11.57

Abgeordnete Mag. Faika El-Nagashi (Grüne): Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrter Herr Minister! Seit Langem warne ich, so wie viele andere auch, vor dem Zusammenhang zwischen Pandemien und der Massentierhaltung. (Ruf bei der FPÖ: Ah! Fledermäuse waren’s!) Solange wir Tiere in so großer Zahl auf so engem Raum halten, werden Pandemien eine ständige Bedrohung sein. Das sind laute Warnglocken, die konventionelle Nutztierhaltung so schnell wie möglich zu beenden und auf eine zukunftsfähige Form der Landwirtschaft umzustellen: kleinteilig, regional und biologisch.

Viele Menschen haben gehofft, dass nun die Zeit für den Paradigmenwechsel gekommen ist, dass wir nun in der Landwirtschaft einen neuen Weg gehen werden, auf die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln wie Gemüse umsteigen, von denen derzeit noch 40 Prozent aus anderen Ländern importiert werden, während wir Fleisch und Milch im Überfluss produzieren – Überschüsse, die wir quer über den Globus exportieren. Viele Menschen haben gehofft, dass nun die Massentierhaltung ein Ende findet oder dass wir zumindest darüber diskutieren.

Das Risiko für die nächste Pandemie aus Tierfabriken ist nämlich zu hoch, das Leid von Millionen Tieren in diesem System zu grausam. Der Preis für unsere Gesundheit durch Antibiotikaresistenzen, die entstehen, weil wir die Tiere in den Fabriken mit unseren Medikamenten irgendwie am Leben erhalten, bis sie ihr Schlachtgewicht erreichen, ist ebenfalls zu hoch. Zoonosen wie Covid-19, aber auch Ebola oder die Vogelgrippe werden meist durch den Verzehr von Fleisch von Tieren auf Menschen übertragen.

Der Ausbruch einer mutierten Form des Coronavirus in einer dänischen Pelzfarm öffnet aber ein weiteres dramatisches Kapitel der Pandemie. Dass sich der dänische Erreger bei bloßem Kontakt zwischen dem Marderhund und dem Menschen verbreiten konnte, ist besorgniserregend. Alle 15 Millionen Nerze in Dänemark sollen, um die Verbreitung des Virus zu stoppen, getötet werden.

Ich bin auch über den Aspekt der Gesundheitsgefährdung hinaus von den Bildern aus den Nerzfarmen betroffen. In Österreich haben wir aus ethischen Gründen vor 15 Jahren die Haltung von Tieren zur Pelzgewinnung verboten.

Der Ausstieg aus der Pelzproduktion muss zum Ziel der gesamten Europäischen Union werden, und ich freue mich, dass der Herr Gesundheitsminister auch seine Unterstützung in dieser Sache zugesagt hat (Beifall bei den Grünen und bei Abgeordneten der ÖVP) und bedanke mich für diese Unterstützung, denn die großen Veränderungen schaffen wir nur gemeinsam. Eine dieser Veränderungen muss das Ende der europäischen Pelzproduktion sein. Tierquälerei, Pandemiegefahr – diese Industrie hat in einem modernen Europa keinen Platz. Die grüne Fraktion im Europaparlament spricht sich schon längst gegen diese Praxis aus. (Beifall bei den Grünen.)

Viel zu wenig ist aber im letzten Dreivierteljahr geschehen, um Pandemien wie die jetzige künftig nicht mehr entstehen zu lassen. Ganz besonders enttäuschend ist es vor allem, zu sehen, dass auf Ebene der Europäischen Union kein Vorstoß hin zu einer Agrarwende zu bemerken ist. Vor zwei Wochen wurde über die künftige GAP-Strategie abgestimmt, also über die Frage, welche Form der Landwirtschaft in Europa künftig mit Subventionen gefördert werden soll. Anstatt diese Förderung jenen Betrieben zu geben, die sich am European Green Deal orientieren, stimmten Konservative, Sozialdemokraten, Liberale und die rechten Parteien für die Beibehaltung eines Agrarfördersystems, das mit der Zukunft unserer Welt spielt. Immer mehr Menschen sind enttäuscht von dieser Ignoranz und Verantwortungslosigkeit.

Wir haben uns einen breiten Diskurs erwartet, der uns gestärkt und mit innovativen Ideen resilient aus dieser Krise führen wird und den Weg zu einer nachhaltigen, pflanzenbasierten Landwirtschaft ebnen kann, einer vernünftigen und verantwortungsvollen Landwirtschaft, die Milliarden Tieren das Leid der Massentierhaltung erspart, die uns vor Pandemien schützt und die sorgsam mit unseren Trinkwasserressourcen umgeht, die das Klima und die Natur schont.

Tonnen an Fleisch landeten im ersten Lockdown im Müll, Tonnen an Fleisch werden auch im zweiten Lockdown originalverpackt im Müll landen. So darf es nicht weitergehen. (Beifall bei den Grünen sowie des Abg. Smolle.)

Die Gesellschaft ist längst zu einer Wende bereit. Es gibt Evidenz aus der Wissenschaft, es gibt Unterstützung von den NGOs.

Ich werde dieses Thema hier so lange und so oft zur Sprache bringen, bis wir auch hier diese Diskussion ernsthaft führen. Wir haben eine Verantwortung gegenüber den Menschen, die in diesem Land leben, aber auch gegenüber allen unseren Mitmenschen, deren Lebensgrundlagen von unserer Lebensweise zerstört werden. Selbstverständlich haben wir auch eine Verantwortung gegenüber den Tieren, die für unseren Lebensstil mit ihrem Leben bezahlen.

Es muss nicht so weitergehen. Wir haben jeden Tag die Möglichkeit, uns auf europäischer und auf nationaler Ebene für einen anderen Weg zu entscheiden. Machen Sie diesen Schritt mit uns! (Beifall bei den Grünen sowie des Abg. Smolle.)

12.02

Präsidentin Doris Bures: Nächster Redner: Herr Abgeordneter Philip Kucher. – Bitte.