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Trauerrede der Zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures anlässlich der Beisetzung von Hofrat Marko M. Feingold

Jüdischer Friedhof Salzburg, am 23. September 2019

– es gilt das gesprochene Wort –

Hohe Trauergemeinde!

Der 28. Mai. Wie jedes Jahr erinnert mich mein Kalender daran Marko Feingold zum Geburtstag zu gra­tu­lie­ren. Auch heuer wieder – es war sein 106. Und wie jedes Jahr schloss ich mein Schreiben mit den Worten „Bis 120“. Im Sommer las ich dann ein Interview in den Salzburger Nachrichten. Da sagte er:

„Natürlich würde es mich freuen, wenn ich 120 werden würde. Aber das hat bisher nur Moses erreicht. Und so heilig war ich nicht.“

Leider sollte es uns nicht vergönnt sein, noch mehr Zeit mit diesem einzigartigen und beeindruckenden Menschen zu verbringen. Die Republik hat einen ihrer großen Söhne verloren. Und sein Ableben schmerzt uns als Menschen.

Ich kann nur erahnen, wie groß die Lücke ist, die er im Leben seiner engsten Mitmenschen hinterlässt. Gerade für Sie, Hanna, die viele, viele Jahre an seiner Seite stand, ihn immer stützte. In seinem ganz privaten und in seinem öffentlichen Leben.

Im selben Interview sagte Marko diesen Sommer über sein Leben: „Alle meine Wünsche sind erfüllt.“ Ich las diese Zeile ein zweites Mal und stockte wieder. Dass ein Mensch, der durch die Hölle auf Erden ge­hen musste, dessen gesamte Familie von den Nationalsozialisten ermordet wurde, so etwas ver­söhn­li­ches sagt. Und nicht nur sagt, sondern es seine feste Überzeugung ist. Ich weiß, einen großen Anteil da­ran, dass er es aus tiefem Herzen so empfand, hatten Sie, Hanna. Und ich hoffe, das wärmt unser Herz auch in den Stunden der Trauer.

Menschen, die das Privileg hatten, Marko Feingold persönlich kennen zu lernen, werden ihn als char­manten, lebensfrohen und starken Menschen in Erinnerung behalten. Als mich die traurige Nachricht von seinem Ableben erreichte, habe ich mich sofort an ein gemeinsames Zusammentreffen erinnert.

Es war im Sommer 2016, nachdem ich die Salzburger Festspiele eröffnet habe. Danach, am Weg in die Residenz zu einem Empfang, traf ich Sie, Frau Hanna Feingold. Und in Ihren Arm eingehängt, da war ihr Mann. Wir begrüßten uns, er scherzte ein wenig, und wir beschlossen, den weiteren Weg gemeinsam zu gehen. Im Innenhof der Residenz meinte er:

„Schauen’s, Frau Bures, dort hinten ist ein Aufzug versteckt. Den kennt fast keiner. Den nehmen wir! Ich mein‘, im letzten Jahr bin ich noch zu Fuß gegangen, aber heut bin ich ein bissal müde.“

Er war damals 103 Jahre alt.

Sein Charme und sein Humor haben mich oft zum Schmunzeln gebracht. Seine Kraft und seine un­be­irr­ba­re Lebenslust haben mich stets ins Staunen versetzt.

So auch beim Ge­denk­tag gegen Gewalt und Rassismus vor drei Jahren. Üblicherweise findet der Gedenktag im Parlament am 5. Mai statt. Nicht in diesem Jahr!

Marko Feingold war als Zeitzeuge eingeladen. Aber an diesem 5. Mai, da hatte er keine Zeit. Er wollte unbedingt an einer zeitgleich stattfindenden Befreiungsfeier teilnehmen – ich glaube es war die in Buchenwald. So verschob die Republik kurzerhand die Gedenksitzung auf den 9. Mai. Weil wir ihn hören wollten. Den Zeitzeugen eines ganzen Jahrhunderts. Der NS-Terror hat sein Leben in jungen Jahren geprägt: Auschwitz, Neuengamme, Dachau und Buchenwald haben sich tief in seine Biographie ein­ge­schrie­ben. Das unermüdliche Erzählen, um das Vergangene vor dem Vergessen zu bewahren, das präg­te sein Leben bis zuletzt.

Zu seinem 100. Geburtstag sagte er: „Das Erzählen hält mich auf den Beinen. Das ist mein ganzer Stolz.“ Und das hat man gespürt, wenn man ihm zuhörte. Doch nun ist seine Stimme verstummt. Sein Vermächtnis aber hat er an so viele Menschen weitergegeben. Besonders auch an Jugendliche. Er hat sie erreicht und bewegt. Er hat sie dazu ermutigt, dort aufzustehen, wo die Demokratie und unser fried­li­ches Zusammenleben gefährdet sind. Marko Feingold sagte einmal in aller Klarheit:

„Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass nie wieder Menschen ausgegrenzt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.“

Dieses, sein Vermächtnis, lebt in den vielen Menschen weiter, die er berührt hat.

Hohe Trauergemeinde!

Viktor Frankl sagte einmal:

„Was wir ausstrahlen in die Welt,
die Wellen, die von unserem Sein ausgehen,
das ist es, was von uns bleiben wird,
wenn unser Sein längst dahingegangen ist.“

Marko Feingold ist gegangen. Sein „Sein“ – hat uns erreicht. So ist er ein Teil von uns geworden. So bleibt er bei uns. Bis in die Ewigkeit.