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Parlamentskorrespondenz Nr. 964 vom 17.09.2015

Themenfelder:
Parlament allgemein/Medien/Gleichbehandlung/Kultur
Format:
Vermischtes
Stichworte:
Parlament/Alfred Fried Photography Award/Bures/Satyarthi

Wir müssen unser Mitgefühl globalisieren

Internationales Friedensbild 2015 im Parlament präsentiert

Wien (PK) – Schauplatz ist der Kongo. In einem der ärmsten Länder der Welt hält eine junge Frau ihr neugeborenes Baby in den Armen. Ikonenhaft, wie bei einer Madonna, ruht ihr Blick sanft auf dem Kleinen. Sie selbst war eines von vielen tausenden Kindern, das durch sexuellen Missbrauch entstanden ist. Sechs schwerbewaffnete Soldaten salutieren vor der jungen Mutter, beschützen sie, aus den Läufen ihrer Waffen ragen Blumen. "Look at me I am beautiful" heißt das Bild aus einer Fotoserie der belgischen Fotografin Patricia Willocq, das heute im Parlament mit dem Alfred Fried Photography Award für das weltbeste Foto 2015 zum Thema Frieden ausgezeichnet wurde. Die Keynote der Award Ceremony hielt auf Einladung von Nationalratspräsidentin Doris Bures der indische Kinderrechtsaktivist und Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi, der in seiner rund einstündigen programmatischen Rede zur "Globalisierung des Mitgefühls" aufrief. Die Flüchtlingssituation sieht der Friedensnobelpreisträger dabei nicht als ausschließlich europäisches Problem. Gefordert, so Satyarthi, sei die ganze Welt. Die Frage, ob die Europäische Union nunmehr gescheitert ist, beantwortet er mit einem klaren Nein. Nichtsdestoweniger beklagte Satyarthi die Situation von vielen Flüchtlingskindern, die eltern- und heimatlos auf eine sichere Zukunft hoffen.

Für ihn selbst ist Frieden im Lächeln eines Kindes zu finden. In seiner Freiheit und Unschuld. Eine friedliche Welt gebe es dabei nur, wenn man die Rechte von Kindern in den Mittelpunkt der Gesellschaft rückt. Der beste Schutz gegen Terrorismus und Krieg ist für Satyarthi die Investition in Bildung. "Lasst uns jedes Herz und jede Tür für unsere Kinder offen halten. Wir alle sind mit Mitgefühl geboren. Leiste deinen Beitrag", so sein Appell an das Publikum im Parlament. 

Bures: EU muss nun beweisen, dass sie Friedensnobelpreis verdient hat

"Der Krieg klopft an unsere Tür. Nicht mit Waffen und Kanonen. Sondern mit den nackten Händen derer, die vor Krieg, Terror und grausamster Verfolgung flüchten müssen", sagte Nationalratspräsidentin Doris Bures, die in ihren Begrüßungsworten ein zentrales Augenmerk auf die anhaltende Flüchtlingskrise in Europa legte. 2012 habe die Europäische Union für Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechte den Friedensnobelpreis erhalten, nun müssten "wir alle", wie Bures sagte, beweisen, dass die Union den größten aller Friedenspreise auch verdient hat. Die EU sei gefordert, zu zeigen, dass sie nicht nur eine Wirtschaftsunion, sondern auch eine Solidar- und Wertegemeinschaft ist, so die klare Botschaft der Nationalratspräsidentin. Möglich hält es Bures aber auch, die Flüchtlingskrise als Chance für Europa zu nutzen, um ängstliche und althergebrachte Rezepte aufzugeben und neue Wege einzuschlagen. Der Alfred Fried Photographie Award ist für sie eine Stimme für den Frieden aus dem Zentrum der österreichischen Demokratie.

Für den Initiator des Awards, Lois Lammerhuber, stellt die zentrale Frage rund um den Fotowettbewerb, nämlich "Wie sieht Frieden aus?", eine Herausforderung dar. Die Gesellschaft wüsste zwar sehr genau wie Krieg aussehe, die Abwesenheit von Krieg sei aber noch lange nicht Frieden. "Es ist, so paradox es klingt, ein Wagnis, nach Bildern von Frieden zu fragen", sagte auch der Vorsitzende der Jury Peter-Matthias Gaede. Denn der Alfried Fried Photography Award würde gegen eine alte journalistische These verstoßen. Nämlich, dass schlechte Nachrichten die eigentlich guten Nachrichten sind. Der Award sei der Hoffnung und Zuversicht gewidmet, ohne zeitgleich aber als Illusionstheater gedacht zu sein. Der Frieden habe es an sich, unscheinbar zu sein. Aber warum, wie Gaede die Frage in den Raum stellte, sollte unterbelichtet bleiben, was es auch an Schönheit, friedlichem Zusammenleben und Märchenhaftem auf der Welt gibt? Eingefangen und visualisiert von Profi-Fotografen.

Giles Duley vom International Press Institute erinnerte in einer zutiefst emotionalen Rede an die zahlreichen JournalistInnen, die im vorigen Jahr in Ausübung ihres Berufes ermordet wurden. Laut Duley war es noch nie so gefährlich wie jetzt, in einem journalistischen Beruf zu arbeiten. Er selbst verlor vor vier Jahren in Afghanistan durch eine Landmine seine beiden Beide und seinen linken Arm. Warum das Menschen trotzdem machen? Weil sie die Wahrheit erzählen, Missstände aufzeigen und die Welt gemeinsam ein klein wenig besser machen wollen, so Duley. "Kein Mensch sollte dafür mit seinem Leben bezahlen müssen", sagte der britische Fotojournalist und bekam für seine Worte Standing Ovations.

121 Länder, 3.551 Einreichungen, 14.115 Bilder

2015 haben Fotografen aus weltweit 121 Ländern in 3.551 Einreichungen und 14.115 Bildern ihren visuellen Zugang zu Frieden sichtbar gemacht. Die Zahl der EinreicherInnen hat sich zum vorigen Jahr dabei mehr als verdoppelt, jene der eingereichten Fotografien so gut wie verdreifacht. Unter den Ländern steht Brasilien mit 615 Einreichungen ganz vorne, gefolgt von Indien und Deutschland mit jeweils über 370. Die besten fünf Arbeiten, jene von Carla Kogelmann  ("Ich bin Waldviertel", Deutschland), Dmitrij Leltschuk ("Downshifting in Belarus", Deutschland), Arthur van Beveren ("Regelbau", Niederlande), David Martin Huamani Bedoya ("Tururu Roots", Peru) und schließlich der diesjährigen Siegerin Patricia Willocq ("Look at me I am beautiful", Belgien) wurden mit der Alfred Fried Medaille geehrt.

Wie sieht Frieden aus?

Ins Leben gerufen wurde der mit 10.000 Euro dotierte Alfred Fried Photography Award von der Photographischen Gesellschaft und der Edition Lammerhuber 2013, ausgeschrieben wird er gemeinsam mit dem Österreichischen Parlament, der Vereinigung der österreichischen ParlamentsredakteurInnen, der UNESCO und dem International Press Institute (IPI). Sein Ausgangspunkt ist die Frage "Wie sieht Frieden aus?", sein Namensgeber Alfred Fried, österreichischer Pazifist, Schriftsteller und Gründer der Zeitschrift "Die Waffen nieder!", der 1911 selbst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Das Friedensbild des Jahres wird ein Jahr lang im Parlament ausgestellt. Damit soll von Wien aus ein Zeichen für Frieden gesetzt werden. (Schluss) keg

HINWEIS: Fotos von der Award Ceremony finden Sie im Fotoalbum auf www.parlament.gv.at.