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Parlamentskorrespondenz Nr. 378 vom 09.04.2019

Themenfelder:
Kultur/​Medien/​Parlament allgemein
Format:
Veranstaltungen
Stichworte:
Parlament/​Sobotka/​Jelinek/​Buchpräsentation

Buch "Neue Zeit 1919" von Gerhard Jelinek im Parlament präsentiert

Sobotka: Jelinek bietet faszinierendes historisches Kalendarium und erzeugt in den Köpfen der LeserInnen ein imaginäres Bild

Wien (PK) – Die schwierige Zeit der "jungen" österreichischen Republik anhand von Zeitungsberichten, Tagebucheintragungen und Briefen wird vom Autor und Journalisten Gerhard Jelinek in seinem Buch "Neue Zeit 1919" packend und authentisch erzählt. Heute wurde es im Parlament präsentiert und zur Diskussion gestellt.

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka lobte die kritische Auseinandersetzung aus kulturgeschichtlicher Perspektive, die mit dem Buch gelungen sei und das Jahr 1919 in besonderer Weise in Erinnerung rufe. Der breite Leserkreis des Buches erschließe neben interessierten Laien auch politisch Interessierte und enthalte ebenso für HistorikerInnen wertvolle Aspekte.

Sobotka sieht das Buch als Kalendarium und stellte bei der Präsentation die Frage, wie heute Geschichte entstehe und wer in der kurzlebigen Zeit von SMS, WhatsApp oder automatisch verschobener E-Mails noch etwas aufschreibe.

Er rief dazu auf, sich Tagesnotizen oder Gedanken über unmittelbar Geschehenes zu machen. Damit könne man in Zukunft auf jene Informationen zurückgreifen, die uns heute bewegen. Dabei geht es Sobotka nicht nur um große Ereignisse, wie zum Beispiel den Brexit, sondern auch um die Geschichte der Alltäglichkeit. Hierbei sah Sobotka Verbindungen zum Autor Gerhard Jelinek. In dessen Buch handle es sich auch um die Geschichte der unterschiedlichsten Personen.  Mit dieser breiten Palette stelle Jelinek den Wandel in Österreich faszinierend dar und erzeuge in den Köpfen der LeserInnen ein imaginäres Bild, so Sobotka.

Abschließend ermutigte der Nationalratspräsident die Anwesenden, selbst zur Geschichte des Jahres 2019 beizutragen, auch wenn es sich nicht um ein Umbruchjahr wie vor hundert Jahren handle.

In der anschließenden Podiumsdiskussion – eingeleitet von Kurier-Chefredakteurin Martina Salomon – widmeten sich Gerhard Jelinek und Wolfgang Maderthaner, Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, den Fragen, weshalb es sich beim Jahr 1919 um ein entscheidendes Jahr gehandelt hat, welche Rolle die Politik dabei spielte, wie die Bevölkerung das junge Österreich sah und wie das Frauenwahlrecht die Republik veränderte.

Autor Gerhard Jelinek sieht sein Werk als Versuch, ein lesbares Gesamtkaleidoskop über diese Zeit zu schaffen und dabei nicht nur politische Ereignisse, sondern auch das Alltagsleben der ÖsterreicherInnen zu beleuchten. Jelinek erachtet das Jahr 1919 als das entscheidendste Jahr der jungen Republik, in der wichtige Weichenstellungen getätigt wurden. Dabei sieht er vor allem die Einführung des Wahlrechts für Frauen oder den Beginn des Gesellschaftsmodells des sogenannten "Roten Wien" für wesentlich. Beim Buchtitel "Neue Zeit" handelt es sich für den Autor um einen sozialdemokratisch geprägten Begriff. Denn die Republiksgründung und das Jahr 1919 standen im Zeichen der Sozialdemokratie, so Jelinek.

Wolfgang Maderthaner bekräftigte, dass mit dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie und der Erlassung einer republikanischen Verfassung eine neue Zeit angebrochen sei, die nach dem Ersten Weltkrieg aber auch eine Zeit der Not und des Hungers war. Die in Wien verlaufene politische Transformation bezeichnete er als zivilisatorische Hochleistung.

Zum Inhalt des Buches

Der Erste Weltkrieg ist zu Ende, die Donaumonarchie existiert nicht mehr. 1919 bildet den turbulenten Auftakt des jungen Staates Österreich: Er beginnt mit Hunger, der Spanischen Grippe, dem Elend der Kriegsversehrten, einer Kohlenkrise und Angst vor einer Revolution. Sechs Millionen »Deutsche« der untergegangenen Habsburgermonarchie müssen auf jede Gewissheit hinsichtlich Landesgrenzen, Identität und Zukunft verzichten. Der ehemalige Kaiser Karl verlässt in einem Sonderzug das Land Richtung Schweiz und begegnet am Bahnsteig von Feldkirch Stefan Zweig. Frauen erhalten politische Gleichberechtigung und werden doch von Entscheidungen ferngehalten. Die vagen Hoffnungen auf Frieden zerbersten im Entsetzen über die Bedingungen des Vertrages von St. Germain, in dem der Name »Österreich« den Österreichern aufgezwungen werden muss. Und doch fällt der Spatenstich zum ersten Wiener Gemeindebau, der 8-Stunden-Arbeitstag wird eingeführt, die Todesstrafe wird abgeschafft. Demokratische Wahlen finden statt. Und zwei bolschewistische Umsturzversuche scheitern. Richard Strauss wird Wiener Operndirektor, Oskar Kokoschka "tötet" eine Puppe und Sigmund Freud wird Universitätsprofessor. Es ist der Beginn einer neuen Zeit.

Gerhard Jelineks neues Werk "Neue Zeit 1919" ist im Almathea-Verlag erschienen. (Schluss) red

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie auf der Website des Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV .