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Rede des Nationalratspräsidenten Wolfgang Sobotka anlässlich der Buchpräsentation: : „Umbruch und Aufbruch. Parlamentarische Demokratie in Österreich“

Mittwoch, 8. Mai 2019

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Liebe Autorengemeinschaft!
Liebe Abgeordnete!

Ich darf Sie recht herzlich begrüßen, insbesondere jene beiden, die sich um die Herausgabe dieses Buches ganz hervorragend bemüht haben, die Herren Dr. Mertens und Dr. Köhler – herzlich willkommen!

Ich freue mich, dass an einem Tag, an dem so viel los ist, doch einige den Weg zu uns gefunden haben, und zwar zur Präsentation eines Buches, das aus einem bestimmten Grund zu diesem Zeitpunkt erscheint – Sie brauchen nur das Editorial zu lesen – und nicht schon vorher erschienen ist und das eigentlich als Handreichung für viele österreichische Bürgerinnen und Bürger gelten könnte, sich aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln mit Österreich auseinanderzusetzen.Das Who’s who der österreichischen Zeitgeschichtsschreibung hat Beiträge zu diesem Band geliefert. Ich möchte mich deswegen bei allen Autorinnen und Autoren ganz, ganz herzlich bedanken. Es ist eine große Freude und auch eine Ehre für das Parlament, dass Sie unser Haus mit Ihren Beiträgen in besonderer Art und Weise wertschätzen – dafür allen Autorinnen und Autoren ein herzliches Dankeschön! (Beifall.)

Warum das Buch erschienen ist, liegt natürlich auf der Hand: Das Gedenkjahr 2018 hat den Anstoß dazu gegeben. In der Diskussion mit den beiden Herausgebern, die natürlich auch Beiträge verfasst haben, ist schon folgende Frage zum Ausdruck gekommen: Wenn man ein Buch zum Hundertjahresjubiläum der Ersten Republik verfasst, was genau betrachtet man als deren Beginn – die Ausrufung, die ersten Wahlen, das Zusammentreten der Konstituierenden Nationalversammlung?

Wir haben uns daher entschlossen, dieses Buch nicht im Jahr 2018 erscheinen zu lassen, das durch eine Fülle von Jubiläen und Veranstaltungen gekennzeichnet war, sondern ganz bewusst erst im Jahr 2019 – das Jahr 1919 ist auch in der Erinnerung ein Zwischenstadium: die Ausrufung der Ersten Republik, die Wahlen und schlussendlich 1920 die erste Verfassung –, dort beginnend, die Ursprünge suchend, und – ganz wesentlich – die hundert Jahre durchmessend, und zwar in sehr unterschiedlichen Formen.

Für mich ist das Buch auch aus folgendem Grund so interessant: Lesen Sie die letzten beiden Beiträge, „Quo vadis, Austria?“ und „Narrative der Zukunft“, die deutlich zeigen – und als Historiker sollte man ja nicht etwas Apokalyptisches von sich geben, sondern die Zukunft aus der Vergangenheit heraus betrachten –, dass wir in einer Zeit leben, die von großen Brüchen gekennzeichnet ist.

Wenn wir in diesen hundert Jahren auch vieles erlebt haben – grausame Verbrechen so wie viele Bemühungen –, so merken wir doch, dass wir beginnend mit dem Jahr 2008 – ich würde es mit diesem Datum fixieren, und zwar wegen zweier wesentlicher Ereignisse, einerseits der Einführung des iPhones als persönlicher Computer, der überall zugegen ist und unser Leben total verändert hat, und andererseits der Finanzkrise – mit der Digitalisierung und der Globalisierung – ich würde das eigentlich noch um die demografischen Entwicklungen erweitern, die uns auch vor große Herausforderungen stellen – zwei Phänomene haben, die für den demokratischen Rechtsstaat eine ungeheure – manche würden sagen: eine unlösbare – Herausforderung darstellen.

Die Cloud ist nämlich nicht mehr verortbar, sie ist auch rechtlich nicht fassbar – wir können sie nicht zuschreiben. Es ist fast so wie bei der Heisenbergschen Unschärferelation: Ort und Zeit sind als solche nicht vorhanden. – Ich denke, all die Maßnahmen, die wir heute lokal, national oder europäisch zu organisieren versuchen, sind nur Hilfsmomente. Wer da den Schlüssel gefunden hat, der möge sich in besonderer Art und Weise engagieren!

Harari beschreibt das nicht nur hinsichtlich der Künstlichen Intelligenz, sondern erläutert vor allem auch, dass wir in der Frage der genetischen Forschung an einen Punkt gekommen sind, an dem wir auch in der Frage des Wertegerüstes neue Überlegungen anstellen müssen, um diesen Herausforderungen zu begegnen.

Dieses Buch ist daher für mich ein ganz großes und festes Fundament. Aufbauend darauf kann man den Herausforderungen – jenen, die sich schon heute stellen, und jenen, die noch vor uns liegen – mit Vertrauen begegnen. Das ist für mich das Positive.

Was eine für den Historiker noch schmerzlichere Tatsache ist – ich war heute gerade erst im Staatsarchiv und habe dort eine Reihe von Schriften präsentiert bekommen –: Wir erzeugen heute eigentlich keine Geschichte mehr. Selbst wenn Sie sich die Ministerratsprotokolle aus den Siebzigerjahren ansehen: Das sind Formalabschlüsse. Erst durch Tagebücher, durch Mitschriften der einzelnen Minister oder durch Zeitzeugeninterviews bekommt das vielleicht eine Dimension, die auch die Gedanken und Überlegungen hinter den Beschlüssen erhellt. Ob das dann der tatsächlichen Faktenlage entspricht, was zu einem Beschluss geführt hat und wie, mag auch für die Zeitgeschichtsforschung eine besondere Herausforderung sein.

Das trifft gerade auch auf die Gegenwart zu, denn wir heben keine SMS auf, Mails werden eher geschreddert, wir sind kurzzeitig auf Instagram und in vielen anderen Formaten unterwegs. Das betrifft nicht nur die sogenannte Junkiegeneration, sondern durchaus Menschen, die fest im – gesellschaftlichen, wirtschaftlichen – Leben stehen. Das sollte uns auch in der Geschichtswissenschaft dazu ermuntern, uns mit neuen Forschungsformen der Oral History – vielleicht dann der Digital History – auseinanderzusetzen und Möglichkeiten zu finden, wie wir auch unsere Zeit so zu dokumentieren imstande sind, dass die nachkommenden Generationen auch noch im Sinne Leopold Rankes erforschen können, „wie es eigentlich gewesen“ ist.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen mit diesem Buch viel, viel Vergnügen, viel Nachdenken und viel perspektivische Arbeit auch für die Zukunft! (Beifall.)