6378/J XX.GP
der Abgeordneten Dr. Povysil, Dr. Pumberger, Mag. Haupt, Dr. Kurzmann
und Kollegen
an die Bundesministerin für Arbeit, Gesundheit und Soziales
betreffend: Drei - Minuten - Medizin ist nichts für die Geriatrie
Die Anzahl an alten Patienten steigt auch in Österreich laufend. Derzeit gibt es weltweit
580 Millionen Menschen im Alter von 60 Jahren oder darüber. Nach Angaben der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird diese Zahl bis zum Jahr 2020 auf eine
Milliarde ansteigen. Dies entspricht einer Zunahme von 75 Prozent, verglichen mit einer
50 prozentigen Zuwachsrate der Gesamtbevölkerung.
In einem Fachartikel der ÄRZTE WOCHE war folgendes Interview zu lesen:
Sind die Geriatrie - Patienten derzeit optimal versorgt?
Im Spitalsbereich wurden jetzt zumindest die Voraussetzungen für eine optimale
Versorgung getroffen. Der neue österreichische Krankenanstaltenplan 1999 legt fest,
daß bis zum Jahr 2005 57 Abteilungen für Akutgeriatrie geschaffen werden. Das wären
in Summe etwa mehr als 2.000 Betten, die österreichweit flächendeckend zur
Verfügung stehen würden. Die grundsätzlichen Voraussetzungen sind damit geschaffen.
Jetzt liegt es daran, auch wirklich derartige Institutionen aufzubauen, die nicht nur
Türschildgeriatrien sind. Es darf nicht passieren, daß man einfach die Tafel „Innere
Medizin“ wegnimmt und „Geriatrie“ hinschreibt. Es gilt, entsprechende Strukturqualität
zu schaffen, damit eben dann die Ergebnisqualität stimmt.
Und im niedergelassenen Bereich?
Bei den niedergelassenen praktischen Ärzten und Internisten ist es noch ein bißchen
problematischer. Durch die Krankenkassenabrechnung haben wir das Problem der Drei -
Minuten - Medizin im niedergelassenen Bereich. Es entscheidet lediglich die Anzahl der
Scheine für das Überleben der Ärzte. Gerade in der Geriatrie wäre aber mehr Zeit für die
Betreuung der alten Patienten ganz wesentlich. Das wird aber leider nicht bezahlt. Bei
der Ausbildung gibt es auch erst kleine Verbesserungen. Es existiert ein
Diplomfortbildungskurs der österreichischen Ärztekammer, bei dem praktische Ärzte
Erfahrung in der Behandlung geriatrischer Patienten sammeln können. Das ist aber
eigentlich fast zu spät, denn in der universitären Ausbildung und im Turnus fehlt die
Geriatrie.
Welche Probleme muß man bei alten Menschen speziell beachten?
Wichtig ist sicher, an die Multimorbidität der alten Patienten zu denken, also das
gleichzeitige Vorhandensein mehrerer signifikanter Erkrankungen. Die einzelne
Organdiagnose tritt in den Hintergrund, entscheidend sind funktionelle Probleme. Bei
einem jüngeren Patienten gibt es eine Vielzahl von Symptomen. Denken wir an einen
akuten Blinddarm. Der Patient hat Fieber, eine Tachykardie und einen Druckpunkt. Trotz
der vielen Symptome ergibt das eine unmittelbare Diagnose: akuter Blinddarm. Beim
alten Menschen ist es fast umgekehrt. Es gibt ein Symptom: er stürzt. Bei der
Untersuchung erkennt man aber dann viele Diagnosen. Denn der Patient hat auch eine
Rhythmusstörung, ist Herzinsuffizient, Diabetiker und kann schlecht gehen.
Alte Patienten müssen oft täglich eine Vielzahl an Medikamenten einnehmen, wie wirkt
sich das auf die Compliance aus?
Das Abfertigen mit einem Rezept stellt auf jeden Fall die schlechteste Art der Therapie
dar. Wichtiger wäre ein ausführliches Patientengespräch. Jeder Arzt sollte aber
zumindest nachfragen, was die anderen Kollegen verschrieben haben. Oft nehmen
Patienten verschiedene gleichartig wirkende Medikamente zugleich ein. Ab einer
gewissen Anzahl wirkt sich das natürlich negativ auf die Compliance aus. Auch
Kombinationspräparate sind ein möglicher Weg. Wichtiger wären aber Richtlinien für
die Dosierung beim älteren Patienten.
Diese Therapieempfehlungen müßte man dann
auch in den Austria Codex aufnehmen. Das gibt es schon in der Schweiz, aber nicht in
Österreich.
Aus diesen Gründen richten die unterfertigten Abgeordneten
an die Bundesministerin für Arbeit, Gesundheit und Soziales
nachstehende
ANFRAGE:
1. inwieweit ist die Personalstruktur für die 2.000 Geriatriebetten in Österreich bis 2005
berücksichtigt? Welche Rolle spielen hier Maßnahmen des NAP (Nationaler
Aktionsplan für Beschäftigung)?
2. Welche Strukturqualitätskriterien werden an die 2.000 Geriatriebetten in Österreich
bis 2005 gestellt?
3. Welche Kriterien der Ergebnisqualität werden diese 2.000 Geriatriebetten haben?
4. Welche Überlegungen bestehen seitens Ihres Ressorts und dem Hauptverband für
ein größeres Zeitkonto und ein ausführliches Patientengespräch für die Betreuung
älterer Patienten im niedergelassenen Bereich?
5. Welche Überlegungen bestehen seitens Ihres Ressorts und dem
Wissenschaftsministerium um die Praxis und Ausbildung in der Geriatrie zu
verstärken?
6. Welche Überlegungen bestehen seitens Ihres Ressorts und dem Hauptverband um
die funktionellen Probleme und die Multimorbidität von älteren Patienten besser
erheben zu können?
7. Welche Überlegungen bestehen seitens Ihres Ressorts und dem Hauptverband um
Richtlinien für die Dosierung von Medikamenten und Kombinationspräparaten,
insbesondere im geriatrischen Bereich in den Austria Codex aufzunehmen? Wenn
nein, warum nicht? Wenn ja, wann und in welcher Form?