10.47
Bundesrätin Verena Schweiger, BA MA MA (SPÖ, Wien): Vielen Dank, sehr geehrter Herr Vizepräsident! Sehr geehrte Frau Ministerin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuseherinnen, liebe Zuseher! Ich stehe heute hier als Bundesrätin, als Frau, und ich kann Ihnen sagen: Ich kenne die Momente schon, in denen man merkt, dass man sich ein bisschen mehr beweisen muss als andere – nicht, weil man weniger kann, nicht, weil man vielleicht ein bisschen schlechter ausgebildet ist, sondern weil man eine Frau ist. Und genau deswegen führen wir diese Debatte heute. (Beifall bei SPÖ, ÖVP und Grünen sowie der Bundesrätin Deutsch [NEOS/W].)
Es hält sich die Vorstellung nämlich hartnäckig, dass sich Gleichstellung irgendwann von selber ergibt. Das hat sie aber nie und das wird sie auch nie. Alles, was Frauen erreicht haben, wurde erkämpft – politisch, gesellschaftlich und auch gesetzlich. Gleichstellung passiert nämlich nicht von selbst, sie wird gemacht.
Mit der vorliegenden Gesetzesänderung erhöhen wir die Geschlechterquote in Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen auf 40 Prozent, und wir sehen: diese Quoten wirken. Dort, wo es klare Regeln gibt, dort steigt der Frauenanteil von rund 16 Prozent auf über 30 Prozent. Das ist kein Zufall, das ist Politik.
Und ja, es sind weitere Schritte nötig, denn in den Vorständen schaut es noch immer ganz anders aus, dort liegt der Frauenanteil bei gerade einmal rund 13 Prozent. – Nein, das liegt nicht daran, dass es keine qualifizierten Frauen gäbe, das Gegenteil ist eigentlich der Fall. Es werden dann oft so Wirtschaftsuntergangsszenarien gezeichnet und dann kommt oft das Argument: Der Markt wird das schon regeln! Da frage ich mich dann: Der Markt hatte eigentlich Jahrzehnte Zeit, und was ist passiert? – Er hat es nicht geregelt. Männer haben immer Männer nachbesetzt. Das ist eigentlich kein freier Markt, das ist wie ein geschlossener Club.
Wenn dann von Leistung gesprochen wird, dann muss man aber schon ehrlich sein: Wenn ausschließlich Leistung und Ausbildung entscheiden würden, dann würden unsere Vorstandsetagen heute anders aussehen. Da wird nämlich nicht Leistung verteidigt – und die möchte ich den Männern auch nicht absprechen –, es wird ein System verteidigt, ein System, das Frauen strukturell draußen hält. (Beifall bei der SPÖ und bei Mitgliedern des Bundesrates von den Grünen.)
Wenn wir uns die Fakten genauer anschauen, dann sehen wir, dass in vielen großen Unternehmen oft keine einzige Frau in der Führungsetage sitzt. Und was sagt uns das? – Je höher die Position, desto weniger Frauen. Die gläserne Decke ist also kein Mythos, sondern sie ist statistisch belegbar – und sie beginnt nicht erst im Vorstand, sie beginnt viel früher, sie beginnt bei der ersten Beförderung, sie beginnt bei Rollenbildern und bei fehlenden Rahmenbedingungen. Frauen scheitern nicht am Können, sie scheitern einfach an den Strukturen.
Wenn man sich manche Vorstandsetagen in Österreich anschaut, dann könnte man fast glauben, es gibt dort ganz eigene Auswahlkriterien. Bei der Auswahl geht es nämlich oft nicht um Ausbildung oder um Erfahrung oder um Leistung, sondern um etwas ganz anderes, das man sich weder erarbeiten noch verdienen kann. Die inoffizielle Zugangsvoraussetzung für Chefetagen ist nämlich offensichtlich die Frage, ob man Hoden besitzt oder nicht. (Heiterkeit bei Mitgliedern des Bundesrates von SPÖ und ÖVP.) Genau deshalb brauchen wir Veränderung. Das hat nämlich nichts mit Leistung zu tun, das hat nichts mit Qualifikation zu tun, das ist schlicht und einfach ein System, das sich selbst reproduziert.
Männer wählen viel zu häufig Männer, Strukturen bleiben gleich und Frauen bleiben draußen. Genau deshalb greifen wir jetzt ein, denn eines ist klar: Führungskompetenz hängt nicht vom Geschlecht ab und ganz sicher auch nicht von Körperteilen. (Beifall bei der SPÖ und bei Mitgliedern des Bundesrates von der ÖVP.)
Frauen fehlen nämlich gar nicht, sie werden schlicht übersehen. Frauen sind da, Frauen sind qualifiziert und Frauen sind auch bereit – trotzdem kommen sie viel seltener nach oben als Männer.
Und wer jetzt behauptet, Männer würden dann benachteiligt, dem möchte ich eines schon ganz klar sagen: Wir wollen gar nicht mehr, wir wollen einfach nur das Gleiche. Wir wollen auch niemandem etwas wegnehmen, wir wollen das, was für Männer seit Jahrzehnten ganz selbstverständlich ist: Wir wollen Chancen, wir wollen Zugang, wir wollen Verantwortung und, ja, wir wollen auch die Chefsessel haben.
Sehr geehrte Damen und Herren! Ich möchte nicht, dass wir in ein paar Jahren immer noch dieselbe Debatte führen. Ich möchte, dass wir sagen: Wir haben es geändert, wir haben es durchgesetzt und wir haben Gleichstellung endlich ernst genommen! Ich möchte eine Gesellschaft, in der es keine Schlagzeile mehr wert ist, wenn eine Frau an der Spitze steht, in der das selbstverständlich ist, in der niemand mehr überrascht darüber ist und in der niemand fragt: Kann sie das überhaupt? Wir sind heute nicht hier, um um Erlaubnis zu bitten. Wir sind nicht hier, um zu warten. Wir sind hier, um zu verändern, und das wird jetzt getan. – Vielen Dank. (Beifall bei der SPÖ und bei Mitgliedern des Bundesrates von der ÖVP.)
10.52
Vizepräsident Daniel Schmid: Zu Wort gemeldet ist Frau MMag.a Elisabeth Kittl. Ich erteile ihr dieses.
Die angezeigte Rede ist noch nicht nach § 65 Abs. 2 GO-BR autorisiert.