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22. Jänner 1918 - Die Zukunft Böhmens und Mährens im Reichsrat

Im vierten Jahr des Krieges steht die Donaumonarchie auf tönernen Füßen. Immer mehr Nationen, die von Habsburg regiert werden, wollen lieber ihren eigenen Staat haben. Vor allem die Slawen, die in Österreich-Ungarn stets benachteiligt waren, wollen ihre Zukunft selbst gestalten.

Habsburg kommt den Böhmen spanisch vor

Schon unmittelbar nach Kriegsbeginn sahen viele tschechischsprachige Politiker die Zukunft ihrer Heimat nicht länger in der – deutsch- beziehungsweise ungarischsprachig dominierten – Donaumonarchie. Die Behörden des Habsburgerstaates gingen rigide gegen Irredentisten vor, bereits im ersten Kriegsjahr wurden etliche Exponenten eines eigenen nationalen Weges verhaftet, darunter auch Persönlichkeiten, die als Abgeordnete des Reichsrates eigentlich vor Verfolgung immun waren.

Andere Abgeordnete, wie etwa Tomáš Garrigue Masaryk, entzogen sich der gerichtlichen Verfolgung durch Flucht ins Ausland, wo sie alsbald eng mit der Entente, dem Bündnis der Siegermächte des Ersten Weltkriegs, kooperierten. Diese anerkannte schließlich die "tschechoslowakische" Nation als mit ihr alliiert, was die Stellung Habsburgs gegenüber Prag zusätzlich schwächte.

Um ein Wegbrechen der slawischen Nationen zu verhindern, setzte die österreichische Politik auf Aussöhnung und Kompromiss. Den Südslawen etwa wurde nach deren Proklamation der sogenannten Maideklaration 1917 einmal mehr ein Trialismus in Aussicht gestellt, wonach am Balkan ein drittes Zentrum der Monarchie neben Wien und Budapest entstehen sollte. Den "Böhmen" und Polen wollte man auf ähnliche Weise entgegenkommen. Doch die Forderungen der tschechischsprachigen Abgeordneten gingen bereits weiter, wie entsprechende Eingaben an das Abgeordnetenhaus zur Jahreswende 1917/18 belegen.

Das Hohe Haus traf sich am 22. Jänner 1918 zu einer Sitzung, bei welcher der kaiserliche Ministerpräsident Ernst Seidler auf die tschechischen Begehrlichkeiten zu sprechen kam. Im Gegensatz zur Maideklaration suche man bei der Prager Resolution vergeblich "auch nur den entferntesten Anklang an die dynastische und gesamtstaatliche Zugehörigkeit". Das Verhalten der "Böhmen" sei daher unverantwortlich und gegen die Interessen des Reiches gerichtet, kritisierte der Ministerpräsident. Dies trug ihm vonseiten František Soukups, der nur zehn Monate später zum ersten Justizminister der Tschechoslowakischen Republik (ČSR) werden sollte, den Vorwurf der "Lüge" ein, wofür dieser prompt einen Ordnungsruf erhielt.

Die Regierung will hart bleiben

Seidler ging in seiner Rede jedoch noch weiter und warf den Tschechen vor, "den kriegshetzerischen Elementen im feindlichen Lager neue Agitationsmittel an die Hand zu geben", wodurch sie den Krieg unnötig verlängerten.

In der Debatte ging Abgeordneter Anton Korošec, der es in den 1920er-Jahren zum Regierungschef Jugoslawiens bringen sollte, zum Gegenangriff über. Nicht die von Habsburg "geknechteten Nationen", sondern die "Großen und Hohen" seien verantwortlich für die missliche Lage. Das Volk könne und wolle dies aber nicht länger hinnehmen: "Das Volk hat eben genug von der Menschenschlächterei. Es hat genug von dem Darben und Hungern, das bald schon an die vier Jahre dauern wird. Es will Frieden und Brot haben." Die Südslawen, so betonte Korošec, hielten im Prinzip am Programm eines eigenen und selbständigen südslawischen Staates fest, verschlössen sich aber nicht einem Programm der grundlegenden Demokratisierung "des öffentlichen Lebens auf breitester Grundlage". Doch wahrer Friede werde, so Korošec, erst dann möglich sein, wenn den Völkern das reine Selbstbestimmungsrecht eingeräumt werde, was für ihn bedeute: "dem südslawischen Volke den südslawischen Staat".

Gleiches Recht für alle

Abgeordneter Václav Klofáč, zehn Monate später erster Verteidigungsminister der ČSR, hielt seine Rede auf Tschechisch. Er erinnerte daran, dass durch die Ereignisse in Russland 800.000 Esten ihren eigenen Staat begründeten, während man den zehn Millionen Tschechen und Slowaken eben dieses Recht nicht zuerkenne. "Es wäre meiner Ansicht nach das böhmisch-slowakische Volk, das zehn Millionen Seelen zählt, bemitleidenswert, wenn es nicht kämpfte und die größten Opfer brächte, um dasselbe Ziel zu erreichen, das einer Handvoll Estländern zuteilwird." Die Tschechen hätten seit Angedenken ein eigenes Staatswesen besessen, und nichts anderes verlangten sie, nämlich die Wiedererlangung eben dieser Unabhängigkeit. In Habsburgs Landen herrschten Absolutismus, Willkür und Gewalt, man versuche, alles Streben nach Freiheit zu unterdrücken, doch sei es auf Dauer unmöglich, den Willen nach Freiheit zu bändigen. Er antworte dem Ministerpräsidenten daher mit dem Ruf: "Es lebe die Demokratie, es lebe das neue, freie Europa, es lebe das freie böhmisch-slowakische Volk im freien böhmisch-slowakischen Staate."

Ignacy Daszyński, zehn Monate später erster Ministerpräsident der wiedererstandenen Republik Polen, stieß in dasselbe Horn. Das rigide Vorgehen der Deutschsprachigen in Wien und Berlin habe den Polen jedwedes Verständnis für den Status quo ausgetrieben. Es gelte, ein nationales Plebiszit über die Zukunft der Nation abzuhalten, wobei er sich sicher sei, dass die Antwort auf diese Frage unzweideutig ausfallen werde. Das polnische Volk wolle ohne Zweifel Frieden und wirkliche Selbstbestimmung.

Sodann ergriff Victor Adler, Vorsitzender der sozialdemokratischen Partei, das Wort. Er hatte die Hoffnung, doch einen tragfähigen Kompromiss zu finden, noch nicht aufgegeben. So, wie es dringend ein Schweigen der Waffen brauche, benötige man auch in den politischen Verhandlungen eine Abrüstung der Worte, mahnte Adler, der zudem eine umgehende Besserung der Ernährungslage und vor allem ein Ende der Zensur forderte. Diese Maßnahme erweise sich also ebenso bedrückend wie politisch sinnlos: "Der Trotzki wird auch so ganz genau wissen, wie es um uns steht und wir verraten ihm gar kein Geheimnis: es steht gottjämmerlich schlecht. Es steht so, dass wir von einem Tag auf den anderen leben, von der Hand in den Mund, wobei es sehr bedauerlich ist, dass in der Hand nicht viel drinnen ist."

Die Sozialdemokratie will mehr Demokratie

Gleichwohl plädierte Adler an die übrigen Völker der Monarchie, nicht vorschnell alle Bande zu lösen und votierte für einen "ehrlichen und demokratischen Bundesstaat", der den Interessen aller dienlich sein könne. Dass dieser Vorschlag auf wenig Begeisterung seitens der slawischen Abgeordneten stieß, ließ sich an der Rede František Soukups ablesen, der konstatierte, die politische und soziale Revolution werde ununterbrochen weitermarschieren.

Die Sitzung wurde am folgenden Tag, dem 23. Jänner 1918, fortgesetzt. Es ergriff der Vizepräsident des Hauses, František Udržal, das Wort, der 1929 bis 1932 Ministerpräsident der Tschechoslowakei sein sollte. Dieser warf dem kaiserlichen Regierungschef politische Kurzsichtigkeit vor. Seidler betrachte die Monarchie allein aus der Sicht der deutsch-ungarischen Hegemonie und ignoriere den Willen der slawischen Mehrheit. Diese Herangehensweise garantiere jedoch das endgültige Auseinanderbrechen der Monarchie, womit nicht jenen, welche die Prager Deklaration verfasst hätten, sondern vielmehr dem Regierungschef Hochverrat vorzuwerfen sei, da eben er mit seiner Haltung die Monarchie in den Orkus stoße. Im Übrigen habe nicht der Panslawismus, sondern der "alldeutsche Chauvinismus" die Welt in den Krieg gestürzt. Wolle man also Frieden und Freiheit haben, so müsse man diesen überwinden und den Slawen den Weg der Selbstbestimmung lassen.

Abgeordneter Vlastimil Tusar, ab Juli 1919 als Nachfolger Karel Kramářs der zweite tschechoslowakische Ministerpräsident, warf der kaiserlichen Regierung politische Feigheit vor. Sie müsse endlich der Wahrheit ins Auge blicken und zur Kenntnis nehmen, dass Österreich-Ungarn nicht mehr imstande ist, weiter Krieg zu führen. Friede sei daher das Gebot der Stunde und jegliches Hinauszögern diesbezüglicher Verhandlungen unverantwortlich. Die zukünftigen Kämpfe, so Tusar, seien politischer Natur. Es gelte nicht, fremde Gebiete zu erobern, vielmehr gelte es, Demokratie und Freiheit zu erringen. Und dabei würden die deutsche und die tschechische Arbeiterschaft brüderlich zusammenarbeiten, zeigte sich Tusar überzeugt.

Nach der Rede eines weiteren Mandatars vertagte sich das Abgeordnetenhaus auf Ende Jänner.