BundesratStenographisches Protokoll795. Sitzung / Seite 17

HomeSeite 1Vorherige SeiteNächste Seite

doch einigermaßen beschämend. Vielleicht ein kleiner Sidestep: In alten Gewerk­schaftszeitschriften kann man nachlesen, wie Studierende in der Zeit des Wieder­aufbaus immer wieder ihr Studium für ein Jahr unterbrechen mussten, nur um sich durch harte Arbeit Geld fürs Weiterstudieren anzusparen.

Und heute? – Ich möchte nicht unbedingt die Parallelen ziehen müssen, aber vor allem Kinder aus einkommensschwachen Familien sind nach wie vor von einem Studium fast ausgeschlossen. Einerseits werden sie viel zu oft bereits nach der Volksschule in Richtung Abstellgleis geschoben, oder es fehlt ihnen später an finanzieller Unterstützung. Oft streben die Eltern auch gar keinen akademischen Abschluss für ihre Kinder an. Zum Beispiel wollen nur 11,7 Prozent der Eltern in mittelqualifizierten Haus­halten einen akademischen Abschluss für ihre Kinder. Wir wollen aber allen Jugend­lichen zumindest die Möglichkeit geben, ein Studium absolvieren zu können, unabhän­gig von ihrer sozialen Herkunft. Wir brauchen daher ein sinnvolles Stipendiensystem, das ein effizientes Studieren ohne reiche Eltern und ohne Nebenjobs ermöglicht. Auch das verkürzt Studienzeiten.

Es hätte auch manch anderen Nutzen: Kürzere Studienzeiten bedeuten geringere Kosten für die Universitäten, früheren Berufseinstieg der Absolventen und Absol­ven­tinnen und dadurch frühere Steuereinnahmen für den Staat und frühere Sozialversiche­rungsbeiträge. Und eine Hochschulbildung ist eine gute Voraussetzung für gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt und zugleich auch der beste Schutz vor Armutsge­fährdung.

Was wir bei einer verantwortlichen Hochschulpolitik auch berücksichtigen müssen, ist, dass es neben finanziellen Barrieren auch noch geographische Barrieren gibt. Zu lange Anfahrtszeiten oder ungünstige Fahrpläne im öffentlichen Verkehr können eben­so leicht zu einem Hindernis werden. Und Kinder von einkommensschwächeren Eltern am Land werden sich ohne ein intelligentes Stipendiensystem eine Studentenwohnung in der nächsten Universitätsstadt schwer leisten können.

Wir müssen aber auch in die umgekehrte Richtung denken: Hochschulen und For­schungszentren am Land zur regionalen Wirtschaftsbelebung und durchaus auch als Entlastung von Großstädten. Das heißt, ähnlich, wie Ärztezentren angelegt sind, könnte man auch über neue, zusätzliche Forschungs- und Entwicklungszentren mit angeschlossenen Hochschulen nachdenken. Daran sollte auch die Wirtschaft größtes Interesse haben, denn ohne exzellente und international anerkannte Forschung wer­den wir den wissenschaftlichen Nachwuchs schwer in unserem Land halten können.

Derartige Zentren könnten in den Ländern neue Arbeitsplätze schaffen und so zu einer wirtschaftlichen und auch kulturellen Belebung von Regionen beitragen.

Die Ausgaben für die Hochschulpolitik dürfen nicht als Kosten gesehen werden, sondern als Investition in die Zukunft, in den Wirtschaftsstandort Österreich, in die Wirt­schaft, in gut bezahlte Arbeitsplätze, in die Sicherung unseres Pensions- und Gesund­heitssystems und in die Weiterentwicklung unseres Landes. Zudem sind im Hoch­schulbereich Tausende Menschen beschäftigt, und dieser zählt, genauso wie Pflege und Betreuung, zu den Zukunftsbranchen.

Verantwortliche Hochschulpolitik muss auch heißen, dass ein Studium mit einem Lehr­abschluss in vernünftiger, erträglicher und unbürokratischer Form möglich sein muss. (Beifall bei der SPÖ.)

Vergleichbare oder einheitliche Qualitätsstandards sollen die Durchlässigkeit der verschiedenen Bildungssysteme auch im Bereich der Weiter- beziehungsweise der Erwachsenenbildung garantieren sowie für internationale Anerkennung sorgen.

 


HomeSeite 1Vorherige SeiteNächste Seite