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Wie viele gehen zur Wahl? Die Entwicklung der Wahlbeteiligung

Bei Nationalratswahlen dürfen alle wahlberechtigten BürgerInnen entscheiden, wer sie in der nächsten Gesetzgebungsperiode im Nationalrat vertreten soll. Trotzdem gehen nicht alle dazu Berechtigten in die Wahllokale und geben ihre Stimme ab. Wie viele es tun, spiegelt sich in der so genannten Wahlbeteiligung wider. Diese stellt die Anzahl der Wahlberechtigten den abgegebenen Stimmen gegenüber. Seit Gründung der Republik im Jahr 1918 zeigt sich dabei ein stetes Auf und Ab.

Debatten um Wahlpflicht

So wählten 1919 bei den Wahlen zur Konstituierenden Nationalversammlung, die mit der Ausarbeitung einer Verfassung für Österreich beauftragt werden sollte, insgesamt 84,49 Prozent der Wahlberechtigten. Im Vorfeld gab es heftige Debatten über die Einführung einer Wahlpflicht. Christlich-Soziale und Deutschnationale traten vehement dafür ein, nicht zuletzt weil sie fürchteten, bürgerliche Wählerinnen könnten nicht in gleichem Ausmaß zur Wahl gehen wie die gut organisierten sozialdemokratischen Frauen. Die Sozialdemokraten lehnten diese Pflicht ab. Letztlich schlossen die Abgeordneten der Provisorischen Nationalversammlung bei der Ausarbeitung der Wahlordnung einen Kompromiss und übertrugen eine etwaige Wahlpflicht in die Verantwortung der Bundesländer. Tirol und Vorarlberg führten diese dann auch ein.

Letzte freie Wahlen bringen Rekordwahlbeteiligung

Bei der Wahl des ersten Nationalrates fiel die Wahlbeteiligung sogar auf 80,27 Prozent, stieg im Laufe der Zeit jedoch in bis dahin ungeahnte Höhen an: Bei den letzten freien Nationalratswahlen im Jahr 1930 – vor der Errichtung des autoritären Ständestaates unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuss drei Jahre später sowie der 1938 erfolgten Annexion Österreichs durch Nazi-Deutschland – lag die Wahlbeteiligung sogar bei etwas über 90 Prozent. Danach durften die ÖsterreicherInnen 15 Jahre lang nicht mehr über ihre VertreterInnen im Parlament bestimmen.

Hohe Wahlbeteiligung kennzeichnet Beginn der Zweiten Republik

An den ersten Nationalratswahlen nach dem Zweiten Weltkrieg am 25. November 1945 beteiligten sich 94,3 Prozent der Wahlberechtigten. Dabei war die Zahl der Wahlberechtigten deutlich geringer als bei den letzten Nationalratswahlen vor dem Untergang der Ersten Republik im Jahr 1930: Nur 3.449.605 Menschen waren wahlberechtigt, 1930 waren es noch 4.121.282. Der Rückgang war auf der einen Seite auf die während des Zweiten Weltkriegs und durch den nationalsozialistischen Terror Getöteten, auf Österreicher in Kriegsgefangenschaft und nicht zuletzt den Ausschluss von ehemaligen NationalsozialistInnen zurückzuführen. Die Wahlberechtigten waren zu fast zwei Drittel Frauen.

1949 erhöhte sich die Zahl der Wahlberechtigten wieder auf 4.391.815. Viele waren heimgekehrt, viele seit 1945 eingebürgert worden und auch der Großteil der ehemaligen NationalsozialistInnen durfte wieder wählen. Auch die Wahlbeteiligung stieg 1949 auf ein Rekordhoch von 96,8 Prozent, das seither nie mehr erreicht wurde. Dies kann unter anderem darauf zurückgeführt werden, dass damals in den Bundesländern Steiermark, Tirol und Vorarlberg die Wahlpflicht wieder eingeführt wurde.

Erst in den 1980er-Jahren sinkt Wahlbeteiligung unter 90 Prozent

Die Wahlbeteiligung blieb in der Folge hoch, erst 1986 rutschte sie erstmalig unter 90 Prozent auf 86,1 Prozent ab, obwohl 1986 auch in Kärnten die Wahlpflicht eingeführt worden war. Aufgehoben in allen Bundesländern wurde die Wahlpflicht 1992, was sich sofort bei der nächsten Nationalratswahl 1994 bemerkbar machte. Die gesamtösterreichische Wahlbeteiligung sank auf 81,9 Prozent. In den Bundesländern mit vorheriger Wahlpflicht war die Entwicklung noch dramatischer: In der Steiermark sank die Beteiligung um 5,6, in Kärnten um 6,8, in Tirol um 9,6 und in Vorarlberg sogar um unglaublich erscheinende 21 Prozent.

Nahmen an der nur ein Jahr später stattfindenden nächsten Nationalratswahl mit 86 Prozent wieder mehr Wahlberechtigte teil, so sinkt seither die Wahlbeteiligung fast stetig. 1999 wählten 80,4 Prozent, im Jahr 2006 war die Wahlbeteiligung mit 78,5 Prozent vorerst die geringste seit Gründung der Republik. Bei den Wahlen im Jahr 2008 stieg die Wahlbeteiligung nur gering auf 78,8 Prozent. Im Jahr 2013 sank die Wahlbeteiligung wieder auf 74,9 Prozent.