4512/J XX.GP

 

der Abgeordneten Petrovic, Freundinnen und Freunde

an den Bundesminister für Landesverteidigung

betreffend Truppenübungsplatz Allentsteig; Plattform SOS - Waldviertel; wird das

Waldviertel ein Militärviertel?

“Der “Führer".... will einen Truppenübungsplatz, ausgerechnet rund um den Geburtsort

seiner Großmutter, und beginnt unbarmherzig mit der Entvölkerung dieses Landstrichs, um

den TÜPL “Döllersheim” zu schaffen. Eine der größten Tragödien Österreichs in

Friedenszeiten nimmt ihren Lauf.

Hitler befiehlt eine in der jüngeren Geschichte einzigartige großflächige Verwüstung von

Kulturland. Er zerstreut die Bewohner seiner “alten” Heimat in alle Winde, tastet aber ihre

Häuser nicht an, er schafft “nur” eine Art Freilichtmuseum des Krieges.

Hubert Margl, Dörfer ohne Schatten in :die Presse, 18.119. Juni 1988, Beilage Seite III.

Trotz der Beschlüsse der provisorischen Staatsregierung Österreichs aus dem Jahr 1945 und

anderer politischer Willenserklärungen kam es nach den Krieg nicht zur versprochenen

Rückgabe und Wiederbesiedelung des Gebietes; im Gegenteil: die Aussiedelungen und

Vertreibungen dauerten auch in den 60iger Jahren unseres Jahrhunderts weiter an.

Trotz dieser unheilvollen Geschichte des Truppenübungsplatzes lehnt die örtliche

Bevölkerung weder das Bundesheer noch den Truppenübungsplatz generell ab, wohl aber

die immer undemokratischeren und inakzeptablen Übergriffe gegen zivile und

wirtschaftliche Aktivitäten in der Umgebung. Mittlerweile werden gegen die Bevölkerung

Hundestaffeln eingesetzt, nehmen die nächtlichen Schießübungen mit extremer Lärm - und

Druckwellenbelastung überhand, ist die Landesstraße durch den Truppenübungsplatz

praktisch ganzjährig gesperrt, und kommt es verstärkt zu Übungen fremder Armeen auf

österreichischem Gebiet. Es muß als extreme Provokation gewertet werden, wenn es in

Presseaussendungen ausländischer Militärs etwa heißt: “Dieser nordwestlich von Wien

gelegene Truppenübungsplatz ermöglicht es, die geplanten Einsätze praktisch ohne

Auflagen unter realistischen Bedingungen durchführen zu können. Die Vorteile des

Übungsgeländes überwiegen den Nachteil des Aufwandes für Material - und

Personentransporte nach Österreich bei weitem.” (Presseaussendung des eidgenösischen

Militärdepartements EMD, vom 9.11.1995).

Im Rahmen der Übungen fremder Armeen in Österreich kommt es auch zu

Datenübertragungen an das Ausland: “Es ist schon die dritte gemeinsame Erprobung mit der

Schweiz. (...) Krieg der Sterne über Allentsteig (...) Der gesamte Truppenübungsplatz

wurde digitalisiert und ist dreidimensional am Bildschirm zu sehen. Der Satellit spielt die

Fahrzeugbewegungen nach. Die Waffenwirkung wird über Lasersimulatoren

wirklichkeitstreu nachgestellt. Per Datenleitung sind das Rechenzentrum der Schweizer

Armee in Lyss und die Übungsleitung in Allentsteig miteinander verbunden.” (Mobility

1996, Verlautbarungsblatt der dritten Panzergrenadierbrigade).

Leitende Befehlshaber des Bundesheeres vollziehen offenbar nicht mehr ausschließhch das

Neutralitätsgesetz, sondern bereiten - in Übereinstimmung mit führenden Politikern der

ÖVP - auch in der Realität den NATO - Beitritt Österreichs vor. “Daß nach einem etwaigen

NATO - Beitritt auch unsere zukünftigen Verbündeten Allentsteig nutzen können,

bezeichnete Brigadier Teszar als in der Natur der Sache liegend, schränkte aber ein, daß

sich diese internationale Kooperation im Inland wahrscheinlich mit Aktivitäten des

österreichischen Bundesheeres im Ausland die Waage halten würde. Außerdem sei der

TÜPL mit 80% Auslastung an der Grenze der maximalen Nutzbarkeit. “ (Der Waldviertler,

2/1998, Seite 5).

Durch die in letzter Zeit extrem angewachsenen Belastungen entstehen schwere Schäden für

nichtmilitärische Wirtschaftszweige und für das zivile Leben.

Die unterfertigten Abgeordneten stellen daher folgende

ANFRAGE:

1) Sind Ihnen die Forderungen der Plattform SOS - Waldviertel bekannt? Wenn nein,

werden Sie sich über die wachsenden Klagen der Bevölkerung informieren? Wenn ja,

was haben Sie veranlaßt, um mit den für den TÜPL Allentsteig Zuständigen eine

Entlastung der Bevölkerung zu erreichen?

2) Wie hat sich die zeitliche Intensität der militärischen Übungstätigkeiten im

Waldviertel in den letzten 10 Jahren entwickelt? (a) Angabe der Schießtage, b)

genaue Angabe der Nachtschießübungen, c) Angabe der Ausweitung des

Übungsbetriebes über die Grenzen des TÜPL hinaus?

3) Sie sprechen in der Anfragebeantwortung (XX.GP/206/AB) vom 26.04.1996 von

“gravierenden Schutzvorkehrungen, um die anrainende Bevölkerung vor

unzumutbaren Beeinträchtigungen zu bewahren”. Welche zeitliche Beschränkung gibt

es für nächtliche Schießübungen am TÜPL - Allentsteig?

4) An wieviel Tagen des Jahres war die Landeshauptstraße 75 in den letzten 10 Jahren

temporär geschlossen?

5) Gab es eine Bewertung der Schäden (Treibstoffverbrauch, Zeitverluste für

Privatpersonen bzw. für die regionale Wirtschaft)? Wenn nein, warum nicht?

6) Gab es Entschädigungen für die Zeitverluste bzw. die Aufwendungen bedingt durch

immer häufigere Umwege ? Wenn nein, warum nicht?

7) Existiert ein Service -Telefon über welches sich AnrainerInnen bzw. TouristInnen und

Gewerbebetriebe jederzeit über die Öffnungs- bzw. Schließzeiten der

Landeshauptstraße 75 informieren können ? Wenn nein, warum nicht?

8) Tragen die Verantwortlichen dafür Sorge, daß die Schließ- bzw. Öffnungszeiten der

Landeshauptstraße 75 über die Verkehrsinformationsdienste des österreichischen

Rundfunks bekanntgegeben werden. Wenn nein, warum nicht? Werden Sie dafür

Sorge tragen, daß derart selbstverständliche Serviceleistungen per sofort angeboten

werden?

9) Werden Sie dafür Sorge tragen, daß die Landeshauptstraße 75 - außer in wenigen

Fällen von vorher bekanntgegebenen unabdingbaren Schießübungen - jederzeit frei

benützt werden kann? Wenn nein, warum nicht?

10) Immer wieder kursieren Medienberichte bzw. Meldungen über die geplante

Errichtung eines Militärflugplatzes für Jets im Waldviertel. Entsprechen diese Pläne

der Realität? Soll ein Flugplatz für Jets errichtet werden?

11) Wie oft wurde bzw. wird der bestehende Landeplatz für Hubschrauber in den letzten

10 Jahren frequentiert?

12) Auf dem Gebiete des Truppenübungsplatzes befinden sich nach wie vor die Gräber

der Angehörigen der Vertriebenen, so etwa der Friedhof Groß Poppen.

Übereinstimmenden Berichten vieler AnrainerInnen zufolge detonieren immer wieder

Granaten auf dem Gräberfeld. Diese Vorgangsweise des Bundesheeres ist nicht nur

pietätlos, sondern steht auch im Widerspruch zum österreichischen Strafrecht (Störung

der Totenruhe). Was werden Sie tun, daß die dafür Verantwortlichen auch rechtlich

belangt werden und was werden Sie tun, daß derartige Rechtsbrüche in Zukunft

verhindert werden?

13) Übereinstimmenden Berichten vieler AnrainerInnen zufolge soll es trotz strengster

Verbote immer wieder zu einem Überschießen der Stadt Allentsteig von der Stellung

Wurmbach aus kommen. Was werden Sie tun, um diese Berichte der AnrainerInnen

zu überprüfen und allenfalls die dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen?

14) Durch die extremen Druckwellen bei Schußübungen ist es wiederholtermaßen zu

schweren Schäden an Gebäuden gekommen. Welche Serviceeinrichtungen bietet das

Bundesheer bzw. der Truppenübungsplatz Allentsteig, um im Falle des Auftretens von

Schäden rasch und unbürokratisch Abhilfe zu schaffen, bzw. sofort finanziell adäquate

Entschädigungen anzubieten?

15) Welche Entschädigungen wurden in den vergangenen 10 Jahren an AnrainerInnen zur

Abgeltung von a) Gebäudeschäden, b) Flurschäden, c) sonstigen Schäden geleistet?

16) Welche Entschädigungsleistungen wurden in diesem Zusammenhang in den letzten 10

Jahren an beeinträchtige BürgerInnen geleistet?

17) Sind in dieser Angelegenheit Schäden durch Druckwellen( bzw. durch Fahrzeuge)

Rechtsstreitigkeiten anhängig und was werden Sie tun, um diese Rechtsstreitigkeiten

rasch und unbürokratisch im Sinne der geschädigten BürgerInnen zu einem Abschluß

zu bringen?

18) Wie hat sich die maximale Lärmbelastung rund um den Truppenübungsplatz in den

letzten 10 Jahren entwickelt?

19) Es werden Lärmspitzen berichtet, die als gesundheitsgefährdent einzustufen sind. Was

werden Sie tun, um in den umliegenden Ortschaften extreme Lärmbelastungen,

insbesondere zur Nachtzeit, zu verhindern und damit auch schwere Schäden für die

örtliche Wirtschaft abzuwenden?

20) Dem Vernehmen nach soll es immer wieder zur Sprengung nicht abgelaufener

Munition kommen, da sonst Neubeschaffungen nicht genehmigt würden. Was werden

Sie tun , um per sofort eine derart überflüssige Lärmbelastung bei gleichzeitiger

Verschwendung von Steuermitteln einzustellen?

21) Das Bundesheer hat zur Durchführung der Administration ein Schloß angemietet. Wie

hoch ist der monatliche bzw. jährliche Mietaufwand? Halten Sie es für angemessen, in

Zeiten von Sparpaketen Schlösser anzumieten und wäre nicht auch eine

kostengünstigere Unterbringung der TÜPL - Verwaltung möglich?

22) Im Zuge der Neuordnung des österreichischen Spitalswesens wurde dem Krankenhaus

Allentsteig auf Basis unabhängiger Expertenstudien die Schaffung einer

Akkutneurologie (im Waldviertel derzeit nicht vorhanden) samt angeschlossener

Rehabilitations - Bettenstation politisch versprochen. Mit Hinweis auf den durch den

Truppenübungsplatz verursachten Lärm wurde diese Zusage der Regierenden ohne

Mitsprache der Gemeinde wieder zurückgezogen. Wie beurteilen Sie den Umstand,

daß wichtige Gesundsheitsinvestitionen, die von unabhängigen ExpertInnen für

notwendig gehalten werden, durch die Aktivitäten am Truppenübungsplatz nunmehr

nicht mehr realisiert werden? Werden Sie mit den für das Krankenanstaltenwesen

zuständigen politischen Stellen auf Bundes - und Landesebene Gespräche aufnehmen,

um in der Gemeinde Allentsteig doch noch die Errichtung einer Akkutneurologie samt

angeschlossenen Rehabilitations - Bettentrakt zu ermöglichen? Wenn nein, warum

nicht?

23) In letzter Zeit wird der TÜPL Allentsteig mit Hundestaffeln “bewacht”. Sind Sie sich

dessen bewußt, daß eine derartige Vorgangsweise eine eindeutige Provokation

gegenüber der Bevölkerung darstellt und das derartige Methoden in Europa in Staaten

wie der ehemaligen DDR praktiziert worden sind? Was werden Sie tun, um derartige

undemokratische Provokationen einzustellen?

24) Um den Übungsbetrieb “realistischer” zu gestalten werden die Aktivitäten in jüngster

Zeit immer häufiger auf Gebiete außerhalb des TÜPL ausgedehnt. Wie oft kam es

in den vergangenen 5 Jahren zu militärischen Handlungen außerhalb des Sperrgebietes

des Truppenübungsplatzes und welcher räumliche Umfang von Gebieten wurde dafür

in Anspruch genommen?

25) Gibt es Studien, ob und inwieweit andere Wirtschaftszweige (Tourismus,

Gastronomie) durch die gestiegenen Aktivitäten am TÜPL in Mitleidenschaft gezogen

wurden oder werden? Was werden Sie tun, um eine Quantifizierung der negativen

Auswirkungen (Abwanderungen, wirtschaftliche Einbußen) zu veranlassen und den

betroffenen Gemeinden eine entsprechende Hilfestellung anzubieten?

26) Die Absicherung des Truppenübungsplatzes als Sperrgebiet mit Hundesstaffeln wird

vordergründig in der Öffentlichkeit damit begründet, daß es dort gefährliche Altlasten

(Sprengkörper) geben könnte. Nach Aussagen von Militärpersonen sind die Zonen, in

denen sich möglicherweise derartige Altlasten befinden, durchaus bekannt. Teilen Sie

die Auffassung, daß es jedenfalls - auch zum Schutze der Sicherheit von

Militärpersonen - notwendig ist per sofort diese Altlasten zu orten und zu entschärfen.

Wenn ja, was werden Sie diesbezüglich unternehmen?

27) Wieviele Bundesheer - Arbeitsplätze sind derzeit im Rahmen des militärischen

Übungsbetriebes auf dem Truppenübungsplatz besetzt? (bitte nach Vollzeit und

Teilzeitarbeitsplätzen aufschlüsseln) Wie viele dieser Stellen sind von Personen aus

Gemeinden im Umkreis des Truppenübungsplatzes besetzt und wieviele kommen von

“auswärts”‘?

28) Wie ist das Beschaffungswesen des Truppenübungsplatzes im Hinblick auf

Nahrungsmittel und Güter des täglichen Bedarfes gestaltet? Wie hoch ist der Anteil

der in den Gemeinden rund um den Truppenübungsplatz zugekauften Produkte?

29) Wie hoch ist der Anteil der regional beschafften landwirtschaftlichen Erzeugnisse und

welcher Anteil davon stammt aus biologisch - organischen Produktionen?

30) Die umliegenden Gemeinden haben im Zusammenhang mit Projekten des

Bundesheeres am Truppenübungsplatz keinerlei Parteistellung. Werden Sie sich im

Sinne einer besseren demokratischen Einbindung des TÜPL dafür einsetzen, daß den

umliegenden Gemeinden möglichst rasch eine Parteienstellung im Hinblick auf

sämtliche TÜPL - relevante Verfahren eingeräumt wird. Wenn nein, warum nicht?

31) Aus Medienberichten ist zu entnehmen, daß Daten über den Übungsbetrieb bzw. die

Beschaffenheit des TÜPL an fremde Armeen weitergegeben worden sind. Auf

welcher Rechtsgrundlage basiert diese Weitergabe von Daten und wie legitimieren Sie

diesen Zustand unter Bedachtnahme auf den Art. 20 (3) B - VG und den Art. 1

Neutralitätsgesetz?

32) Welche militärischen Daten bzw. Pakten wurden an Einrichtungen bzw. Personen aus

NATO - Staaten weitergegeben? Auf welcher Rechtsgrundlage basiert eine allfällige

Datenübermittlung über Personen?

33) Gibt es Studien, ob und inwieweit die in der Gegend vorhandenen romanischen und

gotischen Kulturdenkmäler durch die Aktivitäten rund um den TÜPL in

Mitleidenschaft gezogen werden? (Vgl. “Die entweihte Heimat”; Müllner, J., Horn

1998)

34) Wurden Maßnahmen zum Schutz dieser Kulturdenkmäler ergriffen?