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Parlamentskorrespondenz Nr. 1524 vom 16.12.2018

Themenfelder:
Verfassung/Parlament allgemein
Format:
Veranstaltungen
Stichworte:
Parlament/Sobotka/Posch-Gruska/Roma/Matinee

Matinee im Parlament anlässlich 25 Jahre Anerkennung der Roma als Volksgruppe

NR-Präsident Sobotka und BR-Präsidentin Posch-Gruska unterstreichen Vielfalt und Verantwortung

Wien (PK) – Unter dem Motto "Vielfalt und Verantwortung" fand heute im Plenarsaal des Parlaments eine Matinee aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums der Anerkennung der Roma als Volksgruppe statt. Die Roma und Sinti wurden am 16. Dezember 1993 als "Volksgruppe der Roma" anerkannt. Bundesratspräsidentin Inge Posch-Gruska eröffnete die Matinee. Der Wissenschaftliche Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands Gerhard Baumgartner hielt den Festvortrag, in dem er durch die jüngere Geschichte der Volksgruppe führte. Barbara Glück, Direktorin des Mauthausen Memorials, führte ein Gespräch mit Manuela Horvath (33), Angehörige der Volksgruppe der Roma und Gemeinderätin in Oberwart, und dem Roma-Schriftsteller Stefan Horvath (69), in dem die persönlichen Erfahrungen, aber auch das sich geänderte Bewusstsein zur Sprache kamen. Nach Ansprachen von Emmerich Gärtner-Horvath, dem Vorsitzenden des Volksgruppenbeirats der Roma, und Christian Klippl, Obmann des Kulturvereins österreichischer Roma, sprach Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka die Schlussworte.

Sobotka: Vorurteile sind nachhaltig nur durch eine emotionale Herangehensweise zu bekämpfen

"Vorurteile sind nachhaltig nur durch eine emotionale Herangehensweise zu bekämpfen, und dabei spielt die Kultur eine wesentliche Rolle", betonte Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka als Resümee der Matinee. Zur Integration gebe es keine Alternative, Integration heiße aber in keinem Fall Assimilation, stelle er mit Nachdruck fest. 

Die heutige Festveranstaltung gelte jenen, die gelitten haben und ermordet wurden, jenen, die Konsequenzen gezogen haben, jenen, die sich engagiert und andere überzeugt haben, und jenen, die die Arbeit fortsetzen, unterstrich der Nationalratspräsident, der damit auch einen Auftrag an die Zukunft verbunden sieht. Es gelte vor allem, ein nachhaltiges Bewusstsein für die Reichhaltigkeit der österreichischen Kultur durch die Volksgruppen zu schaffen. Gerade in Zeiten der Globalisierung sei es wichtig, die eigene Identität zu pflegen. Die Aufgabe der Politik sei es, dies auch zu unterstützen und in der Volksgruppenpolitik insgesamt nicht müde zu werden. Als einen wichtigen Mosaikstein dazu sieht Sobotka, sich in der Schule mit den Volksgruppen und ihrer Geschichte und Kultur auseinanderzusetzen.

Der Nationalratspräsident hält es auch für eine notwendige europäische "Hausaufgabe", die Volksgruppen und ein diesbezügliches europäisches Bewusstsein zu fördern, denn die Probleme gebe es nicht nur in Osteuropa. Deshalb sollte hier die Kommission aktiv werden und Lösungsansätze für die Mitgliedstaaten bereitstellen. Der Nationalratspräsident setzt hier besonders auch auf die Unterstützung der BotschafterInnen der betreffenden Länder, die bei der heutigen Matinee zahlreich vertreten waren.

Rund zwei Wochen vor der Anerkennung der Roma hatte am 3. Dezember 1993 die erste Briefbombenserie Österreich erschüttert. Etwas mehr als ein Jahr nach der Anerkennung der Roma als Volksgruppe, in der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1995 hatte eine Rohrbombe in einer Roma-Siedlung am Rande von Oberwart vier Menschen das Leben gekostet.

Lebensrealitäten

Im Gespräch mit Barbara Glück und Manuela Horvath erzählte Stefan Horvath (nicht mit Manuela Horvath verwandt) von seinem von Diskriminierung gekennzeichneten Bildungsweg und dem Rohrbombenattentat 1995, bei dem sein Sohn und drei weitere Bewohner der Siedlung ermordet wurden. Bereits Monate zuvor, kurz nach der Explosion einer Rohrbombe in Klagenfurt, bei der ein Polizist im August 1994 beide Hände verloren hatte, bemerkten die vier Burschen verdächtige Vorgänge rund um die Siedlung. Die Erwachsenen taten es als Hirngespinste ab. Selbst am Abend der Sprengung glaubte Stefan Horvath seinem Sohn nicht, als dieser ein Krachen gehört hatte. Horvath warf ihm vor, er nehme sich zu wichtig. "Dann hat er sich mit den Worten verabschiedet: Es muss erst was passieren, bis etwas geschieht", erzählte Horvath bei der Matinee. Wenige Minuten später war sein Sohn tot.

Das Leben von Stefan Horvath war von Ausgrenzung geprägt. Nach vier Jahren Volksschule befand ihn sein Lehrer als für die Hauptschule geeignet. Das war 1959 nicht selbstverständlich. Viele beendeten ihre Schulbildung nach acht Jahren Volksschule. "Ganze zehn Minuten bin ich in der ersten Hauptschulklasse gesessen, als der Direktor gekommen ist und gesagt hat: "Wir haben noch nie ein Zigeunerkind in unserer Schule gehabt und das wird so bleiben", berichtete Horvath. Sein Volksschullehrer erkämpfte tags darauf, dass Stefan Horvath die Hauptschule dennoch besuchen durfte.

Nach vier ausgezeichneten Jahren Hauptschule wollte Horvath in die damals neu errichtete Handelsschule Oberwart eintreten. Bei der Aufnahmeprüfung war er Drittbester von 1.000 BewerberInnen für 200 Schulplätze. Dennoch wurde er abgewiesen – aus "Platzmangel", wie es hieß. Er wollte eine Mechaniker-Lehre beginnen – und wurde abgewiesen, mit der Begründung "Zigeuner stehlen und sind faul". Erst in Wien am Bau fand er Arbeit – als Hilfsarbeiter, wo er täglich 200 Zementsäcke von Lkws abladen musste. Jeder dieser Zementsäcke wog mehr als der damals 15-Jährige selbst.

Keine Diskriminierung erfuhr Manuela Horvath. Auch sie ist Roma und stammt aus Oberwart. Ihr Schul- und Ausbildungsweg verlief wie die Wege vieler Tausender Burschen und Mädchen ihres Alters. Allerdings hatte sie einen Großvater, Michael Horvath, der von den Nazis verfolgt worden war und sieben Jahre in Konzentrationslagern verbracht hatte. Für die meisten ehemaligen KZ-Insassen in der Roma-Siedlung in Oberwart war die Zeit des Nationalsozialismus ein Tabu-Thema. Michael Horvath war eine Ausnahme: Er sprach täglich von seinen Demütigungen durch die Nazis. Er engagierte sich auch für die Volksgruppe der Roma und verlor zwei Enkel beim Attentat von 1995. Durch ihn fühlt sich Manuela Horvath verpflichtet, in Schulen bei Kindern und Jugendlichen gegen Vorurteile anzukämpfen. Auch Stefan Horvath geht als Vertreter von Zeitzeugen in Schulen und berichtet von seinen Diskriminierungen.

Posch-Gruska: Bis in die 1980er-Jahre war Diskriminierung in Schulen und am Arbeitsmarkt Praxis

"Bis in die 1980er-Jahre war es Praxis, die Kinder der Roma-Volksgruppe in Sonderschulen abzuschieben", berichtete auch Bundesratspräsidentin Inge Posch-Gruska. Sie erinnerte daran, dass das Arbeitsamt Oberwart "ganz offiziell rassistische Stellenausschreibungen mit dem Vermerk 'Bitte keine Zigeuner' noch kurz vor der Anerkennung der Volksgruppe veröffentlicht hat".

Posch-Gruska betonte, die Volksgruppe der Roma hätte den europäischen Raum und die österreichische Kultur geprägt. "Nur zehn Prozent der Roma und Sinti haben die Massenmorde der Nazis und die katastrophalen Zustände in den Konzentrationslagern überlebt", sagte die Bundesratspräsidentin. Und als diese in ihre Siedlungen zurückkehrten, waren ihre Häuser zerstört und ihre Namen nicht in den Grundbüchern.

Die Moderation der Matinee übernahm Sandra Szabo, für die musikalische Begleitung sorgte Amenza Ketane unter der Leitung von Hojda Willibald Stojka. (Fortsetzung Matinee) gb/jan

HINWEIS: Fotos von dieser Matinee finden Sie auf der Website des Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV.