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3. März 1918 - Der Friede im Osten

Über drei Jahre währte der Krieg im Herbst des Jahres 1917 bereits, und weder im Westen noch im Osten schien es dabei etwas Neues zu geben. Doch dann brach in erstaunlich kurzer Zeit das Zarenreich in Russland in sich zusammen. Die neue bürgerliche Regierung aber setzte den Krieg fort, sodass es im November 1917 zu einer zweiten Umwälzung kam.

Die Kommunisten ergriffen in einer eigenen Revolution die Macht und proklamierten am ersten Tag ihrer Machtübernahme ein "Dekret über den Frieden". Die neue Regierung unter Wladimir Iljitsch Lenin trat für ein sofortiges Ende des Kriegs ohne irgendwelche Reparationen oder Kontributionen ein, es sollte also alles so bleiben, wie es vor Kriegsbeginn im Sommer 1914 gewesen war. Die Gegenseite sah dies zwar anders, stimmte aber einem Waffenstillstand zu.

Am 22. Dezember 1917 trafen sich schließlich deutsche und österreichische Delegationen einerseits und die sowjetische Delegation unter Außenminister Leo Trotzki andererseits in der Frontstadt Brest-Litowsk, um über einen dauerhaften Frieden zu verhandeln.

Zu diesem Zeitpunkt freilich war die Lage im ehemaligen Zarenreich reichlich unübersichtlich. Die Truppen der Mittelmächte hielten etliche ehemals russische Gebiete besetzt, zugleich hatte sich die Regierung der Bolschewiki keineswegs überall erfolgreich durchgesetzt. In der Ukraine etwa kontrollierte sie nur den Osten – die Regionen um Charkow, Donezk, Lugansk etwa -, während im Westen der Ukraine um den Jahreswechsel 1917/18 eine unabhängige Ukraine proklamiert wurde, an deren Spitze bürgerliche Politiker standen. Den daraus entstandenen Gegensatz hofften Deutschland und Österreich-Ungarn für sich ausnützen zu können, weshalb sie auch eine ukrainische Delegation unter Wsewolod Golubowitsch zu den Verhandlungen zuließ. Dem stimmte Trotzki am 12. Jänner 1918 umso leichter zu, als zu diesem Zeitpunkt Golubowitschs Regierung schon den überwiegenden Teil ihres Einflussgebiets an die Sowjets verloren hatte.

Ende Jänner aber zog sich die sowjetische Delegation aus den Verhandlungen vorerst zurück, was von Trotzki als taktisches Manöver geplant war, da er die Überzeugung hegte, es könne nicht mehr lange dauern, bis auch in Berlin und Wien Revolutionen ausbrächen, sodass man sich die Schmach, einen diktierten Friedensvertrag zu unterzeichnen, ersparen könne. Außerdem erzielten die sowjetischen Truppen im Kampf gegen die bürgerliche Ukraine weiter nennenswerte Erfolge. Am 8. Februar 1918 schließlich beschränkte sich der Einfluss der ukrainischen Seite auf die Stadt Brest-Litowsk.

"Brotfriede" mit der Ukraine

Umso williger war Golubowitsch, einen eigenen Friedensvertrag mit den Mittelmächten abzuschließen, hoffte er doch, deren Truppen würden seine Regierung wieder nach Kiew bringen. Im Gegenzug erwarteten sich Deutschland und Österreich-Ungarn entsprechende Getreide- und Lebensmittellieferungen durch die ukrainische Seite.

Vertraglich festgehalten wurde, dass Golubowitschs Regierung 1 Million Tonnen Getreide, 400 Millionen Eier und 50.000 Tonnen Rinder an die Mittelmächte liefern sollte. Zusätzlich sollten Speck und Zucker, aber auch Flachs, Hanf und Erz bereitgestellt werden. Im Gegenzug versprachen Deutsche und Österreicher, eine Offensive gegen die sowjetischen Truppen zu starten. Als Österreichs Außenminister Ottokar Czernin mit der Nachricht des mit der Ukraine unterzeichneten Vertrags aus Brest-Litowsk zurückkehrte, wurde er von Wiens Bürgermeister Richard Weiskirchner mit den Worten empfangen: "Sie bringen uns den Brotfrieden des Ostens." Damit war ein Wort geprägt, das auch heute noch den ersten Vertrag von Brest-Litowsk umschreibt.

Tatsächlich wurden am 11. Februar 1918 die Kriegshandlungen im Osten wieder aufgenommen, wobei die deutsche Offensive gegen Petrograd erst zwölf Tage später bei Pskow durch die neu aufgestellte Rote Armee zum Stehen gebracht werden konnte. Die Operationen auf dem Gebiet der Ukraine verliefen erfolgreicher für die Mittelmächte. Diese konnten am 1. März 1918 Kiew einnehmen, zwölf Tage später Odessa, und sie stießen bis Anfang April sogar bis Charkow und Donezk vor. Golubowitsch wurde nach Kiew gebracht, seine Regierung erhielt nun den Auftrag, ihren Teil der Vereinbarung einzuhalten. Als es aber Golubowitsch bis Ende April 1918 nicht gelang, mehr als 150.000 Tonnen Getreide zu liefern, wurde er von den Deutschen gefangen genommen und durch einen Kosakenoffizier ersetzt, der gleichwohl auch nicht wesentlich mehr Getreide heranzuschaffen vermochte.

Große Gebietsverluste für Russland

Die Regierung Lenins hatte zwischenzeitlich den Fall Kiews zum Anlass genommen, sich doch wieder an den Verhandlungstisch zu begeben. Am 3. März 1918 unterzeichneten die sowjetischen Unterhändler (Trotzki war zwischenzeitlich als Außenminister zurückgetreten und hatte das Verteidigungsressort übernommen, weshalb er nicht mehr nach Brest-Litowsk zurückkehrte) einen für die russische Seite überaus demütigenden Vertrag, der den Verlust großer Teile des ehemaligen Zarenreichs beinhaltete. So wurden Finnland und die Ukraine als unabhängige Staaten anerkannt, die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen bekamen beschränkte Souveränität unter deutscher Kontrolle. Weißrussland und der ehedem russische Teil Polens wurden ebenfalls den Deutschen unterstellt, während Österreich-Ungarn einen Teil der Ukraine bekam. Armenien und Teile Georgiens wurden dem Osmanischen Reich zugeschlagen. Alle abzutretenden Gebiete umfassten insgesamt 1,42 Millionen Quadratkilometer, auf denen rund 60 Millionen Menschen, mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung des einstigen Russischen Reichs, lebten. Flächenmäßig machte der Verlust knapp mehr als ein Viertel des Staatsgebiets aus.

Lenin hatte all seine Autorität in die Waagschale werfen müssen, um eine Mehrheit für den demütigenden Vertrag zu bekommen, denn viele seiner Parteifreunde, allen voran Nikolaj Bucharin, waren dafür eingetreten, unter diesen Bedingungen den Krieg fortzusetzen. Lenin aber spekulierte damit, dass die Mittelmächte den Krieg verlieren und der Vertrag damit gegenstandslos werden würde, womit er historisch richtig lag. Acht Monate später waren die Hohenzollern-, Habsburger- und Osmanen-Reiche Geschichte, und der Vertrag von Brest-Litowsk war Makulatur. Es sollte allerdings eines weiteren Kriegs bedürfen, ehe die Sowjetunion sämtliche Gebiete des Zarenreichs, also auch Ostpolen, das Baltikum, Weißrussland und die Westukraine, wieder unter ihre Herrschaft bringen konnte. Bis zum Ende der UdSSR 1991 war ihr Staatsgebiet dann wieder ident mit jenem des Zarenreichs.