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Rede der Zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures bei der Gedenkveranstaltung "Light of Hope" anlässlich der "Novemberpogrome"

Donnerstag, 7. November 2019

– es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrte Damen und Herren!

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag brannten die Synagogen - in der Nacht der Novemberpogrome. Entzündet durch das menschenverachtende Kalkül des NS-Regimes. Entfacht und ausgebreitet durch den tief- verwurzelten Antisemitismus in unserer Stadt und in unserem Land. Als die – in Angst und unter Gewalt lebenden – Jüdinnen und Juden am Shabbat danach einen Ort für ihr Gebet suchten, gab es kaum mehr Synagogen. Es waren lange sechseinhalb Jahre. Zehntausende wurden ermordet und in den Suizid getrieben. Hunderttausende gequält, beraubt und vertrieben von ihren ehemaligen Nachbarn, ihren Mitbürgern - von ganz normalen Menschen.

Und im Mai 1945 gab es kaum mehr Menschen in unserer Stadt, die am Freitagabend den Shabbat begehen konnten.

Ilse Aichinger schrieb einst in ihrem Werk „Die größere Hoffnung“: „Übermorgen wird morgen und morgen wird heute“. Und heute sind 81 Jahre vergangen. Und heute haben wir die Nacht mit Lichtern der Hoffnung erhellt. Vorbei an Häusern, die einst ein Zuhause waren. Entlang an Straßen, die heute wieder ein Zuhause geworden sind. Diese wiedererlangte Heimat darf nicht in Gefahr geraten!

Aber sie tut es. Auch in Österreich werden die ewiggestrigen Hymnen des Hasses und der Menschenverachtung noch immer gesungen. Und immer öfter werden diese Worte auch zu Taten. So, wie am 9. Oktober vor der Synagoge in Halle.

Aus der Gewalt in der Sprache wurde die Gewalt auf der Straße. Es war Gewalt gegen Andersgläubige und Andersdenkende. Aber diese Andersgläubigen, diese Andersdenkenden, das sind wir alle.

Weil wir HumanistInnen sind, weil wir Liberale sind, weil wir Christdemokraten sind, weil wir Grüne sind, weil wir SozialdemokratInnen sind. Weil wir katholisch und evangelisch sind, weil wir Muslime, weil wir Juden sind. Weil wir Atheistinnen sind. Weil wir links sind, weil wir in der Mitte stehen. Weil wir jung sind, weil wir junggeblieben sind.

Das sind wir eben alle: Weil wir bei all den Unterschieden zusammen gehören. Etwas, das wir heutzutage immer seltener sagen.

Meine Freundin, die Künstlerin Deborah Sengl, hat kürzlich folgendes gesagt: „Es gibt keine Diskussionskultur mehr. Du bist links oder rechts, du bist für oder gegen, du bist schwarz oder weiß. Man muss für etwas oder gegen etwas sein, dabei ist das „Dazwischen“ jener Ort, wo Lösungen entstehen können.“

Ich denke sie hat recht. Als aufrichtige Demokratinnen und Demokraten sollten wir diesen Ort, wo Lösungen, wo das Gemeinsame entstehen kann, unermüdlich suchen und verteidigen.

Überall! Egal, ob in der eigenen Familie oder im Beruf, aber ganz besonders in einer verantwortungsvollen und geschichtsbewussten Politik.

Denn wer Erfolg nur an der 100%igen Durchsetzung der eigenen Interessen misst, gefährdet das Ganze – und er verkennt das Wesen einer offenen demokratischen Gesellschaft!

Unsere liberale Demokratie, die einzige Staatsform, für die es sich lohnt zu kämpfen, lebt vom Kompromiss. Toleranz, Respekt und die Fähigkeit, einander zuzuhören.

Das sind die Lichter der Hoffnung, die wir in unser Land tragen wollen. Die Lichter, die uns den Weg in eine friedliche und demokratische, eine offene und gute Zukunft leuchten werden.