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Parlamentskorrespondenz Nr. 400 vom 12.04.2019

Themenfelder:
Frauen/​Kultur/​Kunst/​Gleichbehandlung
Format:
Veranstaltungen
Stichworte:
Parlament/​Podiumsdiskussion/​Gelichbehandlung

Veranstaltungsreihe Frauenwahlrecht: Nationalratspräsident Sobotka lud zu Podiumsdiskussion ins Untere Belvedere

Künstlerinnen debattierten unter anderem über Frauenquoten in der Kunst und die MeToo-Bewegung

Wien (PK) – 1918 wurde in Österreich als eines der ersten Länder der Welt das Frauenwahlrecht eingeführt. Im Februar 1919 durften die Österreicherinnen zum ersten Mal wählen. Zum 100-Jahr-Jubiläum dieses historischen Ereignisses hat Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka eine parlamentarische Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, die Mittwochabend im Unteren Belvedere mit einer Podiumsdiskussion zum Thema "Frauen – Kunst" ihre Fortsetzung fand. Unter der Moderation von Clarissa Stadler diskutierten die Literatin Myung-Hwa Cho-Sobotka, die Kunsthistorikerin Kerstin Jesse, die Fotografin Claudia Prieler, die Schauspielerin Nina Proll und Universitätsrektorin Ulrike Sych unter anderem über Frauenquoten, Frauennetzwerke, die MeToo-Bewegung, Geschlechterstereotypen und die Vereinbarkeit von künstlerischem Schaffen und der Mutterrolle.

Den passenden Rahmen für die Podiumsdiskussion bildete die Ausstellung "Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien von 1900 bis 1938", die noch bis Mitte Mai im Unteren Belvedere gezeigt wird. Die Ausstellung rückt mehr als 50 Künstlerinnen, die größtenteils aus dem Kanon der Kunstgeschichte verdrängt und vergessen wurden, wieder ins Blickfeld und zeigt zentrale Werke, die zum Teil seit Generationen nicht mehr zu sehen waren.

Die Ausstellung zeige sehr schön, was Frauen in der Zeit von Klimt, Schiele und Kokoschka geleistet haben. Und sie zeige auch, dass Frauen Männern um nichts nachstehen, sagte Jesse, die bei der Diskussion die Kuratorin der Ausstellung Sabine Fellner vertrat. Frauen hätten damals dafür kämpfen müssen, künstlerisch tätig zu sein. Hilfreich war dabei die Vereinigung bildender Künstlerinnen, die 1910 gegründet wurde. Auch heute könnten Frauennetzwerke durchaus unterstützend wirken, meinten die Frauen am Podium, auch wenn Künstlerinnen und Künstler eher EinzelkämpferInnen seien.

Sych: Frauenquoten machen Künstlerinnen sichtbar

Uneinig waren sich Ulrike Sych, Rektorin der Universität für Musik und darstellende Kunst, und Nina Proll, was Frauenquoten in der Kunst betrifft. Für Sych sind diese ein wichtiges Instrument, um Frauen sichtbar zu machen. Sie kann sich durchaus vorstellen, Theater oder Konzerthäuser zu verpflichten, beispielsweise jedes Monat zumindest zwei Stücke von Frauen aufzuführen oder in einem Konzert wenigstens eine Komposition einer Frau zu spielen. Auch ist es für sie höchst an der Zeit, dass einmal eine Frau das Neujahrskonzert dirigiert. "Frauen können das genauso gut wie Männer", ist sie überzeugt.

Kunst müsse frei sein, "ich glaube nicht, dass uns eine Quote zum Ziel führt", hielt Proll Sych entgegen. Sie glaube auch nicht, dass heutzutage jemand nicht für eine Intendanz oder einen anderen Job im Kunstbetrieb engagiert wird, weil es sich um eine Frau handelt. Dass Frauen in derartigen Positionen unterrepräsentiert sind, hänge eher damit zusammen, dass Frauen weniger bereit seien, solche Jobs zu machen.

Unterschiedliche Bewertung der MeToo-Bewegung

Auch die MeToo-Bewegung wurde von den Diskutantinnen unterschiedlich bewertet und führte zu einer spannenden Debatte. Die Bewegung habe zu einer "Hypersensibilisierung" geführt, meinte Proll, während Sych, die 20 Jahre im Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen gearbeitet hat, die Auffassung vertrat, die Gesellschaft sei dadurch wachgerüttelt worden und hellhörig geworden. Es sei gut, dass das an die Oberfläche gekommen ist, unterstrich auch Claudia Prieler.

Ein Thema der Debatte war auch die schwierige Vereinbarkeit von künstlerischem Schaffen und Muttersein, wobei Proll auf den enormen Egoismus verwies, den Künstlerinnen bräuchten, um sich einen Namen zu machen und sich zu etablieren. Myung-Hwa Cho-Sobotka hielt dazu fest, dass Frauen in ihrem Heimatland Korea, wo die Gesellschaft sehr leistungsorientiert sei, generell keine Kinder mehr bekommen wollen, um Karrierenachteile zu vermeiden. Eine Beeinträchtigung des künstlerischen Schaffens durch das Großziehen von Kindern kann Sych nicht erkennen, es brauche aber entweder familiären oder finanziellen Support.

Veranstaltungsreihe Frauenwahlrecht

Den Auftakt zur Veranstaltungsreihe Frauenwahlrecht bildete eine Lesung im Dezember 2018, der eine Gedenkveranstaltung im Jänner in Erinnerung an die österreichischen Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und eine Festsitzung zu "100 Jahre erste Sitzung der Konstituierenden Nationalversammlung – 100 Jahre Frauenwahlrecht" folgten. Aktuell ist eine Ausstellung bei den Parlamentspavillons am Heldenplatz diesem Thema gewidmet. Auf zehn beleuchteten Stelen werden noch bis Anfang Mai 2019 die Porträts der ersten österreichischen Parlamentarierinnen präsentiert. (Schluss) gs/red

HINWEIS: Fotos von der Podiumsdiskussion finden Sie auf der Website des Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV .