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Parlamentskorrespondenz Nr. 452 vom 03.05.2016

Themenfelder:
Medien/Parlament allgemein
Format:
Veranstaltungen
Stichworte:
Parlament/Concordia

Preisverleihung des Presseclub Concordia im Parlament

Mijatović, Delcheva und Chorherr ausgezeichnet

Wien (PK) – Es ist der unermüdliche Einsatz zur Verteidigung der elementaren demokratischen Rechte von Pressefreiheit und unabhängiger Berichterstattung. Es sind Geschichten, die in wertschätzender aber parteiloser Sprache Szenen der Flüchtlingsproblematik erzählen, ohne dabei den Menschenrechtsaspekt aus den Augen zu verlieren. Und es ist das ungebrochene Postulat für einen unabhängigen Journalismus in Österreich, das in diesem Jahr als herausragendes journalistisches und medienpolitisches Engagement von der Concordia ausgezeichnet wird. Überreicht wurden die Publizistikpreise gestern im Parlament an die OSZE-Medienbeauftragte Dunja Mijatović in der Kategorie Presse- und Informationsfreiheit, die Redakteurin der Wiener Zeitung Marina Delcheva in der Kategorie Menschenrechte und den ehemaligen Presse-Chefredakteur Thomas Chorherr für sein Lebenswerk.

Gerade weil sich das Parlament als Haus der Demokratie versteht, die nur funktionieren kann, wenn es unabhängige, selbstbewusste Medien gibt, freue er sich, dass die Concordia-Preisverleihung im Hohen Haus mittlerweile zu einer Tradition geworden ist, sagte stellvertretend für Nationalratspräsidentin Doris Bures Parlamentsdirektor Harald Dossi in seiner Begrüßung.

Koller: Besonderes journalistisches Engagement in Zeiten globaler Krisen

Der Präsident des Presseclub Concordia, Andreas Koller, ging auf die weltweit immer schwieriger werdende Situation für JournalistInnen ein. Angesichts der Verhaftungen etwa in der Türkei oder der erst vor kurzem gefällten Entscheidung der Deutschen Bundesregierung im Fall Böhmermann könnten Auszeichnungen um Verdienste für die Presse- und Meinungsfreiheit nicht aktueller sein. Eine Mahnung sprach Koller gegenüber der österreichischen Zivilgesellschaft aus. Man sei gut beraten, nicht wegen jedes Kommentars und jeder Karikatur "zum Strafrichter oder zum Presserat zu laufen". Auch wenn Österreich im Vergleich eine "Insel der Seligen" sei, gibt es aus seiner Sicht auch hier viele Dinge, die im Argen liegen. So sei etwa die Presseförderung nicht befriedigend gelöst und das dringend notwendige Informationsfreiheitsgesetz noch nicht vorhanden. Die beiden Preisträgerinnen würdigte der Concordia-Präsident als Persönlichkeiten, die für Pressefreiheit und Menschenrechte mehr getan haben, als sie tun müssten. Chorherr ist für ihn zudem "ein Stück Zeitgeschichte".

Schmidt appelliert, humanistische Kraft in der Gesellschaft zu stärken

Mit dem Ehrenpreis für sein Lebenswerk wird Chorherr als einer der einflussreichsten Journalistenpersönlichkeiten der Nachkriegszeit, die Generationen von Politik-JournalistInnen geprägt hat, ausgezeichnet, wie die frühere Chefin des Liberalen Forums und ehemalige Dritte Nationalratspräsidentin, Heide Schmidt, als Vorsitzende der Concordia-Preis-Jury die Entscheidung des Gremiums begründete. Mijatovićs Berichte, Mahnungen und Kommentare im vergangenen Jahr seien mehr als nur die Pflichterfüllung einer OSZE-Medienbeauftragten gewesen, sie verwehrte sich gegen Einschränkungen der Pressefreiheit vor allen in der Ukraine, in Russland, in Ungarn, in Polen oder der Türkei, wie es in der Jury-Begründung heißt. In ihren Reportagen verstand es Delcheva wiederum, mit Geschichten über das Leben von FlüchtlingshelferInnen oder über die Angst der ÖsterreicherInnen ein breites Spektrum der Flüchtlingssituation abzudecken, so das Jury-Urteil.

Schmidt appellierte zudem, das gesellschaftliche Sensorium dafür zu schärfen, wo Einschränkungen von Pressefreiheit und Menschenrechten beginnen. "Weil ich weiß, dass die erste Einschränkung, die widerspruchsfrei hingenommen wird, weitere nach sich zieht", warnte sie. Den kritischen Blick braucht es für Schmidt aber auch "vor der eigenen Haustür". Korruption, einschlägige Personalpolitik und das Inseratengeschäft könnten Pressefreiheit massiv einschränken. Essentiell ist für Schmidt hier die gesellschaftliche Mitverantwortung. Diese "humanistische Kraft in der Gesellschaft" zu stärken, sei Aufgabe von JournalistInnen. Und bei vielen Concordia-Einreichungen habe sie diesen Anspruch auch gespürt, wie die Jury-Vorsitzende sagte.

Delcheva: Journalismus eine Frage der Haltung und nicht der Gesinnung

Die Laudatio in der Kategorie Menschenrechte hielt die Journalistin und Autorin Sibylle Hamann, die den Weg Delchevas von der FH-Studentin über das Jungtalent bis hin zur Concordia-Preisträgerin zeichnete. Delcheva habe keine einfache und glatte Persönlichkeit, die in eine Schablone passe, sie würde dort hinsehen, wo alle anderen vorbeilaufen. In ihren Reportagen gelinge es ihr, sich hineinzufühlen, gleichzeitig aber Skepsis und Distanz zu wahren. In einer Zeit, in der gerade jüngere JournalistInnen keinen Mut mehr hätten, objektivierbare Aussagen zu treffen, habe es Delcheva auf die wichtigen Fragen abgesehen, die sich außerhalb der persönlichen Wohlfühlzone abspielen. Gerade das würde ihre Geschichten besonders machen, sagte Hamann.

"In meinem Praktikum wurde mir abgeraten, in den Journalismus zu gehen. Ich bin froh, dass Gehorsam nicht meine größte Stärke ist", sagte Delcheva, die in ihren Dankesworten eine Spaltung in der Gesellschaft thematisierte. Diese Spaltung sei an Österreichs Grenzen zu sehen, in den Flüchtlingslagern in Rumänien, der Türkei oder dem Libanon oder aber auch auf Twitter, Facebook und in den Zeitungsforen. Angesichts dessen plädierte die Reporterin der Wiener Zeitung für einen "ruhigen und keinen hysterischen Journalismus", der kurz innehält und nachdenkt, der versucht, zu erklären und Welten miteinander in Verbindung bringt. Denn Journalismus sei heute mehr denn je eine Frage der Haltung und nicht der Gesinnung, so die Concordia-Preisträgerin.

Mijatović: Sicherheit durch Schutz von Menschenrechten erreichen

In seiner Würdigung für die OSZE-Medienbeauftragte erzählte Botschafter Wolfgang Petritsch über die wichtige Rolle Mijatovićs für die Etablierung unabhängiger Medien in Bosnien und Herzegowina nach Beendigung des Krieges. Sie habe mit Überzeugung und enormer Tatkraft an der für das Land damals so wichtigen Medienreform mitgearbeitet. Dank ihrer Entschiedenheit sei es gelungen, die rund 300 lokalen Radio- und Fernsehstationen, die im Krieg vorwiegend als Propagandainstrumente eingesetzt wurden, um die Hälfte zu reduzieren und die Professionalisierung des gesamten Medienwesens auf eine solide Basis zu legen. "Dunja hat Pionierarbeit geleistet", so Petritsch. Auch als erste Frau in der Funktion eines OSZE-Medienbeauftragen habe sie mit Fingerspitzengefühl hervorragende Arbeit geleistet.

Mijatović sprach in ihrer Rede über die Notwendigkeit, für Presse- und Meinungsfreiheit einzustehen. Diese müsse heute mit Blick auf aktuelle Entwicklungen mehr als je zuvor verteidigt werden. Gefährdet sieht Mijatović demokratische Grundrechte durch einen zunehmenden Ruf nach mehr Sicherheit. Diese könne aber nur durch den Schutz von Menschenrechten erreicht werden, so ihr Zugang.

Chorherr: "Nur weiter so"

"Heute wackelt so manches", sagte der ehemalige Präsident des Verfassungsgerichtshofs Ludwig Adamovich mit Blick auf die Europäische Union oder den autoritären Kurs in manchen Staaten. Deswegen brauche es JournalistInnen im Format eines Thomas Chorherr. Ein erfolgreicher Journalist muss seiner Meinung nach schreiben können, neugierig und ein guter Beobachter sein, all diesen Anforderungen genüge der ehemalige Presse-Chefredakteur im höchsten Maße. Chorherr würde für eine Qualität im Journalismus stehen, die nicht verblassen dürfe. "Ein Thomas Chorherr, der nicht mehr schreibt - eine schreckliche Vorstellung", so Adamovich.

Das erste Mal sei er als Fünfjähriger kurz vor seinem Schuleintritt im Mai 1938 "zu Beginn seines bewussten Lebens" in diesem Gebäude an der Ringstraße gewesen, erzählte Chorherr in seinen Dankesworten. Deswegen sei es etwas Besonderes für ihn, im Palais Epstein des Parlaments einen Preis für sein Lebenswerk überreicht zu bekommen, sagte der ehemalige Präsident des Presserats, der für den österreichischen Journalismus eine unmissverständliche Botschaft bereithielt: "Nur weiter so".

Moderiert wurde die Preisverleihung von der Generalsekretärin des Presseclub Concordia, Astrid Zimmermann. Überreicht werden die Preise jedes Jahr rund um den Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai. (Schluss) keg

HINWEIS: Fotos von der Preisverleihung finden Sie im Fotoalbum auf www.parlament.gv.at.