegorien "Beredsamkeit" und "Gerechtigkeit" zugeordnet. Als Statuen vor diesen zwei Reliefs finden sich die Redner Demosthenes und Cicero sowie Aristides und Cato, die für Unbestechlichkeit und Tugendhaftigkeit stehen.

Ist die künstlerische Ausgestaltung des Mittelbaus programmatisch der Tätigkeit des Parlaments selbst gewidmet, so steht jene der Gebäudeflügel und Saalbauten für die Bereiche, in denen die Gesetzgebung wirksam wurde. Da die Gesetzgebung der Vollziehung durch die Ministerien bedarf, wurde dieser Bereich mit den Reliefs und Statuen programmatisch umgesetzt.

Allegorische Statuen auf den Attiken

Neben den 32 Statuen, welche die Reliefs an den Sockeln der Quadrigen flankieren, dienen noch weitere 44 allegorische Figuren auf den Attiken der optischen Fernwirkung des Parlamentsgebäudes.

Diese 2,20 Meter hohen aus Carraramarmor gefertigten Skulpturen repräsentieren

  • verschiedene menschliche Qualitäten (z.B. Ruhe, Ausdauer, Besonnenheit, Begeisterung, Menschenliebe, Freude, Kraft, Klugheit, Mäßigung, Geduld, Selbstbeherrschung),
  •  Personifikationen von Berufszweigen (z.B. Fischerei, Spinnerei, Eisenindustrie, Schiffsbau) sowie von
  • wissenschaftlichen Disziplinen (z. B.: Physik, Chemie, Astronomie, Geologie, Archäologie).

Orientierung an antiken Grundsätzen

Bei der Darstellung der Statuen wollte der Architekt Theophil Hansen ausdrücklich den klassisch-antiken Grundsatz der "idealen schönen Form" gewahrt sehen. Die Künstler verzichteten auf Individuelles und Historisches sowie auf moderne Kostüme, Haartrachten und Kopfbedeckungen. Sie lösten ihre Aufgabe, indem sie Kopien klassischer antiker Skulpturen von Göttern, Musen, Strategen, Gelehrten und Philosophen anfertigten.

Wo es sich um eigenständige Schöpfungen handelt, stehen die Plastiken in den Traditionen der griechischen Hochklassik, des Hellenismus und des römischen Klassizismus.

Reliefallegorien der Kronländer, Städte und Flüsse

Reliefs mit allegorischen Darstellungen der im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder sowie ihrer Hauptstädte und Flüsse zieren die Balustraden zwischen den Sockeln der Quadrigen.

Waren ursprünglich 68 Reliefdarstellungen geplant, wurden letztendlich 50 davon realisiert. Es sind dies die 17 Kronländer, 17 wichtige Städte (z B. Wien, Klagenfurt, Prag/Praha, Brünn/Brno, Czernowitz/Chernivtsi, Lemberg/Lwiw) sowie 16 Flüsse der Donaumonarchie (z. B. Donau, Inn und Enns, aber auch wichtige Symbolträger der slawischen Völker wie Moldau/Vltava, Save, Drau/Drava). Größe und geographische Vielfalt des Reiches wurden dadurch illustriert.

Bei der Gestaltung der Reliefs folgten die Bildhauer zwei antiken Mustern:

  • Darstellungen mit zentralen Frauenfiguren, umgeben von spielenden Kindern, die Fluss oder Landschaft bezeichnen, entsprechen dem Tellus-Italia-Relief am "Ara pacis"-Altar in Rom. Dieses Monument stellte Frieden und Wohlstand im Zeichen der Pax Romana des Kaisers Augustus dar.
  • Das zweite Reliefmuster – Eroten halten jeweils ein Wappenschild der zu bezeichnenden Stadt oder Provinz in ihren Händen – hat Wandmalereien der "Casa di Vettii" in Pompeji zum Vorbild.

Ein Beispiel: Das Relief "Industrie"

Stellvertretend für die insgesamt 66 Reliefs auf den Attiken am Dach des Parlamentsgebäudes lohnt es sich, einen Blick auf das Relief der Industrie zu werfen. Dieses ist auf der Schmerlingplatzseite, Ecke Reichsratsstraße, zu erkennen. Es besteht aus fünf Figuren, die von Rudolf Weyer gefertigt wurden. Links ist Hephaistos platziert, der Ahnherr der Schmiedekunst, der mit Hammer und Amboss dargestellt ist. Neben ihm steht eine Frau mit einem Spinnrad in ihren Händen.

In der Mitte der Figurengruppe thront Athene. Neben ihr erkennt man eine Allegorie auf die Keramikproduktion und schließlich einen Verweis auf die Textilindustrie.

Die das Relief umrahmenden, themenverwandten Berühmtheiten der Antike sind in diesem Fall Dädalus und Butades, ausgeführt von Vincenz Pilz.

Dädalus, Vater des Ikarus

Der Sage nach soll Dädalus dem Helden Theseus bei der Bezwingung des Stiermenschen Minotaurus auf Kreta geholfen haben. Deshalb wurde er mit seinem Sohn Ikarus von König Minos in das Labyrinth des Minotaurus gesperrt.

Da Dädalus aber äußerst erfinderisch war, konstruierte er Flügel aus Wachs und Federn. Mit diesen schwang er sich in die Lüfte und flüchtete auf diesem Weg gemeinsam mit seinem Sohn von der Insel.

Geflügelte Flucht und ein Todesfall

Der Sage nach stürzte Ikarus bei der Flucht über dem Meer ab, weil er der Sonne zu nahe gekommen war. Nur Dädalus konnte sich nach Sizilien retten, aber selbst dort konnte ihn König Minos aufspüren. Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung, bei der Dädalus König Minos besiegte und tötete.

Butades, der erste Bildhauer

Die zweite Person an der Seite des "Industrie"-Reliefs ist Butades von Sikyon, eine semilegendäre Gestalt des siebenten vorchristlichen Jahrhunderts.

Er habe, so die Legende, als erster Ton modelliert und so den Anstoß zu Plastiken gegeben. Außerdem habe er durch seine Techniken die Grundlage zur Gestaltung von Bronzeskulpturen geschaffen.