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Rede von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka anlässlich der Buchpräsentation "Versteckte Jahre"

3. Dezember 2018

Schönen guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren! Werte Frau Goldenberg! Liebe Familie, die mitgekommen ist! Sehr geehrter Herr Minister a.D.! Herr Staatssekretär! Unser Gedenk- und Bedenkjahr neigt sich dem Ende zu. Wir haben in diesem Jahr viele Gelegenheiten gehabt, zu feiern, zu gedenken, nachzudenken und auch Perspektiven für die Zukunft ins Auge zu fassen. Wir werden hier heuer noch ein letztes Mal am Sonntag, dem 16. Dezember, am Vormittag zusammen­kommen, um der Anerkennung der Volksgruppe der Roma und Sinti vor 25 Jahren zu gedenken und auch eine Perspektive für die nächsten Jahre – letzten Endes für uns alle – ins Auge zu fassen.

100 Jahre Republik, aber 80 Jahre „Anschluß“, Beginn der Schoah – in der ganz besonderen Situation, in der Österreich war, hat es bis lange nach 1945 gebraucht, um sich dieser Geschichte zu stellen, die Geschichte zu erzählen.

Ich komme gerade von einer Chanukka-Feier mit dem Seniorenclub des Café Centropa. Das sind allesamt Zeitzeugen, Überlebende dieser Zeit, und sie sind in das Parlament eingeladen worden, damit wir diesen Menschen noch ein wenig das, was wir als Entschuldigung anbieten können, zurückgeben. Sie waren mit einer ungeheuren persönlichen Beteiligtheit dabei und haben dieses Lichterfest, das heute den zweiten Tag andauert, in ganz besonderer Weise und auch in einem ganz besonderen Bewusstsein begangen.

Was wir heute erleben dürfen, ist etwas ganz Individuelles. Wir haben die Geschichte in ihren Strukturen, in ihren Verwerfungen, in ihren Auswirkungen, in ihren Rahmenbedingungen dargestellt, aber die Zahlen alleine geben nicht das wieder, was eigentlich das Einzelschicksal in ganz besonderer Art und Weise erlebbar macht, was der Einzelne empfunden hat und was schlussendlich für uns in vielen Begegnungen so berührend gewesen ist. Die Zeitzeugen werden immer weniger, daher ist das, was wir heute erleben, nämlich der Familiengeschichte nachzugehen, im doppelten Sinn für uns bedeutend – dafür ein herzliches Dankeschön!

Es ist im doppelten Sinn bedeutend: Auf der einen Seite muss das jeder für sich tun. Auch ich habe das getan, und das geht nicht ohne Brüche, das geht nicht ohne Verwerfungen und Enttäuschungen. Man begibt sich auf eine Reise, auf der man schlussendlich oft nicht weiß, welche Stationen man durchlebt. Das heißt, diese Familiengeschichte, ganz persönlich erzählt, ist das, was wir an eigener Aufarbeitung zu leisten imstande sind. Auf der anderen Seite gibt es ein Beispiel, wie wir auch dem mahnenden Gedenken der nächsten Generation eine Möglichkeit geben, sich einzubringen.

Es ist für uns ganz wesentlich, dass wir den Gedanken und das Gedenken an diese Ereignisse – beginnend mit 1938, der Vernichtung, der Ermordung, schlussendlich der Demütigung der Jüdinnen und Juden in Österreich – auf eine ganz besondere Art und Weise in Erinnerung behalten. Es ist unsere historische Verpflichtung – auch wie wir nach 1945 mit dieser Geschichte umgegangen sind.

Anna Goldenberg hat uns die Geschichte ihres Großvaters auf diese Weise gegeben, sie selbst hat entdeckt, nicht auf alle Fragen – wie sie es formuliert – auch Antworten gefunden zu haben. Vieles bleibt offen im Raum stehen, aber es ist wichtig, diese Fragen immer wieder zu stellen. Sie öffnen jedem von uns auch einen sehr individuellen Zugang. Schlussendlich geht es immer um den Menschen. Strukturen, Systeme bleiben abstrakt, doch dort wo die Geschichte sich im Einzelnen fokussiert, wird sie betroffen machen.

Dieses Buch soll auch ein Begleiter sein, damit wir das auch in den nächsten Jahren und für die nächste Generation aufbereiten. Ich bedanke mich herzlich beim verantwortlichen Zsolnay-Verlag, auch dass es möglich war, die Präsentation hier vorzunehmen. Ich wünsche Ihnen – gerade in dieser Zeit des Advents oder der Chanukka-Feier – einen aufschlussreichen, einen berührenden, einen stimmigen Abend.