X

HINWEISE ZU COOKIES


Die Webseite verwendet Cookies für die Herstellung der Funktionalität und für die anonyme Analyse des Online-Verhaltens der BesucherInnen. Diese Analyse hilft, das Informationsangebot für die BenutzerInnen besser zu gestalten. Mehr


Analyse-Cookies dienen zum Sammeln und Zusammenfassen von Daten unserer BesucherInnen und deren Verhalten auf unserer Website. Die Parlamentsdirektion nutzt diese Informationen ausschließlich zur Verbesserung der Website und gibt sie nicht an Dritte weiter.

Analyse-Cookies erlauben
Suche
X

Seite 'Rede von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka anlässlich der Buchpräsentation ' teilen



Copy to Clipboard Facebook Twitter WhatsApp E-Mail
Diese Seite als Lesezeichen hinzufügen

Rede von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka anlässlich der Buchpräsentation "Rothschild. Glanz und Untergang des Wiener Welthauses"

Montag, 8. Oktober 2018

Grüß Gott, hier im Palais Epstein!

Ich darf Sie anlässlich einer außergewöhnlichen Buchpräsentation recht herzlich willkommen heißen. Ich begrüße zuallererst ganz besonders den Autor Professor Roman Sandgruber. Ihm verdanken wir es, dass wir heute hier sein können. – Herzlich willkommen!

Mein respektvoller Gruß gilt dem Bundespräsidenten a. D. und Nationalratspräsidenten a. D. Herrn Dr. Heinz Fischer. – Herzlich willkommen!

Wir haben einen Staatssekretär a. D. bei uns: Herzlich willkommen, Herr Staatssekretär Dr. Winkler! Und einen Bundesratspräsidenten a. D.: Herzlich willkommen, Gottfried Kneifel!

Damit seien alle eingeschlossen, die dieses Thema interessiert – ein Thema, das für Österreich und für Europa eine ganz besondere Bedeutung hat, nicht nur in der Frage der Entwicklung aus einer Gesellschaftsordnung heraus, die durch das zünftische Wirtschaftswesen einen Umbruch hin zur kapitalistischen Marktwirtschaft erlebt hat, sondern die auch mit unserer Kultur- und Geistesgeschichte eng verwandt ist.

In fünf Generationen hat das Haus Rothschild vieles in Österreich geprägt. Ich komme aus einer Stadt, in der in der vierten Generation schon Sohn Albert Rothschild in Niederösterreich Domänen angekauft hat und somit schlagartig zum größten Grundbesitzer in Niederösterreich und in Wien geworden ist, indem er die Domänen in Gaming und in Waidhofen an der Ybbs, im Erlauftal und im Ybbstal, angekauft hat. Er hat auch ein bedeutendes baukulturelles Juwel in meiner Heimatstadt hinterlassen: Ein Schlossgebäude, das früher eigentlich ein sehr unansehnlicher und nicht besonders bedeutender Sitz des Bischofs von Freising gewesen ist, hat er im Sinne eines romantizierenden Schlosses nach französischem und englischem Stil umgestaltet, das quasi sein Verwaltungssitz geworden ist. Dieses Gebäude wurde von keinem Geringeren als dem Baumeister und Architekten des Wiener Rathauses, Friedrich Schmidt, umgebaut und wurde dann durch Hans Hollein noch einmal umgestaltet, um es heute auch in zeitgemäßer Sprache in ganz besonderer Art und Weise der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Rothschild hat also in der Gegend, aus der ich stamme, eine große Bedeutung, und viele haben seine besondere soziale Einstellung nach dem Erstem Weltkrieg gesehen. Es gibt ganz hervorragende Berichte, wie er durch seine Sachspenden aus den jagdlichen Revieren die gesamte ansässige Bevölkerung durch die schwierigen Zeiten des Winters 1919 gebracht hat. Er ist für die Gemeinden dort ein Donator in einer ganz besonderen Art und Weise gewesen, der in einem kongenialen Zusammenspiel mit einem Bürgermeister nicht nur die Beleuchtung in die Stadt gebracht hat, sondern vor allem auch die moderne Infrastruktur beflügelt hat. Er steht als Beispiel, wie auch dann die fünfte Generation mit Louis Rothschild noch gehandelt hat, als man ihm 1948 die Domänen vom Staat mit einer Gegenrechnung abgepresst hat. Sie, Herr Professor, beschreiben das sehr schön, wie das dann wirklich gewesen ist. Schlussendlich wurden damit aber die Pensionsleistungen an seine Holzarbeiter und seine Waldarbeiter gegengerechnet, die vom Staat übertragen wurden.

Es zeigt also auch diese Geschichte, wie wir als österreichischer Staat gerade nach 1945 mit der Restitution umgegangen sind; das zieht sich weiter in die Siebziger- und Achtzigerjahre und bei Betty Looram noch weit herauf in die Jetztzeit.

Dieses besondere Vermächtnis, das uns die Familie Rothschild hinterlassen hat, ist eigentlich dem Aufstieg aus dem Frankfurter Ghetto geschuldet; etwas zu tun, immer einen Schritt vor der Zeit zu sein, immer etwas im Bewusstsein zu haben, zwei Schritte zu überlegen, und dann aus einer strengen, auch kaufmännischen Haltung heraus, eine Familie in ganz besonderer Art und Weise auch in der Breite der europäischen Wirtschaftsstruktur zu verankern.

Ich glaube, heute würden wir sagen, er ist ein Monopolist. Wir sehen auch für die heutige Zeit, was solche Agglomerationen mit sich bringen, nämlich dass sie nicht für ewige Zeiten von Bestand sind. Auch sie sehen Gefahren entgegen, nicht nur in der Frage der Gains, sondern schlussendlich auch im Wirtschaftlichen. Es gab ja mehrmals auch Brüche in dieser Familiengeschichte. Aber sie zeigen uns auch heute, dass wir oft in sogenannten Blasen agieren, Informationsblasen, und gar nicht mehr wahrnehmen, was rund um uns bei dieser Monopolisierung der Information, heute durch die Digitalisierung befleißigt, eigentlich passiert.

Wenn Sie heute den einen oder anderen Präsidenten mit 53 Millionen Followern auf Twitter sehen, dann hat er eine Monopolstellung in der Informationsgestaltung, während alle anderen eigentlich in der Breite dieser Möglichkeiten gar nicht mehr in einem Wettbewerb stehen. Das heißt also, ein Monopol, egal, zu welcher Zeit und auch in welcher Funktion, ist immer wieder auch eine besondere Herausforderung für die Gesamtgesellschaft. An der Geschichte der Familie Rothschild kann man das auch sehr schön nachvollziehen.

Ich bin sehr, sehr dankbar dafür, dass sich Professor Sandgruber als Emeritus dieser Aufgabe gestellt hat. Das ist, glaube ich, ein Opus magnum der besonderen Art und hat schon lange in der Historie, in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte gefehlt, insbesondere auch mit den ganz wesentlichen Beiträgen zur Entwicklung des Antisemitismus mit dessen unterschiedlichsten Prägungen, die letzten Endes diese Familie und auch Österreich begleitet hat.

Ich möchte mich wirklich für Ihre umfassende Arbeit bedanken. Es ist unglaublich, was das auch an Recherchearbeit gebraucht hat. Im Sinne unserer demokratischen Republik, die gerade in diesem Jahr das hundertjährige Bestehen dieses republikanischen Österreichs feiert, halte ich das für ein ganz wesentliches Werk. Ich freue mich, dass es in einem renommierten Verlag erschienen ist, der einmal mehr die Wissenschaftshistorie mit seinen Publikationen begleitet.

Manche meinen schon, das Buch sei ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Es wird, glaube ich, immer eine Nische bedienen, eine wissenschaftliche Community, die weit über das Haptische hinaus ausstrahlt. Ihre Anwesenheit zähle ich dazu, dass Sie möglichst viele begeistern, sich mit dieser Materie auseinanderzusetzen, das Buch nicht nur erwerben, vor allem den Inhalt in seiner Vielfalt nicht nur darstellen, sondern weitergeben. Ich halte es für die österreichische Geschichtsforschung für einen ganz essenziellen Beitrag. Dafür noch einmal ein herzliches Dankeschön!

Fotoalbum