16.13

Abgeordneter Peter Wurm (FPÖ): Herr Präsident! Frau Minister! Hohes Haus! „Houston, wir haben ein Problem!“ – und dieses Problem ist nicht vom Himmel gefallen, wir haben es hier im Hohen Haus schon vor Jahren diskutiert, öfters diskutiert. Es sind heute schon von allen Rednern viele intelligente Argumente gekommen, aber ich darf schon noch einmal zusammenfassen: Das Problem ist hausgemacht, es hat mehrere Ursachen, und Corona verstärkt die Problematik.

Wir haben die Situation – die ÖVP hat das ja erwähnt –, dass sehr viele Unternehmer sagen, sie bekommen keine Lehrlinge mehr, die sie auch gerne einstellen würden, weil sie einfach nicht qualifiziert oder teilweise auch nicht motiviert sind. Das ist in vielen Regionen unterschiedlich; in gewissen Bundesländern ist das Problem größer, in anderen kleiner. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist jetzt, dass in Zeiten, in denen die Wirtschaft leidet – wie jetzt durch Corona –, in der wir viele Arbeitslose zu verzeichnen haben, natürlich auch der Bedarf an Lehrlingen zurückgeht.

Das Problem war früher einfach der Mangel oder der zunehmende Mangel an Facharbeitern und Fachkräften, und der hat eben, wie gesagt, viele, viele Ursachen. Eine Ursache – und das kann ich der Sozialdemokratie einfach nicht ersparen; wobei ich sagen muss, den Ansatz, den Willen sehe ich schon, aber Sie haben da in den letzten Jahren und Jahrzehnten auch sehr viel verbockt – ist, dass Sie beim Schulsystem die Augen zugemacht haben – Augen zu und durch –; und somit haben Sie alle Probleme, die wir uns in diesem Bereich selber herangezüchtet haben, auch mitzuverantworten!

Den Ausfluss sieht man nicht nur am Arbeitsmarkt, sondern auch in anderen Problemfällen, dort, wo die Integration nicht funktioniert, und natürlich kann man es auch – nicht nur, aber auch – an der Zuwanderung festmachen. Das muss man ehrlicherweise einfach auch sagen. Wenn Lehrlinge in die Betriebe kommen, muss oft beim Einmaleins angefangen werden; die ÖVP kann da wahrscheinlich auch von unzähligen Beispielen erzählen. Das heißt, manche Lehrherren müssen wirklich bei den Benimmregeln anfangen: Grüß Gott!, Auf Wiedersehen!, Danke!, Bitte!, oder damit: drei mal drei ist neun, und so weiter. Also diese Probleme haben wir schon selber geschaffen.

Jetzt muss ich sagen, dass aufgrund dieser Krisensituation durch Corona klar ist, dass wir überbetriebliche Lehrstätten brauchen werden – das ist vollkommen klar –, aber sie sind und waren immer nur eine Krücke, sage ich, und nie wirklich eine Ausbildungsplattform, die Jugendliche für ihre weitere erfolgreiche berufliche Zukunft brauchen. Wir haben das immer kritisch gesehen, und auf Ihren Einwand hin, dass da nur die halbe Lehrlingsentschädigung bezahlt wird, darf ich Ihnen schon sagen: Das ist zu Recht so, denn ich glaube, dass diejenigen, die da einen Platz bekommen, froh sind, dass sie eine Ausbildung bekommen.

Was die andere Seite betrifft – und da hat sich meiner Meinung nach sehr, sehr viel verändert; Gott sei Dank –: Es wird in sehr vielen Branchen mittlerweile eine vernünftige Lehrlingsentschädigung bezahlt. Kollege Muchitsch wird es wissen, vor allem im Bau- und Baunebengewerbe haben die Lehrlinge im ersten Lehrjahr teilweise Gehälter von 1 000 Euro und im dritten Lehrjahr schon solche von 2 000 Euro. Also es gibt Lehrberufe, bei denen auch schon während der Lehrzeit sehr, sehr gut bezahlt wird. Das ist auch der richtige Weg. Die Wirtschaftskammer und die ÖVP müssen ihre Funktionäre in gewissen Branchen, Sparten darauf hinweisen, dass in vielen Lehrberufen immer noch zu schlecht bezahlt wird. Das ist auch mit ein Grund, warum es dort zum Teil so wenig Andrang gibt.

Die Bürokratie – Kollege Loacker hat es erwähnt – ist natürlich auch eine Schraube, an der man drehen muss, und zwar schnell drehen muss. Wir haben uns – das hat die ÖVP auch erwähnt – in den eineinhalb Jahren unserer Regierungsbeteiligung bemüht – und einige Dinge sind auch gelungen –, die Lehre aufzuwerten. Man kann jetzt den Meistertitel, den Meisterbrief quasi auch in den Pass eintragen lassen. Das ist ein kleines psychologisches Motiv, ein Moment, das, glaube ich, wichtig ist, um zu zeigen: Ein Meistertitel in einem Lehrberuf hat auch einen Wert – nicht nur ein akademischer Titel! Das war ein schwieriger Prozess, ein wichtiger Prozess.

Das Image der Lehre muss logischerweise insgesamt verbessert werden, denn in letzter Konsequenz ist es so – und das ist meine persönliche Erfahrung aus meinem Umfeld –, dass sich bei vielen Eltern, wenn sie sehen, dass man auch mit Lehrberufen beruflich eine Zukunft hat und wirklich auch Geld verdienen kann, wahrscheinlich auch das Bild, das sie von der Lehre haben, verändert und viele dann sagen: Okay, mein Kind muss nicht unbedingt weiter in die Schule gehen, sondern ich bin froh, wenn es einen tollen Lehrplatz bekommt!

Ich kenne mittlerweile auch schon sehr, sehr viele Facharbeiter, die Akademiker auslachen, weil sie monatlich das Doppelte an Gehalt nach Hause tragen und selbst in diesen Krisenzeiten einen sicheren Job haben. Wer heute Elektriker ist oder in anderen handwerklichen Berufen wirklich gut ist, der hat nicht einmal in Coronazeiten wirklich ein Problem, der ist gefragt, der verdient Geld.

Also, wie gesagt, ich kann da mit Blick auf die Vergangenheit auch die SPÖ nicht ausnehmen; die ÖVP sowieso nicht. Ich bin der Meinung, wir müssen bedingt durch die Coronakrise wirklich alles versuchen, aber das, Frau Minister – und bitte nicht böse sein –, waren schon ein bisschen viel leere Luft und heiße Worte beziehungsweise (erheitert) heiße Luft und leere Worte, die Sie da von sich gegeben haben. Da gehört mehr Konkretes her, Frau Minister! Es ist Fakt, dass Zehntausende Jugendliche nicht wissen, wie es nach dem Sommer weitergeht, und ich würde Sie schon bitten, auch ein bisschen mehr Substanz und konkrete Maßnahmen einzubringen. Das Bisherige ist für unsere Jugend in Österreich sicher zu wenig. Die Umstände sind schwierig, das ist klar, aber ich bitte um ein bisschen mehr Kreativität. – Danke. (Beifall bei der FPÖ.)

16.19

Präsident Mag. Wolfgang Sobotka: Zu Wort gemeldet ist Abgeordnete Neßler. – Bitte.