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Rede von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust

„... den Vormarsch dieses Regimes einen Millimeter aufgehalten zu haben ...“. Österreichische Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus (Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust)

23. Jänner 2019

Die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Jänner 1945 liegt mit dem heutigen Tag 74 Jahre in der Vergangenheit. Es ist jenes Ereignis, das wir mit dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust auch besonders in Erinnerung rufen wollen.

2045, wenn ein heute geborenes Kind 26 Jahre jung sein wird oder wenn wir mitten in den Achtzigern oder Neunzigern unseren Lebensabend erleben, werden die dramatischen Ereignisse der Verhetzung, der Vernichtung 100 Jahre zurückliegen – so weit entfernt, wie heute das Ende des Ersten Weltkrieges, das Beginnen der Republik. Es ist dies ein Zeitraum, in dem wir erleben, wie sich Ereignisse des Zeitgeschehens zum Gegenstand der historischen Betrachtung entwickeln, ein Prozess, den die Geschichtsschreibung und Geschichtswissenschaft als Historisierung bezeichnet.

Doch ganz unabhängig von der Frage, mit welcher Methodik sich die Geschichtswissenschaft der Be- und Verarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus auch stellt, unser Urteil über dieses Unrechtsregime bleibt stets ein klares, und die Relevanz des entmenschten Quälens und Mordens in der Zeit des Nationalsozialismus bleibt für Gegenwart und Zukunft unseres Landes unverändert hoch.

An dieser Stelle darf ich allen danken, die sich zur Vorbereitung des Internationalen Holocaustgedenktages so intensiv eingebracht haben. Ich darf alle Protagonistinnen des heutigen Abends herzlich willkommen heißen: Frau Vizepräsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Claudia Prutscher – herzlich willkommen in unserer Mitte! (Beifall.) Frau Professorin Ilse Korotin, Leiterin der Dokumentationsstelle Frauenforschung am Institut für Wissenschaft und Kunst – herzlich willkommen! (Beifall.) Frau Dr.in Christine Kanzler, Frau Mag.a Karin Nusko – herzlich willkommen hier bei uns! (Beifall.)

Wir haben schon die Beiträge der Künstlerinnen Ethel Merhaut und Sabina Hasanova gehört – herzlich willkommen bei uns! Dann hören wir noch Ursula Strauss mit ihren literarischen Beiträgen – herzlich willkommen! (Beifall.)

Ich grüße alle NationalrätInnen und BundesrätInnen, an ihrer Spitze Frau Präsidentin Kitzmüller. (Beifall.) Wir freuen uns über die Anwesenheit der PräsidentInnen der obersten Gerichtshöfe, an ihrer Spitze die Präsidentin des Verfassungsgerichtshofes Dr.in Brigitte Bierlein – herzlich willkommen! (Beifall.) Das Diplomatische Corps ist zahlreich vertreten, und ich freue mich über die Anwesenheit der Exzellenz Botschafterin von Israel Lador-Fresher – herzlich willkommen. (Beifall.)

Ganz besonders darf ich mich über eine Dame freuen, die uns bei all diesen Veranstaltungen immer wieder die besondere Ehre ihres Besuches gibt und sich aktiv einbringt: Frau Professorin Katharina Sasso – herzlich willkommen! (Beifall.)

Sie werden verstehen, dass ich die Männer diesmal nur in cumulo begrüße.

Gedenken heißt erinnern, und die Erinnerung an die Schrecken des Holocausts muss für uns auch gegenwärtig bleiben, denn die Erinnerung ist das Gedächtnis unserer Gesellschaft und dieses Gedächtnis ist auch ein wesentlicher Teil unserer Identität. Anlässlich 100 Jahre gesetzlich determiniertes Frauenwahlrecht und damit Partizipation der Frauen am politischen Prozess wollen wir auch jener Frauen gedenken, die Opfer des Holocausts wurden, ihre Namen nennen, ihnen ihre menschliche Würde unverbrüchlich zurückgeben.

Unsere Erinnerung gilt aber auch jenen Frauen, die Widerstand leisteten, die Mut, die Menschlichkeit und Moral bewiesen und aus diesem Widerstand heraus Großes geleistet haben. Sie leisteten diesen Widerstand aktiv oder passiv, aus den unterschiedlichsten Haltungen, aus politischen Haltungen, aus religiösen Überzeugungen und ganz einfach aus dem mitmenschlichen Engagement für viele Verfolgte: für die Jüdinnen und Juden, für die Roma und Sinti, für die Homosexuellen, für die politisch Verfolgten; für diese standen sie auch ein.

Ihr Beitrag war ein ganz wesentlicher, und er trug zur Freiheit Österreichs bei, wie es auch in der Moskauer Deklaration bereits deutlich erwähnt wurde. Es sind sie und es sind diese, die uns zeigen, was möglich gewesen ist und was möglich sein kann, wenn man nicht den bequemsten und nicht den sichersten Weg geht, wenn man für sich selbst einsteht und vor seinem Gewissen bestehen möchte – oftmals einsam, ängstlich und vielleicht ein wenig unsicher, aber man hat sich letztendlich für das Richtige entschieden.

Daher muss es auch heute unser Auftrag sein, ihren Taten, ihren Opfern gerecht zu werden. Da gilt es, gegen jeden aufkeimenden Antisemitismus und Antizionismus, gegen Intoleranz, Hass und Rassismus – sei es in unserer realen, haptischen Welt oder auch in der digitalen Welt – unsere Stimme zu erheben. Die Stimme der Frauen hören wir heute und wir sind dankbar für Ihre Beiträge. – Herzlichen Dank! (Beifall.)