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Rede der Zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures anlässlich der Buchpräsentation „Ideen können nicht erschossen werden“

Mittwoch, 14. März 2018

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Wahrscheinlich geht es mir so wie den meisten von Ihnen: in meinem Bücherregal steht das ein oder andere Buch, das mich seit vielen Jahren, ja schon Jahrzehnte begleitet. Diese besonderen Bücher kommen einem immer wieder in Erinnerung, und alle paar Jahre nimmt man eines von ihnen in die Hand und liest es. Auch wenn sich die Zeilen über die Jahre nicht verändert haben, lesen wir sie an­ders als beim letzten Mal.

Mit Gedenkjahren verhält es sich mitunter wie mit unseren Büchern. Alle paar Jahre nehmen wir ein Werk aus unserem Regal der Geschichte. Historikerinnen und Historiker fügen neue Fußnoten und Kapitel hinzu und wir lesen erneut die Zeilen über die Vergangenheit. Aber vielleicht eben ein wenig anders als beim letzten Mal.

Heuer begeht Österreich ein solches Gedenkjahr. Eines der Jubiläen, an das wir uns heuer erinnern, steht oft im Schatten von Zäsur-Jahren wie 1918 oder 1938: Das Revolutionsjahr 1848, das fast auf den Tag genau vor 170 Jahren mit der Märzrevolution begonnen hat. Mit ihm wurde eine für unsere Demokratiegeschichte bedeutende Transformation eingeleitet.

Hans Werner Scheidl, langjähriger Journalist der Tageszeitung „Die Presse“ – sie wurde be­kann­ter­ma­ßen 1848 gegründet – nannte es einen „Epochenwechsel“.

Begleitet von Protesten und Kämpfen haben sich breite Bevölkerungsgruppen gegen die Monarchie aufgelehnt. Sie haben Rechte eingefordert.

Das liberale Bürgertum wollte die Freiheit der Meinung, die Versammlungsfreiheit und die Un­an­tast­bar­keit des Eigentums. Die Bauern forderten die Streichung ihrer Feudallasten. Die Arbeiterinnen und Arbeiter wollten vor allem Arbeit, höhere Löhne und eine Verkürzung ihrer Arbeitszeit. Und inmitten dieser von Männern dominierten Auseinandersetzung forderten Frauen – unterschiedlicher Klassen – ihr Recht auf politische Partizipation und kämpften für ihre Emanzipation.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Wer im heurigen Gedenkjahr das Kapitel unserer Geschichte von 1848 erneut lesen möchte, der kommt um ein neu erschienenes Werk nicht herum. Wolfgang Häusler hat mit seinem ein­drucks­vol­len Buch „Ideen können nicht erschossen werden“ eine umfassende und unglaublich detailreiche Ar­beit vorgelegt. Und das Besondere daran ist: Professor Häusler leistet damit einen Beitrag dazu, dass sich unser Blick auf 1848 ändert.

Nicht allein Radetzky, Windischgrätz, Kaiser Ferdinand oder Kaiser Franz Josef sollten – uns De­mo­kratinnen und Demokraten – von diesem Jahr in Erinnerung bleiben. Sondern: Auch die fast ver­ges­sen­en Namen der Revolutionäre, wie Hermann Jellinek oder Karoline von Perin.

Auf diesen „Rebellen des Neuen und Guten“, wie sie vom Dichter Josef Luitpold noch am Vorabend des Ersten Weltkrieges genannt wurden, fußt unsere heutige Demokratie und unser Par­la­men­ta­ris­mus. Es war mir ein Anliegen dem Wunsch nachzukommen, dieses Buch im Parlament zu prä­sen­tieren und zu diskutieren.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Seit der temporären Übersiedelung des Parlaments in die Hofburg befindet sich das „Hohe Haus“ sozusagen wieder in der Nähe von 1848. Denn: Das erste Parlament, das auf österreichischem Boden tagte – dem zwar weder Arbeiter noch Frauen angehörten – fand nur wenige Meter vom derzeitigen provisorischen Sitzungssaal in der Winterreitschule der Hofburg statt.

Nur wenige Monate nach der ersten Sitzung haben viele von den Männern und Frauen, die für die De­mo­kra­tie gekämpft haben, bei den darauf folgenden Auseinandersetzungen ihr Leben verloren. Aber die Demokratie konnte durch Gewehrkugeln und Gewalt nicht auf Dauer gestoppt werden. Oder wie Victor Hugo einst schrieb: „Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Die heutige Veranstaltung soll unseren Blick auf das Jahr 1848 und seine Bedeutung schärfen. Dazu gehört auch zu hinterfragen:

  • Wie 1848 in den vergangenen 170 Jahren „gelesen“ worden ist?
  • War es nur eine bürgerliche Revolution wie es etwa in meinem Schulbuch geschrieben stand oder doch viel mehr?
  • Für wen war dieser Epochenwechsel identitätsstiftend?
  • Und was ist vom Geist der 48er bis heute geblieben?

Diesen und weiteren Fragen wird sich das Podium heute Abend annehmen. Ich freue mich, die Mit­wirk­en­den der Diskussion zu begrüßen:

Univ. Prof.in Dr.in Sylvia Kritzinger vom Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien, Dr.in Helene Maimann, Zeithistorikerin und Trägerin des Käthe Leichter Staatspreises, den Autor Univ. Prof. Dr. Wolfgang Häusler Emeritus für Österreichische Geschichte an der Universität Wien und den Moderator, selbst Historiker und langjähriger Auslandskorrespondent des ORF, Dr. Raimund Löw.

Ich bedanke mich zudem beim Molden Verlag, der mit mir zu dieser Veranstaltung eingeladen hat. Herzlichen Dank an den Geschäftsführer Herrn Mag. Matthias Opis.

Lassen wir uns inspirieren und setzen wir uns erneut mit der Geburtsstunde unserer Demokratie auseinander. Und vielleicht findet dieses Buch ja auch einen Platz in Ihrem Bücherregal zu Hause.