RN/55

13.14

Bundesrätin Mag. Daniela Gruber-Pruner (SPÖ, Wien): Hohes Präsidium! Sehr geehrter Herr Minister! Werte Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren hier und zu Hause oder in den Büros via Livestream! Zu Latein: Als eine, die selber sechs Jahre Latein erleiden musste, sage ich nichts (Heiterkeit bei ÖVP und Grünen da hätte ich eine andere, konträre Meinung. Ich habe das Gefühl, es hat mich in anderen Dingen blockiert. – Das ist aber heute nicht das Thema. 

Ich möchte auf einen Punkt einer Vorrednerin, Kollegin Partl, noch eingehen, weil es mich an solchen Stellen wirklich reißt: Sie haben von den unbeschulbaren Kindern gesprochen und dass wir akzeptieren müssen, dass es diese gibt. – Es ist aus meiner Sicht höchst problematisch, wenn man Menschen eine Fähigkeit oder einer Gruppe eine Fähigkeit wie die Beschulbarkeit komplett abspricht. Ich finde, das ist eine Überhöhung. Wer traut sich zu beurteilen, ob ein Lebewesen, ob ein Kind nicht die Möglichkeit hat, sich zu entwickeln? (Bundesrat Spanring [FPÖ/NÖ]: Das hat doch niemand gesagt! Ihr mit eurer linken Logik, das ist sowas von - - Wahnsinn! ) 

Muss es nicht die Aufgabe des Schulsystems sein, der Pädagog:innen, diese Kinder hereinzuholen und das Bildungssystem so zu bauen, dass alle Kinder beschult werden können (Bundesrat Spanring [FPÖ/NÖ]: Versteht ihr es wirklich nicht oder seid ihr einfach nur bösartig? Ich weiß es ...! Na unpackbar! – Rufe bei der SPÖ: Sch, sch, sch! – Weitere Zwischenrufe bei der SPÖ), und nicht zu selektieren in die, die nicht beschulbar sind und die, die brav sind? (Beifall bei SPÖ und Grünen. – Bundesrat Spanring [FPÖ/NÖ]: So ein Blödsinn! Unfassbar!)

Aber nun zu dem, wie ich eigentlich einsteigen wollte, nämlich: Ich freue mich über diese vorliegende Bildungsnovelle. Es ist ja, wir haben es heute schon gehört, ein Bündel an Maßnahmen, das hier beschlossen werden soll, dringende Reformen, die wir ja auch im Regierungsübereinkommen so vorgesehen haben. Wir können damit wirklich einige dieser Vorhaben bereits abhaken. 

Ich möchte auch auf das Thema der Deutschförderung fokussieren, weil es derzeit so zentral ist, uns fordert, weil aber auch so viel Halbwissen, was die Sprachförderung und die Deutschförderung betrifft, herumgeistert, auch heute hier. Darum möchte ich noch einiges ins rechte Licht rücken. 

Wir versuchen ja mit dieser Reform auch, am Modell der Deutschförderklassen, die wir vor einigen Jahren im Parlament beschlossen haben, Korrekturen vorzunehmen, weil sich in der Praxis einiges nicht bewährt hat und nicht den Effekt erzielt hat, den man zu erzielen erhofft hat. Deutschförderung ist einfach komplexer und setzt woanders an, als alle Kinder, die nicht gut Deutsch können, in einen Raum zu packen und dort zu fördern.

Das funktioniert nicht – auch die Sprachwissenschaft sagt, dass das nicht der richtige Ansatz ist. Ich freue mich, dass wir fraktionsübergreifend ein gemeinsames Ziel haben – wie wir heute in der Debatte ja auch hören –, nämlich: Wir wissen, alle Kinder sollen Deutsch lernen. Das ist unsere gemeinsame Sprache, Die Kinder brauchen Deutsch, um sich weiterentwickeln zu können, wenn sie hier in Österreich eine Zukunft haben sollen. Insofern können wir einmal abhaken, dass das ein ideologisches Projekt ist, sondern es ist eine Notwendigkeit, wenn wir auf die Zukunft unserer Kinder schauen. Welche Bedeutung Sprache hat, um zu lernen, um teilhaben zu können, haben eigentlich alle meine Vorredner:innen gut ausgeführt. 

Die Sprache zu fördern, ist aber mehr, als mit den Kindern Deutsch zu sprechen. Sprachförderung ist eine sehr komplexe Tätigkeit, die man auch nicht einfach von Pädagog:innen verlangen kann, sondern die eine spezifische Qualifizierung braucht. An dieser Stelle hätte ich das Gefühl, das müsste ein nächster Schritt sein: dass wir tatsächlich die Qualifizierung unserer Pädagog:innen in Sachen Deutschförderung noch auf gute Beine stellen, damit sie dieser komplexen Aufgabe auch gerecht werden. Wir haben auch im Ausschuss gehört: Es ist derzeit noch nicht vorgesehen, dass man für die Deutschförderung ein bestimmtes Erfordernis erbringen muss. Da, finde ich, können wir in einem nächsten Schritt dann auch tatsächlich nachschärfen. 

Das Problem, um das noch einmal zu benennen, warum wir uns eigentlich mit dieser Sprachförderung so beschäftigen müssen: Wir beobachten in der pädagogischen Praxis einen Verlust der Sprache. Das geht aber quer durch alle sozialen Gruppen, das ist nicht ein reines Thema von Kindern mit einer anderen Muttersprache als Deutsch. Die Pädagoginnen und Pädagogen beobachten immer mehr, dass diese sprachlichen Auffälligkeiten auch daher kommen, dass die digitalen Medien in den Familien und schon im frühen Kindesalter dermaßen dominant sind, dass die Sprache, der Dialog, das Sich-ins-Gesicht-Schauen und eine Beziehung aufzubauen in den Hintergrund rückt. Das blockiert genauso die sprachliche Entwicklung – oder verzögert sie zumindest –, wie wenn man mit mehreren Sprachen zurechtkommen muss und Deutsch lernen muss. Das ist ein Phänomen, das sich breitmacht und das unsere Pädagog:innen zu Recht sehr fordert. 

Das bedeutet aber im nächsten Schritt: Wenn die Sprache zu Hause in den Familien in den Hintergrund rückt, weil digitale Medien so dominant sind, dann ist es die Aufgabe des Bildungssystems und von uns als Gesellschaft, der Sprache und der Sprachförderung mehr Aufmerksamkeit zu widmen und mit den Kindern in den Dialog zu treten. Da möchte ich einfach wieder eine Werbeeinschaltung – Sie alle kennen das von mir – für die elementare Bildung machen, weil dort genau diese Beziehungspflege, dieser Dialog, diese Bindung möglich ist. (Beifall bei der SPÖ und bei Mitgliedern des Bundesrates von der ÖVP.) Wir wissen, dass es dort möglich ist, die Kinder spielerisch und sehr gezielt zu fördern. Dass es diese Förderung braucht, da sind wir uns einig.

Ein Wort zu den Testungen: Ich begrüße den Schritt, dass man nicht wie mit der Gießkanne alle Kinder im gleichen Rhythmus testet. Das ist bei manchen Kindern einfach nicht notwendig und es ist schade um den Testaufwand. Es bleibt ja die Möglichkeit bestehen – das hat die FPÖ falsch verstanden –, zweimal zu testen: dort, wo man Kinder speziell beobachten will und verfolgen will, ob es einen Fortschritt gibt, ob man noch einmal nachsetzen muss. Diese Möglichkeit bleibt bestehen, und da macht es auch Sinn.

Wo wir tatsächlich eine Schwierigkeit haben: Im Kindergarten wird mit einem anderen Testinstrument getestet als in der Schule. Im Kindergarten ist es das Besk-Testsystem und in der Schule Mika-D. Diese Systeme sind nicht ganz kompatibel, das heißt, da gibt es einen Informationsverlust. Es wäre erstrebenswert, dass es uns gelingt, in den nächsten Jahren ein gemeinsames Testsystem weiterzuentwickeln, auf dem man dann gemeinsam aufbauen kann.

Ein Punkt, der mir besonders wichtig ist: Deutsch fördern heißt auch, die Muttersprache wertschätzen. Wir wissen aus der aktuellen Sprachförderung – Simone (in Richtung Bundesrätin Jagl [Grüne/NÖ]) hat wahrscheinlich nachher dasselbe Thema noch einmal –: Man kann dann besonders gut Deutsch lernen, wenn man in der eigenen Muttersprache fundiert ist, wenn man sich da ausdrücken kann, wenn ein Grundstock an Grammatik, an Vokabular da ist. Auf dem aufbauend kann man dann eine Sprache lernen. Wenn das halbherzig bleibt und Kinder ihre Muttersprache schlecht lernen, gibt es weniger Potenzial. Wenn wir also wollen, dass die Kinder Deutsch lernen, ist es in unserem Interesse, dass sie auch ihre Muttersprache gut beherrschen. (Beifall bei der SPÖ sowie bei Mitgliedern des Bundesrates von ÖVP und Grünen.)

Es macht zum Beispiel gar keinen Sinn – was oft reflexartig passiert –, den Eltern zu sagen: Sprecht doch mehr Deutsch zu Hause! Wenn beide Eltern nicht gut Deutsch sprechen und die Kinder bruchstückhaft Deutsch lernen, dann ist es kontraproduktiv. Es ist also besser, sie lernen ihre Muttersprache gut; wir können dann mit der deutschen Sprache darauf aufsetzen.

So, jetzt bin ich ein paar mal hin und her gehüpft. Ich möchte zu den Sommerschulen noch etwas sagen: Die Sommerschulen sind ein Puzzleteil in der Deutschförderung, wie es jetzt vorgesehen ist, weil wir wissen, dass neun Wochen Sommerferien – und das kennen wir alle – einen Knick in der Lernkurve bedeuten. Es ist logisch, dass die Kinder in dieser Zeit viel vergessen und dass man im September wieder drei Schritte weiter hinten beginnen muss. 

Auch die FPÖ hat ja gesagt, Deutsch soll gefördert werden. – Warum nicht verschiedene Puzzleteile – die sinnvoll erscheinen und betreffend die es Evidenz gibt, dass das Sinn macht – als einen Fortschritt sehen, um das System zu verbessern und die Kinder gezielt fördern zu können? Das ist doch einen Versuch wert und im Interesse der Kinder, dass sie dann wieder gut durchstarten können.

Ein Wort noch zur Leistungsbeurteilung und betreffend mehr Autonomie, dass der Schulstandort entscheiden kann, welches Kind mit welchen Noten aufsteigen kann: Noten sind ja an und für sich keine Bestrafung, sondern sie sind eine Information, wo ein Kind steht – was man auf dieser Information aufbauend tun kann. 

Ich habe einen Nachbarn, der mit ganz wenig Deutschkenntnissen die Schule gestartet hat und überraschenderweise in allen Fächern außer Deutsch megatolle Leistungen abgeliefert hat. Es macht doch Sinn, dass er schnellstmöglich weiterkommt, indem man festschreibt: Natürlich muss er in Deutsch gefördert werden, natürlich muss er beim Deutschlernen unterstützt werden, aber ihn einmal, zweimal sitzen bleiben zu lassen, weil ein Fach von zehn nicht optimal ist, ist doch hinsichtlich Bildungskarriere und Leistungsgedanken kontraproduktiv. Darum finde ich: Man muss den Lehrern und Lehrerinnen auch die Fachkompetenz zugestehen, zu entscheiden: Wird er es packen, macht es Sinn, dass er gleich die nächste Hürde nimmt? (Beifall bei der SPÖ sowie bei Mitgliedern des Bundesrates von ÖVP und Grünen.)

Das heißt, ich werbe noch einmal dafür, dass wir diese vorgeschlagenen Maßnahmen begrüßen und heute auch beschließen, weil sie wissenschaftlich fundiert, pädagogisch wertvoll und damit im Sinne der Kinder sind. – Vielen Dank. (Beifall bei der SPÖ sowie bei Mitgliedern des Bundesrates von ÖVP und Grünen.)

13.25

Vizepräsidentin Mag. Christine Schwarz-Fuchs: Als Nächste zu Wort gemeldet ist Frau Bundesrätin Simone Jagl. Ich erteile ihr dieses.

Die angezeigte Rede ist noch nicht nach § 65 Abs. 2 GO-BR autorisiert.