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Rede von Nationalratspräsidentin Doris Bures anlässlich der Buchpräsentation "Mark Twain. Reportagen aus dem Reichsrat 1898/1899"

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Sehr geehrte Damen und Herren!

„Die gesamte amerikanische Literatur stammt von einem Buch von Mark Twain namens Huckleberry Finn ab. Vorher gab es nichts. Seitdem gab es nichts, was dem gleichkommt.“

Diese Worte stammen aus dem Jahr 1935, vom Schriftsteller Ernest Hemingway. Und der Autor William Faulkner, ebenso wie Hemingway ein Literaturnobelpreisträger, sagte über Mark Twain: „Er ist unser aller Großvater!“

Mark Twain war einer der berühmtesten und erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit. Er war mit mehreren US-Präsidenten befreundet und bei seinen Lesungen war der Andrang so groß, dass es mitunter zu Tumulten kam. Seine Beobachtungen der Gesellschaft sind mehr als hundert Jahre alt, aber sie sind so scharfsinnig gewesen, dass sie bis heute wichtige Erkenntnisse liefern.

Weltruhm erreichte Twain vor allem mit seinen Erzählungen über die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Weniger bekannt ist, dass Twain auch neun Jahre seines Lebens in Europa verbrachte und eineinhalb Jahre davon in Wien - von September 1897 bis Mai 1899.

Er berichtete hier über Entwicklungen und Spannungen aus dem Habsburgerreich und verfasste Reportagen über Sitzungen des Reichsrats in Wien. Seine Berichte aus dieser Spätphase der Monarchie haben literarischen wie politischen Wert - und sie haben Unterhaltungswert.

Bereits im Jahr 2013 hat die Parlamentsdirektion einen Band mit Twains Reportagen aus dem Reichsrat veröffentlicht. Weil dieses Buch so schnell vergriffen war, hat die Parlamentsdirektion es nun noch einmal neu herausgegeben - mit dem Residenz-Verlag als Kooperationspartner. Dafür möchte ich mich beim Verlag und bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Parlamentsdirektion bedanken. Insbesondere bei Bibliotheksdirektorin Dr.in Elisabeth Dietrich-Schulz und Frau Mag.a Susanne Roth.

In der folgenden Lesung wird der Dramaturg Hermann Beil Textstellen aus diesem Werk vortragen. Ich danke Ihnen dafür.

Zuerst möchte ich aber noch einmal kurz auf die politischen Beobachtungen eingehen, die Mark Twain 1897 als Zeitzeuge im Parlamentsgebäude gemacht hat.

Seine lebendigen Schilderungen des parlamentarischen Alltags im Reichsrat können wir heute - genau 120 Jahre später - als Mahnung betrachten: Sie zeigen uns, wie das sture Beharren auf die eigene Position und engstirniger Nationalismus konstruktive Debatten zerstören, Kompromisse verunmöglichen und das politische Klima vergiften. Als Twain seine Beobachtungen machte, vertraten 425 Männer aus 20 Nationen mit 11 unterschiedlichen Muttersprachen die rund 50 Millionen Menschen in der K.-u.-K.-Monarchie.

Es gab noch kein Frauenwahlrecht und der Parlamentarismus war damals ohne Zweifel weit von jedem Idealzustand entfernt. Aber dass es damals überhaupt ein Parlament in Wien gab, das die unterschiedlichen Völker der Monarchie repräsentierte, das war keine Selbstverständlichkeit. Es war eine hart erkämpfte Errungenschaft.

Wir leben heute in einer anderen Zeit. Unser Parlamentarismus ist ungleich stärker, stabiler und selbstbewusster. Aber auch heute müssen wir die tragenden Säulen unserer Demokratie immer wieder aufs Neue stärken. Dazu zählt etwa auch die Bereitschaft zu Kompromissen. Das Verständnis, dass ein Kompromiss kein Zeichen von Schwäche ist, sondern eine demokratische Tugend.

Mark Twain hat einmal geschrieben: „Das, was jemand von sich selbst denkt, bestimmt sein Schicksal.“ Leicht abgewandelt möchte ich ergänzen: Wie wir über den Wert unserer Demokratie denken, bestimmt die Zukunft unseres Landes.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Die Zukunft unseres Landes wird zweifellos auch maßgeblich durch die kommende Nationalratswahl in elf Tagen bestimmt. Und der Wert, den wir unserer Demokratie beimessen, wird sich auch darin zeigen, wie viele Menschen wählen gehen.

Wer nicht wählt, der überlässt die Entscheidung über die Zukunft Österreichs anderen und wird dann trotzdem regiert.

Bundespräsident a.D. Heinz Fischer hat einmal gesagt: „Das Wahlrecht ist das wichtigste Nahrungsmittel der Demokratie. Die Stimme wegzuwerfen ist genau so problematisch wie Brot wegzuwerfen."

Werfen wir es nicht weg, sondern stärken wir unsere Demokratie und gehen am 15. Oktober wählen.