RN/108

19.11

Bundesrätin Mag. Dr. Julia Deutsch (NEOS, Wien): Vielen Dank, Frau Präsidentin! Sehr geehrte Frau Staatssekretärin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuseherinnen und Zuseher via Livestream! Vielen Dank, lieber Herr Kollege Tiefnig, für meine Ankündigung. Es war mir ein Anliegen, mich auch noch zu diesen Tagesordnungspunkten zu Wort zu melden, da ich mich auch selber in den vergangenen Monaten sehr viel damit beschäftigt habe. 

Die Basisausbildung ist der Einstieg in den ärztlichen Beruf. Das sind die ersten Monate, die quasi für alle gleich ablaufen, bevor es dann in die Facharztausbildung geht. Der erste Tag der Basisausbildung ist der erste Tag, in dem man als Arzt oder als Ärztin Verantwortung übernimmt. Das ist eben der erste Tag nach dem Studium: Man geht in das Spital – und plötzlich ist man verantwortlich. Das ist trotz des langen Studiums und auch trotz des Klinisch-Praktischen Jahres – also des letzten Studienjahres, in dem man Praxis sammelt – ein gewaltiger Sprung. 

Ich befinde mich selber gerade im letzten Monat meiner Basisausbildung. Ich bin im neunten Monat – in der Basisausbildung (Heiterkeit – Bundesrat Tiefnig [ÖVP/OÖ]: Das sieht man gar nicht!); in der Basisausbildung offensichtlich! –, und mich betrifft diese Änderung nicht mehr. Meine Kolleginnen und Kollegen, die ab 1. August in den Dienst eintreten, betrifft das sehr wohl. Meine Anfangszeit ist also noch überhaupt nicht lange her. Ich kann mich wirklich sehr gut daran erinnern, wie das war, am ersten Tag das Spital zu betreten. Und es war nicht nur am ersten Tag, es war vielmehr in den ersten Wochen, dass, wenn die löbliche Pflege auf einen zutritt und sagt: Ich brauche einen Arzt!, die erste Reaktion vielleicht ist: Ich? Ich soll Medikamente verordnen? Ich soll Angehörigengespräche führen? Ich soll für die Station, für die Ambulanz, für sonstige Dinge verantwortlich sein? – Das ist ein gewaltiger Sprung ins kalte Wasser, und an die Temperatur dieses Wassers muss man sich auch erst gewöhnen. Das dauert seine Zeit, und gleichzeitig wächst man daran und entwickelt sich weiter, und man lernt, und man lernt, und man lernt. 

Du lernst Medizin nicht nur aus Büchern, du lernst die Medizin in der Praxis, du lernst sie durch Erfahrung, und du lernst sie leider auch manchmal aus Fehlern, auch wenn das natürlich etwas ist, was man aus Patientenperspektive nicht gerne hört, aber es lässt sich nicht oder kaum vermeiden, so wie in jedem anderen Beruf, in den man den Einstieg wählt. 

Unser Anspruch muss deshalb sein, dass junge Ärztinnen und Ärzte möglichst gut begleitet werden und das Lernen nicht auf Kosten der Patientensicherheit erfolgt. Dafür braucht es Zeit für Supervision, es braucht Zeit für gute Ausbildung, und es braucht ausreichend Ressourcen.

Vor diesem Hintergrund mag eine Verkürzung der Basisausbildung vielleicht auf den ersten Blick zunächst widersprüchlich erscheinen, aber ich halte sie tatsächlich für wirklich wichtig und richtig. Warum? – Weil wir in Österreich genug Medizinstudierende, aber nicht genug Ausbildungsplätze haben. 

Ich bin selber eben damals kurz vor dem Studienabschluss gestanden, und als ich kurz vor dem Ende war, hat die Wartezeit im Wigev, also im Wiener Gesundheitsverbund, für einen Basisausbildungsplatz 15 Monate betragen. Soweit ich gehört habe, ist die Wartezeit in der Zwischenzeit noch länger geworden, und auch in anderen Bundesländern sieht die Situation leider nicht viel besser aus. Das bedeutet, Menschen, die ihr Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen haben, die bereit sind, in die Praxis zu gehen, können das nicht tun, weil sie keinen Ausbildungsplatz haben. 

Was ist die Konsequenz? – Die Konsequenz ist, dass sie abwandern. Sie gehen nach Deutschland, sie gehen in die Schweiz (Beifall des Bundesrates Mertel [SPÖ/Ktn.]) – nicht weil sie so gerne ins Ausland gehen, sondern weil ihnen keine andere Möglichkeit mehr bleibt, weil sie gerne praktizieren möchten und weil sie einen Ausbildungsplatz brauchen. Diese Ärztinnen und Ärzte gehen uns verloren, sie gehen unserem Gesundheitssystem verloren, und das ist einfach sehr schade, weil die Ausbildung hier bei uns gemacht worden ist, aber am Ende des Tages wir und unsere Gesellschaft nichts mehr davon haben. 

Die Verkürzung der Basisausbildung bewirkt jetzt Folgendes: Im Gegensatz zu dem, was der Herr Kollege von der FPÖ vorhin gemeint hat, nämlich dass sie nicht mehr Ausbildungsplätze bringe, bringt sie diese schon, denn die Lehrkrankenhäuser haben ja bestimmte Kapazitäten, und wenn ich jetzt die Ausbildungszeit von neun auf sechs Monate kürze, brauche ich ja trotzdem die Ärztinnen und Ärzte, ich brauche halt mehr davon, weil die Zeit selber kürzer ist – und damit verkürzt sich die Wartezeit, und das ist doch durchaus ein sinnvoller Schritt. 

Ich möchte aber auch betonen – ich bin so frei –: Das darf nicht das Ende dieser Debatte sein, denn die eigentliche Aufgabe bleibt bestehen: Wir müssen die ärztliche Ausbildung insgesamt weiterentwickeln. Das Lernen darf nicht auf Kosten der Patientinnen und Patienten gehen. Mehr Ausbildungsplätze, bessere Betreuung und mehr Zeit für qualitativ hochwertige Ausbildung, das sind alles entscheidende Aspekte, wenn wir langfristig sowohl die Patientensicherheit als auch die Qualität der ärztlichen Ausbildung stärken wollen. 

Die Politik ist kein Wunschkonzert, überhaupt nicht, aber ich möchte trotzdem heute einen Wunsch hier deponieren, weil ich als einzelne Parlamentarierin hier jetzt gerade einfach nicht mehr machen kann als das: Ich wünsche mir wirklich, dass künftige Absolventinnen und Absolventen schneller in den Arztberuf einsteigen können als meine Generation, und ich wünsche mir ganz ehrlich auch, dass sie noch besser darauf vorbereitet werden und dass sie besser auf ihrem Ausbildungsweg begleitet werden. 

Ich selber hatte in meiner Anfangszeit mit meinem Team ein wahnsinniges Glück. Ich wurde nie im Stich gelassen, ich wurde stets begleitet, es war immer jemand für mich da, aber ich weiß gleichzeitig auch, dass das in dieser Ausbildungszeit nicht selbstverständlich ist. Da ist noch sehr viel Luft nach oben, wir haben da noch sehr, sehr viel zu tun. Diese Novelle ist ein sinnvoller erster Schritt, und ich wünsche mir sehr, dass wir da weiter dranbleiben und noch weitere Schritte setzen werden. – Vielen Dank. (Beifall bei SPÖ und Grünen sowie bei Mitgliedern des Bundesrates von der ÖVP.)

19.17

Präsidentin Mag. Christine Schwarz-Fuchs: Als Nächste zu Wort gemeldet ist Frau Bundesrätin Verena Schweiger. Ich erteile dieses.

Die angezeigte Rede ist noch nicht nach § 65 Abs. 2 GO-BR autorisiert.