5552/J XX.GP
ANFRAGE
der Abgeordneten Gredler, Partnerinnen und Partner
an den Bundesminister für auswärtige Angelegenheiten
betreffend Bilanz des österreichischen EU - Vorsitzes aus Sicht der in Wien
akkreditierten Botschafter der EU - Staaten
Entgegen der Jubelmeldungen aus den Regierungsparteien verlief die EU-
Präsidentschaft Österreichs im zweiten Halbjahr 1998 keineswegs so erfolgreich wie
behauptet. Während an der Organisation der Räte und sonstigen Tagungen von EU-
Repräsentanten und den internationalen Medienvertretern kaum Kritik geübt wurde
an dem von Seiten der zuständigen Beamtenschaft eingebrachten Fachwissen kein
Zweifel besteht, wurden auf politischer Ebene Fehler gemacht bzw. die
entscheidenden Sachbereiche nicht weiterentwickelt oder einer Lösung zugeführt.
Man denke nur daran, daß bezüglich der Agenda 2000 noch zu keinem einzigen
Teilbereich eine Einigung erzielt wurde, die zukünftige Finanzierung der EU völlig
blockiert ist (Gefahr eines Junktims der EU - Südländer mit der Erweiterung), für eine
weitere Regierungskonferenz zur Institutionenreform kein Vorschlag vorliegt, der / die
Mr. / Mrs. GASP noch immer nicht ernannt ist oder konkrete Maßnahmen zur
Beschäftigung einem nebulosen, erst zu beschließenden ,,Beschäftigungspakt”
überantwortet werden.
Die Mängel des EU - Vorsitzes werden nun auch durch ein Protokoll einer Sitzung der
in Wien akkreditierten Botschafter der anderen EU - Staaten bestätigt (wobei die
Frage völlig unerheblich ist, ob es sich um ein “offizielles" Gesprächsprotokoll oder
um Aufzeichnungen einer Botschaft handelt), das im PROFIL (18. 1. 1999, S. 37)
veröffentlicht wird. Dadurch kommt die wirkliche Bilanz aus Sicht der anderen Länder
zutage, die natürlich in offiziellen Erklärungen aus diplomatischen Gründen
verschwiegen wird. Von verschiedenen Botschaftern wird darin bestätigt, was
kritische Beobachter schon längere Zeit behaupten: Österreich habe nur auf
Initiativen anderer Staaten gewartet anstatt selbst aktiv zu werden, habe das
österreichische Proporzdenken auf EU - Ebene getragen, habe Fachleute auf
Beamtenebene zu wenig einbezogen und besonders im Bereich der Agenda 2000
eine große Chance verpaßt.
Da die Bilanz des EU - Vorsitzes angesichts dieses Protokolls hochrangiger Vertreter
aus den EU - Staaten unter einem völlig neuen Licht gesehen werden muß, richten die
unterzeichneten Abgeordneten folgende
ANFRAGE
an den Bundesminister für auswärtige Angelegenheiten:
1. In welchen Bereichen hat Österreich aus Ihrer Sicht die Ziele der EU-
Präsidentschaft erreicht, in welchen Bereichen hätten auch Sie sich - welche -
weitergehenden Fortschritte erwünscht bzw. erwartet?
2. Stimmen Sie der Einschätzung der in dem erwähnten Protokoll zitierten Bilanz der
Botschafter aus den EU - Staaten zu, daß Österreichs Präsidentschaft “weder
große Erfolge
aufzuweisen (hat), noch gescheitert” sei? Wenn nein, warum nicht?
3. Welche Initiativen hat Österreich während des EU - Vorsitzes eingebracht? Wie
wurden sie im einzelnen von den anderen EU - Ländern aufgenommen?
4. Wie bewerten Sie die im PROFIL zitierte Behauptung eines Botschafters, daß
Österreich von Beginn an seine Rolle als “ehrlicher Makler” mißverstanden, sich
zurückgelehnt und gewartet habe, daß andere Initiativen setzten anstatt selbst
aktiv zu werden?
5. Stimmt es, daß einer der Gründe für dieses Verhalten, das im Protokoll als
“lähmend”‘ bezeichnet wird, “Angst vor Fehlern” war? Wenn ja, vor welchen
“Fehlern” haben Sie sich gefürchtet?
6. Stimmt die Behauptung eines anderen Botschafters, daß Österreich “die
Verlagerung ungelöster interner Probleme einschließlich Proporz - Denkens auf
EU - Ebene” betrieben habe? Wenn nein, warum nicht?
7. Wie beantworten Sie die Kritik eines weiteren Botschafters, daß die Regierung in
Wien und ihre Ständige Vertretung in Brüssel schlecht abgestimmt waren bzw.
getrennt agiert hätten, vor allem bei Kontakten zur Kommission?
8. Aus welchem Grund wurden wichtige Initiativen offenbar “unzureichend
vorbereitet”, wie dem Protokoll zu entnehmen ist? Welche Initiativen könnten in
dem Protokoll gemeint sein?
9. Warum wurden alle Entscheidungen “stets nur auf höchster Ebene” getroffen, zu
wenige Sachbereiche delegiert und die “Arbeitsebenen in den Ministerien” nicht
hinreichend einbezogen, wie dem Protokoll zu entnehmen ist?
10. Offensichtlich wurde im letzten Außenministerrat vor dem Europäischen Rat ein
Entwurf zu einer Lösung offener Fragen im Bereich der Agenda 2000 vorgelegt.
Welche Vorschläge wurden darin unterbreitet?
11. Aus welchem Grund wurde dieser Entwurf nicht beim Europäischen Rat in Wien
vorgelegt, obwohl dies, laut der Aussage eines Botschafters, “eine verschenkte
Möglichkeit” war?
12. Warum konnte beim Europäischen Rat in Wien kein(e) “Mr. / Mrs. GASP” ernannt
werden, obwohl dies der vorhergehende Europäische Rat in Cardiff verlangt
hatte?
13. Aus welchem Grund wurde die Anfang Dezember 1998 ergriffene gemeinsame
britisch - französische Initiative von Saint Malo zur Schaffung “glaubwürdiger
Streitkräfte” in Europa, die letztlich in eine europäische Armee münden sollten,
beim Europäischen Rat in Wien nicht weiterentwickelt?
14.Warum konnte sich Österreich nicht dazu durchringen, eine Initiative für eine
baldige weitere Regierungskonferenz zur Lösung verteidigungspolitischer und
Institutionenfragen, die für die EU - Erweiterung von großer Bedeutung wären, zu
setzen?