5756/J XX.GP

 

Anfrage

 

der Abgeordneten Dr. Rasinger

und Kollegen

an die Frau Bundesminister für Arbeit, Gesundheit und Soziales

betreffend Stärkung ambulanter, niedergelassener Strukturen

In Österreich warten viele Bürger oft monatelang auf einen Facharzt - Termin, obwohl 2000

fertig ausgebildete Ärzte gerne behandeln würden. Die fachärztliche Unterversorgung

wurde sogar durch das SPÖ - nahe ÖBIG festgestellt, welches einen Bedarf von 614

Kassenplanstellen für 8 Bundesländer (exklusive Wien) errechnete. Aus unerklärlichen

Gründen wurde der Niederlassungsplan schubladiert. Dies ist umso bedauerlicher, da es

ein erklärter Wunsch der Regierungs - Gesundheitspolitik war, die hohe Spitalsfrequenz zu

senken. Dies kann logischerweise nur mit einer verbesserten, ambulanten Struktur ge -

schehen, außer man unterstellt, daß Österreichs Patienten aus Jux und Tollerei das Spital

aufsuchen. Der Rechnungshof kritisierte die schlechte ambulante psychiatrische Versor -

gung und auch die Strukturkommission stellte einen Bedarf von 270 psychiatrischen

Facharztstellen fest.

 

In Tulln beträgt die Wartezeit für einen Augenarzttermin vier Monte, für einen solchen im

Bereich Gloggnitz fünf Monate. lm ganzen Land Salzburg ordiniert ein einziger Kassen -

facharzt mit dem Hauptfach Psychiatrie. ln Kärnten blockiert die Gebietskrankenkasse

25 schon bewilligte Facharztstellen und spricht von intelligenter Planstellenbewirt -

schaftung.

 

Auf Grund der ambulanten Versorgung - die Facharztdichte mit Gebietskrankenkassen-

verträgen ist in Deutschland mehr als doppelt so hoch - sind die Österreicher mittlerweile

Weltmeister im "Spital liegen". Allein im Jahr 1997 nahm die Zahl der Spitalsaufnahmen

noch einmal um 6 % zu.

 

Dies ist finanziell gesehen völlig unsinnig: Die Krankenkassen werden damit finanziell

entlastet und die Länder und Gemeinden finanziell belastet. So kostete 1997 eine drei -

monatige Betreuung bei einem praktischen Arzt öS 479,-, bei einem Facharzt öS 625,-, in

einer Spitalsambulanz öS 2230,-, während ein Spitalsaufenthalt durchschnittlich

öS 48.139,- kostete.

 

Österreich steht somit vor einer Grundsatzentscheidung: Wollen wir weiterhin elne Medizin

auf hohem Niveau, wobei die Überalterung, die Fortschritte in der Diagnose und Therapie

sowie die juristischen Auflagen das System vor gewaltige Anforderungen stellen; oder tun

wir weiter so wie bisher, dann droht mittelfristig der Finanzkollaps der Spitäler und die Ra -

tionierung der Gesundheitsleistungen wie in England. Für die Politik bedeutet dies, daß die

ambulanten, niedergelassenen Strukturen auch durch Maßnahmen der Bundesministerin

für Arbeit, Gesundheit und Soziales und vor allem der Kassen gestärkt werden müssen.

Die Zusammenlegung des Gesundheits - und Sozialministeriums wurde vor allem deshalb

durchgeführt, um das vormals gegenüber der Krankenversicherung kompetenzlose Ge -

sundheitsministerium aufzuwerten.

Daher stellten die unterfertigten Abgeordneten an die Frau Bundesminister für Arbeit, Ge -

sundheit und Soziales nachstehende

                                                              

Anfrage:

 

1 ) Sind lhnen die ungewöhnlich langen Wartezeiten bei Fachärzten, vor allem in ländli-

     chen Bereichen, bekannt?

 

2) Befürchten Sie nicht aufgrund der Kostenstrukturen des niedergelassenen, ambulanten

    oder stationären Bereiches massive Kostensteigerungen in den kommenden Jahren?

 

3) Sind Sie bereit, eine Liberalisierung bei der Vergabe von Kassenverträgen vorzuneh -

    men?

 

4) Was unternehmen Sie zur Etablierung kostengünstiger Gruppenpraxen?

 

5) Nachdem Bundeskanzler Klima die Beschäftigung ebenso ein Anliegen ist, wie der

    ÖVP das Schaffen von Arbeitsplätzen: Wie wollen Sie neue Arbeitsplatze für Arzte

    schaffen, wenn jährlich mehr als 1100 Studierende das Studium abschließen, aller -

    dings pro Jahr z.B. in Wien nur jeweils 25 Kassenverträge für Praktiker und Fachärzte

    vergeben werden, während es in anderen Bundesländern weit unter 10 sind?

 

6) Können Sie sich vorstellen, daß Kassenverträge quasi in Teilzeit z.B. von 2 Ärztinnen

     mit Kindern geteilt werden?

 

7) Wie wollen Sie die Spitäler entlasten, welche die teuerste Versorgungsform darstellen,

     nachdem dort derzeit ein ungehinderter Zugang im Gegensatz zum ambulanten

     System besteht?

 

8) Wie ist es für Sie erklärbar, daß in der BRD mehr als doppelt so viele Fachärzte mit

     allen Kassen abrechnen, ohne daß man dort von einer Überversorgung spricht?

 

9) Welchen Sinn sehen Sie in der Strategie der Krankenkassen, wenige Ärzte durch er -

     zwungene Ausweitung der Ordinationszeiten zu belasten und tausende ausgebildete

     Ärzte von der allgemeinen Versorgung auszuschließen?

 

10)Führt diese Strategie der Krankenkassen nicht dazu, daß vor allem ältere, erfahrene

     Kollegen dem Leistungsdruck nicht mehr gewachsen sind und Kolleginnen mit Kindern

     entgegen der Regierungslinie, Beruf und Kindererziehung vereinbar zu machen, aus

     der Kassenversorgung herausgedrängt werden?

 

11)Was werden Sie unternehmen, um die Versorgung der Patienten mit Gebietskranken -

      kassen zumindest auf das Niveau dor kleinen Kassen anzuheben, denen immerhin

      etwa 1300 Kassenvertragsärzte zur Verfügung stehen, angesichts der Tatsache, daß

      Sie doch selbst in einem Profilinterview von einem Einsatz für eine bestmögliche Ver -

      sorgung gesprochen haben?

12)Wie wollen sie generell die niedergelassenen, ambulanten Strukturen stärken?

13)Wie viele § 2 - Kassenarztstellen halten Sie für Österreich erforderlich, bitte aufgeglie -

     dert nach Bundesländern und Fachdisziplinen?

 

14) Wie viele Gruppenpraxen halten Sie für Österreich notwendig?

 

15)Was halten Sie von dem jetzt in Oberösterreich angelaufenen Projekt, daß ein älterer

      Kollege etwa 5 Jahre vor der Pensionierung einen jüngeren Kollegen als Partner in die

      Praxis aufnimmt und so eine langsame, kontinuierliche Übergabe mit besserer Kennt -

nis der einzelnen, oft sehr komplizierten, Patientengeschichten möglich ist.

 

16)Welche arbeitsmarktpolitischen Initiativen setzen Sie für arbeitslose Jungärzte?

 

17)Welche arbeitsmarktpolitischen Initiativen setzen Sie für fertig ausgebildete Ärzte?

 

18)Welche Maßnahmen werden Sie setzen, um die Anzahl der Lehrpraxen, die in der EU

      vorgesehen sind und eine wichtige Lernchance für Spitalsärzte, die sich später nieder -

      lassen wollen, darstellen, auf ein akzeptables Niveau anzuheben?

19) Sehen Sie in Lehrpraxen eine vernüftige Beschäftigungschance?

 

20) Welche finanziellen Mittel wären dazu insgesamt und pro Kollegen notwendig, wer

      sollte Ihrer Ansicht dafür aufkommen?