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Parlamentskorrespondenz Nr. 950 vom 15.09.2016

Themenfelder:
Bildung
Format:
Ausschusssitzungen des Nationalrats
Stichworte:
Nationalrat/Unterrichtsausschuss/Hammerschmid

Hammerschmid kündigt Pakete zu Schulautonomie und Ganztagsschule an

Nationaler Bildungsbericht löst im Unterrichtsausschuss heftige Kontroversen aus – ExpertInnen sehen Chancenungleichheit im Bildungswesen

Wien (PK) – "Ich glaube an die österreichischen PädagogInnen", erklärte heute Bildungsministerin Sonja Hammerschmid im Unterrichtsausschuss des Nationalrats. Die Lehrerinnen und Lehrer würden die Umsetzung der Bildungsreform meistern, an der Politik liege es nun, die rechtlichen Grundlagen zu schaffen. Konkrete Vorschläge zur Schulautonomie und zur Ganztagsschule sollen Hammerschmid zufolge heuer noch in Begutachtung gehen, "im besten Fall" werde man dazu einen Ministerratsvortrag erstellen.

Im Einklang mit den BildungsexpertInnen im Ausschuss befand die Ministerin, unbestreitbar sei der Mangel an Chancengerechtigkeit im heimischen Schulwesen. Während SPÖ, Grüne und NEOS diese Meinung mit dem Hinweis auf Bildungsvererbung teilen, verwehrt sich die ÖVP der Ansicht, es gebe zu wenig Bildungsmobilität im Land – gerade im berufsbildenden Bereich sei die Republik top. Die FPÖ pocht auf die selbstbestimmte Schulentscheidung von SchülerInnen und Eltern, für das Team Stronach liegt des Pudels Kern in der Unterrichtspraxis.

Glaubt man dem jüngsten Nationalen Bildungsbericht ( III-276 d.B.), erstellt vom BIFIE, ist Österreich jedenfalls noch weit entfernt vom Ziel, gleiche Bildungschancen für alle zu gewährleisten. Demnach hat ein Drittel der österreichischen Volksschulkinder ein erhöhtes Risiko, in der Schullaufbahn zu scheitern. Gründe dafür seien nichtdeutsche Alltagssprache, bildungsferner Haushalt beziehungsweise niedriger Berufsstatus der Eltern. Wie die Politik hier entgegenwirken kann bzw. welche Änderungen notwendig sind, dazu liefern die Parteien unterschiedliche Ansätze. Der Bericht wurde von SPÖ, ÖVP, Grünen und NEOS zur Kenntnis genommen.

SPÖ setzt auf autonome Ganztagsschulen

Der im Nationalen Bildungsbericht (NBB) verdeutlichten Chancenungleichheit, wonach die Bildungslaufbahn abhängig vom sozialen Hintergrund der SchülerInnen ist, müsse die Politik durch den Ausbau verschränkter Ganztagsschulen entgegenwirken, unterstrich Daniela Holzinger-Vogtenhuber. Zumal derzeit vor allem Eltern mit höherem Sozialstatus die ausgeweiteten Bildungsmöglichkeiten in ganztägiger schulischer Betreuung für ihre Kinder nutzen würden. Marianne Gusenbauer-Jäger und Erwin Preiner werten dabei den autonomen Gestaltungsspielraum von Schulstandorten als besonders wichtig, etwa um Maßnahmen der Sprachförderung an regionale Bedürfnisse anzupassen.

ÖVP erwartet mehr Würdigung der Berufsbildung

Missfallen erregte bei Brigitte Jank und Karlheinz Töchterle die in ihren Augen falsche Wertung von Bildungsabschlüssen, wie sie im Bildungsbericht aufscheine. Abschlüsse außerhalb des Hochschulbereichs hätten in den Analysen nicht ausreichend Würdigung gefunden. "Ein gelingendes Leben muss nicht durch eine Hochschule führen", so Töchterle. Den Ausbau von schulischer Assistenz sowohl in administrativer Hinsicht als auch für pädagogische Hilfestellungen nannten Eva-Maria Himmelbauer und Manfred Hofinger als entscheidend für Verbesserungen im Schulbetrieb.

FPÖ pocht auf Selbstbestimmung bei Schulwahl

Autonomie im Schulwesen ist den Freiheitlichen ein großes Anliegen, wobei Walter Rosenkranz kritisch bemerkte, im Nationalen Bildungsbericht würden irreführende Aussagen über parteipolitische Haltungen zur Schulautonomie getätigt. Peter Wurm hob hervor, es gehe nicht zuletzt um die Autonomie von SchülerInnen und Eltern. Das System der Schulsprengel widerspreche vielfach dieser Wahlfreiheit. Aufgaben- und Finanzierungsverantwortung im Bildungsbereich klaffen weiterhin aufeinander, zitierte Gerald Hauser den Rechnungshof, um das Grundproblem im Bildungswesen darzustellen. Vor diesem Hintergrund sei es schwer vorstellbar, wie die Gemeinden in ihrer Zuständigkeit für die Infrastruktur an Pflichtschulen Mittel für die mehrfach eingeforderte Digitalisierung an Schulen aufbringen sollten. Wendelin Mölzer drängte hinsichtlich Finanzierung auf eine begleitende Evaluierung der Integrationsmittel.

Grüne wollen gerechte Mittelverteilung an Schulen

Für Harald Walser besteht kein Zweifel, dass Österreich eines der sozial segregativsten Schulsysteme der Welt hat. Wissenschaftliche Studien würden bestätigen, dass aufgrund der frühen Trennung der Kinder nach der Volksschule deren soziale Umgebung ausschlaggebend sei für den weiteren Bildungsweg. Einen "wesentlichen Schritt, das Schulsystem etwas gerechter zu machen" sieht der Grünen-Bildungssprecher in der indexbasierten Mittelzuteilung, die Schulen in benachteiligten Gebieten spezielle Förderung zukommen lässt. Initiativen gegen frühen Bildungsabbruch forderte Sigrid Maurer ein, zumal dies nicht nur die Schulbildung betreffe. Die höchste Abbruchsquote finde sich bei der betrieblichen Lehre.

NEOS vermissen Reformplan im Schulbereich

Bislang gebe es keinen klaren Plan für die Bildungsreform, kritisierte Matthias Strolz zunächst grundsätzlich, ehe er das konkrete finanzielle Problem des Bildungsressorts – das bestehende Budgetloch von 550 Mio. €  - ansprach. Diese Situation sei "unzumutbar" und müsste zügig bereinigt werden. Abgesehen davon seien die Autonomiebestrebungen für Schulen zu intensivieren, gerade in personeller Hinsicht. Hohe Priorität habe in diesem Zusammenhang die Direktorenausbildung, erhalte die Schulleitung doch mit der Personalautonomie eine neue Rolle als Führungskraft. 

Team Stronach will Unterrichtspraxis durchleuchten

Christoph Haben ortet "Notendumping" als beherrschenden Makel im heimischen Schulwesen, sodass positive Noten für negative Leistungen gegeben würden. Generell vermisst er im nationalen Bildungsbericht das Thema Unterricht, obwohl die Unterrichtspraxis entscheidend für den schulischen Erfolg sei.

Meinungsunterschiede auch bei ExpertInnen

Zwar waren alle drei ExpertInnen im Ausschuss - BIFIE-Direktorin Claudia Schreiner und ihr Kollege Michael Bruneforth sowie der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann – einer Meinung, was die sozial bedingte Chancenungleichheit im österreichischen Bildungswesen betrifft. Doch gingen die Einschätzungen der besten Lösungsansätze auf der wissenschaftlichen wie auf der politischen Ebene auseinander. Der – nach Schreiners Worten – "kumulativen Evidenz der mangelnden Chancengerechtigkeit" – kann nach Ansicht von Bruneforth am besten mit der Abkehr von der frühen schulischen Segregation begegnet werden. Im Moment würden Volksschulkinder bei gleicher Leistung entweder in die Neue Mittelschule (NMS) oder in das Gymnasium (AHS) geschickt, je nachdem, aus welchem Elternhaus sie kommen beziehungsweise, ob sie Migrationshintergrund haben. Es gelte, soweit möglich, diese "Ungleichheiten im System auszugleichen".

Bruneforth, stellvertretender Leiter des Departments Bildungsstandards und Internationale Assessments im BIFIE sowie Mitautor des Bildungsberichts, brach überdies eine Lanze für die Ganztagsschule: diese bildungspolitische Maßnahme würde zum einen die Bildungsgerechtigkeit stärken, zum anderen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erhöhen. Professor Hopmann von der Universität Wien hielt entgegen, die tatsächliche Wirkung von Ganztagsschulen sei noch keineswegs erforscht.  Er warnte davor, aus den Analysen des Bildungsberichts vorschnelle Schlüsse zu ziehen; wenn "Brennpunktschulen" in Ganztagsschulen umgewandelt würden, hätte das nicht automatisch den gewünschten Effekt. Vielmehr müsse bei der Mittelverwendung an Schulen, bei der Personalstruktur und letztlich am Unterricht selbst angesetzt werden, um die differenzierte Förderung der SchülerInnen sicherzustellen. Die gescholtene Segregation in NMS und AHS werde sich auch in anderen Systemen wiederfinden, prophezeite er.

Hammerschmid: Ganztagsschulen attraktiver machen

Für Bildungsministerin Hammerschmid wiederum ist die ganztätige Schule durchaus ein wichtiges Instrument, Kinder aus sozial benachteiligten Schichten bildungspolitisch zu unterstützen. Nötig sei hier allerdings eine soziale Staffelung der Kosten für die Nachmittagsbetreuung, um ein "attraktives Angebot" an betroffene Familien zu machen. Ziel sei, 40% der SchülerInnen Ganztagsschulen im Umkreis von rund 20 km anbieten zu können, wobei die Standorte den Schulalltag autonom gestalten sollten. Die Vererbung von Bildung in Österreich könne nicht bestritten werden, hielt die Ministerin fest und verwies auf einen aktuellen Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der Österreich im Bereich Bildungschancen als Schlusslicht ausweist.

Den Nationalen Bildungsbericht lobte Hammerschmid als "Grundlage für die Weiterentwicklung des Bildungssystems", an der ihr Haus gemeinsam mit dem Koalitionspartner unermüdlich arbeite. Die individuelle Förderung stehe dabei im Mittelpunkt, sowohl die Talenteförderung als auch die Unterstützung von Schwächeren. Ebenso gehöre eine treffsichere Verteilung der Mittel zu ihrem Reformplan und die Ausweitung der Schulautonomie – gerade in pädagogischer und personeller Hinsicht. "Problemlösungskompetenz, Unternehmertum, Lust am Lernen", waren einige Stichworte, die Hammerschmid zur angestrebten neuen Unterrichtspraxis an autonomen Schulen verriet. (Schluss Unterrichtsausschuss) rei