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Rede von Nationalratspräsidentin Doris Bures anlässlich der Ausstellungseröffnung "erfasst, verfolgt, vernichtet" im Palais Epstein

Dienstag, 19. Jänner 2016

Sehr geehrter Herr Chefarzt Dr. Georg Psota!
Geschätzte Mitglieder der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie!
Sehr geehrter Herr Dr. Gerhard Baumgartner vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands!
Sehr geehrter Herr Dr. Herwig Czech!
Als Kooperationspartner des heutigen Abends begrüße ich Sie sehr herzlich im Palais Epstein!

Geschätzte Vertreterinnen und Vertreter der Opferorganisationen, Erinnerungsinitiativen und Religionsgemeinschaften!
Geschätzte Kuratoriumsmitglieder des Nationalfonds, für die ich stellvertretend Herrn Professor Dr. Udo Jesionek herzlich begrüße!

Sehr geehrter Herr Präsident des Bundesrates a.D. Prof. Herwig Hösele, geschätzte aktive und ehemalige Abgeordnete zum Nationalrat und Mitglieder des Bundesrates!
Sehr geehrter Herr Parlamentsdirektor Dr. Harald Dossi!

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Von Herzen gerne hätte ich heute auch Friedrich Zawrel begrüßt, den ich kennenlernen durfte und dessen Lebensgeschichte Zeugnis für die Verbrechen der NS-Medizin und das lange Schweigen darüber war. Doch Friedrich Zawrel ist vor knapp einem Jahr verstorben.

Im Alter von elf Jahren wurde er im Jahr 1941 in die sogenannte Jugendfürsorgeanstalt "Am Spiegelgrund" – dem Wiener Zentrum der NS-Tötungsmedizin – eingewiesen. Dort wurde er erniedrigt und gequält und später auch Opfer sadistischer medizinischer Versuche. Er galt als schwer erziehbar: Ein ärztliches Gutachten bezeichnete das Kind als "erbbiologisch und soziologisch minderwertig".

Rund 800 Kinder wurden von Ärztinnen und Ärzten am Spiegelgrund auf Basis ähnlicher Diagnosen ermordet. Doch Friedrich Zawrel überlebte. Jahrzehnte später holte ihn die schreckliche Vergangenheit wieder ein. Mitte der 1970er Jahre – bei einem Gerichtsprozess wegen kleiner Eigentumsdelikte – saß ihm mit Dr. Heinrich Gross einer seiner Peiniger vom Spiegelgrund als Gutachter erneut gegenüber.

Gross war mittlerweile einer der meistbeschäftigten Gerichtspsychiater Österreichs. Gestützt auf ein Gutachten vom Spiegelgrund attestierte er Zawrel abermals, erbbiologisch minderwertig zu sein. Sein Befund war ausschlaggebend, dass Zawrel zu sechseinhalb Jahren Haft und zu einer Einweisung in eine Anstalt für gefährliche Rückfallstäter verurteilt wurde.

Erst auf Initiative eines Journalisten und der "Arbeitsgemeinschaft Kritische Medizin", gelangte der Fall in das Licht der Öffentlichkeit: Erst nach und nach und viel zu spät begann die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Medizinverbrechen in Österreich. In diesem Aufarbeitungsprozess wurde Friedrich Zawrel zu einem Kronzeugen für die Verbrechen in der Mordfabrik am Spiegelgrund. 

Seine Geschichte ist eine von Hunderttausenden. Im gesamten deutschen Reich wurden über 200.000 Patientinnen und Patienten systematisch ermordet. Die NS-Medizin betrachtete sie als unwertes Leben. Die Geschichte von Friedrich Zawrel verdeutlicht aber auch die jahrzehntelange Verdrängung.

Erst 1995 hat die Republik Österreich mit der Gründung des Nationalfonds, der hier im Parlament angesiedelt ist, auch die Opfer der NS-Medizin anerkannt. Viele Täter – darunter auch Heinrich Gross – blieben unbestraft. Er wurde erst 1997 des Mordes angeklagt. Nicht ein Urteil, sondern sein Tod beendete den Prozess.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Heute wissen wir: Die NS-Medizinverbrechen waren eine direkte Vorstufe zum Holocaust. Die Tötungserfahrung der Euthanasie-Mörder wurde zum Aufbau der Vernichtungslager genutzt, in denen zwischen 1942 und 1945 über zwei Millionen Jüdinnen und Juden und rund 50.000 Roma und Sinti ermordet wurden.

Es war mir ein Anliegen, dass wir – im Vorfeld des Internationalen Holocaust Gedenktages – die Ausstellung "erfasst, verfolgt, vernichtet" der Öffentlichkeit im Österreichischen Parlament zugänglich machen können. Bis zum 27. Jänner wird diese Ausstellung die Geschichte der NS-Medizinverbrechen – die Geschichte vom ärztlich legitimierten Mord an über 200.000 Menschen – ins Zentrum stellen.

Mein besonderer Dank gilt hierbei Chefarzt Dr. Georg Psota und der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Durch ihre Initiative konnte diese Ausstellung nach Österreich gebracht werden. Ebenso möchte ich dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands danken. Mit Ausstellungsteilen der Gedenkstätte Steinhof, die vom Dokumentationsarchiv unter maßgeblicher Arbeit von Dr. Herwig Czech erstellt wurde, wird auch die österreichische Perspektive dieser Geschichte stärker beleuchtet.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Es ist unerlässlich, die Geschichte der NS-Medizin aufzuzeigen. Wir sind es den Opfern schuldig, und wir haben eine Verpflichtung gegenüber jetzigen und nachkommenden Generationen.

In diesem Sinne möchte ich mit Worten von Friedrich Zawrel enden. Er beschreibt in seinen Lebenserinnerungen, wie es ihm noch viele Jahrzehnte nach seinem Martyrium erging, wenn er hörte, dass abwertend über Obdachlose, Suchtkranke oder behinderte Menschen gesprochen wurde – ich zitiere: "Mir wird heute noch eiskalt. Ich höre dann noch immer das immer leiser werdende Weinen der kranken Kinder, die auf den Balkonen der Pavillons der Winterkälte ausgesetzt waren, bis Minusgrade ihr kurzes, geschändetes, für 'medizinische Zwecke' missbrauchtes Leben beendet haben. Akademisch gebildete Menschen haben diese Tötungsart von 'wertlosem und unbrauchbarem' Leben angeordnet, und das Krankenpersonal war willfähriger Helfer. Das ist in Wien geschehen. Und dort auf der Baumgartner Höhe bin ich ihr begegnet, der Bestie Mensch. Sie war blendend weiß gekleidet und trug Stethoskope."

Ich hoffe, dass die Ausstellung von vielen Menschen besucht wird und dieser wichtige und dunkle Teil unserer Geschichte auch in Zukunft vor dem Vergessen bewahrt wird.