6377/J XX.GP

 

A N F R A G E

 

der Abgeordneten Dr. Povysil, Dr. Pumberger, Mag. Haupt, Dr. Salzl, Dr. Kurzmann

und Kollegen

an die Bundesministerin für Arbeit, Gesundheit und Soziales

 

betreffend: Die epidemiologische Datenlage in Österreich reicht derzeit nicht aus,

um gesundheitspolitische Entscheidungen treffen zu können.

 

Internationale Trends sind nicht immer 1:1 auf Österreich zu übertragen. In groben

Zügen mögen sie stimmen, Details und Trends unterscheiden sich jedoch oft wesentlich.

 

„Wir haben heute in Österreich beste Daten gesammelt wenn wir einmal gestorben

sind. Je weiter wir aber ins Leben hineinkommen, desto ‚weicher‘ werden die Daten.“ -

Dieser Standardsatz des Wiener Sozialmediziners Univ. - Prof. Dr. Michael Kunze

umschreibt den Stellenwert, den die Epidemiologie (epi - demiologos =  über das Volk

kommend) lange Zeit gehabt hat. Der offenbare Grund: In den USA - wie auch in den

angelsächsischen Ländern sonst - wurde schon vor Jahrzehnten durch den hohen Anteil

der privaten Leistungen (Krankenkassen) im Gesundheitswesen diese Disziplin zur

Identifizierung von bevölkerungsrelevanten Gesundheitsproblemen aufgebaut. Daraus

entstanden dann Schools of Public Health an den Universitäten. Diagnoseabhängige

Finanzierungssysteme im Spitalswesen förderten in diesen Staaten nur noch mehr die

Epidemiologie.

 

Das Betätigungsfeld für Epidemiologen ist breit gestreut, sei es im Spital als

Hygienebeauftragte, in Versicherungen oder in Gesundheitsreferaten. Die Mediziner

haben viele Arbeitsbereiche freigelassen, gerade auf den Sektoren Public Health,

Epidemiologie etc. Hier könnten wir sicher eine Reihe von Medizinern unterbringen

(siehe NAP). Der Leiter des Fortbildungsreferates der Wiener Ärztekammer, der

Kardiologe Univ. - Prof. Dr. Heinz Weber: „Wir sind hier eher ein Entwicklungsland.“

Temml bezweifelt überhaupt, daß der österreichischen Gesundheitspolitik genügend

harte Informationen vorliegen, um rational handeln zu können.

Dieses Manko wirkt sich negativ sowohl auf die Lebensqualität der Menschen als auch

auf die Gesamtökonomie aus, weil gegenwärtige und bevorstehende Entwicklungen

nicht erkannt, berücksichtigt bzw. rechtzeitig modifiziert werden können.

 

Fazit: Häufig werden epidemiologische Untersuchungen aus den USA oder anderen

Staaten einfach auf die lokalen Verhältnisse in Österreich umgelegt und können gerade

deshalb falsch sein. Gesundheit

spielt sich lokal ab. Weber: „Wir erleben das in vielen Trends. In den USA sind zum

Beispiel die Herz - Kreislauferkrankungen erheblich zurückgegangen. Aber das heißt noch

lange nicht, daß das auch bei uns so ist.“ Deshalb sollten auch in Österreich Ärzte in

Sachen Epidemiologie ausgebildet werden. Sie könnten in Einrichtungen und auch in

der niedergelassenen Praxis Daten sammeln und analysieren.

US - Experte Univ. - Prof. Dr. David Kleinbaum von der entsprechenden Fachabteilung an

der Emory Universität in Atlanta (US - Bundesstaat Georgia): „Die Epidemiologie

untersucht Krankheit und Gesundheit innerhalb der Bevölkerung. Sie hilft uns, die

Gesundheitsprobleme zu identifizieren.“ - Doch auch „nicht - menschliche“

Rahmenbedingungen werden in die Ursachenforschung einbezogen - man denke nur an

Nahrungsmittel, Trinkwasser etc., die ebenso Krankheitswellen auslösen können. Oft

gibt gerade hier die Epidemiologie die ersten Hinweise auf neue Problem. So entdeckten

US - Experten Anfang der achtziger Jahre die Immun - schwächekrankheit Aids über das

plötzliche gehäufte Auftreten von Lungenentzündungen (Pneumocystis carinii).

 

In diesem Zusammenhang stellen die unterfertigten Abgeordneten

an die Bundesministerin für Arbeit, Gesundheit und Soziales

nachstehende

 

ANFRAGE

 

1. Welche epidemiologischen Daten werden freiwillig ohne zwingenden

    gesetzlichen Auftrag, als Entscheidungshilfe in der Gesundheitspolitik, derzeit

    erhoben? Ab wann und wie wurden diese Daten erhoben?

 

2. Welche epidemiologischen Daten werden durch bestehende gesetzliche

    Regelungen, als Entscheidungshilfe in der Gesundheitspolitik, derzeit erhoben?

    Ab wann und wie wurden diese Daten erhoben?

 

3. Welche epidemiologischen Daten, nicht österreichischen Ursprungs, werden als

    Entscheidungshilfe in der österreichischen Gesundheitspolitik herangezogen?

 

4. Welche verstärkte Tendenzen und gesetzliche Regelungen zu epidemiologischen

    Untersuchungen bestehen in der EU, welche sind/werden auch für den

    Mitgliedsstaat Österreich verpflichtend?

 

5. Welche Überlegungen bestehen seitens Ihres Ressorts in die epidemiologische

    Arbeit auch niedergelassene Ärzte einzubinden?

 

6. Welche Überlegungen bestehen Ihrerseits, in Zusammenarbeit mit dem

    Wissenschaftsressort, die epidemiologische Ausbildung, auch für Ärzte, zu

     verstärken ?

 

7. Welche Mittel wurden seitens Ihres Ressorts für welche epidemiologischen

    Arbeiten seit 1981 bereitgestellt?

 

8. Bestehen seitens Ihres Ressorts oder in der EU Überlegungen, eine internationale

    Kodifizierung der epidemiologischen Erhebungen zu fördern, um so etwaigen

    Datenschutzbedenken entgegenzuwirken? Welche Kodifizierung wird derzeit

    angewendet?

 

9. Welche und wieviele epidemiologische Zentren mit welchen Schwerpunkten

    bestehen in Österreich?