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Parlamentskorrespondenz Nr. 39 vom 28.01.2002

Format:
Entdeckungen und Begegnungen
Stichworte:
Parlament/Hausführung

EINE KAUFLEUTEN UND DIEBEN GEMEINSAME GOTTHEIT: HERMES

Demeter als Halbjahresgöttin und Erfinderin der Landwirtschaft

Wien (PK) - Hermes, bei den Römern Merkur, und Demeter, in Rom mit Ceres gleich gesetzt, waren Theophil Hansen so wichtig, dass er ihnen einen Platz im Oberen Vestibül gab.

HERMES



Wendet sich der Besucher nach dem Betreten des Vestibüls nach rechts, sieht er in der Mauernische neben dem Haupteingang eine Marmorplastik des Bildhauers Josef Härdtl, die den Gott Hermes darstellt. Es handelt sich um eine detailgetreue Kopie der Bronzestatue des "Hermes Andros Farnese" aus der Zeit um 380 v. Chr., die im British Museum in London ausgestellt ist. In der Hand hält Hermes das Kerykeion, den Heroldsstab.

Hermes, den die Römer Mercurius nannten, war ein Sohn des Zeus. Seine Mutter, die Atlas-Tochter Maia, brachte ihn im Morgengrauen in den Bergen Arkadiens zur Welt. Bereits zu Mittag verließ der frühreife Hermes seine Geburtshöhle, tötete eine Schildkröte und verfertigte eine Leier, indem er Saiten über deren Schale spannte. Dann stahl er 50 Kühe aus der Herde seines Halbbruders Apollo, verbarg die Tiere in Pylos auf der Peloponnes und legte sich, wieder die Gestalt eines unschuldigen Säuglings annehmend, in seine Wiege in Maias Höhle. Apollo erhielt aber einen Fingerzeig und zitierte Hermes vor Zeus' Richterstuhl. Auf dem Weg zum Versteck der Tiere begeisterte Hermes Apollo mit seinem Leierspiel und überredete den Bruder, die Herde gegen das Instrument zu tauschen. Der geschickte Hermes verstand es auch, Hera, die Gattin des Zeus, als Ziehmutter zu gewinnen.

Die Mythologie berichtet von zahlreichen Taten des Hermes. Er tötete das Ungeheuer Argos, jagte dem weiblichen Drachen Delphyne die Sehnen des Zeus ab, die diesem das Ungeheuer Typhon geraubt hatte und begleitete Zeus auf seinen Wanderungen über die Erde. Hermes rettete Dionysos vor dem Zorn der Hera, befreite Ares aus der Gefangenschaft der Aloaden und half Odysseus gegen Kirke und Kalypso. Er verhandelte mit Hades über die Rückgabe der Persephone, war Herakles beim Fortschaffen des Kerberos behilflich und geleitete Eurydike zurück in den Hades, nachdem Orpheus das Recht verwirkt hatte, sie aus der Unterwelt zu führen. Hermes wurden auch viele Liebesabenteuer zugeschrieben. Aphrodite war die Mutter seiner Söhne Hermaphroditos und Priapos; Penelope gebar ihm den Pan.

Hermes trat auch als Bote des Zeus auf und wurde als Beschützer der Reisenden verehrt, denen er Steine aus dem Weg räumte. Daher zierten Hermenstatuen die Ränder viele antiker Straßen. Der Phallus, mit dem er oft dargestellt wurde, verwies auf seine ältere Funktion als Fruchtbarkeitsgott. Zudem galt er als Glücksbringer und als Gott der Diebe ebenso wie der Kaufleute. Auch für die Musik, die Gymnastik, das Gedächtnis, die kluge Rede und den guten Schlaf soll er zuständig gewesen sein. Eine wichtige Rolle hatte Hermes in der Unterwelt. Dort beschützte der Reisegott die Menschen auf ihrer letzten Fahrt. Als Seelenführer (Psychopompos) geleitete er die Schatten der Verstorbenen zum Fluss Styx, wo sie der Fährmann Charon in das Totenreich übersetzte.

DEMETER

Neben der Figur des Hermes steht die Plastik der Göttin Demeter. Das Bild stammt von Alois Düll und stellt die vergrößerte Kopie einer hellenistischen Marmorstatuette aus der Zeit um 300 v. Chr. dar, die heute im Vatikanischen Museum in Rom aufbewahrt wird.   

Demeter, die "Mutter Erde", eines der sechs Kinder von Kronos und Rhea, ist die große Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin der Griechen. Sie war eine der zwölf großen olympischen Gottheiten und wurde als Göttin des Ackerbaus, aber auch als Begründerin der bürgerlichen Ordnung verehrt, die den Menschen die Gesetze brachte. In alter Zeit mit der ägyptischen Isis, der phrygischen Kybele und mit ihrer eigenen Mutter Rhea gleichgesetzt, identifizierten die Römer sie später mit ihrer Getreidegöttin Ceres.

Demeter steht im Mittelpunkt des großen, in verschiedenen Versionen überlieferten Mythos um die Entführung ihrer Tochter Persephone durch Hades und deren Rückkehr aus der Unterwelt. Es wird berichtet, das Hades die Tochter Demeters aus Sizilien in sein düsteres Reich verschleppte, nachdem sie ihm von Zeus heimlich zur Braut versprochen worden war. Die über den Verlust Persephones verzweifelte Demeter irrte daraufhin in der Gestalt einer alten Frau auf der Erde umher, bis sie in Eleusis bei König Keleos Aufnahme fand. Als sie bei dem Versuch überrascht wurde, seinen Sohn durch Feuer unsterblich zu machen, gab sich Demeter zu erkennen und veranlasste Keleos, ihr einen Tempel zu errichten, in den sie sich zurückzog. Da ihr Schmerz die Erde unfruchtbar machte, die Götter aber nicht auf die Opfergaben der Menschen verzichten wollten, sagte Zeus seiner Schwester die Rückkehr ihrer Tochter zu. Der Olympier entsandte Hermes in die Unterwelt, der Persephone nach erfolgreichen Verhandlungen mit Hades zu Demeter zurückführte. Persephone musste jedoch zugegeben, in den Gärten des Hades Granatapfelkerne gegessen zu haben, womit sie eigentlich der Unterwelt verfallen war. Zeus erwirkte aber, dass Persephone alljährlich von der Aussaat des Getreides im Herbst bis zur Ernte im Frühsommer bei ihrer Mutter bleiben konnte und nur den Sommer bei ihrem Gemahl in der Unterwelt verbringen musste. In einer anderen Version des Mythos wird Persephone zu einer Sommergöttin, die im Winter im Hades wohnt.

Mit ihrer Tochter vereint, machte Demeter die Erde wieder fruchtbar, schenkte den Menschen die Landwirtschaft und stiftete die Eleusinischen Mysterien zur Erinnerung an die Rückkehr Persephones aus der Unterwelt. Der alljährlich im Herbst begangene Kult enthielt Reinigungsriten und eine dramatische Darstellung von Entführung und Rückkehr der Persephone mit Musik und Tanz. Zentren der Demeterverehrung waren Athen, Eleusis und Sizilien.

HEISSE DEBATTEN UM NACKTEN MARMOR

Dass auch das Bild der Antike dem jeweiligen Zeitgeist unterliegt, zeigt eine Diskussion aus den ersten Jahren nach der Eröffnung des Parlaments: Gegen den erklärten Willen Theophil Hansens waren die Genitalien der nackten Götterstatuen im Jahr 1886 auf Wunsch der Präsidenten beider Häuser des Reichsrates mit Weinblättern aus Blech abgedeckt worden - erst ein Beschluss des Abgeordnetenhauses im Jahr 1906 sorgte dafür, dass die Skulpturen in ihrer ursprünglichen Gestalt betrachtet werden können. (Schluss)

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