4861/J XX.GP

 

der Abgeordneten Morak,

Kolleginnen und Kollegen

an den Bundeskanzler

betreffend Thomas Bernhard - Privatstiftung

 

Am 15. Juli 1998 wurde die Thomas Bernhard - Privatstiftung, deren Vorstand aus

Bernhards Halbbruder Dr. Peter Fabjan, dem internationalen Experten Univ.Prof.

Jean - Mane Winkler von der Sorbonne - Universität in Paris und Univ.Prof. Wendelin

Schmidt - Dengler besteht, gegründet. Der Bund subventionierte die

Stiftungsgründung mit 1 Mio. S und fördert mit 1 Mio. S jährlich den laufenden Betrieb

der Stiftung.

 

Wie Medienberichten zu entnehmen war, sollte es Ziel der Stiftung sein, abgesehen

davon, den bisher von Dr. Fabjan und Dr. Unseld verwalteten Nachlaß zu betreuen,

internationale Kontakte zu pflegen und andere Bernhard - Aktivitäten zu koordinieren,

eine Möglichkeit zu schaffen, das von Bernhard testamentarisch verfügte

Aufführungs -, Vortrags - und Druckverbot von Fall zu Fall aufzuheben. Die

Notwendigkeit der "Umgehung" des Testaments wird damit begründet, das

Kulturerbe wahren zu müssen und Bernhard - Produktionen am Theater ermöglichen

zu können, da dem Publikum Bernhards Schaffen nicht vorenthalten werden könne.

Zweck der Stiftung sei es "andere für Bernhard einzunehmen" (Standard 16.7.1998).

 

Pressemeldungen der letzten Zeit zufolge ist zu entnehmen, daß mehrere Verlage

keine Druckrechte für Bernhardsche Werke bekamen. Davon ist beispielsweise der

Amalthea - Verlag betroffen, der einen von Günther Nenning aus Anlaß des 90.

Geburtstages des Gründers der Zeitschrift, Friedrich Torberg, zusammengestellten

Sammelband mit ausgewählten Beiträgen aus dreißig Jahren der Zeitschrift FORVM

mit dem Titel "FORVM - Die berühmtesten Beiträge zur Zukunft von einst",

herausbringen möchte.

 

Die unterzeichneten Abgeordneten stellen daher an den Bundeskanzler folgende

 

                                               Anfrage

 

1. Bedeutet die Errichtung der Thomas Bernhard - Privatstiftung, daß es in Zukunft

nur dem Suhrkamp - Verlag möglich sein wird, Schriften von Thomas Bernhard

herauszugeben?

 

2. Wie bewerten Sie die Tatsache, daß dem Amalthea - Verlag die Druckerlaubnis für

Bernhard - Texte ("Die Unsterblichkeit ist unmöglich", sowie Manuskripte für zwei

Reden, nämlich die Dankesworte nach der Verleihung des sogenannten "kleinen"

österreichischen Staatspreises für Literatur und seine Dankesrede im Zuge der

Verleihung des Wildgans Preises der Österreichischen Industrie), deren

Erscheinung im FORVM - Sammelband geplant war, verweigert wurde?

 

3. Es scheint, daß durch die Errichtung der Stiftung die ohnedies bestehende

Dominanz des Suhrkamp - Verlages bei Veröffentlichungen von Thomas Bernhard -

Texten zementiert wird. Haben Sie im Vorfeld der Stiftungsgründung und der

Entscheidung des Bundes, die Stiftung zu fördern, auf die Berücksichtigung

möglicher Interessen österreichischer Verlage am Werk Bernhards hingewiesen?

Wenn ja, mit welchem Ergebnis?

 

4. Wird es in Hinkunft die Möglichkeit geben, daß dieser österreichische Autor auch

in einem österreichischen Verlag publiziert wird?