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Rede des Nationalratspräsidenten Wolfgang Sobotka anlässlich der Veranstaltung "70 Jahre Charta der Heimatvertriebenen"

Freitag, 11. September 2020

Sehr geehrte Damen und Herren!
Exzellenzen!
Werte Abgeordnete zum Nationalrat, Mandatare!
Lieber Norbert Kapeller!
Herr Professor Suppan!

Es freut mich, dass ich Sie im Parlament begrüßen darf. Sie sind die Repräsentanten dieser Gruppe von Menschen, die selbst die Heimat verloren haben, deren Anverwandte die Heimat verloren haben und die heute für uns ein großes Beispiel sind. Wir begehen heute anlässlich dessen eine Feier, dass man vor 70 Jahren eine Charta geschrieben hat, die beispielgebend für den Geist eines neuen Europas ist. Dafür darf ich mich gleich zu Beginn herzlich bedanken.

Ich mache es heute ausnahmsweise kurz, damit ich noch ein paar Worte von Professor Suppan höre, denn ich muss mich dann entschuldigen, da ich zur nächsten Ver­an­staltung muss – meiner eigenen Veranstaltung, bei der ich nicht fehlen darf. Mir ist es aber wichtig, dass ich Sie hier im österreichischen Parlament begrüßen darf, und es ist für uns eine große Freude.

Norbert hat es schon anklingen lassen: Krieg, in seinen Auswirkungen, in seinen Folgen – wir kennen das. Flucht und Vertreibung sind ein Thema, das mit der Menschheitsgeschichte seit Anbeginn in einer besonderen Form verbunden ist – negativ verbunden ist.

Das, was 1945 und in den Jahren danach passiert ist, ist sicherlich einzigartig in der Geschichte, und was noch einzigartiger ist, ist diese fünf Jahre später entstandene Charta. Es ist notwendig, den Fokus darauf zu richten, denn wenn man das Geschichtsbild sieht und die entsprechenden Passagen auch in unseren Geschichtsbüchern liest, dann hat man das Gefühl, dass manches nicht in der Gewichtung ge­se­hen wird, die es hat. Es gilt in diesem Sinne, auch zu berichten, was war und was ist.

Ich freue mich ganz besonders, dass auch der Kollege aus Tschechien da ist, weil wir erst vor Kurzem gemeinsam ein österreichisch-tschechisches Geschichtsbuch geschrieben haben, und auch darin sind die heiklen Momente unserer gemeinsamen Geschichte letzten Endes vermerkt: die Expansion, die Be­set­zung, der Mord und Totschlag, den die deutschen Armeen über halb Europa gebracht haben, und genauso das, was Ihnen und Ihren Anverwandten passiert ist, in der Zeit des Brünner Todesmarsches und anderer Gräuel, die letzten Endes auch Sie nachhaltig geprägt und verändert haben. Darum ist die­se Charta für uns heute so wichtig: weil sie nicht nur zurückgesehen hat, sondern auch nach vorne.

Wir können all das, was geschehen ist, nicht rückgängig machen. Wir können all das, was passiert ist, für uns auch als Schuld mitnehmen, uns auch dafür entschuldigen. Ich möchte mich heute bei Ihnen und bei den vielen anderen Menschen bedanken, die damals den Mut hatten, diese Charta zu schrei­ben. Sie ist nämlich deshalb so besonders, weil sie nicht nach dem alten Reflex verfasst wurde: Wie du mir, so ich dir!, sondern sie wurde in einem neuen Geist verfasst, der dieses gemeinsame Eu­ro­pa auf Verständnis zu bauen versucht, darauf, Minderheiten zu schätzen, und der darauf baut, die Rechte die­ser Minderheiten auch zu schützen.

Wenn wir, das hat Norbert schon anklingen lassen, die österreichische Nachkriegsgeschichte ansehen, dann ist eines der vielen Dinge, die wir heute kritisch sehen müssen, dass wir, auch im Vergleich zu Deutsch­land, jene, die damals gekommen sind, die Deutsch gesprochen haben, nicht mit offenem Her­zen begrüßt haben, sondern dass wir sie, die in Baracken gewohnt haben, die keine Möglichkeit hat­ten, auf dem Arbeitsmarkt sofort Zugang zu finden und die in ihrer Not vieles gelitten haben, damals auch als eine Last gesehen haben. Wir müssen uns fragen, warum wir diejenigen, die wir in den Jahren 1938 bis 1945 vertrieben haben, nicht zurückgeholt haben, warum wir unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht zurückgeholt haben.

Wir müssen uns fragen, warum wir in diesen Jahren dann eigentlich so vieles nicht mehr wissen woll­ten, bis in den Achtzigern, Neunzigern und jetzt, im neuen Millennium, eine Zeit angebrochen ist, sich dieser Geschichte sehr offen zu stellen. Sie haben mit dieser Charta eigentlich einen Beginn ge­setzt – einen Beginn, der ein friedliches Zusammenleben ermöglicht, der aber nicht vergisst, was pas­siert ist, der nicht auf Rache aus ist, sondern die Sachen so benennt, wie sie passiert sind. Unsere Auf­ga­be ist es heute, auch das in der Geschichte zu verankern.

Seinerzeit, noch als Landeshauptmannstellvertreter Niederösterreichs, habe ich ein Institut gegründet, das sich – so wie das Dokumentationsarchiv mit dem österreichischen Widerstand in der Zeit der Na­zi­herrschaft – mit Flucht und Vertreibung auseinandersetzt. Es greift weit zurück, in die Zeit um 1918, als Österreich kleiner wurde, als sich das ehemals große Reich dann auf einmal in einer Position als klei­ner Staat wiederfand.

Ich glaube, so ist dieses Thema bis zum heutigen Tage aktuell. Bis zum heutigen Tage sind die Fragen der Migration und der Vertreibung, aus welchen Gründen auch immer sie erfolgen, brennende Fragen für uns. Sich diesen immer wieder offensiv und letzten Endes auch mit der nötigen Transparenz zu stel­len, das ist heute unsere Aufgabe, und darum habe ich Sie gerne eingeladen, Sie gerne begrüßt, darf mich noch einmal bedanken und wünsche Ihnen alles Gute, auch in der Begleitung Ihrer Lieben, für die Zukunft. (Beifall.)