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Rede der Zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures im Rahmen der FSG Bundesfrauenkonferenz 2018

Montag, 9. April 2018

Es gilt das gesprochene Wort.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Liebe Genossinnen, liebe Genossen!

Angelehnt an das Grimm-Märchen Dornröschen hat der Wiener Arzt und Psychotherapeut Alfred Adler gesagt: „Das schönste, was eine Fee einem Kind in die Wiege legen kann, sind Schwier­ig­kei­ten, die es überwinden muss.“ Ich meine, das gilt nicht nur für ein Kind in der Wiege, sondern auch für Organisationen und Bewegungen wie die unsere.

Von Anbeginn war gerade die Frauen- und Arbeiterinnenbewegung mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert. Und stets wieder haben wir gezeigt, dass wir diese Hürden überwinden können. Ge­schafft haben wir das immer nur dann, wenn wir zusammenstehen. Wenn wir gemeinsam für uns und für unsere Interessen eintreten. Und vor allem, wenn wir uns an unseren sozialdemokratischen Grund­werten Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Solidarität orientieren.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Das heurige Gedenkjahr bietet uns die Möglichkeit auch einen feministischen Blick auf die Ges­chich­te zu werfen. 1848 – vor 170 Jahren – sind auch Frauen – Arbeiterinnen – auf die Straße gegangen, um gegen Ungerechtigkeit und für das Recht auf politische Partizipation zu kämpfen. In den Jahr­zehn­ten nach der Revolution haben sich immer wieder Frauen formiert, organisiert und solidarisiert. Sie haben Seite an Seite bessere Arbeitsbedingungen und ein Mehr an Demokratie gefordert und erkämpft.

Es ist also kein Zufall, dass im Jahr 1918 nicht nur die Republik gegründet, sondern auch das Frau­en­wahl­recht und die gesetzliche Verankerung des Acht-Stunden-Tages Wirklichkeit wurden. Die Zeit war reif für mehr Mitbestimmung, für mehr Demokratie. Und von der ersten Stunde der Republik an waren starke, fähige und intelligente Frauen im Parlament vertreten.

Unter den ersten acht Pionierinnen im Parlament waren die drei Gewerkschafterinnen Marie Tusch, Amalie Seidel und Anna Boschek. Die Fee, wie sie Alfred Adler beschrieben hat, war leider sehr groß­zügig mit den Schwierigkeiten, die sie diesen Frauen in die Wiege gelegt hat, aber das hat diese Frauen nicht aufgehalten – es hat sie bestärkt.

Mit der ersten Republik bauten sich Frauen ein Fundament für politische Mitbestimmung und Selbst­bestimmung. Aber dieses Fundament ist von den Faschisten in den 30er und 40er-Jahren wieder nie­der­ge­rissen worden. Es waren Jahre, von denen uns auch die Gewerkschafterin und Genossin Rosa Jochmann erzählt hat.

Rosa, eine wirklich willensstarke Frau, zieht eine ihrer Lehren aus dieser dunklen Zeit. Nämlich: „Meine Erlebnisse im KZ haben mich gelehrt, meine Mitmenschen zu verstehen, auch wenn sie eine andere Weltanschauung haben. Wichtig allein ist der anständige Charakter.“ Nach dem Zweiten Welt­krieg mit der Gründung der Zweiten Republik musste dieser anständige Charakter von einigen Wenigen ein kollektiver Charakter aller werden. So haben auch die Vereinten Nationen 1948 – vor 70 Jahren – die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte beschlossen.

Im Zentrum stand der Schutz der Menschenwürde, die wenige Jahre zuvor noch mit Füßen getreten worden war. Das Fundament der Demokratie wurde wieder aufgebaut, und auf ihm haben sich Frauen Platz geschaffen, um Türen zu öffnen, die es vorher nicht gab. Es entstand eine neue Frau­en­be­we­gung. Eine Frauenbewegung, die 1968 Rollenbilder in Frage gestellt und für die Bestimmung über den eigenen Körper gekämpft hat. Manche Ungerechtigkeiten, die Frauen inzwischen beseitigt haben, er­schei­nen inzwischen vielleicht kurios: Zum Beispiel, dass Frauen bis ins Jahr 1975 ihre Ehemänner um Erlaubnis bitten mussten, um arbeiten gehen zu dürfen. Oder etwa, dass das Geld, das eine Frau verdient hat, bis ins Jahr 1978 – vor 40 Jahren – als Eigentum des Mannes gegolten hat. Oder, dass bis 1989 eine Vergewaltigung in der Ehe keine Straftat war. Das alles ist aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar.

Mit Blick zurück sieht man: Auch, wenn es immer wieder Rückschläge gegeben hat; es gab sie – die vielen vielen kleinen und großen Erfolge. Und am deutlichsten werden sie, wenn wir das Leben un­ser­er Großmütter mit jenem unserer Töchter vergleichen.

Damit diese positive Entwicklung weiterhin in die richtige Richtung geht und auch zukünftige Frau­en­ge­ner­a­ti­o­nen mehr Gerechtigkeit erfahren, dafür braucht es auch heute nach wie vor den so­li­da­risch­en Einsatz aller Frauen.

Liebe Genossinnen und Genossen!

Diese Beispiele aus der Vergangenheit zeigen uns, was uns stark gemacht hat: unser Zusammenhalt und unsere Solidarität. Und diese Beispiele zeigen uns auch, was seit jeher unsere Leidenschaft nährt: Unsere Entschlossenheit, die Zukunft besser zu machen. Und, wenn wir mit Widerstand kon­fron­tiert werden, dann fürchten wir uns nicht, sorgen uns nicht und wir ärgern uns auch nicht. Wir, wir halten dagegen! Und gleichzeitig blicken wir voraus – denn vor uns steht eine neue Zeit; eine neue industrielle, eine digitale Revolution. Für die wir die Rahmenbedingungen mitgestalten müssen und wollen.

Ich freue mich sehr, dass heuer ein so wichtiges Thema im Zentrum eurer Konferenz steht: Die faire Arbeit 4.0 – also ein Blick in die Zukunft. Und ganz wie Willy Brandt es einmal gesagt hat: „Der beste Weg die Zukunft vorherzusagen, ist es, sie zu gestalten.“

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ja, wir kennen den Weg, der hinter uns liegt und wir wissen, wie die Zukunft aussehen soll. Gestalten wir sie.

Denn wir sind viele, wir haben gute Argumente und wir haben die Leidenschaft, die es dafür braucht.

In diesem Sinne Glück auf und eine erfolgreiche Konferenz!