LETZTES UPDATE: 14.11.2016; 14:51
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Gedenken gegen Gewalt und Rassismus im Parlament

Am Freitag hat das Parlament den jährlichen Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Historischen Sitzungssaal begangen. Auf Einladung von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und Bundesratspräsident Gregor Hammerl rückten die Anwesenden heuer im Besonderen die Opfer der NS-Euthanasie in den Mittelpunkt der Veranstaltung. An die Geschichte dieser Verbrechen erinnerten die Rednerinnen Brigitte Bailer, Leiterin des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), und Brigitte Kepplinger, stellvertretende Obfrau des Vereins Schloss Hartheim.

Neben Bundespräsident Heinz Fischer, der Regierungsspitze und zahlreichen Gästen aus dem In- und Ausland nahmen auch über 100 Jugendliche, die sich bereits im Vorfeld des Gedenktages mit dem Thema "NS-Euthanasie" beschäftigt hatten (Details zum Jugendprojekt), an der Gedenksitzung teil.

NS-Euthanasie in Österreich

Mit dem Begriff "NS-Euthanasie" bezeichnet man die Ermordung von Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen sowie psychisch Kranker durch die NationalsozialistInnen. Im Zuge der NS-Euthanasie wurden in Wien in einer der größten "Kinderfachabteilungen" des Deutschen Reiches knapp 800 Kinder mit Behinderung getötet, im von der Pflegeeinrichtung zur Tötungsanstalt umfunktionierten Schloss Hartheim bei Linz 18.269 "unnütze Esser", wie die NS-Machthaber sie bezeichneten, in der Gaskammer getötet.

Hammerl: "Die Würde des Menschen ist unantastbar"

In seinen einleitenden Worten brachte Hammerl seine Betroffenheit darüber zum Ausdruck, wie es im Dritten Reich zu einem derart menschenverachtenden Umgang mit beeinträchtigten Menschen habe kommen können. Der Bundesratspräsident betonte dabei, dass auch unsere heutige Gesellschaft nicht vor einem Abgleiten in derartige Barbarei gefeit sei. Deshalb gelte es, stets den "Weg der Menschenrechte" zu gehen.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar", zitierte der Steirer den Grundrechtskatalog der Europäischen Union und sprach sich dabei für das Recht jedes Menschen auf Leben aus. "Sich daran zu halten, liegt in unserer Verantwortung, gerade wegen der Schwachen, der Hilflosen, der Menschen mit Beeinträchtigungen verschiedenster Schweregrade", appellierte Hammerl.

Prammer mahnt sensiblen Umgang mit Leistungsbegriff ein

Nationalratspräsidentin Prammer erinnerte in ihrer Rede daran, wie die NationalsozialistInnen das Recht auf Leben eines Menschen von seiner Leistung für die sogenannte Volksgemeinschaft abhängig gemacht hatten. Dies lehre uns, "wie sensibel zu jeder Zeit mit Leistung und deren Bewertung umzugehen ist", so Prammer. Leistung sei nicht nur an Zahlen und Werten messbar, sondern etwas sehr Individuelles und Vielfältiges.

Die Nationalratspräsidentin zeigte sich zwar stolz, dass es – nicht zuletzt aufgrund zahlreicher gesetzlicher Neuerungen in den vergangenen Jahrzehnten – heute selbstverständlich erscheine, Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft zu integrieren. Die Lebensrealität vieler dieser Personen zeige jedoch, dass noch keine tatsächliche Gleichstellung etwa im Bildungsbereich oder auf dem Arbeitsmarkt erreicht sei. Deshalb appellierte Prammer, gemeinsam mit den Betroffenen Lösungen zu finden und Menschen mit Behinderung so zu einem selbstverständlichen und geachteten Teil der Gesellschaft zu machen.

Abschließend betonte Prammer noch, dass die Demokratie, die Menschenrechte und solidarisches Miteinander der Grundstein für das Zusammenleben seien. "An der Festigung dieser Basis müssen wir jeden Tag arbeiten", so Prammer, die diese Verantwortung nicht zuletzt aus der Geschichte ableitete.

NS-Euthanasie schreckte auch vor Kindermorden nicht zurück

In den Mittelpunkt ihrer Ausführungen stellte Bailer die Tötung behinderter und „verhaltensauffälliger“ Kinder und Jugendlicher in der Zeit des Nationalsozialismus, die in Österreich in der "Wiener städtischen Fürsorgeanstalt Am Spiegelgrund" ihr Zentrum fand. Alleine dort wurden an die 800 als "nicht lebenswert" eingestufte Kinder durch eine Überdosis Schlafmittel ermordet, mehr als die Hälfte von ihnen jünger als sechs Jahre. Mehrere tausend Menschen, darunter ebenfalls viele Kinder und Jugendliche, starben zudem "Am Steinhof" an Vernachlässigung, Unterversorgung und Krankheiten.

Bailer erinnerte dabei daran, dass diese Verbrechen nur durch das Mitwirken zahlreicher Menschen möglich waren: Ärzte, Hebammen, PflegerInnen und BürokratInnen waren daran beteiligt. "Nur wenige der Verantwortlichen für diese Verbrechen wurden nach dem Ende der NS-Herrschaft zur Verantwortung gezogen", so die Leiterin des DÖW. Dabei sei es besonders schlimm, dass die überlebenden Opfer lange Zeit in Vergessenheit geraten waren und erst spät Anerkennung und Entschädigung erfahren hätten.

Ihre Rede endete Bailer mit dem Appell, wachsam gegenüber einer Politik "nur für die Fleißigen und Tüchtigen" zu sein. Denn diese lasse jene zurück, die diese Anforderungen nicht erfüllen könnten.

Euthanasie und Völkermord als Konsequenz des Nationalsozialismus

Dass das Euthanasieprogramm sowie der Völkermord an den Juden nichts anderes als die logische Konsequenz des "völkischen Krieges" der NationalsozialistInnen war, betonte Brigitte Kepplinger. Die Entscheidung zur Ermordung "unwerten Lebens" fiel dann auch kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Schließlich wurden im Zuge der NS-Euthanasie in den Gaskammern der Tötungsanstalten mehr als 70.000 Menschen, in Hartheim bei Linz über 18.000 ermordet. Auch nach offizieller Beendigung des Euthanasieprogramms 1941 hörte das Töten nicht auf. Wie viele Menschen Opfer der sogenannten "dezentralen Euthansie" wurden, sei jedoch nicht bekannt, so Kepplinger. Studien gingen jedoch von einer noch größeren Opferzahl als durch die "offiziellen" Programme aus.

Die NS-Euthanasieverbrechen beruhten laut Kepplinger auf der Etablierung einer eigenen Moral durch die NationalsozialistInnen, die erst durch das System der Diktatur ermöglicht wurde. Da Moral in demokratischen Systemen durch Übereinkunft definiert werde, sei es an uns, die Beschädigung der Demokratie zu verhindern und moralische Grenzverschiebungen zu beobachten und zurückzuweisen, schloss Kepplinger ihre Rede.

Einen detaillierten Bericht zur Veranstaltung finden Sie in der Meldung des Pressediensts des Parlaments.

Die Reden im Wortlaut, das Programm zur Gedenkveranstaltung sowie weitere Informationen rund um den Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus finden Sie auf dieser Seite.

Fotos von der Veranstaltung