LETZTES UPDATE: 13.09.2018; 18:00
Diese Seite vorlesen lassen Diese Seite als Lesezeichen hinzufügen

Jüdische Abgeordnete im österreichischen Parlament 1861 bis 1938

In den Anfangsphasen des österreichischen Parlamentarismus waren jüdische Abgeordnete vor allem in den liberalen Fraktionen aktiv. Berufsverbote für Juden und Jüdinnen in vielen Bereichen begünstigten diese Tendenz. Später wurden jüdische Intellektuelle aber auch in anderen Fraktionen eingebunden. Trotz der "Salonfähigkeit" des Antisemitismus im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, blicken Juden und Jüdinnen auf eine eindrucksvolle Geschichte im Hohen Haus zurück.

Unterpunkte anzeigen Die Kategorien "jüdisch" und "Judentum" und die Problematik ihrer Definition

"Jüdisch" und "Judentum" verweisen als Kollektivbegriffe auf religiöse, kulturelle, soziale und politische Zugehörigkeiten. Eine Vielzahl von Selbst- und Fremddefinitionen existiert nebeneinander und macht die Formulierung einer allgemein gültigen Definition unmöglich.

Erschwert werden Definitionsversuche durch die Gefahr, antisemitischen Denkmustern zu folgen, oder aber die Bedrohung durch Antisemitismus als reale Konsequenz einer solchen Kategorisierung zu vernachlässigen. Soziale, kulturelle, politische, nationale und religiöse Unterschiede innerhalb des oftmals vereinheitlichten Judentums, sowie Kooperationen und Konflikte abseits der Trennlinie jüdisch/nicht-jüdisch geraten dabei oft aus dem Blickfeld.

Trotz dieser Schwierigkeiten ist die Festlegung auf nachvollziehbare, überprüfbare Kriterien für die Erforschung von Biografien und politischen Wirkungsbereichen jüdischer ParlamentarierInnen erforderlich. Daher wurde das jüdische religiöse Bekenntnis zum Zeitpunkt der Geburt als relevantes Kriterium für die Aufnahme in die Datenbank herangezogen.

Diese enthält also nur jene Abgeordneten, die nachweislich Mitglieder der jüdischen Religionsgemeinschaft waren, bzw. solche, die im Laufe ihres Lebens zum Christentum konvertierten oder vom Judentum austraten. KonvertitInnen zum Judentum gab es keine.

Diese notwendige Einschränkung bedeutet aber nicht, dass religiöse Kriterien die einzig relevanten oder möglichen im Bezug auf die angesprochenen Kategorien darstellen. Die Datenbank ist außerdem als "work in progress" zu betrachten. Aufgrund der Quellenlage kann zu diesem Zeitpunkt kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden.

Unterpunkte anzeigen Parlamentarismusentwicklung und politische Integration österreichischer Juden und Jüdinnen im historischen Verlauf

Industrialisierung, Urbanisierung, Massenmigration und der Zerfall der Habsburger Monarchie führten während des Untersuchungszeitraums zu langsamer, aber kontinuierlicher Demokratisierung von politischem System und Wahlrecht. Dieser Prozess wurde von Ausweitung der Repräsentativität parlamentarischer Institutionen durch Integration von sozialen Schichten, Nationalitäten, Konfessionen und Geschlechtern begleitet.

Zunehmende Demokratisierung führte zur Etablierung von modernen Massenparteien. Alle diese Entwicklungen beeinflussten Ausmaß und Formen jüdischer Partizipation am parlamentarischen Geschehen.

Obwohl aufgrund von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen historische Verbindungen zwischen dem österreichischen Judentum und bestimmten politischen Fraktionen bestanden, stellten jüdische, konvertierte und vom Judentum ausgetretene Abgeordnete zu keinem Zeitpunkt eine einheitliche politische, nationale oder soziale Gruppe dar.

Stets bestanden gesellschaftliche Konflikte innerhalb der jüdischen Bevölkerung und zwischen jüdischen Abgeordneten über die Frage, welche Politik "jüdische Interessen" am besten vertreten könne. Die Bedeutung von "Jüdisch-Sein" war daher auch im parlamentarischen Kontext stets umkämpft.

In den folgenden Abschnitten wird die Entwicklung jüdischer Partizipation im Abgeordnetenhaus des Reichsrats bzw. im Nationalrat im historischen Verlauf dargestellt.

Unterpunkte anzeigen Vom Absolutismus zum Konstitutionalismus: 1861 bis 1873

Schon während der Revolutionsjahre 1848/49 waren zahlreiche jüdische Politiker den Versuchen zur Etablierung einer bürgerlichen Verfassung und parlamentarischen Vertretung beteiligt, wie z. B. Adolf Fischhof, Josef Goldmark, Isaak Noah Mannheimer oder Dow Baer Meisels.

In Zeiten des "Februarpatents", das 1861 erlassen wurde, gab es im Abgeordnetenhaus des Reichsrats allerdings nur zwei Vertreter des österreichischen Judentums, nämlich die beiden Vorstände der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde Simon Winterstein, der die Wiener Handels- und Gewerbekammer vertrat, und Ignaz Kuranda, der von den Wiener Stadtgemeinden entsandt wurde.

Dies änderte sich mit der Erlassung der "Dezemberverfassung", mit der das Parlament gegenüber dem Kaiser aufgewertet wurde, sowie mit der formalen Emanzipation österreichischer Juden 1867. Durch das neue Staatsgrundgesetz wurden Mobilitätsschranken aufgehoben, höhere Bildung und vorher verschlossene Berufszweige geöffnet und die jüdische Bevölkerung gesetzlich gleichgestellt.

Juden und Jüdinnen waren aufgrund zahlreicher Berufsverbote in der christlichen Mehrheitsgesellschaft bei Tätigkeiten in Handel und Gewerbe überrepräsentiert. Durch wirtschaftliche Modernisierung waren diese Berufszweige zu zentralen Funktionen in mittel- und westeuropäischen Wirtschaftssystemen geworden und Teile der jüdischen urbanen Mittelschichten wurden zu einem wichtigen Bestandteil des deutschliberalen Bürgertums, welches die Mehrheit innerhalb der Liberalen Partei, sowie innerhalb des Abgeordnetenhauses innehatte.

Bis 1873 erhöhte sich daher der Anteil jüdischer und konvertierter Abgeordneter um weitere Vertreter der Handels- und Gewerbekammern (wie Josef Fürth, Julius Gomperz und Josef Neuwirth) sowie der Stadtgemeinden (etwa Julius Glaser). Jüdische Abgeordnete waren in dieser Phase auf deutsch-liberale Klubs konzentriert. Einige, wie der Jurist Maximilian Landesberger und der Großgrundbesitzer Julian Klaczko gehörten aber auch polnischen Klubs an. Giuseppe Morpurgo war Mitglied des italienischen Klubs.

Der relativ hohe Anteil jüdischer Abgeordneter in den liberalen Fraktionen wurde von AntisemitInnen häufig zum Anlass genommen, um "das Judentum" als Symbol für Säkularisierung, Kapitalismus, Parlamentarismus und Liberalismus anzugreifen. Eine geeinte Strategie gegen diese Angriffe kam aber nicht zustande, da sich die Mehrheit der jüdischen Abgeordneten in erster Linie als deutsche Bürger und nicht als Vertreter "jüdischer Interessen" betrachtete.

Unterpunkte anzeigen Direktes Wahlrecht und Entstehung moderner Massenparteien: 1873 bis 1897

Die Einführung des direkten Kurienwahlrechts und die Wirtschaftskrise 1873 veränderten die Mehrheitsverhältnisse im Parlament. Die liberale und damit auch die deutsche Mehrheit wurde geschwächt. 1885 konnten deutsch-nationale Antisemiten vier Mandate erlangen, wobei Antisemitismus nicht auf diese Fraktion beschränkt blieb.

Die traditionellen parlamentarischen Lager wurden durch den Aufstieg moderner Massenparteien in Gestalt von Sozialdemokraten und Christlich-Sozialen, sowie durch zunehmende Nationalisierung der Politik schrittweise verdrängt.

Der Anteil jüdischer Abgeordneter erreichte in diesem Zeitraum einen quantitativen Höhepunkt. Die Verluste der Liberalen wirkten sich kaum aus, da diese durch wachsende Beteiligung des Polenklubs ausgeglichen wurde.

Dieser hatte einige jüdische Mitglieder, wie den Bankier Albert Mendelsburg, die Juristen Emil Byk und Maximilian Trachtenberg oder die Rabbiner Simon Schreiber und Joseph Samuel Bloch. Hinzu kamen der Realitätenbesitzer Rafael Luzzatto im Italienischen Klub, sowie der Jurist Alois Zucker im Tschechischen Klub.

Nach wie vor waren jüdische Abgeordnete aber auf deutsch-liberale Parteien und Klubs konzentriert. Weiterhin wurden sie vor allem als Vertreter der Handels- und Gewerbekammern (z. B. Rudolf Auspitz, Adolf Schwab, Nathan von Kallir, Heinrich Wagner, Gustav Leon, Heinrich Popper) und Stadtgemeinden (z. B. Oswald Hönigsmann, Alexander Friedmann, Joachim Landau) entsandt.

In der neuen politischen Situation hofften allerdings viele Liberale auf eine Allianz mit deutschnationalen Gruppierungen, um im Kampf gegen die neuen Parteien konkurrenzfähig zu bleiben, und distanzierten sich von ihren jüdischen Mitgliedern. Das jüdische Bürgertum verlor so langsam seine politische Heimat.

Unterpunkte anzeigen Demokratisierung und allgemeines Wahlrecht: 1897 bis 1918

Durch die Einführung einer allgemeinen Wählerklasse 1896 und des allgemeinen und gleichen Männerwahlrechts 1907 kam es endgültig zur Durchsetzung neuer parteipolitischer Strukturen und weiterer Integration von bisher benachteiligten sozialen Schichten und Nationalitäten. Der Wettbewerb um neue, wahlberechtigte Gruppen führte zu Kampagnen der Massenmobilisierung, die auch jüdische Wähler gezielt anzusprechen versuchten.

Gleichzeitig hatte sich die Zusammensetzung des österreichischen Judentums verändert. Das jüdische Bürgertum war durch Immigration von jüdischen ArbeiterInnen und "Handelsproletariat" weniger repräsentativ für die jüdische Bevölkerung geworden.

Von 1897 bis 1906 war aufgrund dieser Veränderungen nur mehr eine Minderheit jüdischer Abgeordneter den Deutsch-Liberalen zuzurechnen. Zu den "alten" Liberalen zählten neben Rudolf Auspitz nur mehr der Wiener Fabrikant Max Mauthner, sowie der Rechtsanwalt Julius Ofner, der später die Demokratische Partei gründete.

Die Mehrheit war nun im Deutschen Fortschrittsklub zu finden, wie der Elektrotechniker Josef Kareis, der Kaufmann Leon Rosenzweig, der Rechtsanwalt Stefan Licht und der Tuchhändler Friedrich Singer. Von 1907 bis 1918 schrumpfte die Gruppe liberaler jüdischer Abgeordneter weiter.

Immer mehr Abgeordnete jüdischer Herkunft waren dem Polenklub zuzurechnen, ab 1907 sogar mehr als den liberalen Parteien. Unter ihnen waren die Industriellen Heinrich Kolischer und Heinrich Weiser, der Arzt Josef Gold und der Rechtsanwalt Nathan Loewenstein.

Schon in dieser Phase war eine stetig wachsende Anzahl jüdischer Parlamentarier unter den Sozialdemokraten zu finden. Die Einführung der allgemeinen Wählerklasse verhalf dem Juristen Leo Verkauf, dem Journalisten Ernst Berner, sowie den Ärzten Wilhelm Ellenbogen und Viktor Adler zu Mandaten im Reichsrat. Der Journalist Hermann Diamand und der Jurist Hermann Liebermann wurden für die polnische Sozialdemokratie entsandt.

Unterpunkte anzeigen Der "Jüdische Klub" im Parlament

Nationaljüdische und zionistische Parteien profitierten ebenfalls von der Ausweitung des Stimmrechts, auch wenn Juden nicht als Nationalität anerkannt waren. Durch die Wahlkreiseinteilung nach nationalen Kriterien gab es nun aber in Galizien urbane Wahlkreise mit jüdischer Mehrheit.

1906 wurde die Jüdisch-Nationale Partei (JNP) gegründet und setzte sich bei der Wahl 1907 für Abgeordnete ein, die sich persönlich verpflichteten, "jüdische Interessen" im Reichsrat zu vertreten. Die JNP erschien vielen als willkommene Alternative zu den traditionellen Parteien, die kaum öffentlich gegen antisemitische Tendenzen auftraten.

Trotz formaler Gleichstellung wurde die jüdische Bevölkerung in vielen Bereichen weiterhin diskriminiert. Auch Konversion zum Christentum hatte für viele nicht zur erhofften Integration geführt. Diese Umstände – und ein Wahlbündnis mit den Ruthenen-Vertretern – bescherten der JNP in den Jahren nach ihrer Gründung einige Wahlerfolge.

Von 1907 bis 1918 schafften es sogar einige Vertreter des Nationaljudentums in den Reichsrat, stellten aber nur eine Minderheit der jüdischen, konvertierten und konfessionslosen Parlamentarier dar. Von 1907 bis 1911 kam es zur Konstituierung eines "Jüdischen Klubs", der aus vier Abgeordneten bestand.

Der Rechtsanwalt Benno Straucher aus der Bukowina hatte schon seit 1897 das Nationaljudentum im Reichsrat vertreten. Hinzu kamen 1907 drei galizische Abgeordnete: Heinrich Gabel, ebenfalls Rechtsanwalt, der Privatdozent Arthur Mahler und der Journalist Adolf Stand. Adolf Groß und ab 1911 Heinrich Reizes waren als "unabhängige" jüdische Nationalisten im Reichsrat tätig.

Neben der Vertretung vielfältiger regionaler Interessen, setzten sich die jüdischnationalen Abgeordneten gegen Antisemitismus und für die Anerkennung von Juden und Jüdinnen als Nationalität ein.

Unterpunkte anzeigen Erste Republik und Ende der parlamentarischen Demokratie

Der Zusammenbruch der Monarchie, die Errichtung einer demokratischen Republik und die Folgen des Ersten Weltkrieges veränderten jüdische Partizipation im österreichischen Parlament. Die 1911 gewählten deutschen Reichsräte bildeten die Provisorische Nationalversammlung.

Dies führte zunächst zu einem Absinken des Anteils jüdischer Abgeordneter, da jene Fraktionen, in denen sie stärker repräsentiert waren, nicht mehr oder in geringerem Ausmaß am parlamentarischen Geschehen des neuen Staates teilnahmen.

In der Konstituierenden Nationalversammlung war dieser Anteil durch Zuwächse unter den sozialdemokratischen MandatarInnen dennoch relativ hoch. Diese Tendenz setzte sich während der gesamten Ersten Republik fort.

Veränderung in der Berufsstruktur und wachsende Verarmung führten viele jüdische WählerInnen zur SdP. Die Sozialdemokratie bot Juden und Jüdinnen außerdem die einzige Möglichkeit auf eine politische Karriere, da alle anderen parlamentarischen Kräfte mehr oder weniger antisemitisch ausgerichtet waren.

In der Ersten Republik waren fast alle jüdischen, konvertierten oder vom Judentum ausgetretenen Abgeordneten SozialdemokratInnen, wie beispielsweise Otto Bauer, Robert Danneberg und Julius Deutsch. Die Einführung des passiven Frauenwahlrechts ermöglichte auch zwei Parlamentarierinnen jüdischer Herkunft den Einzug in den Nationalrat.

Therese Schlesinger vertrat die SdP und die zum Katholizismus konvertierte Hildegard Burjan die CSP. Burjan und der fraktionslose Robert Stricker, der sich als Vertreter des Nationaljudentums betrachtete, waren die einzigen Nicht-SozialdemokratInnen unter den untersuchten Abgeordneten der 1. Republik. Durch die Machtübernahme der austrofaschistischen "Ständeregierung" 1933/34 wurde das parlamentarische System Österreichs ausgehebelt. Die Berufung jüdischer Repräsentanten in machtlose Staatsorgane – Desider Friedmann wurde in den Staatsrat und Salomon Frankfurter in den Bundeskulturrat berufen – ließ den austrofaschistischen "Ständestaat" für Teile der jüdischen Bevölkerung als eine wirksame Alternative zur Machtübernahme der Nazis erscheinen.

Stellte die ständestaatliche Verfassung aufgrund zugestandener Religionsfreiheit und bürgerlicher Rechte für Juden und Jüdinnen eine Gegenposition zum Nationalsozialismus dar, so war Antisemitismus dennoch ein zentraler Bestandteil ihrer politischen Ideologie.

Die Vertreibung und Ermordung der österreichischen Juden durch das nachfolgende nationalsozialistische Regime beendete die fast 100-jährige Beteiligung jüdischer PolitikerInnen am parlamentarischen Geschehen in Österreich.

Die Mehrzahl der jüdischen Abgeordneten zum Nationalrat flüchtete ins Exil. Andere, wie Robert Danneberg, starben im KZ. Nach 1945 waren jüdische Abgeordnete auch aufgrund ungenügender Bemühungen um die Remigration von Juden und Jüdinnen nach Österreich nie mehr in diesem Maße im Parlament vertreten.

Unterpunkte anzeigen Ausblick

Das vorgestellte Projekt bietet einen ersten Einblick in den bisher wenig untersuchten Themenkomplex Parlamentarismus und Judentum in Österreich. Zahlreiche weiterführende Fragestellungen ergeben sich daraus.

Einige davon werden zurzeit im Rahmen des Forschungsprojekts "Antisemitismus und Judentum im österreichischen Parlament 1861 bis 1938" behandelt, welches sich den Inhalten der parlamentarischen Tätigkeit jüdischer Abgeordneter widmet und besonders nach ihren Auseinandersetzungen und Konfrontationen mit Antisemitismus fragt. Weitere Projekte zu anderen Institutionen des politischen Systems und zu Entwicklungen nach 1945 sind geplant.

Unterpunkte anzeigen Jüdische Abgeordnete 1861 bis 1933