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Rede der Zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures beim Begräbnis von Herbert Tumpel (ehemaliger Präsident der Arbeiterkammer Wien)

Freitag, 19. Oktober 2018

Es gilt das gesprochene Wort.

Liebe Trauergemeinde, liebe Gertrude!

Man weiß über die schwere Krankheit eines lieben Menschen und trotzdem trifft einen die Nachricht völlig unvorbereitet, aus heiterem Himmel. So war es auch, als ich erfahren habe, dass Herbert den Kampf gegen den Krebs verloren hat.

Viele Erinnerungen an Herbert sind seither wieder wach geworden. Erinnerungen an diesen belesenen und gebildeten Denker, diesen Intellektuellen und diesen beherzten Kämpfer. Erinnerungen an einen Menschen, der unter seiner rauen Schale doch so herzlich war.

Einiges von dem, was Herbert zu einem besonderen Menschen gemacht hat, wurde ihm wohl in die Wiege gelegt. Sein Vater etwa war Zentralbetriebsrat in der Staatsdruckerei.

Vieles aber hat sich Herbert dann selbst hart erarbeitet. Durch sein Studium und seine Tätigkeit im ÖGB. Und sicher auch durch seine Begeisterung und Leidenschaft für Literatur.

Die amerikanische Schauspielerin Helen Hayes hat einmal gesagt: „Von seinen Eltern lernt man lie­ben, lachen, und laufen. Doch erst wenn man mit Büchern in Berührung kommt, entdeckt man, dass man Flügel hat.“ Und Herbert kam mit Büchern in Berührung. Er hat unglaublich viel und vielseitig ge­le­sen. Herbert hat auch gelesen, um Problemen auf den Grund zu gehen und um Zustände zu ver­ste­hen, um sie letztendlich verbessern zu können. Man könnte sagen: er hatte den Verstand, die Ge­ge­ben­hei­ten zu verstehen, und er hatte das Herz, sie zu verbessern.

Ich persönlich habe Herbert und seine Arbeitsweise im Jahr 2000, kurz nach der Angelobung der Schwarz-Blauen Bundesregierung, kennen und schätzen gelernt. Herbert war schon drei Jahre Prä­si­dent der Bundesarbeiterkammer und ich bin SPÖ-Bundesgeschäftsführerin geworden. Ich erinnere mich noch gut an die damaligen großen politischen Auseinandersetzungen. Ich habe damals in Herbert einen unfassbar anspruchsvollen, aber gerade deshalb unersetzlichen Mitstreiter gefunden, dessen Weitblick, Durchsetzungsstärke und Kompetenz mich tief beeindruckt haben.

Herbert war Sozialdemokrat, aus tiefster Überzeugung. Herbert war gebildet, ohne eingebildet zu sein. Er war konsequent, aber nie stur. Er war politisch standhaft, aber kein bisschen verblendet. Er war ein harter Verhandler, aber immer respektvoll. Er war verwurzelt, ohne die Neugier zu verlieren. Er hatte Handschlagqualität, ohne sich zu verhabern. Er war hart, aber herzlich.

Sein Herz, das galt besonders dir, liebe Gerti. Eure Beziehung schien auf den ersten Blick vielleicht wie eine aus zwei Welten, die nicht zusammen passen. Wie die zwischen den Montagues und Capulets: die Spitzenbänkerin und der Arbeiterkämpfer.

Aber wer euch beide kannte, weiß, dass ihr es besser nicht hättet treffen können. Ihr hattet für­ei­nan­der so unglaublich viel Respekt, Zuneigung und Liebe. Gerti ich weiß, für Herbert warst du die Liebe seines Lebens. Ich habe gehört, dass ihr euch eure Leidenschaft für Literatur auch so geteilt habt, dass ihr euch manchmal gegenseitig vorgelesen habt. Eines dieser gemeinsamen Bücher sollen die Erzählungen aus „1000 und eine Nacht“ gewesen sein. Und aus diesem Buch möchte ich euch eine Zeile aus der Geschichte des Königs Omar vorlesen: „Das Wunderbarste von all dem, was im Men­schen ist, ist sein Herz; denn es ordnet sein ganzes Wesen.“ Wenn ich mich an Herbert erinnern wer­de, dann eben an sein ganzes Wesen, seine Kämpfernatur und seine Flügel, die er durch die Berührung mit seinen Büchern hatte.

Er hat uns gezeigt, was ein Mensch alles sein kann. Das ist Herberts Vermächtnis. Und sein Ver­mächt­nis wird in vielen von uns weiterleben. Oder, mit Berthold Brecht gesprochen: Er ist „wohl nicht da, doch wenigstens nicht fort“.

Ein letztes Freundschaft, lieber Herbert!