„Die Zukunft des österreichischen Films
im europäischen Kontext –
mögliche Maßnahmen zur Verbesserung
der Chancen des Filmstandorts Österreich“

 

 

 

 

Parlamentarische Enquete

Mittwoch, 3. Juli 2002

 

(Stenographisches Protokoll)

 

 

 

 

 

 

 


Gedruckt auf 70g chlorfrei gebleichtem Papier


Parlamentarische Enquete

Mittwoch, 3. Juli 2002

(XXI. Gesetzgebungsperiode des Nationalrates)

Thema

„Die Zukunft des österreichischen Films
im europäischen Kontext –
mögliche Maßnahmen zur Verbesserung
der Chancen des Filmstandorts Österreich“


Dauer der Enquete

Mittwoch, 3. Juli 2002: 9.04 Uhr – 14.31 Uhr

*****

Tagesordnung

Eröffnung:

Erster Präsident des Nationalrates Dr. Heinz Fischer

Referate:

Internationale Erfahrungen im Bereich der Filmförderung und -finanzierung:

Dr. Klaus Schaefer, FilmFernsehFonds Bayern

Vibeke Windelov, Zentropa Film, Kopenhagen

Michael Haneke, Regisseur

Erhart Puschnig, CineRenta

Perspektiven und Maßnahmen für den Filmstandort Österreich:

Danny Krausz, Verband österreichischer Film- und Videoproduzenten

Herbert Fux, Schauspieler

Esther van Messel, First Hand Films GmbH

Professor Klaus Keil, Filmbord Berlin-Brandenburg GmbH

Dr. Reinhard Scolik, Programmdirektor ORF

Tillmann Fuchs, ATV Privat-TV Services AG

Dr. Paolo Munini, Europäische Investitionsbank

Staatssekretär im Bundeskanzleramt Franz Morak

*****

Eröffnung

Präsident Dr. Heinz Fischer ......................................................................... 4

Referate

Internationale Erfahrungen im Bereich der Filmförderung und -finanzie­rung:

Dr. Klaus Schaefer ...................................................................................... 5

Vibeke Windelov ........................................................................................ 8

Michael Haneke ........................................................................................ 11

Erhart Puschnig ........................................................................................ 14

Perspektiven und Maßnahmen für den Filmstandort Österreich:

Danny Krausz ........................................................................................... 29

Herbert Fux ............................................................................................... 31

Esther van Messel ..................................................................................... 32

Professor Klaus Keil .................................................................................. 33

Dr. Reinhard Scolik .................................................................................. 35

Tillmann Fuchs ......................................................................................... 37

Dr. Paolo Munini ...................................................................................... 38

Staatssekretär Franz Morak ........................................................................... 39

Diskussion

Jochen Bauer .....................................................................................  16, 48

Abg. Mag. Christine Muttonen .................................................................. 17

Vibeke Windelov ...................................................................................... 18

Abg. Dr. Eva Glawischnig ......................................................................... 19

Abg. Dr. Andrea Wolfmayr ....................................................................... 19

Michael Haneke ........................................................................................ 20

Abg. Dr. Peter Wittmann ........................................................................... 21

Kurt J. Mrkwicka ................................................................................  22, 50

Mag. Bernhard Seikmann ..................................................................  23, 55

O. Univ.-Prof. Dkfm. Peter Mayer .............................................................. 23

Dr. Ingrid Geretschlaeger .......................................................................... 24

Arno Aschauer ...................................................................................  25, 55

Abg. Dr. Gertrude Brinek .......................................................................... 26

Herbert Fux ........................................................................................  26, 52

Dr. Peter Zawrel .................................................................................  27, 47

Constantin Wulff ....................................................................................... 28

Andreas Gruber ........................................................................................ 42

Georg Riha ............................................................................................... 45

Fritz von Friedl ......................................................................................... 45

Mag. Kurt Brazda ...................................................................................... 46

Helmut Grasser ......................................................................................... 48

Abg. Inge Jäger ........................................................................................ 49

Ferdinand Morawetz ................................................................................. 51

Mag. Johann Luisser ................................................................................ 51

Patricia Hirschbichler ................................................................................ 53

Dr. Maria Anna Kollmann ......................................................................... 54

KR Michael Wolkenstein ........................................................................... 54

Tillmann Fuchs ......................................................................................... 56

Mag. Gerhard Schedl ................................................................................ 56

Rüdiger Morawetz .................................................................................... 57

Staatssekretär Franz Morak ...................................................................... 58

Schlussfolgerungen

Abg. Mag. Christine Muttonen .................................................................. 60

Abg. Dr. Brigitte Povysil ........................................................................... 61

Abg. Dr. Andrea Wolfmayr ....................................................................... 63

Abg. Dr. Eva Glawischnig ......................................................................... 65

Geschäftsbehandlung

Unterbrechung der Sitzung ............................................................................. 29

 


Beginn der Enquete: 9.04 Uhr

Vorsitzende: Abgeordneter Dr. Peter Wittmann, Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil, Abgeordne­ter Dr. Reinhold Mitterlehner.

*****

Eröffnung


Präsident Dr. Heinz Fischer¦ eröffnet die Enquete und führt – nach Begrüßung der Teilneh­mer – aus:

Meine Damen und Herren! Ich freue mich, dass diese Enquete zustande gekommen ist. Manch­mal sind das schwierige Geburten, wie auch im vorliegenden Fall: Bereits vergangenen Herbst gab es dazu einen entsprechenden Antrag, über den dann längere Zeit verhandelt wurde; schließlich hat es einen einstimmigen Beschluss des Hauptausschusses auf der Basis eines Vier-Parteien-Antrages der Abgeordneten Mag. Muttonen, Dr. Kurzmann, Dr. Wolfmayr und Dr. Lichtenberger gegeben, diese Enquete durchzuführen – und ein einstimmiger Beschluss ist allemal eine gute Basis für ein solches Projekt.

Ich glaube, dass man sagen kann, dass die Qualität des Filmschaffens in einem Land von vielen Faktoren abhängig ist, aber auch die Gesellschaft, der Staat, die öffentliche Hand können einen relevanten Beitrag dazu leisten.

Ich erinnere Sie daran, dass sich der österreichische Nationalrat bereits Ende der siebziger Jahre intensiv mit Problemen des Filmschaffens beschäftigt hat, und das Ergebnis dieser dama­ligen Diskussionen war, dass am 25. November 1980 ein einstimmiger Beschluss des National­rates zur Schaffung des Filmförderungsgesetzes und damit auch des Filmförderungsfonds ge­fasst wurde; damit war auch ein Engagement des Bundes und auch ein solches vieler Bundesländer verbunden. Auch der ORF hat sich an den diesbezüglichen Bemühungen aktiv beteiligt. Ich bin mir dessen sicher, dass von diesem Parlamentsbeschluss im Jahre 1980 wichtige und positive Impulse für das Filmschaffen ausgegangen sind.

Wenn ich jetzt unter Weglassung all dieser Entwicklungen nur auf das vergangene Jahr 2001 zurückblicke, muss ich sagen: Das war ein sehr bemerkenswertes Jahr, hat es doch im Frühjahr mit dem großen Erfolg des Films „Die Klavierspielerin“ von Michael Haneke bei den Filmfest­spielen in Cannes – auf Basis des gleichnamigen Buches von Elfriede Jelinek – begonnen. Sodann wurden weitere wichtige Markierungen gesetzt. So war etwa die Verleihung des Großen Preises der Jury der Filmfestspiele von Venedig an Ulrich Seidl für den Film „Hunds­tage“ ein zweiter, ganz großer und bemerkenswerter Höhepunkt.

Damals ist in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ein Artikel erschienen, in welchem empfoh­len wurde, das österreichische Filmförderungssystem zu studieren. Ich weiß nicht, wie diese Empfehlung beurteilt wird und welche Schlussfolgerungen zur Weiterentwicklung dieses Sys­tems schließlich gezogen werden, aber eines kann man sagen: Keinesfalls darf man sich auf Lorbeeren ausruhen, man darf Defizite, Lücken, Probleme und Unzukömmlichkeiten nicht über­sehen, und man muss sich weiter mit dieser Frage und diesem Medium beschäftigen – und diesem Zweck dient die heutige Enquete, der ich einen guten Verlauf wünsche und der ich vor allem wünsche, dass sie nachhaltige positive Wirkungen erzielt.

*****


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Meine Damen und Herren! Als Obfrau des Kulturausschusses möchte ich alle Anwesenden hier im Parlament ganz herzlich willkommen heißen. Besonders freue ich mich, dass es möglich war, dazu einen Vier-Parteien-Konsens zu erreichen, sodass hier und heute über die Zukunft des österreichischen Films gemeinsam diskutiert werden kann.

Beginnen wollen wir mit dem Thema „Die Zukunft des österreichischen Films im europäischen Kontext“. Wie Sie alle wissen werden, fallen gute Filme nicht vom Himmel: Sie werden geschaf­fen – und sie sind teuer. Film ist Kulturgut und damit förderungswürdig. Andererseits ist der Film aber auch Wirtschaftsgut und damit ein starker Wirtschaftsfaktor. Film ist nicht nur Kunst und Glamour, sondern auch beinhartes Geschäft.

Claude Chabrol sagt: Ich bin der Ansicht, dass man gute Filme machen muss, die Geld einspie­len, und alle Maßnahmen, die notwendig sind, um den kommerziellen Erfolg herbeizuführen, halte ich für richtig. – Zitatende.

Genau über dieses Thema, nämlich „kommerzieller Erfolg und Finanzierung“, das ein Grund­thema im Bereich der Filmwirtschaft ist, diskutieren mit Ihnen heute profunde Kenner des Metiers Film, und zwar aus den unterschiedlichsten Branchen und aus ganz Europa.

*****

„Internationale Erfahrungen im Bereich der Filmförderung und -finanzierung“


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Wir gehen nun in die Tagesordnung ein.

Referate


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Ich darf nun Herrn Dr. Klaus Schaefer um sein Statement bitten. Dr. Schaefer ist Geschäftsführer des FilmFernsehFonds Bayern. Große Er­folge dieses FilmFernsehFonds in letzter Zeit waren der Film „Der Pianist“ von Roman Polanski, der in Cannes die Goldene Palme errungen hat, der Film „Der Schuh des Manitu“, der ein großer kommerzieller Erfolg war, und der Film „Quiero Ser – Gestohlene Träume“, der den „Oscar“ für den besten Kurzfilm bekommen hat.

Bitte, Herr Dr. Schaefer.

9.14


Dr. Klaus Schaefer¦ (FilmFernsehFonds Bayern): Frau Vorsitzende! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Es ist für mich eine große Ehre und auch eine große Freude, hier in diesem Hause als Vertreter einer deutschen Filmförderinstitution sprechen zu dürfen. Ich hätte Ihnen eigentlich gerne den FilmFernsehFonds Bayern und unsere Arbeit vorgestellt, aber angesichts der Kürze der Zeit, die mir zur Verfügung steht, verzichte ich darauf und komme ich gleich auf mein Thema „internationale Koproduktion“ zu sprechen. – In meinem schriftlichen Manuskript habe ich jedoch einen Abspann über den FilmFernsehFonds Bayern, den man ja dann später nachlesen kann.

Lassen Sie mich also gleich zum Thema „Koproduktionen“ kommen. Der FilmFernsehFonds Bayern, der zwar eine regionale Förderinstitution ist, hat sich im Rahmen seiner Förderarbeit in den vergangenen Jahren – sechseinhalb Jahre sind es genau, seitdem wir bestehen – mit einer Reihe von internationalen Koproduktionen – in Ausnahmefällen auch mit Kofinanzierungen – befasst und sich daran beteiligt. Dies steht nicht im Widerspruch zu unserer Aufgabe, vorrangig die Filmszene in Bayern zu unterstützen, denn auch die Förderung von Koproduktionen erfolgt genau unter dieser Zielsetzung. Jede Beteiligung von uns als bayrische Förderung an einer Ko­produktion muss diesen Aufgaben des FFF Rechnung tragen. Das heißt, bei jeder Kopro­duktion, genauso wie ohnehin bei jeder nationalen Produktion, muss im Falle einer Förderung durch uns ein entsprechender wirtschaftlicher Effekt, bei uns der so genannte Bayern-Effekt entstehen.

Aus unserer Sicht gibt es eine Reihe von Gründen, warum sich Produzenten oder Filmschaf­fende an Koproduktionen beteiligen.

Der erste Grund ist die Finanzierung wirklich hoher Budgets. Ein Film mit einem Budget von über 20 Millionen € – diese Skala ist nach oben offen – kann kaum von einem Land wie Deutschland, und ich denke, erst recht nicht von einem Land wie Österreich, alleine finanziert werden. Ich nenne als Beispiel den Film „Enemy at the Gates“, eine internationale Koproduk­tion, die im Wesentlichen in Deutschland verwirklicht wurde. Dieser Film hat seinerzeit 180 Mil­lionen D-Mark gekostet. Ein solcher Film wäre nie national zu finanzieren gewesen, jedenfalls nicht in Ländern wie in Deutschland, Österreich oder anderen europäischen Ländern; in Amerika natürlich schon.

Der zweite Grund für die Teilnahme an einer Koproduktion – für uns dann immer für die Förde­rung einer Koproduktion – ist die Teilhabe der Produzenten, also unserer heimischen Produ­zenten, am Know-how der Filmherstellung, aber ebenso die Möglichkeit, das eigene Know-how, die eigene Kreativität in eine Koproduktion einzubringen und damit den Standard der eigenen Filmbranche nachweisen zu können.

Als Beispiel dafür nenne ich etwa den Film „Resident Evil“; das ist ein Fiction-Thriller mit sehr viel Trickbearbeitung. Bei diesem war der Produzent ein Münchner, der auf diesen Bereich spezialisiert ist. „Das Werk“ war wesentlich an diesem Film beteiligt und hatte bei dieser großen Produktion, die international um die Welt geht, die Chance, die eigene Kompetenz zu beweisen und nachzuweisen, dass wir im Bereich Trickbearbeitung absolut auf Weltniveau sind.

Ein dritter Grund für Koproduktionen ist die Auslastung heimischer Studios und Postproduk­tionsbetriebe. Als Beispiel dafür nenne ich den Film „Asterix & Obelix“. Der erste war „Asterix & Obelix gegen Cäsar“ – beim zweiten waren wir leider nicht dabei –, und das war eine Koproduktion zwischen Frankreich, Bayern und Italien. Ein wesentlicher Teil dieses Films wurde in bayerischen Studios, nämlich bei der BAVARIA, verwirklicht. Dort wurde ein großer Set aufgebaut, und das war natürlich für den Standort von herausragender Bedeutung, und deshalb waren auch wir mit unserer Förderung bei diesem Film dabei.

Ein weiterer Grund für die Teilnahme von Produzenten an Koproduktionen ist die Erweiterung des Erstverwertungsmarktes, speziell wieder bei teureren Produktionen. Das sind all jene, die ich genannt habe. Ein Beispiel dafür ist auch der Film „Das Geisterhaus“, produziert von der Münchener Constantin. Dieser Film war, um sich zu refinanzieren, darauf angewiesen, überall auf der Welt zu laufen – und das wurde erreicht, indem man auch Amerikaner mit in diese Koproduktion hineingenommen hat. Natürlich wurde dieser Film auf Englisch gedreht, und natürlich hat man ihn mit internationalen Stars besetzt. Daher hatte man für die Auswertung dieses Films nicht nur den deutschen Markt, nicht nur den europäischen Markt, sondern auch den amerikanischen Markt, und das hat auch funktioniert.

Schließlich gibt es Koproduktionen, internationale Koproduktionen, die vom Stoff und vom Inhalt her – das sind nicht unbedingt die großen Filme, das können auch kleinere Koproduktionen sein – eine Zusammenarbeit mehrerer Länder nahe legen. Wir haben zum Beispiel einen Fern­sehfilm gefördert – wir fördern auch Fernsehproduktionen –, der „Nicht heulen, Husky“ heißt. Dieser Film handelt von einer deutschen Familie, die nach Kanada auswandert und dort ent­sprechende Erfahrungen sammelt. Es lag nahe, diesen Film, da man ohnehin die Drehorte gebraucht hat, in einer Koproduktion zwischen Deutschland und Kanada herzustellen.

Nennen möchte ich weiters den Film „Nirgendwo in Afrika“, der der erfolgreichste deutsche Film in diesem Jahr war. Dieser Film – der Name sagt es schon – spielt im Wesentlichen in Afrika. Die Anfangssequenzen wurden in München gedreht, der Rest in Kenya. Da lag es natür­lich nahe, diesen Film in einer Koproduktion mit Kenya und auch mit anderen Ländern herzu­stellen.

Natürlich können diese Gründe für die Teilnahme an einer Koproduktion auch kumulativ auftre­ten – und tun das auch in der Regel. Als Beispiel dafür nenne ich den Film „Ein Hauch von Sonnenschein“, unter Regie von István Szabó. Das war eine deutsch-österreichisch-unga­risch-kanadische Koproduktion. Bei diesem Film war der inhaltliche Zusammenhang dieser europäischen Länder, also Ungarn, Österreich und Deutschland, der Grund dafür, warum man zusammengearbeitet hat. Dieser Film spielt im Wesentlichen in Ungarn, aber auch in Deutsch­land und ist von der Handlung her in Österreich angesiedelt. Weil das Geld nicht gereicht hat, hat man die Kanadier mit ins Boot genommen, hat den Film auf Englisch gedreht, hat ihn inter­national besetzt, um eben auch den nordamerikanischen Markt für diesen Film zur Verfügung zu haben. Dieser Film ist in Nordamerika dann auch deutlich besser gelaufen als zum Beispiel in Deutschland; die diesbezüglichen Zahlen von Österreich und Ungarn kenne ich leider nicht.

Meine Damen und Herren! Eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Zustandekommen einer Koproduktion ist selbstverständlich der Umstand, dass jeder der Koproduktions-Partner einen eigenen gewichtigen Beitrag in diese Koproduktion einbringt; nur dann sprechen wir über­haupt von einer Koproduktion. Dies kann und sollte ein kreativer, muss aber zwingend natürlich auch immer ein finanzieller Beitrag sein. Jeder Koproduktions-Partner muss also Finanzie­rungsmittel in das Gesamtbudget einbringen, wobei sich diese Mittel bei uns regelmäßig aus einer Kumulation von eigenen Mitteln, von Fördergeldern, von Fernsehgeldern und von Verleih- und Vertriebsgarantien zusammensetzen.

Das Anhängen an eine große Produktion, ohne „eigenes“ Geld im obigen Sinne einzubringen – das zeigen all unsere Erfahrungen –, ist auch dem tüchtigsten und kreativsten Filmemacher leider nicht möglich. Die Rechnung, dass wir sagen: Wir stellen das Talent, und die anderen stellen das Geld zur Verfügung!, geht leider nicht auf. Vielmehr würden bei fehlenden Filmfinan­zierungsmitteln im eigenen Land die Talente vermehrt dort hinwandern, wo das Geld ist. Das zeigen ja Beispiele wie Arnold Schwarzenegger, Roland Emmerich oder Wolfgang Petersen, die schon längst dorthin gegangen sind, wo das große Geld ist. Leider!

Eine weitere Voraussetzung für die Förderung von Koproduktionen durch den FFF Bayern ist, dass neben dem zu erbringenden „Bayern-Effekt“ die Koproduktion auch inhaltlich und vor allen Dingen produktionstechnisch einen Sinn macht. Wir können und wollen mit unserer Förderung keinen Beitrag dazu leisten, nationale Projekte künstlich zu internationalen Koproduktionen hochzustilisieren. Deshalb haben wir in unserer Förderpraxis auch immer wieder Projekte abge­lehnt, die im Grunde genommen künstlerisch und wirtschaftlich national realisiert werden könnten, die aber nur zum Zwecke eines „Fördertourismus“ – also eines Abgreifens mehrerer Fördertöpfe – internationalisiert worden sind.

Lassen Sie mich noch ein paar Worte zum Spannungsverhältnis zwischen kleineren und größe­ren Filmländern sagen. Naturgemäß haben kleinere Filmländer gegenüber größeren immer ein stärkeres Interesse und Bedürfnis an Koproduktionen, als das umgekehrt der Fall ist. Das gilt zum Beispiel im Verhältnis von Deutschland zu den USA, aber das gilt natürlich auch im Ver­hältnis von Österreich oder der Schweiz zu Deutschland oder zu Frankreich, denn für das je­weils kleinere Land ist es natürlich viel schwieriger als für das jeweils größere Land, ein Film­budget national auf die Beine zu stellen. Während also die Amerikaner auf Koproduktionen nicht angewiesen sind, sind es wir, wenn wir bei großen Filmen dabei sein wollen, natürlich schon.

Das heißt aber faktisch, dass der kleinere Partner mehr in eine Koproduktion einbringen muss als der größere, um auch den größeren – für den die Koproduktion vielleicht gar nicht so interessant ist – dazu zu bringen, einen Film in Koproduktion zu machen. Deswegen schauen wir in unserer Förderpraxis darauf, dass wir unsere Produzenten auch für solche interessanten Koproduktionen entsprechend ausstatten, manchmal sogar über die Förderhöchstgrenze hinaus, wie wir das etwa bei „Asterix & Obelix gegen Cäsar“ gemacht haben.

Meine Damen und Herren! Zwischen Österreich und Bayern gibt es traditionell viele Koproduk­tionen im Kinofilm-Bereich und im Fernsehfilm-Bereich; ich zähle das jetzt nicht auf, Sie finden das in meinem schriftlichen Manuskript.

Ich möchte es aber nicht verabsäumen, darauf hinzuweisen, dass es natürlich auch im Verhält­nis zwischen Bayern und Österreich Themen gibt, die eine so starke regionale Handschrift tragen und die ein so beschränktes Verwertungsgebiet haben, sodass sie für Koproduktionen nicht in Frage kommen. Wichtig ist aus meiner Sicht in der Förderung ein ausgewogenes Ver­hältnis von Koproduktionen und nationalen Produktionen, denn die Förderung soll ja auch ein Spiegel der tatsächlichen Filmproduktion eines Landes sein.

Ich nenne jetzt die Zahlen der letzten fünf Jahre, der Jahre von 1996 bis 2000, die wir statistisch erfasst haben. In dieser Zeitspanne haben wir 105 Kinofilme gefördert, darunter waren lediglich zehn große und sieben kleinere, also insgesamt 17 internationale Koproduktionen. Das heißt umgekehrt: 88 Filme sind überwiegend als nationale deutsche Filme verwirklicht worden. Unter diesen, die wir in Bayern allein gefördert haben, waren wiederum ungefähr 20, die ich als klein und regional bezeichnen würde.

Abschließend noch ein Wort zum Thema „Kofinanzierung“: Kofinanzierungen sind grundsätz­lich aus Sicht einer Filmförderung uninteressant, denn Kofinanzierung heißt ja nichts anderes, als dass Geld aus einem Land herausgezogen wird, um damit in einem anderen Land einen Film herzustellen. Deswegen drängen wir in Deutschland unsere Politik dazu, im Rahmen der Steuergesetzgebung – Stichwort: Filmfonds – darauf zu achten, dass wenigstens ein Teil des vielen Geldes, das für diese Filmfonds eingesammelt wird, auch in Deutschland ausgegeben werden kann.

In Ausnahmefällen beteiligen wir uns auch an Kofinanzierungen. Wir hatten unlängst, Herr Haneke, ein Projekt mit Österreich. Der neueste Film von Herrn Haneke wird in einer Kofinan­zierung mit einem deutschen Partner durchgeführt werden; bei diesem Film haben wir geför­dert. Da gibt es keinen Deutschland-Effekt, da haben wir mit dem Österreichischen Filminstitut ein so genanntes Kompensationsgeschäft abgeschlossen. Das heißt, wir haben vereinbart, dass sich bei einem noch zu findenden Film in den nächsten Jahren im umgekehrten Verhältnis dann das Österreichische Filminstitut bei uns an einem Film beteiligt. – So viel für den Anfang von mir. Vielen Dank, meine Damen und Herren.

9.28


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Ich darf nun das Wort Frau Windelov erteilen. Frau Windelov ist Produzentin von Zentropa Film, Kopenhagen, und bekannt durch viele Produktionen mit Lars von Trier. – Bitte.

9.28


Vibeke Windelov¦ (Zentropa Film, Kopenhagen) (in Übersetzung): Meine Damen und Herren! Es ist für mich eine sehr große Ehre, zu dieser Enquete eingeladen zu werden. Ich bekomme laufend solche Einladungen. Normalerweise nehme ich sie ja nicht an, weil ich sonst an solchen Veranstaltungen nur dann teilnehme, wenn ich dafür Geld bekomme – oder wenn ich den Einladenden einen Gefallen schulde. Und weil bei dieser Einladung nach Österreich keines von beidem der Fall war, musste es für mich also irgendeinen besonderen Grund gegeben haben, hierher zu kommen.

Die Motivation, hierher zu kommen, bestand für mich darin, dass ich in den letzten paar Jahren eine Reihe interessanter österreichischer Filme gesehen habe. Ich halte Österreich derzeit für das interessanteste Filmland überhaupt! Auch Dänemark ist, glaube ich, sehr interessant, aber gemessen an der Größe, ist es wirklich unglaublich, was diesbezüglich in Österreich zustande gebracht wird!

Derzeit sind in Kopenhagen zwei österreichische Filme zu sehen – aber kein deutscher Film! Als jemand, der die deutsche Filmlandschaft in den letzten fünf Jahren beobachtet und miterlebt hat – wir haben dort eine Firma –, kann ich sagen, dass es ganz unglaublich ist, was Sie hier in Österreich zustande bringen! Das ist der Grund, warum ich hierher gekommen bin: Ich möchte Kontakte schließen. Ich weiß, dass Zentropa – nicht ich selbst, aber andere Produzenten – be­reits mit österreichischen Produzenten in Kontakt ist und versucht, mit ihnen Koproduktionen in die Wege zu leiten.

Ich muss dazu ein bisschen etwas sagen – das ist zwar nicht Teil meines Beitrags, aber ich möchte es dennoch sagen –: Wenn ich Ihnen so zuhöre, dann steigt bei manchen Dingen, die Sie sagen, mein Blutdruck geradezu auf seinen Höchststand! Ich habe einige Jahre lang den Titel „Königin der Koproduktionen“ getragen, und ich habe grundsätzlich immer Koproduktionen mit so vielen Koproduzenten wie möglich gemacht, denn ich vertraue auf den Regisseur! Ich glaube, dass der Regisseur derjenige sein sollte, der am meisten zu sagen hat, und ich mache für ihn Dinge, die es ihm ermöglichen, jenen Film zustande zu bringen, den er machen will. Da ordne ich mich sozusagen unter. Ich versuche, Geld aufzutreiben und ihm den kreativen Input von verschiedenen Koproduzenten zu verschaffen.

Ich denke, dass zum Beispiel beim Film „The House of Spirits“ Bille August, der ein phantasti­scher Filmemacher ist – ich habe seinen ersten Film gemacht –, dadurch, dass die amerikani­schen Geldgeber auf die Besetzung einen so großen Einfluss ausgeübt haben, letztlich etwas zustande gebracht hat, das um vieles besser sein hätte können, wenn er sich nicht an die Vor­gaben von Hollywood hätte halten müssen.

Damit komme ich auf das zurück, was ich derzeit mache: Der Grund für den Erfolg der däni­schen Filme liegt meiner Ansicht nach darin, dass wir im Jahre 1964 ein Filmgesetz gemacht haben. Wir haben eine Filmschule geschaffen, die sich von enormer Wichtigkeit für die Ent­wicklung des dänischen Films erwiesen hat. In den achtziger Jahren hatte die Filmschule einen Direktor, Henning Camre, der es sehr gut verstand, Leute aus dem Ausland für die Filmschule zu gewinnen. Statt sich nur auf die Personen aus dem Inland zu konzentrieren, hat er es geschafft, eine Menge von Leuten aus dem Ausland an die Filmschule zu bekommen – und dadurch hat sich wirklich etwas geändert. Das war zu jener Zeit, als Lars von Trier dort hinging. Viele von jenen Regisseuren, die jetzt sehr erfolgreich sind, waren damals an dieser Schule. Eine sehr wichtige Gestalt an der Filmschule war auch Mogens Rukov, der das Drehbuch für den Film „Festen“ beziehungsweise „The Celebration“ schrieb, der einen Preis in Cannes gewann und einer der ersten Dogma-Filme war. Er machte all den jungen Regisseuren be­wusst, dass es von großer Wichtigkeit ist, ein Publikum zu erreichen. Bis dahin waren die meisten staatlich geförderten Filme nämlich Autorenfilme – und sie sind es noch immer. Aber ich glaube, dass sich diese Autoren dessen bewusst geworden sind, dass sie mit ihren Filmen auch jemanden erreichen wollen, statt damit nur Kunst gleichsam als Selbstzweck zu betreiben.

Tatsache ist, dass jemand, wenn er die Filmschule absolviert hat, Filme machen muss. Und deshalb stellt der Filmfonds 26,2 Millionen € für Feature-Filme und Dokumentarfilme – haupt­sächlich für Feature-Filme – zur Verfügung. Das ist von größter Wichtigkeit, denn ein Absolvent der Filmschule gehört ja nicht gleich zu jenen Leuten, die erfolgreiche Filme machen, die das internationale Publikum erreichen und Geld von privaten Investoren bekommen, et cetera. Ich kenne den Lebenslauf von drei derzeit erfolgreichen Regisseuren, und sie alle machten zuerst zehn Jahre lang Filme, von denen keiner von Ihnen jemals hören wird. Und genau deshalb ist die staatliche Filmförderung so unglaublich wichtig.

Aber selbst wenn man durch die zehn – oder wie viel immer – Jahre hindurch ist, kommt norma­lerweise nicht gleich der große Erfolg. – Ich habe all die Filme von Lars von Trier gemacht; und Lars von Trier war schon vorher ausgiebig in der Filmszene aktiv, aber keiner seiner damaligen Filme hat jemals Geld gebracht. Dann aber kam mit „Breaking the Waves“ der Durchbruch zum Erfolg, und dieser hat es uns dann möglich gemacht, den Weg zu gehen, den wir gegan­gen sind.

Etwas, was für Lars noch ganz wichtig war – ich springe jetzt ein bisschen von einem Thema zum anderen –, war die Tatsache, dass er vom Direktor der Filmfestspiele in Cannes, Gilles Jacob, gefördert wurde, der praktisch jeden Film, den er machte, in den Wettbewerb aufnahm und Lars auf diese Weise bekannt machte.

Aber selbst mit einem Regisseur wie Lars, der etabliert ist und dreimal bei den Filmfestspielen in Cannes vertreten war, war es fast unmöglich, Geld für einen Film wie „Breaking the Waves“ aufzutreiben. Es wäre zu diesem Film nicht gekommen, hätte nicht das Filminstitut zunächst eine Menge Geld für die Vorbereitung dieses Projekts zur Verfügung gestellt und es mir da­durch ermöglicht, in der Welt herumzureisen und 28 Koproduzenten zu finden, und dann auch entsprechende Mittel für den Film selbst, sodass der einzige Beitrag, den die Koproduzenten zu leisten hatten, nur ein dem Land, aus dem sie jeweils kamen, angemessener zu sein brauchte.

Der Weg, auf dem man in Dänemark zu Geld für Filme kommt, führt über drei Konsulenten. Laut Gesetz müssen in Dänemark 25 Prozent des Geldes in Kinderfilme investiert werden. Da­her gibt es einen Konsulenten für Kinderfilme und zwei weitere für alle sonstigen Filme. Diese Konsulenten sind unabhängig, werden auf drei Jahre bestellt und können bis zu maximal fünf Jahren in dieser Funktion tätig sein. Dabei wird davon ausgegangen, dass diese Konsulenten jeweils ihren eigenen persönlichen Geschmack haben. Die Entscheidung liegt hier also nicht bei der Regierung oder beim Filminstitut, sondern sie gehen nach ihrem eigenen Geschmack vor – und das geht so für eine Zeit von drei Jahren, und dann kann man sie sozusagen hinauswerfen. Falls es nicht funktionieren sollte, kann man sie also nach drei Jahren loswerden.

Jetzt erzähle ich über unsere Arbeit bei Zentropa. – Ich denke, es gibt zwei Arten, Filme zu machen: Es gibt einerseits jene Filme, bei denen der Produzent das Sagen hat. Das ist bei­spielsweise bei den Hollywood-Filmen der Fall. Andererseits gibt es jene Filme, wo der Regis­seur die bestimmende Figur ist. – Wir von Zentropa haben versucht, beides zu machen, und wir haben festgestellt, dass wir auf dem europäischen Markt mit „formula films“, mit jener Art von Filmen, die einem bestimmten Schema folgen, weniger erfolgreich sind. Was wir viel besser können, das sind wirklich gute Filme mit Regisseuren, die in Dänemark, in diesem Land und seiner kulturellen Szene, sehr verwurzelt sind. Ein Beispiel ist „Italienisch für Anfänger“ von Lone Scherfig. Das war ein großartiger Erfolg – weltweit! Das war ein sehr billiger Film, er hat 1 Million € oder sogar noch weniger gekostet. Das ist die Art von Film, auf die wir uns kon­zentrieren, und zweitens auch auf jene Art von Filmen, die vielleicht an die Haneke-Filme erin­nern und die ein viel größeres Budget haben und nicht so sehr in Dänemark verwurzelt sind. Derzeit arbeitet Lars zum Beispiel an einer Trilogie, die in Amerika spielt. Aber weil Lars nicht nach Amerika reisen will, drehen wir das alles in Skandinavien. Bei dieser Art von Filmen handelt es sich nicht um internationale Filme, aber um Filme mit künstlerischem Anspruch, sodass es für mich möglich ist, Geld dafür aufzutreiben.

Was passiert also, wenn man mit Leuten wie Haneke oder Lars arbeitet? – Es ebnet einem so­zusagen den Weg zu den Filmvertreibern auf der ganzen Welt. Deshalb ist es so wichtig, mit Leuten zu arbeiten, die dieses Talent besitzen. Wenn ich einmal mit verschiedenen Beset­zungs-Chefs und so weiter gearbeitet habe, wenn ich also einmal mit dieser Szene, mit diesem System vertraut bin, dann komme ich auch mit anderen Filmen weiter, auch mit jüngeren Regisseuren. Ich sehe heute, dass ich es durch die Erfahrung, die ich aus meiner Arbeit in den letzten zehn Jahren gewonnen habe, jüngeren Produzenten und jüngeren Regisseuren ermög­liche, ihren Weg durch dieses System viel schneller zu finden.

Daher ist meine Überzeugung: Wann immer man bei jemandem Talent entdeckt, muss man es unbedingt unterstützen!

Wenn man einen guten Regisseur hat, dann hat man plötzlich Schauspieler aus aller Welt, die daran interessiert sind, mit ihm einen Film zu machen. Wir haben in Dänemark einen Film mit Nicole Kidman, Lauren Bacall und einer ganzen Menge anderer Schauspieler gemacht, bei denen man sonst nicht einmal im Traum daran denken könnte, sich diese leisten zu können. Es kostete Nicole Kidman wahrscheinlich fünfmal so viel, mit ihrem eigenen Privatjet anzureisen, als sie letztlich an diesem Film verdiente. Diese Schauspieler machen so etwas deshalb, weil es für sie so enorm wichtig ist, mit interessanten Regisseuren zu arbeiten.

Nachdem wir diese Schauspieler erst einmal bei uns in Dänemark gehabt haben, haben wir, hat Zentropa eine Produktionsstätte errichtet, eine Art Filmstadt, und zwar auf einem früheren Militärstützpunkt. Wir haben diesen angekauft, geben dafür aber kein Geld aus – es schaut dort ganz furchtbar aus, weil wir für die Adaptierung der Räume kein Geld ausgeben. Wir versuchen, so viele Leute wie möglich dorthin zu bekommen, um dort Filme zu machen und um dort ein „Milieu“ zu schaffen. Und das funktioniert! Plötzlich unterhalten sich dort Regisseure, von denen sich keiner jemals die Filme des jeweils anderen angeschaut hätte, miteinander in der Kantine, lesen gegenseitig ihre Drehbücher und sehen gegenseitig die Erstversionen ihrer Filme an. Es ist wirklich unglaublich, welch inspirierende Atmosphäre durch diese Filmstadt für unsere Arbeit geschaffen werden konnte!

9.39


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Nächster Redner ist Herr Haneke. Ich glaube, es erübrigt sich, ihn vorzustellen, er ist allen bekannt, auch sein großer österreichischer Erfolg wurde von Herrn Präsidenten Fischer bereits erwähnt. – Bitte.

9.40


Michael Haneke¦ (Regisseur): Meine sehr geehrten Damen und Herren! Sollte Ihnen die Häufig­keit der Mitteilung in den Feuilletons der internationalen Presse trotz intensiven Studiums ent­gangen sein: Es gibt eine frohe Botschaft: Österreich kommt auf der internationalen Landkarte des Kinos wieder vor. „Wieder“ ist, gelinde gesagt, untertrieben, denn bisher waren es – abge­sehen von den immer in vorderster Front der internationalen Avantgarde stehenden österreichi­schen Experimentalfilmern – wenige Einzelpersonen, die, übrigens häufig als Emigranten, außerhalb unseres Landes überhaupt wahrgenommen wurden. Von einem „österreichischen Filmwunder“ hatte bis vor nicht allzu langer Zeit niemand gesprochen. Woher also kommt dieses?

Ein Journalist hat mich vor ein paar Tagen mit einem Zitat konfrontiert, das ich Ihnen nicht vor­enthalten möchte: „Man braucht ihnen“ – den österreichischen Filmemachern – „nur das Geld wegnehmen, dann geht’s, wie man sieht, auch von allein.“

Ich bin überzeugt davon, dass eine große Anzahl von Leuten sowohl in der Bevölkerung als auch in der Politik diese schadenfrohe Meinung teilt – selbstverständlich nicht die heute hier An­wesenden.

Welche Filme sind es, die mit ihrem Erfolg das Wort vom „österreichischen Filmwunder“ provoziert haben? – Es sind Filme von Filmemachern, die gemeinhin als schwierig, kontro­versiell, schwer verkäuflich oder – wie es ein österreichischer Kritiker einmal liebevoll formuliert hat – als „Filme für die Blindenanstalt“ eingestuft werden.

Machen Sie, meine Damen und Herren von den Regierungsparteien, nicht den Fehler, den Erfolg dieser Filme für Ihr Verdienst zu halten! Diese Filme sind nicht durch Sie, sondern trotz Ihrer bisherigen Filmpolitik entstanden, einer Filmpolitik, durch die die ohnehin schon desaströ­sen finanziellen Förderungsbedingungen weiter reduziert werden.

Den Erfolg der österreichischen Filme der letzten drei Jahre verdanken wir der Möglichkeit zu kontinuierlicher Entwicklung innerhalb eines Förderungssystems, das dem „künstlerischen Film“ die gleichen Chancen einräumt wie dem „Publikumsfilm“ – eine Unterscheidung, die übrigens absolut kontraproduktiv und letztendlich falsch ist.

Ich stehe hier aber nicht als Kulturfunktionär, sondern als Filmschaffender. Deswegen erlau­ben Sie mir, zur Erläuterung des Gesagten von mir und von meinen persönlichen Erfahrungen zu sprechen.

Mein Film „Die Klavierspielerin“ wurde seit seiner Auszeichnung in Cannes und auf diversen Festivals auch zu einem Verkaufsschlager. Er wurde in über 80 Länder verkauft, und allein in Europa haben ihn bisher an die 2 Millionen Menschen im Kino gesehen. Dieser Film wurde in der hiesigen Filmförderungsdiskussion als Beispiel dafür zitiert, wie man es machen müsste, um mit österreichischen Filmen Erfolg zu haben. Was man dabei völlig unter den Tisch fallen lässt, sind die Bedingungen, die diesen Film überhaupt erst möglich gemacht haben: Ich hatte die Möglichkeit, über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren meine persönliche Filmsprache zu entwickeln: mit Filmen, die erwiesenermaßen und voraussehbar nicht an primär kommerziellen Überlegungen orientiert waren. Ich hatte die Möglichkeit, mit der Entwicklung dieser Film­sprache Schritt für Schritt an außerösterreichischem Renommee zu gewinnen, was dazu führte, dass ich als Regisseur und Autor im Ausland arbeiten durfte, was wiederum dazu führte, dass mir auch ausländische Produzenten und Stars ihr Vertrauen schenkten, was schließlich diesen Film „Die Klavierspielerin“ erst möglich machte.

Ich erzähle Ihnen das nicht, weil ich so gerne von mir rede, sondern weil ich meine, dass die Geschichte dieses Films uns etwas darüber lehren kann, wie man in einem kleinen Land wie Österreich zu internationalen Ehren kommt: durch Förderung geistiger und künstlerischer Ent­wicklung, das heißt durch die Freiheit, auch einen Weg gehen zu dürfen, der sich nicht primär nach wirtschaftlichen Interessen ausrichtet.

Natürlich ist dieser mein Weg nicht übertragbar, und die Filme von Ulrich Seidel, Barbara Albert, Jessica Hausner, Virgil Widrich, Katrin Resetarits und all den anderen zeigen hervorragend, dass für begabte Autoren und Regisseure auch mit anderer Entwicklung und mit anderen finan­ziellen Mitteln der Durchbruch zur Internationalität möglich und machbar ist.

Die gemeinsame Bedingung für den Erfolg von uns allen ist jedoch die Möglichkeit, frei zu arbeiten: durch eine Filmförderung, deren Auswahlkriterien und finanzielle Mittel es zulassen, neben der „Ware Film“ auch das Kulturprodukt entstehen zu lassen. Nebenbei bemerkt ist die Förderung des Films als Kulturprodukt die einzige von der EU zugelassene, wie wir wissen.

Aber sprechen wir vom kommerziell orientierten Film. Im Schnitt verlassen 85 Prozent der europäischen Filme niemals die Grenzen ihrer Produktionsländer. Warum? – Erstens: aus Sprachgründen. Wer nicht auf Englisch dreht, hat kaum Chancen auf dem Weltmarkt. Zweitens: aus Gründen der Mentalität. Selbst innerhalb des begrenzten deutschen Sprachraums erweckt deutscher Humor kaum dankbares Lachen beim österreichischen Publikum; umgekehrt gilt mehr oder weniger das Gleiche. Und drittens – auch dieser unangenehmen Wahrheit sollte man ins Auge sehen –: Ein großer Teil der Filme ist einfach nicht gut genug. In keinem Land der Welt – auch nicht in dem uns alle dominierenden Filmland Amerika – werden ausschließlich hervorragende Werke produziert. Was uns in unseren Kinos jährlich an Filmen erreicht, ist ein verschwindend geringer Bruchteil der internationalen Jahresproduktion.

Worauf will ich hinaus? – Es gab – ich glaube, in den sechziger Jahren – einen deutschen Schlagertitel, der Sprichwortcharakter erlangte: „Aber bitte mit Sahne!“ Die öffentliche Meinung und damit auch die Politik verlangt bei geförderter Kulturarbeit immer das Spitzenprodukt: die „Sahne“. Was sie dabei vergisst beziehungsweise was sie nicht interessiert, ist die simple Tat­sache, dass ohne Milch keine Sahne abzuschöpfen ist. Der internationale Erfolg – künstlerisch wie wirtschaftlich – ist die Sahne auf dem Milchtrog jeder nationalen Filmproduktion. Vereinfacht gesagt: Es braucht die Milch, um die Sahne abschöpfen zu können. Wenn die Kuh keine Milch gibt, gibt’s auch keine Sahne. So simpel ist bedauerlicherweise die Milchmädchenrechnung.

Um den Vergleich nicht zu Tode zu reiten: Sie können, meine Damen und Herren, nicht die Er­folge des österreichischen Films für sich reklamieren, ohne deren Basisbedingungen Rechnung zu tragen. Sie müssen es sogar – auch Ihren Wählern gegenüber – aushalten, dass ein Teil der geförderten Filme misslingt, was äußerlich den Anschein erwecken kann, dass mit dem von Ihnen zur Verfügung gestellten Geld nicht sorgfältig genug umgegangen wird. Sie teilen dieses Los mit allen Politikern der Welt, die Kulturfördergelder zu vergeben haben. Kein Land produ­ziert in keiner Branche ausschließlich Spitzenware! Die Qualität eines Kuchens erweist sich beim Essen. Offenbar waren die Ingredienzien der österreichischen Filmförderung mit ihrem Versuch einer Ausgewogenheit zwischen künstlerischer und wirtschaftlicher Orientierung nicht so schlecht, wenn ihre Resultate jetzt allenthalben bestaunt werden.

Die Tendenz, die ich der neu vorgenommenen Besetzung des Kuratoriums zu entnehmen meine, zeigt, dass der politische Wunsch da ist, die österreichische Filmförderung neben der Streichung der Mittel auch in ihren Entscheidungskriterien grundsätzlich zu verändern. Allein die Tatsache, dass bei der Besetzung der vom Gesetz vorgesehenen – ich zitiere – „fünf fach­kundigen Vertreter des österreichischen Filmwesens“ lediglich ein österreichischer Fernseh­produzent und ein Verleiher, dafür aber drei Vertreter der deutschen Film- und TV-Branche zum Zuge kamen, da es in der österreichischen Branche offenbar nur inkompetente Idioten zu geben scheint, dass weiters trotz intensiver Appelle des Regieverbandes nicht einmal mehr ein Vertreter der wichtigsten Berufsgruppe des Filmwesens, der der Regisseure nämlich, vorhan­den ist – ein absolut groteskes Novum übrigens! –, all das schürt den Verdacht, dass künstle­risch-fachliche Kriterien in Hinkunft ökonomischen – vermeintlich ökonomischen! – hintange­stellt sein sollen.

Ich frage mich, wozu wir ein Filmgesetz haben, wenn die Regierung es einfach ignorieren kann.

Der Schuss geht übrigens nach hinten los. Deutschland, an dem sich die neue Förderungs­politik offensichtlich zu orientieren scheint, ist dafür ein fatales Beispiel. Seit Deutschland seine Förderungskriterien in erster Linie auf die kommerzielle Befriedigung des heimischen, sprich deutschsprachigen Marktes zurechtgetrimmt hat, kommt es als Filmland international so gut wie nicht mehr vor. Die Exportunion des deutschen Films tritt mit erheblichem finanziellem Aufwand bei allen größeren internationalen Festivals auf, in deren Programmen die deutsche Filmin­dustrie seit Jahren im günstigsten Fall als Mitfinancier bei internationalen Koproduktionen vor­kommt. – Lange wird sie sich das nicht mehr leisten können.

Wer in Europa versucht, Film nach rein wirtschaftlichen Kriterien einzig für das eigensprachliche Publikum zu fördern, ist auf Grund ebendieser Begrenzung von vornherein auf der einen Seite gegenüber dem englisch-, also weltsprachigen Amerika und auf der anderen Seite dem „Zer­streuungsmoloch“ Fernsehen gegenüber zum Scheitern verurteilt. Im Genre- und Zerstreu­ungskino ist gegen diese Giganten, ihre Omnipräsenz und Werbemaschinerie bestenfalls ein einzelner Blumentopf zu gewinnen. Keine nationale europäische Filmindustrie kann mit dieser Selbstkastrierung überleben, denn dafür sind die potenziellen Zuschauerzahlen der einzelnen Sprachbereiche zu beschränkt.

Was es hingegen gerade in kleinen Ländern wie dem unseren braucht, ist die finanzielle und inhaltliche Garantie für kontinuierliche Talententwicklung. Ich schließe an das an, was meine Vorrednerin gesagt hat, die das mit dem Beispiel aus Dänemark sehr deutlich veranschaulicht hat.

Förderungsgelder, die beispielsweise Frankreich bereitstellt – ich beziehe mich auf die Korda-Datenbank aus dem Internet –, betragen 450,33 Millionen €. Auf welchem Weg diese Gelder aufgebracht werden, können wir gerne in der anschließenden Diskussion erläutern. Umge­rechnet auf die österreichische Bevölkerungsanzahl würde die französische Förderungsrate eine jährliche Summe von zirka 56 Millionen € bedeuten. Tatsächlich haben wir, die nationalen und regionalen Förderungen zusammengerechnet, 16,776 Millionen €. Wir liegen damit vor Finnland und Griechenland an drittletzter Stelle der EU. Was die rein staatliche Förderung an­langt, liegt Österreich mit 7,691 Millionen € an letzter Stelle der Europäischen Gemein­schaft. – So viel zum Stand der Bedeutung, die wir beziehungsweise andere Länder dem Film­schaffen beimessen.

Niemand behauptet, dass allein die jetzige Kulturpolitik an diesem fatalen Tatbestand Schuld trägt, aber: Einsparungen sind bei einer wirtschaftlich gesunden Situation möglich, manchmal notwendig. Wer einer Branche das Existenzminimum kürzt, bringt sie um.

Sie haben zwei Möglichkeiten, meine Damen und Herren von den Regierungsparteien: Sie können sagen: Diese Filmleute haben nach den Wahlen gegen uns Stellung bezogen, also ent­ziehen wir ihnen die Basis für weitere Arbeit, dann sind wir sie los! – Dann wäre aber diese Enquete heute eine bloße Farce und ihre Verlegung an den Ferienanfang ein cleverer Schach­zug, größeres Medienecho zu vermeiden.

Sie können aber auch sagen: Österreich ist dank einer über 21 Jahre gewachsenen Filmförde­rung endlich und zum ersten Mal kein weißer Fleck auf der Landkarte des Kinos. Unser Land hat in Bezug auf die Staatsoper, das Burgtheater, die Lipizzaner und die Philharmoniker auch in der modernsten Kunstform, nämlich der des Films, international etwas mitzureden, also lassen Sie uns diese Gelegenheit beim Schopf fassen, und tun wir etwas dafür! Hören wir als Politiker auf das, was uns die Fachleute sagen – mit Fachleuten meine ich die eigentlichen Wertschöpfer der Branche: die Filmschaffenden, nicht die Kulturfunktionäre aus nah und fern –, auch wenn uns deren Meinung nicht immer in den Kram passt! Arbeiten wir mit ihnen, statt sie als Feinde zu betrachten, dann könnten Sie, meine Damen und Herren, wenn schon nicht in die Welt­geschichte, so doch vielleicht mit einer positiven Fußnote in die Filmgeschichte eingehen. – Danke für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall.)

9.52


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Leider hat sich Herr Dr. Boeser aus beruf­lichen Gründen kurzfristig entschuldigen lassen, sodass wir sein Statement heute leider nicht hören können.

Als nächstem Redner erteile ich Herrn Puschnig das Wort. Herr Puschnig ist Beiratsmitglied der CineRenta, hat 1984 bis 1998 als Spezialist für Einkauf und Kontrolle im Mediengeschäft ge­arbeitet; er ist Konsulent des Österreichischen Filminstitutes. – Bitte.

9.53


Erhart Puschnig¦ (CineRenta): Guten Tag, meine Damen und Herren! Amerikanische Verträge beginnen in Ermangelung der Begriffserklärungen unseres bürgerlichen Gesetzbuches immer zuerst mit Sachdefinitionen, und das möchte ich auch tun.

Film ist für mich eine Symbiose aus lauter Dingen, die wir sehr mögen. Erstens: Literatur. Nicht umsonst heißt die Drehvorlage Drehbuch. Zweitens: Musik. Wir alle hören gerne Musik, ent­spannen uns bei und reden gerne über Musik. Drittens: Darstellende Kunst. Zugegebener­maßen ist es immer interessant, zu sehen, wie ein anderer mit den Problemen fertig wird, die wir auch haben. Und als viertens möchte ich das Mitleben-Können erwähnen. Wenn uns etwas erzählt oder vorgespielt wird, ist es für uns nur interessant, wenn wir uns angesprochen fühlen, also mitleben können.

Das ist vielleicht eine etwas liebevolle Definition von Film und vielleicht ein bisschen zu roman­tisch. Nehmen wir eine andere: Film ist Kunst – Film ist Industrie. Kunst deswegen, weil man sehr viel lernen und eine sehr spezielle Begabung mitbringen muss, um ein sehenswertes Pro­dukt erzeugen zu können. Industrie ganz einfach deswegen, weil das, was schlussendlich auf der Leinwand gezeigt wird, nur durch die Zusammenarbeit von vielen Menschen über einen längeren Zeitraum zustande kommt. Das können pro Film hundert Menschen und mehr sein. Ein nicht zu übersehender Faktor in der Beschäftigung wird da jedes Mal ausgelöst – ganz zu schweigen von der Wertschöpfung, die sich finanziell und beschäftigungspolitisch aus der Auswertung ergibt.

Noch etwas ganz Wesentliches: Da wird etwas erzeugt, was langen Bestand hat. Die sorgfäl­tige Aufbewahrung, die Vervielfältigung und der Handel mit dieser Ware in den verschiedensten Medien beschäftigen darüber hinaus eine weitere große Anzahl von Menschen. Aber Film ist ja so furchtbar teuer, sagt man. Böse Zungen reden von „Geldvernichtungsmaschinen“ – und im Erfolgsfalle von „Gelddruckmaschinen“. Beides sind Übertreibungen. Im Normalfall muss – in einer kommerziell gesehenen Konstellation – der Erfolgsfilm die Verluste des weniger erfolgrei­chen mittragen; womit wir direkt zu jenem Thema kommen, mit dem sich mein Vortrag beschäf­tigen wird.

Ich möchte Ihnen gerne einige Finanzierungsmöglichkeiten aufzeigen, diese ein bisschen besprechen, ein bisschen beleuchten, und zwar sowohl vom In- als auch vom Ausland her.

Das erste Thema, das wir beleuchten sollten, ist die Sponsor- und Privatfinanzierung. Es gibt tatsächlich Menschen, Institutionen und auch Firmen, die Filme finanzieren – zwar nicht un­mittelbar in unseren Breiten, aber in solch einem Fall wird meistens ein den Sponsoren nahe­liegendes Thema vorgetragen, genehmigt und abgehandelt. Zu dieser Finanzierungsform muss man sagen: Das kommt nicht oft vor; Weihnachten ist öfter.

Weiters: die Auftragsproduktion: Das kennt man bei uns vor allem vom Fernsehen her. In den USA gibt es dies jedoch auch beim Film. Major Companies in den USA erwerben die Rechte an interessanten Stoffen von einem vorschlagenden Produzenten und beauftragen ihn dann mit der Durchführung des Projektes. Dabei werden die Finanzierung und die Auswertung im Regel­fall von der entsprechenden Firma durchgeführt. Da profitiert der Produzent von seinen voran­gegangenen Erfolgen.

Koproduktion, Kofinanzierung sind heute schon heftig besprochen worden. Auch bei uns, in unseren Breiten sind sie weitgehend bekannt und auch sehr gebräuchlich. Dieses Instrument der Finanzierung wird in Europa meist länderübergreifend eingesetzt; unter anderem auch, um zusätzliche Mittel aus Regionalförderungen und um Steuervorteile zu nutzen. Diese Möglichkeit wird auch in den USA mehr und mehr genützt: in Form von Zusammenarbeit mit Kanada, Australien und natürlich auch Europa. Bei diesem Zusammenarbeiten geht es in erster Linie um Steuervorteile und zusätzliche Förderungen.

Nun kommen wir zu den Film- und Medienfonds. Diese Finanzierungsform ist in Europa in den neunziger Jahren besonders gewachsen. Man unterscheidet steuerbegünstigte und anlage­mäßig gezeichnete Fonds. Medienfonds und auch Bankenfonds – das sind die anlagemäßi­gen – treten in der Regel nicht als aktive Produzenten auf, sondern geben nach Erwerb der Rechte die Durchführung an Dienstleister ab, ähnlich wie bei Auftragsproduktionen. Da Medien­fonds und Bankenfonds erfolgsorientiert arbeiten müssen, werden in diesem Bereich nur sehr selten Kunstfilme hergestellt. Meist orientiert man sich an neuen Trends und kommerziellen Ideen, was auch nicht immer erfolgreich ist.

Was beim Vertrieb der Ware nicht erreicht werden kann, wird in dieser Finanzierungsform mit Ausfallversicherungen abgesichert, was die ganze Sache verteuert und Budgets verkleinert.

Kommen wir zur nächsten Finanzierungsform. Bankenfinanzierung mit Risikobeteiligung hat es in unseren Breiten ganz spärlich gegeben, gibt es im Moment nicht, ist aber Moment wieder in Überlegung. Bei uns wird das Geld von Banken häufig als Zwischenfinanzierung eingesetzt, was aber nur bei entsprechender Bonität des Produzenten wirksam genützt werden kann. In den USA haben sich spezialisierte Banken längst Experten eingekauft, die sich mit dieser Materie gut auskennen und die sowohl in der Produktion als auch im Vertrieb sachkundige Partner sind und notfalls sogar selbst und rettend eingreifen können. Bekannt ist, dass das positive und negative Erfahrungen waren, die auch europäische Banken in Amerika gemacht haben. Die notwendigen Absicherungen des eingesetzten Kapitals sind Urheberrechte, welt­weite Vertriebsrechte und darüber hinausgehende Verfügungsrechte an der Produktion.

Die nächste Finanzierung wäre eine Finanzierung über Pre-Sales. Diese Finanzierungsform setzt als Basis für die Produktionskosten Eigenkapital voraus, das durch Einnahmen aus Vor­verkäufen ergänzt wird. Klar ist, dass bei dieser Form der Finanzierung der Vertrieb, der die Vorverkäufe macht, das Projekt sehr genau beobachtet, um das Endergebnis möglichst besser verkaufen zu können als im Pre-Sale, denn dort liegt der Gewinn.

Last but not least – wobei dies keineswegs eine vollständige Auflistung ist – die Finanzierung durch Filmförderung. Staatlich geförderte Gelder für die Filmherstellung sind zweifelsohne eine europäische Erfindung. Sie entstand aus der fast aussichtslosen Konkurrenzsituation zwi­schen europäischem Film und US-amerikanischen Produktionen Ende der fünfziger Jahre und Anfang der sechziger Jahre. Diese staatliche Förderung wurde geschaffen, um die nationale Produktion von Filmen zu ermöglichen und zu stärken.

Abgesehen von der enormen Finanzkraft und Expertise, mit der in den USA gearbeitet wurde und wird – wir haben zu dieser Expertise beigetragen und sogar Leute hingeschickt, die sie das gelehrt haben –, hat die weitgehende Abschottung des US-Heimmarktes gegenüber fremdländi­schen Filmen die Konkurrenz zum Beispiel gegenüber Europa zusätzlich verschärft, was aber unsere amerikanischen Freunde nicht davon abhält, Gebrauch von ausländischen Förderun­gen – wo immer nur möglich – zu machen.

Zurück zur Filmförderung: Man muss in jedem Fall klarstellen, dass diese staatlichen Filmför­derprogramme und die ergänzenden Regionalförderungen in den letzten 20 Jahren in Europa zu großen Filmen und deren internationalen Erfolgen wesentlich beigetragen haben. Daneben sind in diversen Ländern Filmindustrien entstanden beziehungsweise wieder belebt worden, die sich durchaus mit den Großen dieser Welt messen können. Es muss aber auch klar gesagt werden, dass dies alles ohne den ungeheuren Programmappetit des Fernsehens sicherlich viel langsamer und weit weniger effektiv erreicht worden wäre.

Lassen Sie mich ein Resümee ziehen. Die amerikanische Luftfahrtindustrie war Amerikas Ex­portartikel Nummer eins – war, weil es nach misslungenen europäischen Einzelgängen durch gezielte Aufbauförderungen und abgestimmte Kooperationen mehrerer finanzstarker Länder in Europa zu einer starken innovativen Luftfahrtindustrie gekommen ist. Heute ist der Airbus die Nummer eins – und nicht mehr Boeing, obwohl Boeing fast alles aufgekauft hat, wie wir wissen.

Was kann man daraus ableiten? – Erstens: keine Alleingänge nationaler Art gegen Giganten in derselben Branche.

Zweitens: klare Positionierung der potentesten Partner in einer Kooperation.

Drittens: klare Positionierung der schwächeren Partner und ihrer Beiträge zur Kooperation.

Viertens – wahrscheinlich der wichtigste Punkt –: Verwertung des entstehenden Produktes in einer gemeinsamen Verwertungsgesellschaft.

Eine nationale Industrie, die am Existenzminimum herumarbeitet, ist zu sehr mit dem Überleben beschäftigt. Nur eine gut ausgelastete Industrie bringt neue Fachkräfte, neue Innovationen.

Wie kann man das auf die Filmindustrie anwenden? Mit staatlichen Fördermitteln allein wird diese Industrie nicht wachsen. Man muss zusätzliche Finanzquellen erschließen und diese Mittel zielführend einsetzen. Dies könnte zum Beispiel durch private Geldmittel geschehen, die steuerlich nutzbar sind und auf dem Weg des Einsatzes im eigenen Land andere Steuerein­nahmen kreieren, wie zum Beispiel Lohnsteuer, Einkommensteuer, Mehrwertsteuer und so weiter.

Da es sich um Risikoanlagen handelt, muss man natürlich auch für eine gewisse Absicherung des Investments Sorge tragen, um vor allen Dingen Anleger aus fremden Branchen zu überzeu­gen, sich daran zu beteiligen.

Im Falle Österreich müsste man, wie ich meine, über den Bereich Spielfilm hinaus auch die Pro­duktion von Fernsehprojekten ein bisschen mehr unterstützen – dies schon deshalb, um die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Industrie, die ja im Ausland als besonders kreativ gilt, zu stärken. Das könnte aber auch für den ORF von Nutzen sein. – Danke schön. (Beifall.)

10.02


vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Ich danke allen Referenten für ihre State­ments.

Die Frage, der wir uns im ersten Teil dieser Enquete stellen sollen, ist: Wie positionieren wir den österreichischen Film im internationalen Umfeld? Wir haben verschiedene Statements gehört. Wir haben sehr viel über Koproduktionen gehört. Wir haben aus Dänemark sehr praktische Hin­weise bekommen, auch den Ausspruch gehört: „not just make movie for art“.

Auf der anderen Seite haben wir von Herrn Haneke gehört, dass er die künstlerische Förderung ohne primäres wirtschaftliches Interesse in den Vordergrund stellt. – Vom letzten Referenten, Herrn Puschnig, haben wir gehört, dass er für eine gemeinsame Verwertungsgesellschaft eintritt.

Diskussion


vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Wir gehen jetzt in die Diskussion ein.

Als Erster zu Wort gemeldet hat sich Herr Jochen Bauer. – Bitte.

10.03


jochen Bauer¦ (Oberösterreichisches Filmbüro für touristisch wirksame Produktionen): Meine Damen und Herren! Ich durfte in den letzten sechs Jahren – in 27 Tagen sind es genau sechs Jahre – die gewerbliche oberösterreichische Filmförderung aufbauen. In diesem Zeitraum hat das Land mit den Regionen etwa 70 Millionen Schilling als Filmförderung gewährt. Dadurch wurden in Österreich 1,050 Milliarden Schilling verproduziert; davon flossen 790 Millionen Schilling aus dem Ausland nach Österreich. – Das ist der Beginn meines Statements, um ein­mal die Größenordnung klarzustellen.

Gar keine Frage, dass mein Herz für Herrn Haneke und dessen Aussage schlägt, und es ist auch keine Frage, dass ich der Meinung bin, dass in diesem Land, das ich meine Heimat nenne und gerne meine Heimat nenne, der internationale Imageträger Film eine größere Rolle spielen sollte, als er das im Moment tut. Ich bin der Meinung, dass Österreich ein riesiges kreatives Potential hat, das bisher bewiesen hat, dass es nicht nur große internationale Filme auf Grund von Kontinuität und staatlicher Förderung und Koproduktionen zustande bringt, sondern auch in der Lage ist, mit Hilfe von Serien, die sehr viel Geld kosten und im Fernsehen, auch in Deutschland, ausgestrahlt werden, ein Image herzustellen, das erheblich höher ist, als wir es uns alle miteinander vorstellen können. Fragen Sie einmal bei der „Österreich-Werbung“ nach, ob sie sich nicht einen Film beziehungsweise eine Serie wie „Julia“, „Schloßhotel Orth“ oder „Hattrick“ als Aushängeschild für Österreich wünschen würde.

Ob wir damit einverstanden sind oder ob wir uns lieber an der „Klavierspielerin“ orientieren, ist eine völlig andere Frage und braucht hier nicht beantwortet zu werden. Das Problem, das ich im Moment sehe und wozu ich gerne noch in der nächste Runde Stellung nehmen möchte, ist, dass wir die Kreativität, die im Moment in unserem Lande vorhanden ist, abwandern lassen, und zwar auf Grund der Tatsache, dass nicht mehr genügend finanzielle Mittel vorhanden sind, um die Produzenten, die bewiesen haben, dass sie es können, hier voll zu beschäftigen.

Anstatt dass sich etwa die Herren Mrkwicka, Wolkenstein, Heiduschka, Stocker oder Krausz darum streiten müssen, dass sie genügend Aufträge vom ORF bekommen, damit sie ihre Firma überleben lassen können, sollte eigentlich eine Situation geschaffen werden, in der sie sich gegenseitig um Hilfe bitten müssen, um die Produktionskapazitäten so zu erhöhen, dass das produziert werden kann, was das Ausland von uns erwartet.

Das 21. Jahrhundert ist meiner Ansicht nach eines der Medien, und dieses Jahrhundert der Medien hat nicht nur mit Film zu tun. Schon alleine, wenn Sie jetzt genau zugehört haben, werden Sie sicherlich festgestellt haben, dass der eine vom Kunstfilm, der andere vom Fern­sehfilm spricht. Und es gibt noch eine Unmenge von Sitcoms und ähnlichen elektronischen Mög­lichkeiten.

Das Internet – und das ist das Entscheidende; und da fehlen im Moment die Repräsentanten von 65 Prozent derer, die demnächst zu unserer Runde gehören werden – wird in ganz weni­gen Jahren laufendes Programm liefern können. Ich frage Sie, wenn Sie selbst schon einmal im Internet gesurft haben, ob Sie irgendwo ein Portal gefunden haben, wo Sie sich an die Hand genommen fühlen und interessiert in die Zukunft und in die Information geführt werden.

Dieses Jahrhundert braucht nicht nur – das halte ich für außerordentlich wichtig – Information, nicht nur Unterhaltung, sondern die „Industrie“ dieses Jahrhunderts wird sein: information, entertainment and opinion. Wenn Sie darüber nachdenken, wird Ihnen klar werden, dass die Meinungsmache über das Internet eines der brisantesten Themen sein wird, nämlich dann, wenn die Regionen und Interessengruppierungen ein eigenes Programm herstellen können, das sie im Vertrieb überhaupt nichts kostet und unter Umständen in der Herstellung das „Europa der Regionen“ möglich macht.

Ich habe einen praktikablen Vorschlag für die Zukunft, den ich dann gerne beim nächsten Punkt anbringen möchte. – Danke für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall.)

10.09


vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Als Nächste zu Wort gemeldet ist Frau Abge­ordnete Mag. Muttonen. – Bitte.

10.09


Abgeordnete Mag. Christine Muttonen¦ (SPÖ): Frau Vorsitzende! Sehr geehrte Damen und Herren! Was mich sehr freut und was aus diesen Vorträgen, aus diesen Statements hier klar hervorgegangen ist, ist, dass es um ein klares politisches Bekenntnis zum Film geht. Ich meine, das ist ganz wichtig, und das möchte ich auch unterstreichen: Es ist wichtig, sich zum Film zu bekennen. Das heißt aber natürlich auch, dass die entsprechende Förderung vorhanden sein muss, damit das Kulturgut Film auch wirklich in Österreich weiter finanziert werden kann.

Ich würde vorschlagen, dass es gleich einmal eine Verdoppelung des momentanen Budgets gibt, weil, wie Sie gehört haben, Österreich da international gesehen eben an letzter Stelle liegt. Das ist schon sehr eigenartig, dass bei einer Kunstrichtung, die jetzt so gut zu laufen begonnen hat, die nach jahrelanger Aufbauarbeit so gut funktioniert, jetzt plötzlich alles gekappt wird. Ich denke, das ist der wichtigste Punkt: der politische Wille, hiefür etwas zu tun.

Wie Sie wissen, war unter Bundeskanzler Klima Kunst und Kultur Chefsache. – Bundeskanzler Dr. Schüssel hat jetzt auch wieder etwas zur Chefsache erklärt, wo es aber um ganz andere Dimensionen geht: Es werden jetzt um sehr viel Geld Abfangjäger gekauft. Schauen Sie sich die Dimensionen an, was die Filmförderung betrifft: Wenn man das Bundesbudget und die finanziellen Mittel der Bundesländer hiefür zusammen nimmt, sieht man, dass es 2 Prozent sind – nur 2 Prozent! –, die in die Förderung von Film, Video und Kino gehen. – Ich meine, es wäre überhaupt keine Schwierigkeit, da etwas zu tun und diese Förderung aufzustocken.

Es gibt natürlich auch von SPÖ-Seite Vorschläge, wie man die österreichische Filmproduktion anregen kann. Ich denke, dazu gehört zum einen die Unterstützung des ORF, und zwar muss vom ORF gefordert werden, dass für Auftragsproduktionen weiterhin Geld vorhanden ist, aber auch die Gebührenbefreiung gehörte beispielsweise dem ORF refundiert. Dabei geht es immer­hin um 600 Millionen Schilling, die gestrichen wurden!

Natürlich gehören auch andere begleitende Maßnahmen dazu: steuerliche Anreize beispiels­weise. Ich denke, das ist ein ganz wichtiger Teil, denn diese 10 Prozent – und es sind nur 10 Prozent, diese „Schlagsahne“, von der Herr Haneke gesprochen hat – sind sozusagen die Speerspitze, und damit auch die anderen 90 Prozent funktionieren können und gute Produk­tionssituationen vorfinden, wäre diese Maßnahme, steuerliche Anreize zu schaffen, notwendig. Aber auch andere Möglichkeiten gehören selbstverständlich geschaffen, so zum Beispiel Film­beteiligungsfonds und dergleichen mehr.

Ganz wichtig ist, dass wir sehen, dass dieses politische Statement, dieses Bekenntnis zum Film, dieser Wille, diese 10 Prozent zu unterstützen, dann auch den restlichen 90 Prozent sehr viel mehr Möglichkeiten bieten würde. – Danke.

10.12


vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Nächste Rednerin ist Frau Windelov. – Bitte.

10.13


Vibeke Windelov¦ (Zentropa Film, Kopenhagen) (in Übersetzung): In Dänemark haben wir einen Fonds, bei dem Anträge von Filmemachern gestellt werden können. In diesem Fonds liegen 100 Millionen Dänische Kronen, etwa 50 Millionen €. Das funktioniert allerdings nur, wenn es Privatinvestitionen in derselben Höhe gibt. Sogar bei dem Erfolg der dänischen Filme und mit gutem Willen war es bis jetzt noch nicht möglich, diese notwendigen 15 Millionen zu finden. – Steuervorteile oder etwas Ähnliches wäre wahrscheinlich eine bessere Möglichkeit, als nur zu glauben, dass man Privatinvestoren für einen Film findet.

Ich möchte auch etwas sagen über diese „Lückenfinanzierung“ – oder wie immer man das nennen will. Sobald man etabliert ist und Pre-Sale-Arrangements eingehen kann, bekommt man das Geld nie während der Produktion, das heißt, man braucht eine Bank.

In Frankreich gibt es hiefür ein System, das von der Regierung unterstützt wird; in Berlin tun das Banken, auch in England. Aber auf Grund der Gesetzgebung, die in allen Ländern unter­schiedlich ist, ist es viel sinnvoller, es in dem Land zu tun, wo man eigentlich sitzt.

Ich empfehle daher: Wenn Sie die Filmindustrie größer machen und Geld investieren wollen, dann sollten Sie auch dafür sorgen, dass die Bankiers entsprechend ausgebildet werden, damit diese verstehen, wie man Geld hiefür zur Verfügung stellt. (Beifall.)

10.14


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Nächste Rednerin: Frau Abgeordnete Dr. Gla­wischnig. – Bitte.

10.15


Abgeordnete Dr. Eva Glawischnig¦ (Grüne): Sehr geehrte Damen und Herren! Ich bin sehr dankbar für die sehr klaren Ausführungen der Experten, die uns Empfehlungen gegeben und gesagt haben, in welche Richtung es gehen soll. Ich möchte noch ein paar Dinge hervorheben und auch ein bisschen die Dramatik der Situation aus meiner Sicht noch einmal unterstreichen. Es würde mich interessieren, ob Sie das auch so sehen.

Wenn Österreich auf diesem Gebiete international wirklich so fantastisch dasteht, wenn wir so großartige Talente haben, sodass aus Dänemark nachgefragt wird, was in Österreich da alles passiert, wir also eine spannende Filmszene haben und wenn es dann tatsächlich der Fall ist, dass Leute wie Barbara Albert bei ihrem Zweitfilm monate-, ja fast jahrelang um die Finanzie­rung ringen müssen, dann läuft da doch etwas ganz grundsätzlich schief.

Ich glaube, es geht nicht nur darum, dass die Filmfördermittel aufgestockt gehören, sondern es gehört auch darum gerungen, dass dieser grundsätzliche Konsens – die österreichische Stärke ist es, „very good films“ zu produzieren – politisch außer Streit gestellt wird. Über das würde ich mich heute als Erkenntnis und als Ergebnis dieser Enquete sehr freuen.

Das hat mir jetzt auch sehr gut gefallen, und ich hoffe, dass das auch ein gemeinsamer Kon­sens dieser Veranstaltung heute ist, nämlich dass man dazu eine Basisarbeit braucht, eine kon­tinuierliche Aufbauarbeit, wo auch Scheitern vorprogrammiert sein darf, ja sein muss, wo man einen Zweitfilm und einen Drittfilm machen kann, ohne jeweils um die Finanzierung kämpfen zu müssen, dass diese Dinge einmal außer Streit gestellt werden, dass die künstlerische Freiheit und die Unterstützung für diese Qualität in einem längeren Kontinuum – über Jahre hinweg –, von der Ausbildung angefangen, gegeben sind.

Im Wesentlichen unterstützen wir die Forderungen der SPÖ, die hier bereits formuliert wurden. Wir stellen uns 300 zusätzliche Filmfördermillionen vor, aber ganz wichtig ist es auch, in der Filmförderpolitik den Konsens zu haben: Österreichs Stärke ist es, „very good films“ zu produ­zieren. – Danke. (Beifall.)

10.16


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Nächste Rednerin ist Frau Abgeordnete Dr. Wolfmayr. – Bitte.

10.17


Abgeordnete Dr. Andrea Wolfmayr¦ (ÖVP): Meine Damen und Herren! Herr Haneke hat die Regierungsparteien direkt angesprochen, und zwar in sehr engagierter und emotionaler Art, einer Art, die ja auch so zu erwarten war und die ich für diese Diskussion als sehr konstruktiv empfinde. – Diesem ganzen Bündel an Vorwürfen, Ängsten und auch Projektionen, die es da gibt, möchte ich jedoch entgegnen: Diese Enquete geht auf einen Vier-Parteien-Antrag zurück, und wir sitzen hier, weil wir uns Gedanken über die Situation der Filmschaffenden in Österreich machen und auch über den „Tellerrand“ Österreichs hinaus schauen und Informationen ein­holen wollen, um eben an der Situation etwas zu verbessern. Deshalb haben wir ja auch viele internationale Experten zu dieser Enquete eingeladen.

Die ganz konkreten Anregungen von Frau Windelov haben mir sehr gut gefallen, sie setzen nämlich beim Problem der Künstlerinnen und Künstler direkt an. Ich bin selbst Künstlerin und weiß daher, dass eines der größten Probleme für uns ist, wie man sozusagen in das System hineinkommt. Frau Windelov hat gesagt: Wann immer man ein Talent sieht, muss man es fördern! – Das ist auch unsere Denkweise. Weiters sagte Frau Windelov: Für Stars ist es wichtig, mit internationalen Produzenten zu arbeiten! – Dorthin müssen wir gelangen. Atmo­sphäre und Milieu hiefür müssen geschaffen werden.

Diesbezüglich ist jedoch in den letzten Jahrzehnten zu wenig geschehen, beispielsweise auch in einem Bereich, in dem ich mich ein bisschen auskenne, nämlich beim wichtigen Thema Dreh­buch, Drehbuch schreiben. Die Stoffe sind das Allererste und Wichtigste, aber das Drehbuch-Forum funktioniert bei uns nicht, wir haben nicht einmal einen Vorstand. Wir brauchen neue Möglichkeiten für die Ausbildung. Für österreichische Schriftstellerinnen und Schriftsteller wären da ganze Felder neu zu beackern. Das wollte ich als Erstes konkret einbringen. – Danke.

10.18


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Nächster Redner: Herr Haneke. – Bitte.

10.19


Michael Haneke¦ (Regisseur): Ich möchte nur etwas ergänzen, weil ich mir vorstellen kann, dass vielleicht der eine oder andere nicht weiß, welche Möglichkeiten, welche Methoden es in verschiedenen Ländern gibt, Geld für den Film aufzustellen. Ich nehme an, dass die für den Film Verantwortlichen das wissen, da aber hier über 100 Leute sitzen, ist es vielleicht ganz gut, nochmals das Beispiel Frankreich in Erinnerung zu rufen.

Ich habe mir das zusammengeschrieben; das sind Summen, die sich nur auf die reine Filmpro­duktion, nicht aber auf die Fernsehproduktion beziehen. Für die Förderung der Fernsehfilme gibt es in Frankreich noch einmal in etwa den gleichen Gesamttopf an Geld, wie es ihn für die Kinofilme gibt. Es geht aber vor allem um die Frage, wie der Staat dieses Geld hereinbekommt.

In Frankreich gibt es die „avance sur recettes“, das ist ein Vorschuss auf die Einkünfte, das ist in etwas das, was es auch bei uns in der Filmförderung gibt. Das sind ungefähr – ich sage das jetzt alles in Francs – 130 Millionen Francs. Das ist nicht sehr überwältigend, das sind 2 bis 3 Millionen Francs pro eingereichtem Buch. Die Auswahlkriterien richten sich nach künstleri­schen Gesichtspunkten.

Dann gibt es in Frankreich den großen Brocken der Referenzmittel von CNC. Das sind auch un­gefähr 400 Millionen Francs, also 800 Millionen Schilling. Diese Referenzförderung wird aus zwei Quellen gespeist. Die erste ist: Jeder Besucher bezahlt bei jedem Kinoticket – egal, wel­cher Nationalität dieser Film ist – 13 Prozent für die Referenzmittel. Das ist per Gesetz geregelt; diese Mittel kommen sozusagen automatisch herein. Die zweite Quelle ist: Alle TV-Sender, die staatlichen wie die privaten, führen für jede Ausstrahlung eines Kinofilmes – egal, welcher Nationalität dieser Film ist – einen Prozentsatz an CNC für Referenzmittel ab. Die Höhe der Summe hängt vom Sendeplatz, von der Länge des Films et cetera ab. Dafür bekommt der Pro­duzent für jeden Besucher seines Films zirka 5 Francs an Referenzmitteln.

Weiters gibt es in Frankreich die SOFICA, die Sociétés de Financement du Cinema et de L’Audiovisuel. Dieses Gremium vergibt ungefähr 300 Millionen Francs. – Also wir haben jetzt: 130 Millionen Francs aus „avance sur recettes“, 400 Millionen Francs aus Referenzmitteln und 300 Millionen Francs von SOFICA – das sind Investitionen in Filme mit von Banken gesammel­tem steuerfreiem Geld. Ein Gremium vergibt dieses Geld in zwei Schritten: Zuerst wird nach künstlerischen Kriterien ausgewählt, und danach richtet sich die Höhe der Zuteilung auch nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten.

Ein Riesenanteil kommt von den TV-Anstalten in Frankreich: öffentliche und private TV-Anstal­ten geben ungefähr 400 Millionen Francs. Sie müssen per Gesetz 3,2 Prozent ihres Gesamtum­satzes in der Höhe von 2,1 Milliarden € in europäische Filme investieren, und davon nur 15 Pro­zent in nicht-französischsprachige. Das ist ein wichtiger Punkt.

Weiters gibt es den Pay Channel Canal Plus, der 12 Prozent seines Gesamtumsatzes, also ungefähr 1 Milliarde Francs, in Filme investieren muss. Dafür hat er ein Jahr lang, ab dem 13. Monat, in dem die Filme im Kino liefen, die alleinigen Ausstrahlungsrechte.

Es gab bisher auch noch für Koproduktionen von Canal Plus 400 Millionen Francs, diese wurden aber durch diese ganze „Vivendi“-Sache, von der Sie sicherlich auch im Radio gehört haben, hinfällig; die sind jetzt weggefallen.

Insgesamt sind das in etwa 2,230 Milliarden Francs, die da zusammenkommen, wobei der überwiegende Anteil eben durch die in die Pflicht genommenen diversen Bereiche zustande kommt.

10.23


vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Nächster Redner ist Herr Abgeordneter Dr. Wittmann. – Bitte.

10.24


Abgeordneter Dr. Peter Wittmann¦ (SPÖ): Meine sehr geehrten Damen und Herren! Da ich einmal für diesen Bereich verantwortlich war, traue ich mir auch zu, kurz eine Analyse des Ist-Zustandes zu geben.

Es war nicht einfach, zusätzliche Mittel für den Film zu lukrieren, aber wir waren auf einem Weg, der eine kontinuierliche Steigerung der Filmmittel erwarten hat lassen, und es ist auch tatsäch­lich mehr Geld in die Filmbranche geflossen. Es wurde eine Erhöhung von 110 auf 160 Millio­nen Schilling erzielt. – Diese 160 Millionen Schilling wurden von dieser Koalition sofort wieder auf 103 Millionen Schilling zurückgefahren; gleichzeitig wurde die versprochene Refundierung der Beitragsförderung des ORF in Höhe von 600 Millionen Schilling nicht gewährt – und gleichzeitig hat der ORF sein Produktionsbudget 2002 von 1 Milliarde Schilling auf 800 Millio­nen Schilling reduziert.

Das heißt, es wurde der gesamten Branche auf allen Ebenen Geld entzogen. Und das bedeutet nichts anderes, als dass man die Firmen an den Rand der Existenzgrundlage gebracht hat, sodass es nur eine Frage der Zeit ist, wer überleben wird. Es wird dann ganz einfach ein kleineres Spektrum geben, das überlebt – und auch nur mehr ein kleineres kreatives Potential vorhanden sein.

Genau das Falsche wird also gemacht: Jetzt, wo das kreative Potential internationale Erfolge hat, jetzt, wo in Österreich Leute ausgebildet werden, die international überall gesucht sind, die in Deutschland und anderswo auf der Welt arbeiten können, werden im eigenen Land die Pro­duktionsmittel verknappt, sodass diese Menschen eben nicht hier arbeiten können. Damit wird praktisch einer ganzen Branche die Existenzgrundlage entzogen.

Das passiert in einem internationalen Kontext, wo man überall bemüht ist, umzustrukturieren und in kreative Wirtschaftszweige zu gehen; siehe Nordrhein-Westfalen. In Ungarn wird das ganz geschickt gemacht, aber auch in anderen osteuropäischen Ländern, um eben dieses kreative Potential zu nutzen.

Jetzt findet eine Neupositionierung statt – auch dadurch, dass der Kirch-Konzern in Kon­kurs gegangen ist. All diese Dinge lassen darauf schließen, dass eine Neuorientierung der gesamten Filmwirtschaft in Europa stattfindet. Und zu einem solchen Zeitpunkt wird in unserem Lande dieser Branche das Geld entzogen – das ist wirklich der Unzeitpunkt! –, anstatt jetzt zu investieren.

Zu glauben, dass man mit privaten Finanzierungsmodellen die staatliche Förderung ersetzen kann, ist ein Irrglaube. Erstens haben wir in Österreich keine Tradition im Bereich der frei finan­zierten Filmproduktionen. Wir haben nicht den entsprechenden Finanzierungsapparat, keine Banken, die sich damit beschäftigen, auch keine Venture-Finanzierung, die sich damit ausein­ander setzt. Wir haben keine Filmfonds und so weiter. Daher müssen wir über einen mittelfristi­gen Zeitraum die staatlichen Förderungen erhöhen, und parallel dazu kann man die privaten Finanzierungsschienen aufbauen, aber auf keinen Fall darf die private Finanzierung an die Stelle der staatlichen Förderung treten. Das muss zur Katastrophe führen, weil man keine Erfahrung in diesem Bereich hat und damit die Branche wahrscheinlich noch mehr treffen würde, als wenn man die staatliche Förderung parallel dazu führen würde.

Das heißt, man muss die staatliche Förderung in den nächsten Jahren erhöhen und dazu – nicht anstatt! – eine private Finanzierungsschiene aufbauen. Diese kann im Rahmen von steuerlichen Begünstigungen, aber auch im Rahmen von Förderungen des Finanzierungs­apparates stattfinden, aber das ist ein mittel- bis langfristiges Vorhaben.

Das heißt, dass man jetzt – nur jetzt kann man das machen und sich für den Film und dieses kreative Wirtschaftspotential, das dahinter steht, entscheiden – die Fördermittel kontinuierlich anheben muss und einen Weg vorgibt, der dann langsam und gleitend in eine Parallelfinanzie­rung mit privaten Finanzierungsmitteln übergehen kann.

Aber jetzt die Fördermittel zurückzunehmen und damit in den Betrieben, die Filmförderung bekommen haben, die Mittel zu verknappen, das wird zu einem absoluten Super-GAU in dieser Branche führen und letztendlich die Abwanderung dieses ganzen kreativen Potentials in andere Länder beschleunigen beziehungsweise geradezu erzwingen. Und das ist der falsche Weg!

Man sollte jetzt rasch und in einer Not-Aktion die Mittel erhöhen, und zwar kontinuierlich! Da müsste ein kontinuierlicher Weg gegangen werden. Natürlich wäre ein großer „Schlag“, mit dem man zeigt, dass man in dieser Branche präsent sein will, das Beste, aber langfristig gesehen sollte man eine kontinuierliche Erhöhung der Fördermittel im Filmförderungsgesetz verankern. (Beifall.)

10.28


vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Nächster Redner ist Herr Mrkwicka. – Bitte.

10.29


Kurt j. Mrkwicka¦ (Filmstadt Wien, Rosenhügel-Studios): Meine Damen und Herren! Es sind sehr viele Worte und Statements zu unserem Beruf, zu unserem Tun und Treiben gefallen. Grundsätzlich glaube ich – zum Unterschied von einer der Vorrednerinnen –, dass wir relativ stolz darauf sein können, mit jenen Mitteln, die wir bisher zur Verfügung hatten und die jetzt zur Verfügung stehen, diese Dinge erreicht zu haben. Ich glaube, man kann es immer so sehen, dass das Glas Wasser halb leer oder halb voll ist.

Folgendes möchte ich aber noch zur Finanzierungsproblematik sagen: Jenen Filmproduzenten, der in die Tasche greift und 100 Millionen Schilling beziehungsweise Dollar herausnimmt und damit einen Film macht, gibt es nicht in unserem Land und nicht in dieser Welt. Glauben Sie mir! Die Finanzierungen erfolgen in unterschiedlichster Form – durch Förderungen etwa –, wo­bei ich nicht so gern von „Förderung“ spreche, weil das, wie jeder verstehen kann, eine Investi­tion ist, und wir wissen: Eine Investition von heute ist der Gewinn von morgen. Das, was heute Erfolg ist, ist der Erfolg auf Grund einer Investition von gestern.

Mir persönlich geht es aber im Wesentlichen um den Standort, und ich muss sagen, dass wir in Österreich auf Grund der enormen, exorbitanten Lohnnebenkosten gegenüber anderen Län­dern extrem benachteiligt sind. Ein Beispiel: In London habe ich über eine große amerikanische Produktion verhandelt, die nach Wien kommen sollte. Ich war nicht der Produzent hier am Platz, aber ich war in die Verhandlungen involviert, weil die Filmstadt Wien für 22 Wochen zwei Studiohallen hätte vermieten können. Ich bin an einem Tag hin und zurückgeflogen, am Ende der Verhand­lungen gab es einen Kalkulationsvergleich, und ich bekam das lapidare Fax: „The work in Austria is too expensive.“

Dann habe ich mir die Kalkulation der Engländer angeschaut: Dort ist für einen Kameramann die Wochengage mit umgerechnet 16 700 S festgesetzt, und in meiner Kalkulation sind dafür eben 45 000 S vorgesehen. – Was das für die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes bedeutet, können Sie sich selbst ausrechnen.

Der nächste Punkt, wo ich mich persönlich sehr engagiere, ist die Novellierung des Urheber­rechtsgesetzes – ein Punkt, der hier angesprochen gehört, der bis zum Jahresende erledigt sein soll. Unsere deutschen Nachbarn waren und sind diesbezüglich große Vorreiter – und haben bereits große Probleme. Das Urheberrecht soll kollektiviert werden, das heißt: Beteili­gung der Filmschaffenden bis hin zum Kameramann, Ausstatter und so weiter an Verwertungs­gesellschaften. – Das, meine Damen und Herren, bedeutet: Das Produkt wird unverkäuflich, Sie bringen es nicht mehr an den Mann! Ein Produzent aus Deutschland hat mich angerufen und gesagt: Wenn ihr diesen Schachzug nicht vollzieht, könnte unser Nachteil zu eurem Vorteil werden! Wir weichen jetzt aus nach Brüssel, nach Prag.

Ich würde jedenfalls ersuchen, dass diese Frage in den nächsten sechs Monaten zur Diskus­sion steht.

10.33


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Als nächster Redner zu Wort gemeldet ist Herr Mag. Seikmann. – Bitte.

10.33


Mag. Bernhard Seikmann¦ (Wunderwerk Digitale Medien Produktion GmbH): Ich gehöre zu den 65 Prozent jener Leute, die heute laut der ersten Wortmeldung nicht anwesend sein sollen, und komme aus der New Media-Branche, die in den letzten Jahren auch nicht ganz einfach war, wie Sie mir glauben dürfen.

Ich würde gerne an das Statement von Herrn Haneke anknüpfen, an diesen bildhaften Ver­gleich von der Milch und der Sahne. Ich denke, dass wir derzeit die „Sahne“ – auch dank Ihnen, Herr Haneke – sehr wohl produzieren, sehr gut produzieren, aber leider keine „Milch“, nämlich keine Filme, die das Publikum in Scharen in das Kino strömen lassen, keine Filme, die das Publikum zum Lachen bringen und nicht mit Problemen konfrontieren, keine Filme, die das Publikum spannend unterhalten.

Weshalb ist das so? Ich höre immer wieder Begriffe wie „Kulturgut“, „Kulturfördergelder“, „Kul­turpolitik“. Für mich, der ich aus der Wirtschaft komme, ist das ein bisschen zu viel Kultur und ein bisschen zu wenig Wirtschaft. Ich vermisse Begriffe wie „Wirtschaftspolitik“, „Wirtschaftsgut“, das der Film sehr wohl sein kann.

Herr Haneke sagt: Wer in einer Branche das Existenzminimum kürzt, bringt sie um. – Ich finde, das ist sehr positiv formuliert, denn meines Erachtens hatten wir nie ein Existenzminimum. Eine Branche, die sich nicht in irgendeiner Form selbst erhalten kann, sprich: wo auch Geld herein­kommt, hat nie ein Existenzminimum gehabt. Das wäre genauso bei einer Bank, die dauernd Kredite vergibt, aber nie Geld zurückbekommt. (Ruf: Da können Sie auch die Oper zusperren oder das Burgtheater!) – Das stimmt nicht ganz. (Neuerlicher Zwischenruf.)


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Meine Damen und Herren! Ich denke, dass Wortmeldungen aller Richtungen und aller Meinungen zulässig sind, und ich darf bitten, dass man den Redner seine Ausführungen fortsetzen lässt!


Mag. Bernhard Seikmann¦ (fortsetzend): Meine Forderung wäre, hier auch wirtschaftliche oder wirtschaftspolitische Aspekte gelten zu lassen. Ich will überhaupt keiner Förderstelle den Hahn abdrehen. Ich schließe mich den Ausführungen des Herrn Wittmann absolut an: Es muss parallel erfolgen. Man soll den Künstlern die Fördergelder lassen, okay, kein Problem. Wenn man uns die Möglichkeit gibt, auch wirtschaftliche oder wirtschaftspolitische Maßnahmen gel­tend zu machen, dann bin ich schon sehr froh.

Auf der einen Seite ist also der Staat gefragt, auf der anderen Seite ist aber auch die Film­branche gefragt, und zwar die gesamte und nicht, wie Herr Haneke sagt, die wichtigste Gruppe des Filmwesens, nämlich die Regisseure. Sie sind auch eine Filmgruppe, aber es gibt noch die Auto­ren, Produzenten, Leute, die das Produkt vermarkten, verleihen, vertreiben und so weiter. Wenn wir es nicht alle gemeinsam schaffen, eine einzelne Gruppe wird dafür sicherlich nicht prädestiniert sein. (Beifall.)

10.36


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Nächster Redner ist Herr Professor Mayer. – Bitte.

10.37


O. Univ.-Prof. Dkfm. Peter Mayer¦ (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, Vor­stand des Instituts für Film und Fernsehen): Meine sehr geehrten Damen und Herren! Das an­gesprochene „Filmwunder Österreich“ resultiert mit all den genannten Namen – mit einer Aus­nahme – aus der Wiener Filmakademie. Das sind lauter Studenten oder Absolventen der Wie­ner Filmakademie. In diesem Zusammenhang möchte ich Herrn Kollegen Haneke begrüßen, der ab Herbst die zweite Klasse „Regie“ betreut; ich freue mich, dass das gelungen ist.

Auf das Problem der Ausbildung in unserem Lande möchte ich nun zu sprechen kommen. Die Filmakademie, die nun ein universitäres Studium darstellt, weltweit das einzige universitäre Studium – das heißt, wenn weltweit evaluiert werden sollte, dann müssten die anderen an uns evaluiert werden, denn wir bilden Akademiker aus und nicht Fachhochschüler –, lebt von einem Budget von 4,5 Millionen Schilling im Jahr, und es werden zirka 200 Filme im Jahr produziert. Diese Filmakademie als Teil der Universität für Musik und darstellende Kunst kann durch den „klugen“ Gesetzgeber und sein nachgeordnetes Ministerium die Studienpläne seit 1988 nicht verändern. Ich kann nicht sagen, weil die Digitalisierung erfunden worden ist, wollen wir einen Lehrauftrag für Digitalisierung haben. Ich darf das nicht in den Lehrplan hineinschreiben!

Wir kippen seit 23. März in das Gesetz 1993 – und wissen jetzt, dass wir im nächsten Jahr in das Gesetz 2003 kippen. Alle vernünftigen Menschen dieser Institution fragen sich: Für wie blöd halten uns die eigentlich, dass wir ein Jahr lang ein Gesetz ausarbeiten und bearbeiten, in das wir im nächsten Jahr hineinkommen?! – So weit meine Sorgen zur akademischen Ausbildung in diesem Bereich. Ich bitte alle politischen Kräfte dieses Landes, uns dabei ein bisschen zu unterstützen. Die Erfolge sind es offensichtlich wert, wie Sie sehen können.

Wir reden jetzt in Wirklichkeit über 9 Prozent des österreichischen Films, nämlich den Kinofilm, und ich danke Herrn Puschnig dafür, dass er den Fernsehfilm angesprochen hat; damit wird diese Sache wirklich interessanter.

Anschließend an die Ausführungen des Kollegen Mrkwicka möchte ich sagen: Wir haben in Wirklichkeit zwei weitere Probleme, die ich in meiner Funktion als einer der Verantwortlichen des Verbandes österreichischer Filmproduzenten kurz anklingen lassen darf. Durch eine unsin­nige sozialpolitische Entscheidung wurden die Filmschaffenden in die Selbständigkeit gedrängt. Wir haben jetzt im Augenblick über 3 300 Gewerbescheine für Filmproduktion, und wir haben zu diesen 3 300 Gewerbescheinen und Selbständigen etwas über 300 Beschäftigte in den Fixbe­reichen dieser Produktion. Das ist nicht ganz nachzuvollziehen. Jeder dieser selbständig Ge­werbetreibenden wird auf eine Umsatzzahl von 30 000 bis 50 000 S per anno kommen. Das sind Entwicklungen, die einfach nicht funktionieren können.

Schlussendlich noch eine Forderung, auch an die Politik: Wir brauchen ein statistisches Instru­mentarium. Wir haben keine signifikanten gültigen Unterlagen. Jede Statistik, die wir uns an­schauen, differiert von der anderen Statistik – und auch von der dritten, die wir selbst gerade fälschen.

Wenn Sie heute fragen, wie viele Produktionsleiter es in dieser Branche gibt, dann werden die Sozialversicherung oder das Arbeitsmarktservice sagen: Wir haben keine Kennziffer dafür! Ein Produktionsleiter ist für uns so etwas wie ein „Fließbandingenieur“, er leitet eine Produktion im Spritzgussverfahren. Wir haben keine entsprechenden Kennzahlen für die Beschäftigten in der Filmindustrie. (Beifall.)

10.41


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Nächste Rednerin ist Frau Dr. Geret­schlaeger. – Bitte.

10.42


Dr. Ingrid Geretschlaeger¦ (Niederösterreichische Landesakademie, Medienpädagogische Be­ratungs- und Kooperationsstelle): Sehr geehrte Frau Vorsitzende! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich danke für die Möglichkeit, an dieser Enquete teilzunehmen.

Ich möchte sagen, bis jetzt wurde auf den Aspekt der Basisarbeit beim Publikum vergessen, der in der Akzeptanz, im Verständnis, in der Förderung auch des Nachwuchses eine große und ent­scheidende Rolle spielt.

Die Ausbildungssituation ist kurz angesprochen worden, und im Sinne der Komplexität, die Herr Bauer schon zu Beginn angesprochen hat, ist es notwendig, auch diesen Aspekt mit einzubrin­gen.

Screen Education ist ein wesentlicher Teil des Erfolges der Filmproduktion in Dänemark. Über 20 Prozent der Förderung werden dort für Kinderfilmproduktion eingesetzt. Ich plädiere daher in diesem Zusammenhang für eine Bereitstellung von Mitteln für Kinderfilme, für Qualitätsangebot und Aufarbeitung des Qualitätsangebots, für Hilfe bei der Verarbeitung medialer Eindrücke, für eine visuelle Bildung, eine Screen Education, wie das schon einmal mit der „Aktion Film Öster­reich“ versucht wurde.

Leider wurden die Filmerziehungsbemühungen auch etwas reduziert. Dass wir jetzt eine gesamte Medienerziehung, Medienkompetenzförderung brauchen, ist unumstritten. In diesem Zusammenhang plädiere ich für eine Basisarbeit beim Publikum mit Qualität, mit Auseinan­dersetzung, mit Kritikfähigkeit, mit Förderung und auch der Umsetzung von Ideen durch medienpraktisches Handeln, sodass wir auch Drehbuchautoren bekommen.

In dieser komplexen Sichtweise möchte ich meine Anregungen verstanden wissen.

10.44


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Nächster Redner ist Herr Aschauer. – Bitte.

10.45


Arno Aschauer¦ (Filmschule Wien): Durch einen schier unfassbaren Zufall sprechen Herr Pro­fessor Mayer, Frau Dr. Geretschlaeger und ich nacheinander, und wir alle beschäftigen uns mit dem Thema Ausbildung.

Mein Ansatz ist der Begriff des „kreativen Potenzials“, der meiner Meinung nach zu Tode gerit­ten wird. Ich habe das Gefühl, dass sich vor allem die Politik darauf stützt und meint, wir hätten ein kreatives Potenzial wie einen Vorrat an „Mozartkugeln“ beziehungsweise Lipizzaner-Nach­wuchs oder wie auch immer, und wir bräuchten es nur hervorzuholen. – Kreatives Potenzial gehört geformt, dem kreativen Potenzial muss man die Möglichkeit geben, sich zu entdecken, sich in Freiräumen, die auch scheitern können, zu bewegen. Wir haben das heute schon einmal kurz angesprochen. Herr Haneke sagte, er habe zehn Jahre lang Zeit gehabt, seine persönliche Handschrift zu entwickeln, und das ist genau das, worum es geht: Die Möglichkeit, seine persönliche Handschrift zu entwickeln, muss gegeben werden!

Natürlich kommen unsere Nachwuchsfilmer aus der Filmakademie, weil es bis vor kurzem das einzige Institut war, wo man ausgebildet werden konnte. Das heißt, es muss investiert werden in Ausbildung im gesamten Bundesgebiet, es muss investiert werden in Forschung und Ent­wicklung, damit wir Ausbildungsmethoden entwickeln können. Es ist schändlich, dass wir aus Amerika Ausbildungsmethoden importieren, die auf europäischem Wissen beruhen, beginnend bei Aristoteles bis hin zu Freud, Jung und so weiter.

Es ist natürlich auch notwendig – da gebe ich Frau Dr. Geretschlaeger Recht –, dass man schon in den „Humus“ investiert, und das erfolgt natürlich in den allgemein bildenden höheren Schulen, Hauptschulen et cetera.

Wenn man in eine Ausbildung investiert, dann investiert man auch in eine kritische Masse. Klar ist, dass der junge Filmschaffende nicht nur das Handwerk lernen muss, sondern auch den Weg zum Inhalt. Diese Inhaltsfindung geht natürlich einher mit einer Positionierung innerhalb der Gesellschaft, mit einer Positionierung innerhalb des Mediums, und diese Ausbildung, diese staatlich geförderte Ausbildung bildet natürlich auch kritische Menschen heran.

Um jetzt vielleicht auch etwas provokativ zu wirken: Wir dürfen nie vergessen, dass jene Regie­rungspartei, die diese Enquete heute zugelassen hat und die sich auf den Erfolg „Die Klavier­spielerin“ beruft, vor gar nicht allzu langer Zeit auch plakatiert hat: „Wollen Sie Turrini, Peymann oder Jelinek – oder wollen Sie Kultur?“ – Wie wir alle wissen, basiert „Die Klavierspielerin“ auf einem Buch von Elfriede Jelinek. – Danke.

10.48


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Nächste Rednerin ist Frau Abgeordnete Brinek. – Bitte.

10.48


Abgeordnete Dr. Gertrude Brinek¦ (ÖVP): Geschätzte Damen und Herren! Ich fasse mich kurz und nehme nur Stellung zur Frage Ausbildung beziehungsweise Kunstuniversität.

Mit dem Universitäts-Organisationsgesetz 1993 wurden die Universitäten in eine gewisse Selb­ständigkeit, nämlich in die Teilautonomie entlassen. Sehr rasch wollten die Kunstuniversitäten auch diese Autonomie haben. Mit dem KUOG 1998, dem Bundesgesetz über die Organisation der Universitäten der Künste, wurden die Kunstuniversitäten organisatorisch und dann auch studienrechtlich den Universitäten nachgebildet. Es war klar, dass die Reform in Richtung mehr Selbständigkeit weitergehen muss. Die Musikuniversität selbst hat diese Nachbildung durch das KUOG 1998 mit Händen und Füßen zu verhindern gewusst, sodass es beinahe zu aufsichts­behördlichen Handlungen gekommen wäre. Vor kurzem wurde endlich ihr neuer Rektor inaugu­riert.

Ein bisschen Selbstverschulden ist schon dabei, dass dieser Nachvollzug so lange gedauert hat; andere Kunstunis sind schneller gewesen. – Man konnte sich jedenfalls ab 1998 auf die neuen Autonomiebedingungen einstellen.

Das Universitätsgesetz 2002 wird in den nächsten Tagen beschlossen werden; dieses wird alle Universitäten umfassen. Die Studienpläne können selbstverständlich weiterhin beibehalten werden; die Lehraufträge können sie weiterhin selbständig vergeben. Die Mittel für die Univer­sität werden sogar gesteigert, es gibt ein dynamisches Globalbudget. Damit wird der Spielraum erweitert – und ich bitte, diesen künftig zu nutzen. – Danke. (Beifall.)

10.49


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Nächster Redner ist Herr Fux. – Bitte.

10.50


Herbert Fux¦ (Schauspieler): Die Situation für den Standort Wien hat sich erheblich verschlech­tert. Die Konkurrenz aus Prag und Budapest ist durch die niedrigen Lohnkosten und durch die Möglichkeit, die diese Länder hatten, eine wirklich hervorragende fachliche Infrastruktur für internationale Produktionen aufzubauen, enorm.

Bürgermeister Zilk – es war die letzte Initiative dieser Art – hatte zum Beispiel bei den „Drei Musketieren“ 18 Millionen Schilling dazugeschossen. Die Ausgaben bei der Produktion lagen bei 220 Millionen Schilling, aber an Steuern aus den Ausgaben der Produktion ist mehr als das Doppelte wieder hereingekommen. – Also eine sehr sinnvolle wirtschaftliche Investition – und darüber hinaus viel mehr Arbeit für Filmschaffende aller Sparten.

In der Zeit von Bürgermeister Häupl ist davon jedoch nichts mehr zu bemerken. Gelder vom Wiener Filmfonds abzuzweigen ist doch wohl lächerlich. Die Stadt Wien sollte auch endlich das machen, was durch viel Mühe durch die Regionalförderung in den letzten Jahren aufgebaut werden konnte. Landeshauptmann Pröll war Vorreiter in dieser Beziehung, Oberösterreich und Tirol folgten – in Tirol gibt es das beste Modell bisher –, dann nach langen Bemühungen Salz­burg und auch Kärnten und zuletzt auch die Steiermark, deren Vertreter, Herrn Hirschmann, der dem gegenüber eigentlich am wenigsten aufgeschlossen war, ich heute vermisse.

Ich betone: Die Situation in Wien muss sich sofort ändern! Auch in Wien ist, so wie in anderen Bundesländern, ein Fonds aus dem Wirtschafts- und Tourismusbudget zu installieren, um diesem Nachteil bis hin zum völligen Aus des internationalen Filmstandortes Wien zu begeg­nen. Wir stehen knapp vor dem Aus! In Wien schläft man in dieser Beziehung!

München hat bereits über 100 000 Arbeitsplätze im Film- und Medienbereich geschaffen! Mün­chen und Wien trennen ein paar hundert Kilometer – aber ich frage mich: Sind wir geistig wirk­lich so weit davon entfernt? Auf der ganzen Welt ist im dynamischen Aufbau von Film- und Medienstandorten eine ungeheuer große Konkurrenz im Gange – aber hier bei uns wird dar­über, und zwar schon jahrzehntelang, diskutiert! Ich erlebe dieses „Theater“, all diese Streite­reien schon seit zwei Jahrzehnten. Ich habe mit allen Bundeskanzlern gesprochen, mit Vranitz­ky, mit Klima und so weiter, und sie alle haben gesagt, das sei gut und schön, aber Film interes­siere sie eigentlich nicht so sehr.

Um wie viel geht es denn eigentlich bei der Filmförderung, Herr Fux?, hat mich Bundeskanzler Klima gefragt. – Um 300 oder 400 Millionen Schilling, antwortete ich, worauf er sagte: Also bitte, budgetär haben wir doch wirklich andere Sorgen als solche Promille! – Das waren die Ant­worten! Bundeskanzler Klima hat gesagt: Reden Sie doch mit dem Herrn Wittmann darüber!

Stichwort „Steuerabschreibung“, lieber Herr Wittmann: Wie lange reden wir denn schon über das? Jetzt tun Sie, Herr Wittmann, so, als ob darüber in Ihrer Amtszeit nie diskutiert worden wäre. – In Wirklichkeit alles Dinge, über die wir seit Jahren reden!

Die Situation der jungen Leute ist eine Katastrophe! Sie müssen lange warten – sieben Jahre und mehr! –, um überhaupt eine Chance zu bekommen. – Das kann es doch nicht sein! (Bei­fall.)

10.54


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Nächste Wortmeldung: Herr Dr. Zawrel. – Bitte.

10.54


Dr. Peter Zawrel¦ (Wiener Filmfonds): Sehr verehrte Damen und Herren! Bezug nehmend auf die Ausführungen einer Vorrednerin aus dem Bildungsbereich möchte ich sagen: Ich nehme zur Kenntnis, dass ich in einem Land lebe, wo zu einer Film-Enquete die Präsidentenkonferenz der Landwirtschaftskammern eingeladen wird, nicht jedoch Vertreter des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur, das durch seine Ressortzuständigkeit für die Filmakademie, aber auch dafür, welche Rolle der Film in den Lehrplänen der österreichischen Schulen spielt, auch mitverantwortlich ist für das Thema „Die Zukunft des österreichischen Films“. (Abg. Dr. Brinek: Es sind Abgeordnete da!) – Diese sind auch die Adressaten dessen, was ich sagen möchte, und weniger die Leute aus der Filmwirtschaft, denn wir erzählen uns hier zum Teil Dinge, die wir ohnehin wissen.

Eigentlich wollte ich dort anknüpfen, wo Herr Mrkwicka aufgehört hat. Er war der Einzige, der bis jetzt auf diese Standortproblematik Bezug genommen hat. Herr Puschnig hat davon gespro­chen, dass es eine staatliche Filmförderung und flankierend dazu „ergänzende regionale Förde­rungsprogramme“, wie er das genannt hat, gebe. – Das möchte ich etwas korrigieren.

In der Tat ist es derzeit so, dass das Verhältnis der Bundesförderung zu den Regionalförderun­gen, die derzeit in Österreich vorhanden sind, etwa bei 5 : 8 liegt. Das heißt, es gibt in Öster­reich derzeit auf Ebene der Länder um zirka 60 Prozent mehr Geld für die Filmförderung als auf Bundesebene. Das ist insofern fatal, als – verständlicherweise – Regionalförderungen partiku­lare, standortbezogene und eher wirtschaftsorientierte Interessen verfolgen, die hier ja auch eingefordert werden. Die Ziele, die auf diesen Ebenen verfolgt werden, auch von der Stadt Wien, können derzeit aber nicht wirklich erreicht werden, weil wir auf regionaler Ebene zu einem Teil damit beschäftigt sind, Mängel auszugleichen und Schadensbegrenzung zu betrei­ben. Das ist auch notwendig, weil dem Willen der Filmbranche zum Wachstum auf Bundes­ebene nicht wirklich Rechnung getragen wird. Dieser Zustand ist auch aus der Sicht der Regio­nalförderungen – zumindest aus meiner Sicht, ich will da nicht für andere sprechen – auf längere Zeit hin unerträglich.

Zweitens: Es wird hier sehr gerne – das ist verständlich – von Spitzenleistungen gesprochen. Im Zusammenhang mit dem Vergleich von der „Sahne“ und der „Milch“, den Herr Haneke auf­gezeigt hat, möchte ich aber bitten: Sprechen wir auch von den Menschen, die in der Film­branche tätig sind und dort tätig sein wollen, und zwar egal, ob als Regisseur, als Produzent, als Cutterin oder als „Best Boy“! All diese Menschen, die in den letzten Jahren für die Erfolge dieser Branche und dieser Kultursparte Großartiges geleistet haben, haben sich meiner Meinung nach – ich formuliere das einfach etwas forsch – ein Recht auf Arbeit erworben, und zwar auf kontinuierliche Arbeit, und nicht auf Arbeitslosigkeit. Wir müssen bedenken, wir sprechen hier von Arbeits­plätzen, die hochwertig, die umweltfreundlich sind, und wo es einen sehr hohen Frauenanteil gibt.

Genauso hat sich meiner Meinung nach das Publikum, das in den letzten Jahren bewiesen hat, dass es für den österreichischen Film zugänglich ist, dass es für den europäischen Film zugänglich ist und dass es gerne bereit ist, sich solche Filme anzuschauen – nicht nur „Star Wars 17“ –, ein Recht auf derartige Kulturprogramme erworben. Dieses Auseinanderdividieren von Film – ob das jetzt Kunst ist oder ob das unter kommerziellen Gesichtspunkten zu sehen ist – halte ich schlicht und einfach für überflüssig.

Zum Schluss kommend: Ohne positive Signale seitens des Staates, das heißt, ohne ein Be­kenntnis der meinungsbildenden Politiker zum Thema „Film“, wird sich niemand, der über priva­tes Kapital verfügt oder in der Lage ist, privates Kapital zu managen, diesem Thema annähern wollen! Das war überall in Europa so. Das war auch in Deutschland so, wo die politischen Signale in Richtung Standortentwicklung gegeben waren, und das hat dann Folgen gehabt. Das ist immer so. Man kann nicht das eine zurückziehen – und erwarten, dass andere dann diese leeren „Gefäße“ auffüllen. (Beifall.)

10.59


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Als Nächster zu Wort gemeldet ist Herr Wulff. – Bitte.

10.59


Constantin Wulff¦ (Filmfestival „Diagonale“): Kurze Vorstellung: Ich leite die „Diagonale“ zusam­men mit Christine Dollhofer. Die „Diagonale“ ist das Festival des österreichischen Films und findet einmal jährlich in Graz statt, nächstes Jahr vom 24. bis 30. März. – Diese Eigenwerbung habe ich dazu benützt, um vielleicht auch eine Anregung zu geben.

Ich finde es wunderbar, dass diese Film-Enquete die Folge eines Vier-Parteien-Antrages ist. Herr Präsident Fischer hat anfangs ein bisschen untertrieben: Nicht Ende der siebziger Jahre wurde diskutiert und dann 1980 ein Filmgesetz beschlossen, sondern 1970 hat Kreisky ange­kündigt, dass ein Filmgesetz kommen wird, und das hat dann zehn Jahre lang gedauert.

Es wurde wirklich zu Recht davon gesprochen, dass ein Super-GAU zu erwarten ist, obwohl man solche Termini, wie ich glaube, sehr sorgfältig benützen sollte. Was bei vielen Leuten im Raum steht, ist, dass die Film-Enquete ein erster Schritt in Richtung einer politischen Umset­zung ist, dass dann aber der nächste Schritt nicht folgen wird.

Daher würde ich Folgendes vorschlagen, und ich würde mich sehr freuen – das wäre auch ein Zeichen dessen, dass die Anliegen der Filmwirtschaft, der Filmbranche, ernst genommen werden –, wenn im Rahmen der nächsten „Diagonale“ – nochmals: 24. bis 30. März in Graz – einerseits eine deutliche, über ein symbolisches Signal hinausgehende Anhebung der Bundes­förderung verkündet würde – wir haben gerade gehört, dass das im Bundesbereich sehr stark im Argen liegt –, dass das also, wie ich hoffe, vor den nächsten Nationalratswahlen verkündet wird.

Es wurde richtig gesagt, eine funktionierende Filmwirtschaft kann nur im Zusammenspiel von drei Faktoren funktionieren, nämlich Politik, Wirtschaft und Medien. Daher sollte anlässlich der nächsten „Diagonale“ auch dem ORF Raum gegeben werden, auch der ORF könnte dort ver­künden, dass er, was seine Leistungen für die Filmwirtschaft betrifft, wesentliche Neuerungen, wesentliche Anstrengungen setzen wird. Er kann das allerdings nicht nur aus eigener Kraft, sondern das muss ihm auch ermöglicht werden.

Der dritte Bereich betrifft die Wirtschaft. Vielleicht könnte auch das Wirtschaftsministerium dar­über nachdenken, die entsprechenden steuerlichen Anreize dafür zu schaffen – Anreize, die immer wieder versucht wurden, immer wieder angegangen, aber nicht wirklich umgesetzt wurden –, damit auch das dort verkündet werden kann.

Der Zeitraum bis dahin erscheint mir für das, was die Filmwirtschaft braucht, realistisch zu sein, und ich lade die verantwortlichen Politiker ein, einerseits zur „Diagonale“ zu kommen und andererseits, dort auch mit konkreten Ergebnissen aufzutauchen. – Danke. (Beifall.)

11.03


Vorsitzende Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦: Ich danke allen für die rege und faire Dis­kussion dieses ersten Teils der Film-Enquete.

Ich unterbreche nun die Sitzung und lade Sie herzlich ein, eine wohlverdiente Pause zu machen.

(Die Sitzung wird um 11.03 Uhr unterbrochen und um 11.41 Uhr wieder aufgenommen.)

*****

Perspektiven und Maßnahmen für den Filmstandort Österreich


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Peter Wittmann¦: Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wir kommen nun zum zweiten Teil dieser Enquete.

Referate


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Peter Wittmann¦: Als erstem Referenten darf ich Herrn Krausz vom Verband der Österreichischen Filmproduzenten das Wort erteilen.

11.41


Danny Krausz¦ (Verband österreichischer Film- und Videoproduzenten): Sehr geehrter Herr Vorsitzen­der! Sehr geehrte Damen und Herren! Der Verband der Österreichischen Filmprodu­zenten be­dankt sich sehr herzlich dafür, heute hier seine Vorstellungen unterbreiten zu können. Wieder­holungen werden unvermeidlich sein; trotzdem werde ich versuchen, mich kurz zu fassen.

Nach rund 20 Jahren seit Einführung der Bundesfilmförderung sowie der Schaffung des Film/Fernseh-Abkommens im ORF wie auch der Einführung der Wiener Filmförderung vor zehn Jahren – seither nehmen auch die Engagements anderer Bundesländer in diesem Bereich zu – ist Österreich sowohl ein national als auch international anerkannter Produktionsstandort ge­worden. Hohe kreative Akzeptanz ist gekennzeichnet durch herausragende Festivalerfolge einerseits und kommerziell nennenswerte Lizenzierungen unserer Produkte andererseits. Diese halten dem europäischen Vergleich bestens Stand und werden mancherorts auch beispiel­gebend her­vorgehoben.

Daraus leitet sich eine Erwartungshaltung ab, die zu erfüllen nur dann möglich sein wird, wenn die Schaffung der dazu notwendigen Rahmenbedingungen als Verpflichtung seitens der öster­reichischen Bundesregierung gegenüber der Film- und Fernsehwirtschaft ernsthaft wahrgenom­men wird.

Die österreichischen Filmproduzenten haben stets klare Vorstellungen formuliert, wie die wirt­schaftliche und künstlerische Weiterentwicklung zu ermöglichen und auszubauen sein wird. Die konkreten Entwicklungen der gesamten deutschsprachigen Branche in den letzten zwölf Mona­ten werden an uns nicht spurlos vorübergehen, daher sollten alle Überlegungen in die Richtung gehen, diesen Gefahren effektvoll zu begegnen.

Nachdem in Deutschland die ersten börsennotierenden Firmen kollabiert waren, wurden erste Korrosionsspuren dieser Branche sichtbar, die nicht wegzuleugnen sind. Während Firmen wie etwa „Helcon“, „Senator Film“ oder „Das Werk“ um den Verbleib in der obersten Spielklasse kämpfen, ist für „Kinowelt“ oder „MTV“ längst der Abstieg in die Insolvenz vollzogen.

Aber all dem folgt im April dieses Jahres mit Kirch der größte Firmenzusammenbruch. Zahl­reiche – auch österreichische – Firmen sind von diesem Konkurs betroffen, und man kann der­zeit die bleibenden Schäden noch nicht abschätzen. Die Verluste bewegen sich in der Größen­ordnung von etwa 10 Milliarden € – eine Katastrophe, der in Österreich erstaunliche Gelassen­heit entgegengebracht wird, obwohl man zur Kenntnis nehmen muss, dass auch der ORF davon beeinträchtigt wurde und dass die Betreiber von ATV – das sind Österreichs bundes­weite Privatfernsehlizenzinhaber – mit der Insolvenz kausal argumentierend vorsorglich ihre Pläne bezüglich Programm für ein Jahr auf Eis gelegt haben.

Ergänzt wird diese angespannte Situation dadurch, dass auch die Werbebranche massive Ein­brüche zu verzeichnen hatte und bis zu 50-prozentige Umsatzrückgänge zu registrieren waren. Die Folge: sinkende Budgets der Sender und eine sinkende Auftragserteilung an die Filmwirt­schaft. Der ORF kann im „Jahr eins“ des neuen Gesetzes – trotz Griff in die Reserve – nur 80 Prozent seiner Bemühungsverpflichtung gegenüber der heimischen Filmwirtschaft erfüllen.

Mittlerweile hat diese Entwicklung, einer logischen Kettenreaktion folgend, auch die Produzen­tenlandschaft erfasst; auch da sind Insolvenzen an der Tagesordnung. Wenn auch vorerst hauptsächlich in Deutschland, ist doch auch für Österreich Ähnliches zu befürchten. Dabei sollte wesentliches Augenmerk darauf gelegt werden, dass für die deutsche Filmwirtschaft das enorme Kapital der Filmfinanzierungsfonds, die neben den Förderungsmaßnahmen existieren, in Deutschland mangels ausreichender Regelung kaum Wertschöpfung erzeugt und im Jahre 2001 einen Steuerausfall von 1,75 Milliarden € verursacht hat.

Die Wirtschaftlichkeit der Filmbranche in einem kleinen Land wie Österreich muss immer aus dem Zusammenspiel von Umwegrentabilität, Umsatz und Österreich-Werbung durch den inter­national künstlerischen Erfolg ermittelt werden. Es ist daher unbedingt notwendig, folgende Maßnahmen umgehend und sorgfältig zu ergreifen, damit eine entsprechende Perspektive für Österreichs Filmwirtschaft in Europa überhaupt sichergestellt werden kann:

Strukturelle Maßnahmen: Schaffung von steuerlichen Rahmenbedingungen für unsere Branche. Dazu gibt es auch Unterlagen, die der Fachverband der Audiovisions- und Filmin­dustrie Österreichs bereits erstellt hat. Beispielhaft sei hier nur etwa das Modell Luxemburgs erwähnt, das durch reine Durchführungsbestimmungen auch hier anwendbar sein sollte. Dabei werden die tatsächlichen Ausgaben im Rahmen einer konkreten Filmproduktion ermittelt, und 30 Prozent dieser Kosten werden als Steuerbonus anerkannt.

Dieser Bonus ist auf Banken übertragbar, die ihn selbst nutzen oder ihren Kunden weitergeben können. Die Bank löst dem Luxemburgischen Produzenten diesen Bonus in cash ab, damit er seinen Co-Finanzierungsbeitrag bei der Produktion leisten kann. Bestimmte Regulative sichern dabei gleichzeitig die Wertschöpfung und Bezüge aus kreativer Tätigkeit und sichern auch, dass ein erheblicher Beschäfti­gungseffekt erzielt wird.

Zweitens: Sicherung und Stärkung der urheberrechtlichen Stellung der Filmhersteller mit dem Ziel, verstärkte Investitionen in unserer Branche zu garantieren und den Absatz zu erhöhen, bei gleichzeitiger Verhinderung des Abtransports von Wertschöpfung aus Österreich – Stichwort „Werbefenster“ –, sowie die Einführung einer Statistikverpflichtung zur Erhebung objektivier­barer Daten.

Drittens: Neuordnung der Ausbildungsstätten für Filmschaffende nach künstlerischen, wissen­schaftlichen und wirtschaftlichen Kriterien.

Viertens: Änderung des ORF-Gesetzes. Da die erlassenen Werbebeschränkungen weitest­gehend von keinem anderen Programmanbieter genutzt werden können, stellen diese Be­schränkungen einen volkswirtschaftlichen Schaden dar und sollten aufgehoben werden.

Fünftens: Wiederbelebung der Refundierung der Gebührenbefreiung beziehungsweise teil­weise Abschaffung dieser Befreiung vor allem dort, wo Grenzfälle eher als Privilegien zu be­zeichnen sind. Mit einer Mittelbindung an die heimische unabhängige Produktion können hieraus zirka 10 Millionen € erwartet werden.

Sechstens: Fakultative Gebührenerhöhung mit Widmung an die heimische unabhängige Pro­duktion, Erhöhung der in der EU-Richtlinie, § 11, fixierten Programmanteile an Produktionen – in Anlehnung an die französischen Bestimmungen – mit einem entsprechend definierten österreichischen Anteil.

Weiters: Die Verdoppelung des Budgets des Film/Fernseh-Abkommens sowie natürlich die stufenweise Anhebung des österreichischen Filmförderungsbudgets: in zwei aufeinander folgenden Stufen auf rund 20 Millionen €. – Sie haben heute gehört, dass in Dänemark zum Beispiel dafür 26 Millionen € zur Verfügung stehen.

In einer Zeit, in der Wirbelstürme die Branche erfasst haben, ist keine Muße für Sand­kastenspiele. Kultur-, Finanz- und Wirtschaftspolitik müssen jetzt mit der Branche abgestimmte Handlungen setzen, wenn eine eigenständige, unabhängige, österreichische Filmwirtschaft weiter existieren soll. – Danke. (Beifall.)

11.48


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Peter Wittmann¦: Der nächste Referent, Herr Semrau, ist leider nicht hier; er ist krankheitshalber entschuldigt.

Ich darf nun Herrn Fux als nächsten Referenten um seinen Beitrag ersuchen.

11.48


Herbert Fux¦ (Schauspieler): Der Auf- und Ausbau des Filmstandortes hängt auch vom Ausmaß der nationalen sowie der Koproduktionen ab. Österreichs Filmwirtschaft hat den Vorteil eines gemeinsamen Sprachraumes von rund 90 Millionen Menschen. Daher wurden in der Filmge­schichte – von den zwanziger Jahren bis Ende der sechziger Jahre – stets Filme für den ge­samten deutschsprachigen Raum hergestellt, niemals für Österreich allein!

Als die deutsche und österreichische Filmwirtschaft Ende der sechziger Jahre zusammenbrach, retteten staatliche Subventionen zuerst in Deutschland – 1968 – und dann 1982 in Österreich die Herstellung von Filmen.

Mit der Durchfinanzierung der österreichischen Filme aus Steuergeldern und Fernsehgebühren waren die österreichischen Produzenten nicht mehr auf Koproduktionen angewiesen. Die ursprüngliche deutsch-österreichische Zusammenarbeit erlosch weitgehend. Demgegenüber war und ist das österreichische Fernsehen aus wirtschaftlichen Gründen auf Koproduktionen angewiesen. Zwei Drittel des ORF-Budgets für Serien- und Fernsehspiele werden dafür ausge­geben. Nur ein Drittel steht für rein nationale Produktionen zur Verfügung. – Der gleiche Pro­zentsatz sollte auch für österreichische Spielfilme gelten.

Eine Schweizer Studie aus dem Jahre 2000 über die Filmförderung 1992 bis 2000 stellt im europäischen Vergleich fest: Österreich hat im Vergleich zu England, Frankreich, Deutschland, Holland, Belgien, Dänemark, der Schweiz und Spanien den höchsten Anteil an nationalen Filmen und den geringsten an Koproduktionen.

1997 produzierte Österreich 13 Filme, davon zwei als Minoritätspartner, die Schweiz 16 Filme, davon fünf als Majoritäts- und acht als Minoritätspartner. Dänemark: 16 Filme, davon acht als Majoritäts- und sieben als Minoritätspartner. Frankreich: 86 Filme, davon 39 als Majoritäts- und 33 als Minoritätspartner.

Abschließend heißt es in dieser Studie aus dem Jahre 2000:

„Vor dem Hintergrund des geringen Zuschauerpotentials in Österreich und der sprachkulturellen Nähe zu Deutschland erstaunt es, daß Österreich nicht mehr Koproduktionen realisiert.“

Spät, wie immer bei uns, aber doch noch hat sich in den letzten zwei Jahren die Zahl der Koproduktionen erhöht.

Forderung: Da Koproduktionen mehr Zeit und Arbeit erfordern, sollte die Auswahlkommission dafür höhere Beträge – im Verhältnis zu den rein nationalen Produktionen – genehmigen. Für Erfolgschancen auf dem deutschen Markt ist Zusammenarbeit mit deutschen Firmen und Ver­leihen von Anfang an, nämlich bei der Stoffauswahl und der Drehbucherstellung, nötig. Fertige und von der österreichischen Auswahlkommission genehmigte Drehbücher haben kaum eine Chance, den Kriterien und Interessen deutscher Produzenten und Verleiher zu entsprechen.

Zur Durchführung staatlicher Filmförderung gibt es zwei Modelle: Die Auswahlkommissionen oder die Intendantenlösung. Der ehemalige GI Zeiler schrieb mir anlässlich der letzten Film-Enquete im Jahre 1996, an der ich als Experte teilnahm, Folgendes – ich zitiere –:

„Es geht vordringlich nicht um die Aufstockung von Subventionen und Fördermitteln, sondern um sinnvolle strukturelle Reformen, die eine marktorientierte Produktion und Verwertung des österreichischen Films ermöglichen.“

Weiters heißt es: „Herr Rudas wird sich morgen im Parlament für das Intendantenprinzip stark machen.“ – Zeilers Vorschlag fand keine Zustimmung.

Aus der Statistik des österreichischen Films von 1996 bis 2000 ist ersichtlich, dass von 50 Filmen 25 nur durchschnittlich 4 000 Besucher erreichten. Auch in der Zeit von 1990 bis 1995 gab es ein ähnliches Ergebnis: Von 57 Filmen hatten 26 nur bis zu 5 000 Zuschauer.

Die meisten dieser österreichischen Filme bekamen keinen deutschen Verleih, daher ist der österreichische Film einem breiten deutschen Publikum so gut wie unbekannt. Eine Verbesse­rung dieser Situation ist nur mit Erfolgen auf dem deutschen Markt, der immerhin zwölfmal größer ist, zu erzielen, wie dies bei „Müllers Büro“ 1982, bei „Indien“ und auch jetzt bei „Die Klavierspielerin“ und vielleicht noch ein, zwei anderen Filmen der Fall war.

Im englischsprachigen Raum konnten sich in den letzten Jahren kleine Länder wie Irland und Neuseeland sowohl in künstlerischer als auch in kommerzieller Hinsicht profilieren.

Österreich hätte genügend kreatives Potential, um Ähnliches auf dem deutschen Markt zu errei­chen.

11.53


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Peter Wittmann¦: Ich darf nun Frau Esther van Messel, die im Vertriebsbereich tätig ist, um ihre Ausführungen bitten.

11.54


Esther van Messel¦ (First Hand Films GmbH): Guten Tag! Herzlichen Dank für die Einladung!

Der österreichische Film ist ein Luxus. Die Filmförderung in Österreich ist der reine Luxus – und Luxus ist bekanntlich für das nackte Leben völlig unnötig. Unnötig sind auch Malerei, Musik, Architektur und Erholung.

Ein Staat braucht zum unmittelbaren Staat-Sein weder Gustav Klimt noch Thomas Bernhard, noch die Wiener Philharmoniker. Er braucht keine Lipizzaner und kein Burgtheater. Als Bürger eines Staates brauchen wir eigentlich weder Urlaub noch Bildung noch die Wiederherstellung unserer Arbeitskraft. Wir brauchen keine Lieder, keine Gedichte, kein Kabarett, kein Wiener Schnitzel und keinen Schweinebraten. Es gibt genug Hamburger, damit wir satt werden. Wenn es allerdings keine Kulturäußerungen mehr gibt, in denen Brandteigkrapferl und Schnitzel vor­kommen, dann müssen Sie in Kürze das Schnitzel fördern, sonst gibt es nur mehr Hamburger.

Wer ich bin, dass ich so mit Ihnen rede? – Ich betreibe nicht ganz erfolglos eine kleine Firma in Zürich und in Berlin. Ich verkaufe Film-Lizenzen aus aller Welt in alle Welt. Ich lebe unter anderem davon, gute europäische Filme zu vertreiben. Darunter sind auch geförderte Filme – und auch geförderte österreichische Filme. Ich verdiene also meinen Lebensunterhalt und den meiner Angestellten indirekt auch mit der österreichischen Filmförderung. Wenn es diese mor­gen nicht mehr gäbe, würde ich vielleicht weniger verdienen; davor habe ich aber keine Angst. Es gibt leider viel mehr Filme als Leute, die sie sehen wollen, und Verkaufen ist nun einmal meine Leidenschaft. Ich habe auch schon bei Warner Bros., dem größten amerikanischen Studio, Filme verkauft.

Als Europäerin, als gebürtige Wienerin verkaufe ich aber lieber die Filme von Barbara Albert, von Ulrich Seidl, von Michael Glawogger. Das ist auch ein Luxus: Ich verkaufe nur die Filme, an die ich glaube. Ich danke deshalb heute dem österreichischen Steuerzahler, und damit auch Ihnen, sehr verehrte Damen und Herren, dafür, dass ich mithelfen kann, österreichische Identi­tät in die Welt hinauszutragen und damit eine Stimme ertönen zu lassen, die origineller und originärer, heutiger und wahrhaftiger ist als – bitte verzeihen Sie mir! – das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker.

Ich bestreite also meinen Lebensunterhalt auch mit dem österreichischen Film, so wie ein paar tausend Kolleginnen und Kollegen hier, höchst professionelle Filmschaffende, die es bestens verstehen, ein Publikum glücklich, betroffen und gescheiter zu machen. Ich darf ihnen dabei helfen, dieses Publikum im Ausland zu finden.

Sollen nun meine Kollegen ihre Arbeit weiter tun können? Wie soll es denn mit der österrei­chischen Filmförderung weitergehen? Aus Neugierde nach neuen Talenten und Geschichten in der Tradition jener, die das hier schon geschafft haben, kann ich sie nur ermutigen, dort weiter­zumachen, wohin sie der mühsame Weg bisher gebracht hat.

Österreichische Filme haben viele Preise gewonnen und viel Publikum erreicht. Wir haben die österreichischen Geschichten nach Japan und nach Finnland, nach Italien und nach Amerika verkauft. Wir haben ein intelligentes und breites Publikum bedient, das sich regelmäßig neben dem Mainstream den „Luxus“ Kultur leistet.

Hamburger wird Ihnen dieses Publikum nicht abkaufen. Die Fans des österreichischen Kinos sind Feinschmecker. Die wollen das, was sie bisher von hier, und nur von hier, bekommen haben: das Schnitzel und die Brandteigkrapfen. Das kann nur Österreich, das können sie und können wir international weiterhin vertreiben. Noch eine Hamburger-Kette brauchen wir nicht.

Österreich wird nie eine internationale Weltmacht des Films werden oder durch das Bedienen eines einzigen Marktes, falls das denn gelänge, erstarken. Aber Österreich kann eine wichtige Stimme im Konzert der europäischen Kultur bleiben, und es liegt an Ihnen, das langfristig zu ermöglichen. Dazu müssen Sie allerdings dorthin zurückkehren, wo der kleine und heute welt­weit beachtete österreichische Film begonnen hat: bei einem nationalen Förder-Etat in zumin­dest doppelter Höhe wie heute, wie ihn Österreich vor einigen Jahren noch hatte. Moderne kurzfristige Finanzinstrumente sind nur das Mittel zum Zweck: Der Grundsatzentscheid, die wahre politische Wahl liegt bei Ihnen.

Vertrauen Sie den Filmschaffenden, die Sie hier haben und die gezeigt haben, dass sie es können! Lassen Sie Hollywood in Amerika! Wir leben in Europa, und diejenigen, die behaupten, wir könnten so sein wie die Amerikaner, vergessen, welche unsere Stärken sind. Die haben noch nie einen hiesigen Film erdacht oder gemacht und leben nur gut von ihren Berater­honoraren.

Film ist ein Luxus. Die Esterhazy haben sich den Haydn nicht leisten müssen, oder die Medici den Herrn Michelangelo – oder eben Österreich Franz Antel oder Michael Haneke. Niemand hat behauptet, dass Österreich eine Kulturnation bleiben muss – aber Österreich kann eine Kultur­nation sein. – Es liegt an Ihnen, das zu bestimmen.

Ich danke denen, die mir zugehört haben, für ihre Aufmerksamkeit. (Beifall.)

11.58


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Peter Wittmann¦: Ich darf nunmehr Herrn Keil um seinen Beitrag bitten.

11.59


Professor Klaus Keil¦ (Filmboard Berlin-Brandenburg GmbH): Liebe Frau van Messel, ganz so würde ich das Neujahrskonzert nicht abtun, denn das ist ja ein Label, das ist eine weltberühmte Marke – allerdings aus dem letzten oder vorletzten Jahrhundert. Die heutigen Labels sehen anders aus, nämlich so wie das, worüber wir heute reden, nämlich über Film und Fernsehen, über Kino, über Filme.

Wir sind ja – und das macht diese Debatte so bedeutungsvoll – Teil der Bewusstseinsindustrie, und deswegen ist es so wichtig, darüber nachzudenken.

In Deutschland wird diese Debatte seit 1962 beziehungsweise 1968, als die ersten Filmförde­rungen entstanden, bis zum heutigen Tag ununterbrochen geführt, und alle vier Jahre – immer dann, wenn das Filmförderungsgesetz novelliert wird – erhält sie eine besondere Energie und Dyna­mik. Film ist ja nicht nur Ware und Produkt, sondern hat auch einen kulturellen „impact“ und kann – wenn es gut geht – sogar Kunst im besten Sinne sein; es kann sich Kunst entfalten. Film ist immer Ware, Film ist immer Kultur. – Es sind zwei Seiten einer einzigen Medaille.

Ich leite die „Filmboard Berlin-Brandenburg GmbH“, das ist die gemeinsame privatrechtlich organisierte Filmförderungsgesellschaft der Länder Berlin und Brandenburg. Ihre Aufgabe ist es, die Filmkulturwirtschaft zu fördern und die medienwirtschaftliche Infrastruktur in der Region Berlin-Brandenburg in wirtschaftlicher und künstlerischer Hinsicht zu stärken. – Das ist deshalb ein „alter Hut“, weil das Teil der Statuten und Richtlinien aller Förderungsinstitutionen in Deutschland ist. Auch in Österreich ist das der Fall.

Das ist mittlerweile für alle deshalb so klar und so einfach, weil Film etwas mit Identität zu tun hat. Esther van Messel hat es ja gesagt: Die Geschichten, die wir erzählen, sind unsere Ge­schichten. Wir müssen uns darin wieder erkennen, und wenn sie gut sind, erkennen wir uns auch wieder. Das ist eine Form von – ich sage das Wort eben – Heimat, in der man sich wieder findet: wie in aller Kunst, wie in aller Literatur, wie in aller Musik und so weiter.

Deshalb ist Film so bedeutsam. Film ist leider auch ein sehr teures Medium. Es ist sehr viel teurer als etwa Poesie, Malerei oder unter Umständen auch Bildhauerei, wenn nicht gerade Marmor oder Bronze verwendet wird. Weil es so teuer ist, ist Geld „Grundnahrungsmittel“. Ich sage es Ihnen gleich: Ohne Geld geht nichts!

Man braucht natürlich auch Talent, Professionalisierung, Fachleute, eine kleine, zusammen­klingende Wirtschaft: von der Drehbuchentwicklung über die Autoren, die selbstverständlich essentiell beteiligt sind, bis hin zu den Regisseuren und heute natürlich auch den Produzenten.

Die „Filmboard Berlin-Brandenburg“ macht eigentlich all das, was ähnliche Institutionen wie zum Beispiel die meines sehr geschätzten Kollegen Mag. Schedl hier in Wien auch machen. In Deutschland gibt es jedoch möglicherweise etwas Einzigartiges, nämlich das Intendanten­prinzip, das Herbert Fux angesprochen hat. – Ich darf später bei Bedarf etwas dazu sagen.

Wir wollen unter allen Umständen Erfolg, und wir definieren Erfolg daher zweifach: einerseits so, wie ich es vorher schon gesagt habe, als wirtschaftlichen Erfolg an der Kinokasse und als wirtschaftlichen Regionaleffekt und zum anderen hinsichtlich der künstlerisch-kreativen Aus­wirkung in Form von Festivaleinladungen und Preisen.

Koproduktionen sind nur ein Instrument zum Erfolg. Wir brauchen eine breite Basis, denn Spitzensport entsteht nur durch Breitensport. Wir müssen also den „Humus“, den es gibt, ent­wickeln, fördern, aufbereiten, betreuen, befördern. Nur daraus können dann einmalige Be­gabungen wachsen, wie es sie hier in Österreich gibt und wie sie über zehn Jahre hindurch gestaltet worden und gewachsen sind. – Herr Haneke und andere haben selbst gesagt, dass in Dänemark zurzeit kein einziger deutscher Film läuft, aber eben zwei österreichische. Es ist jedoch wie beim Wein: Da gibt es gute und schlechte Jahrgänge. Das kommt schon wieder, dass in Dänemark eines Tages hoffentlich auch deutsche Filme laufen.

Ich habe vom „Grundnahrungsmittel Geld“ und von der Professionalisierung, die hier unmittel­bar hineinwirkt, gesprochen und erlaube mir daher, zu empfehlen, dass Sie die Filmförderung in Österreich unbedingt weiterentwickeln. Sie müssen versuchen, die Auftragsproduktionen Ihres größten Senders, des ORF, für die Produzentenschaft weiter zu aktivieren, und dürfen sie nicht ab­bauen. Das hängt mit Ihrer Identität zusammen.

Man kann Neuerungen einführen, die in Wirklichkeit ziemlich alt sind, etwa die Filmabgabe durch die Kinos, die Videobetreiber und -verleiher und natürlich die Sender, die bei uns in Deutschland praktiziert wird. Da kommt – selbst wenn das geringe Prozentsätze sind – doch ein erheblicher Mittelzufluss zustande. Warum machen wir das in Deutschland so? – Weil wir finden, dass alle, die am Film beteiligt sind, und alle, die vom Film profitieren, auch ihr Scherf­lein dazu beitragen sollen.

Es ist vorhin ein Bekenntnis der Politik zum Film gefordert worden. Sie kennen möglicherweise die finanzielle Situation in Berlin und Brandenburg. – Sie ist desaströs! Beide Länder sind pleite. Welches politische Bekenntnis wird dort – wenigstens in Berlin und Brandenburg – in Form eines Signals von unglaublicher Wirkung gegeben? – Die Filmförderung, das Filmboard, wird im nächsten Jahr erhöht – zwar nur geringfügig, aber immerhin.

Da die beiden Länder paritätisch verknüpft sind, sind das 2,5 Millionen € von Berlin und noch einmal 2,5 Millionen € von Brandenburg. – Das sind 5 Millionen € auf einen Schlag. Das ist viel Geld, und das ist erfreulich. In eine solche Richtung soll es gehen.

Herr Haneke, den ich außerordentlich verehre und schätze, hat vorhin gesagt, dass wir in Deutschland den Akzent so sehr auf die wirtschaftliche Förderung legen. – Das stimmt nur partiell. Ich habe den Eindruck – ich war kein gelernter Filmförderer, als ich vor acht Jahren in Berlin-Brandenburg angefangen habe –, dass mit Beginn der neunziger Jahre der Akzent auf die wirtschaftliche Bedeutung des Filmes und der Filmwirtschaft unbedingt notwendig war, denn es war ja in Deutschland und im übrigen Europa 30 Jahre lang der Autorenfilm vorherr­schend, der aus der Idee der Kunst gelebt hat. – Das ist aber nur die eine Seite der Medaille.

Zum Neujahrskonzert aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert gehört auch der Teil der Bewusstseinsindustrie, zusammen mit dem „Grundnahrungsmittel Geld“. Es ist nicht nur Wirtschaft, es ist immer auch Kultur.

In bin in den Anfangsjahren der „Filmboard Berlin-Brandenburg“ der „Kommerz-Keil“ genannt worden, weil ich mir damals erlaubt habe, über Wirtschaft, Markt, Professionalisierung und so weiter zu sprechen und es auch zu fordern. Glücklicherweise sieht man heute die Erfolge: Wir konnten in den acht Jahren mit den Filmen, die wir ausgesucht, gefördert und kofinanziert haben, weit über 700 Festivaleinladungen, Preise und Prädikate erringen. Das ist ein schöner Erfolg. – Vielen Dank. (Beifall.)

12.07


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Peter Wittmann¦: Ich darf nun Herrn Dr. Scolik um sein State­ment bitten.

12.07


Dr. Reinhard Scolik¦ (Programmdirektor des ORF): Sehr geehrte Damen und Herren! Es ist schon viel über den österreichischen Film gesprochen worden. Ich möchte auch noch etwas da­zu sagen, aber vorher möchte ich Ihnen in einem kurzen Trailer Ausschnitte aus österreichi­schen Filmen zeigen, damit Sie die Bandbreite sehen und sich ein Bild davon machen können, welches Potential da dahinter steckt. Der Trailer stellt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber er soll Ihnen, bevor wir weiter über den österreichischen Film reden, einen bildhaften Eindruck davon geben, was Österreich in den letzten Jahren als kleines „Filmwunder“ zu leisten imstande war. (Es folgt ein rund zwei Minuten dauernder Film.)

Ich denke, darauf können wir doch mit Recht stolz sein.

Die Festival-Erfolge von Michael Haneke und Ulrich Seidl in Venedig und Cannes stehen für die Königsdisziplinen, in denen österreichische Filmemacher in den letzten Jahren erfolgreich waren. Daneben gibt es sehr viele Produktionen für das Fernsehen, die ebenfalls höchst erfolg­reich sind, und für die heimischen Kinos. – Denken Sie nur an „Hinterholz 8“ mit 600 000 Zu­sehern im Kino und 1,1 Millionen Zusehern im Fernsehen oder an den neuen Film von Wolfram Paulus – „Zwei Affären und noch mehr Kinder“ –, der vor einer Woche im ORF lief und fast 800 000 Zuseher hatte.

Es gibt also offensichtlich einen sehr breitenwirksamen österreichischen Film. Sie wissen natür­lich auch, dass die österreichische Eigenproduktion viel Geld braucht, weil sie viel teurer ist als der Ankauf von Filmen. Der ORF braucht daher selbst viel Geld, wir brauchen aber auch För­derungen: Förderungen des Bundes, der Länder und, wenn möglich, auch von privater Seite.

In Österreich belaufen sich die Fördermittel, die von Bund und Ländern zur Verfügung gestellt werden, auf fast 20 Millionen €. Dazu kommen noch Mittel aus den EU-Töpfen Media Plus und Eurimages, die von Produzenten ebenfalls in Anspruch genommen werden können. Natürlich ist klar, dass in Zeiten des Sparens – und diese durchleben wir jetzt – alles überprüft wird und man sich fragt, inwieweit diese Mittel treffsicher eingesetzt werden.

Ich halte die Diskussion über die Möglichkeiten und Ziele der Filmförderung für sehr wichtig. Man kann und soll sich ihr nicht entziehen. So legitim es ist, diese Diskussion zu führen, müssen wir aber auch die Situation sehen, in der wir uns als Österreicher befinden: Österreich ist ein kleines Land mit einem kleinen heimischen Markt. Der Markt im gesamten deutschen Sprachraum ist etwas größer, und natürlich können wir unsere Produktionen zum Teil auch ins „restliche“ Europa exportieren.

Trotzdem ist man, wenn man in Österreich Förderer sucht, nicht in der Lage, große Mittel aus privaten Fördertöpfen zu bekommen. Das funktioniert derzeit nicht – und das wird, wie ich meine, auch längerfristig so sein, weil das Land das nötige wirtschaftliche Potential nicht hat. Denke ich an den deutschen Sprachraum, so weiß ich, es gibt für viele Produktionen im ORF Koproduktions-Partner, aber ich weiß auch, dass ich nur einen gewissen Teil eines gewissen Segments koproduzieren kann. Ich kann – um an das vorher erwähnte Bild anzuschließen – das klassische „filmische Wiener Schnitzel“ nicht koproduzieren. – Das geht nicht; dafür finde ich keinen Partner im Ausland. So etwas kann man vielleicht verkaufen, koproduktionsfähig und somit auch kofinanzierungsfähig ist es aber leider nicht.

Es ist aber wichtig für den ORF, nicht nur für den gesamten deutschen Sprachraum zu produ­zieren. Natürlich ist es schon sehr wichtig, österreichische Kreativität zu exportieren, Filme zu exportieren und Serien in Deutschland zu zeigen, die in Österreich produziert werden, was wir aber auch erhalten müssen, ist ein eigenständiger österreichischen Film, der uns darstellt, der natürlich auch universelle Geschichten darstellt, der sich aber nicht fragt, auf welchem Markt er reüssieren kann.

Einer der Gründe, warum es eine öffentliche Förderung geben muss, ist meiner Meinung nach, dass die Möglichkeit bestehen soll, solche Projekte zu fördern. Der zweite Grund, der eine öffentliche Förderung wirklich rechtfertigt, ist, dass viele Gelder aus öffentlichen Mitteln sehr sinnvoll für die Nachwuchsförderung eingesetzt werden können. Michael Haneke hat zuerst schon vollkommen zu Recht gesagt, er hat viele Filme gemacht, aber erst heute steht er mit dem Film „Die Klavierspielerin“ auf einem ersten Gipfel seines Erfolges. Es ist ja bekanntlich nicht so, dass man einen Film macht und damit gleich erfolgreich ist. Das ist ein Glücksfall. Man muss vieles tun, Chancen ergreifen und Möglichkeiten nützen. – Das ist der zweite Grund, warum es eine starke Filmförderung geben muss.

Ich möchte noch ganz kurz etwas zum ORF sagen: Es ist uns nicht gelungen, das Niveau des Vorjahres zu halten. Wir werden die Milliarde heuer nicht schaffen, sondern nur 850 Millionen Schilling. Wir werden aber versuchen, neue Akzente zu setzen. Ein besonderer Schwerpunkt wird der Dokumentarfilm sein. Es gab in diesem Bereich in den letzten Jahren sehr erfolgreiche Produkte, und wir wollen diesem Genre im ORF künftig einen regelmäßigen Sendeplatz zuweisen.

Was wir aber brauchen – das brauchen wir hier alle, daher ist es ein bisschen schnöde, das zum Schluss zu sagen –, das ist Geld. Ein wichtiger Punkt wäre für uns zum Beispiel die Refun­dierung der Gebührenbefreiungen, die zweckgebunden für die Filmwirtschaft verwendet werden könnte. Ich will diesen Bereich nicht unerwähnt lassen, denn nur mit einer starken Förderung können wir den Erfolgskurs des österreichischen Films fortsetzen. (Beifall.)

12.14


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Peter Wittmann¦: Nächster Referent ist Herr Fuchs. – Bitte.

12.14


Tillmann Fuchs¦ (ATV Privat-TV Services): Wir haben heute schon viele interessante Modelle der Finanzierung von Filmen erfahren. Ich habe dabei auch sehr viel gelernt, meine aber, dass die gesamte Diskussion über die Förderung von einem kleinen Missverständnis geprägt ist. Auf den ausländischen Märkten ist ja die Förderung in erster Linie ein erleichterter Zugang zu Darlehen. – Bei uns soll sie aber eine Art „kulturelle Geschenkidee“ sein. Als solche kann sie natürlich nie die Budgetgröße erreichen, die nötig ist, um eine Industrie auf die Beine zu stellen.

Ich denke aber auch, dass wir das Produkt österreichischer Film ein wenig beleuchten müssen. Wir haben ja schon das eine oder andere Mal darüber diskutiert. Ich glaube, dass das Produkt österreichischer Film ein Exportartikel sein muss, weil nun einmal die Marktgröße in Österreich einen eigenständigen österreichischen Film, der sich ausschließlich aus diesem Markt finan­ziert, gar nicht möglich macht.

Ich denke daher auch, dass der Hinweis auf die französischen Förderungsmodelle für uns irrrelevant ist, weil der französische Markt eben groß genug ist, mit diesen Förderungsmodellen eine funktionierende französische Filmwirtschaft zu finanzieren. Der französische Film ist jedoch international kommerziell nicht so erfolgreich, wie er es schon war, bevor es diese Förde­rungsmodelle gegeben hat. Wir müssen den österreichischen Film daher wirklich als Export­artikel verstehen.

Ich glaube aber nicht, dass es ein auf Zelluloid gebrachtes Wiener Schnitzel – um nochmals auf dieses Beispiel einzugehen – sein kann, sondern es muss ein moderner, junger österreichi­scher Film sein, der natürlich universellen Charakter hat und der mitunter auch in Englisch gedreht sein muss, wie das ja bei den „Drei Musketieren“ der Fall war. (Widerspruch.) – Da sind wir bei der Begriffsdefinition. Letztlich geht es doch um den Standort.

Es geht um den Standort Österreich. Ich meine, dass wir für die Weiterentwicklung dieses Standorts über einen großen und wichtigen Bodenschatz verfügen, und zwar über die deutsche Sprache. Sie ist aber sicherlich nicht das Allheilmittel dafür. Wenn wir den Standort weiterent­wickeln wollen, dann brauchen wir letztlich ein duales Fernsehsystem, denn dieser Standort Österreich wird seinen Talenten derzeit nicht gerecht. Man sollte dafür keinen Schuldigen suchen, sondern sollte mehr in die Zukunft blicken und überlegen, was man machen kann, um diesen Standort Österreich weiterzuentwickeln, damit er seinen Talenten gerecht wird.

Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass der Standort nicht kompetitiv genug ist. Auf einem Markt, auf dem es nur einen großen Auftraggeber gibt, kann man nicht erwarten, dass alterna­tive Produktionsmethoden entstehen und dass neue, junge Talente von der Branche angezo­gen werden. Das ist von vornherein eine Limitierung, die letztlich zu der Stagnation führt, unter der viele gelitten haben.

Ich kann mich an Zeiten erinnern, als die österreichischen Filmproduzenten sehr lautstark ein duales Rundfunksystem gefordert haben. – Nun, da es entstehen soll, gibt es auch andere Stimmen. Das hat mich natürlich etwas irritiert, aber vielleicht kann Herr Mrkwicka dazu noch etwas sagen.

Es soll also diese „Sahne“ geben, und – das ist heute ja mehrfach gesagt worden – um diese Sahne zu produzieren, brauchen wir vorher Milch, die meiner Meinung nach nur aus einer funktionierenden Fernsehlandschaft kommen kann.

Rikolt von Gagern, der heute mit mir hier ist, produziert viele erfolgreiche Filme mit Talenten, die ihre ersten Gehversuche im Fernsehen gemacht haben. Am Anfang ist man eben einmal Regie­assistent bei einer billigen Talkshow, in zwei, drei Jahren ist man Regisseur eines kurzen Werbefilms, und in drei vier Jahren produziert man hoffentlich seinen ersten Kinofilm. – Das ist einfach der „Humus“, der uns meiner Meinung nach fehlt.

Ein funktionierendes duales Fernsehsystem hingegen schafft diesen Humus, schafft Produzen­ten, Autoren und auch eine Plattform für Nachwuchsschauspieler. Ich glaube daher – das ist auch der positive Aspekt, den ich heute einbringen möchte –, dass wir mit der Einführung des dualen Fernsehsystems einen ersten wichtigen Schritt in diese Richtung getan haben. Ich weiß natürlich, dass die österreichischen Filmproduzenten kein großes Vertrauen in dieses System haben, weil Sie sich fragen, was denn die privaten Sender schon produzieren werden.

Dazu möchte ich Folgendes sagen: Wir haben zum Beispiel in der Bewerbung, die ja schließlich die amtsbekannte Grundlage für unsere Lizenz ist, im ersten Jahr ein Budget von 15 Millio­nen € – das sind 280 000 Millionen Schilling – nur für Eigen- und Auftragsproduktionen vorge­sehen. Wenn man bedenkt, dass wir nur ein einziger Marktteilnehmer sind, ist das doch eine relativ beachtliche Zahl.

Ich will damit nicht sagen, dass es keine Filmförderung geben soll. Ganz im Gegenteil! Ich glaube, dass sie ganz wichtig ist, dass sie aber Zugang zu verschiedenen Kapitalmöglichkeiten sein muss – und nicht eine Art „Naturschutzgesetz“ für den österreichischen Film sein kann. Ich glaube, dass so etwas das Produkt österreichischer Film auf dem internationalen Markt letztlich nicht konkurrenzfähig machen würde. – Danke für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall.)

12.20


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Peter Wittmann¦: Ich darf nun Herrn Munini um sein Referat bitten.

12.21


Dr. Paolo Munini¦ (Europäische Investitionsbank): Sehr geehrte Damen und Herren! Es ist mir ein Vergnügen, Ihnen hier und heute die Aktivitäten der Europäischen Investitionsbank im Be­reich der audiovisuellen Industrie vorstellen zu dürfen. (Dr. Munini setzt seine Ausführungen ab hier in englischer Sprache fort, die im Folgenden übersetzt wiedergegeben werden.)

Wir haben heute schon eine ganze Reihe interessanter Beiträge gehört. Wir von der Europäi­schen Zentralbank sehen vieles auf europäischer Ebene ähnlich wie Sie. Die neuen Institutio­nen – die Europäische Kommission und die Europäische Investitionsbank-Gruppe – haben eine Reihe von Finanzprodukten für diese Industrie geschaffen, und zwar deshalb, weil es auf euro­päischer Ebene besonders wichtig ist, dass die Industrie mit Produkten aus anderen Teilen der Welt in Wettbewerb treten kann.

Die Ziele, die auf europäischer Ebene gesetzt wurden, sind:

die Stärkung der Wettbewerbfähigkeit;

das Erreichen eines europäischen Produktionsniveaus auf einem europäischen Markt;

engere Bindungen des Bankensystems an die Industrie – und da müssen wir in erster Linie aktiv werden –

und schließlich die Einführung neuer Technologien.

Die Rolle der Branche ist heutzutage außerordentlich wichtig. Das beobachten wir unentwegt. Wir sehen das, wenn es der Branche sehr gut geht, und wir sehen es auch, wenn es nicht so gut läuft, wie es sollte. Wir haben seit Beginn unserer Aktivitäten bereits mehr als 400 Millio­nen € zur Verfügung gestellt. Das Media Plus-Programm, das hier schon angesprochen wurde, be­kommt 400 Millionen €.

Aus unserer Sicht sind diese Leistungen in Österreich nicht zufriedenstellend. Wie können wir das ändern? Was machen wir auf europäischer Ebene? – Wir arbeiten auf zwei Niveaus: mit kleineren und größeren Programmen und Partnern. Wir finanzieren kleinere Einheiten. – Ich nenne sie „Einheiten“, weil die Debatte hier dahin geht, dass man, wenn es um kleinere Produk­tionen geht, Ressourcen braucht, und es an uns liegt, diese Ressourcen verfügbar zu machen.

Ich meine, es gibt bestehende Bindungen zwischen Banken und der Branche – möglicherweise kurzfristige Bindungen –, auf denen wir aufbauen müssen.

Ich kann nicht akzeptieren – von keiner der beiden Seiten –, dass es keinerlei Kommunikation zwischen den Banken und der Filmindustrie gibt. Ich sehe das durchaus auch als Herausfor­derung, da etwas zu tun, und ich werde dann noch einmal darauf zurückkommen.

Die Europäische Investitionsbank hat bereits Investitionen getätigt. Wir sind in einzelnen Län­dern – zum Beispiel in Deutschland, in Frankreich und in Italien – bereits mit Finanzierungsver­einbarungen mit Banken vertreten. Wir versuchen, eine ähnliche Zusammenarbeit auch in Österreich und in Luxemburg, das hier auch schon erwähnt wurde, herzustellen.

Wenn wir direkt finanzieren, ist es etwas einfacher: Wir können in die Infrastruktur investieren, oder auch in Produktionen. Wir bieten langfristige Finanzierungen an, und für uns ist es natür­lich sehr einfach, uns an eine Bank zu wenden und ein Finanzierungsprodukt vorzulegen.

Speziell zu Österreich lässt sich Folgendes sagen: Wir haben bereits Diskussionen mit größe­ren Partnern begonnen, und ich bin sicher, dass es bald zu konkreten Ergebnissen und auch zu konkreten Zuwendungen unsererseits kommen wird.

Wir können natürlich Projekte im Umfang von 10 Millionen € abwickeln, aber wir müssen uns auch mit kleineren auseinandersetzen, die vielleicht nur 1 Million € kosten. Was können wir da machen? – Auch da müssen wir Kontakt mit der Branche aufnehmen und versuchen, Garantien zu bekommen. Wir wollen auch dafür sorgen, dass Banken außerhalb Österreichs Mittel für Projekte zur Verfügung stellen, die in Österreich umgesetzt werden.

Abschließend möchte ich unterstreichen, dass die Europäische Kommission und die Euro­päische Investitionsbank die Entwicklung dieses Sektors in der ganzen EU unterstützen. Unsere Bank soll dafür die Finanzen aufbringen. Wir können auch durch unsere Beteiligungsge­sellschaften Kapital zur Verfügung stellen. Ich denke, wir müssen beim Aufbringen von Mitteln wirklich noch besser werden. Vor allem aber müssen wir auch auf nationaler Basis Finan­zierungsmechanismen ins Leben rufen. Es muss auf europäischer Ebene, auf nationaler Ebene und vor allem auch mit den Privaten zusammengearbeitet werden. (Beifall.)

12.28


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Peter Wittmann¦: Ich darf allen Referenten für ihre Stellung­nahme danken und ersuche Herrn Staatssekretär Morak um seine Ausführungen. – Bitte.

Statement des Staatssekretärs im Bundeskanzleramt Franz Morak

12.28


Staatssekretär im Bundeskanzleramt Franz Morak¦: Herr Vorsitzender! Meine Damen und Herren! Ich möchte mich in den kommenden 15 Minuten mit möglichen Leitlinien, anhand derer eine österreichische Filmpolitik stattfinden sollte, auseinandersetzen. Vorher einige Grundlagen:

Der Bund, die Republik Österreich, hat das österreichische Filmwesen in seiner Gesamtheit mit 16,671 049 Millionen € gefördert. Davon entfallen auf das Bundeskanzleramt an Fördermaß­nah­men für den österreichischen Filmstandort im letzten Jahr 13,494 247 Millionen €. Ein gut Teil davon ging an das Österreichische Filminstitut, welches als eine dem BKA nachgeordnete Dienststelle für die Verteilung der Herstellungsförderung sorgt.

Hinzu kommen 4,36 Millionen €, die durch den ORF im Rahmen des Film/Fernseh-Abkommens der Produktionswirtschaft zugute kommen.

Von Seiten der Länder kommen entweder direkt oder indirekt via eigens eingerichteter Agen­turen nochmals mindestens 12 Millionen € hinzu. Der Großteil dieses Budgets wird von der Stadt Wien im Rahmen des WFF aufgebracht.

Ich denke, das ist ein Gesamtbetrag, der sich durchaus sehen lassen kann. Mir ist jedoch be­wusst, dass das für das Medium Film, das einen sehr hohen Kapitaleinsatz braucht, um inter­national reüssieren zu können, noch etwas zu wenig ist.

Vor kurzem war ich am Set des neuen Filmes „Terminator III“ zu Gast bei Arnold Schwarzen­egger. Das Produktionsbudget für diesen Film beträgt 175 Millionen US-$, das Marketingbudget weitere 75 Millionen US-$. – Ich denke, Sie werden mir sicherlich zustimmen, wenn ich meine, dass angesichts eines solchen Budgets für einen einzigen Film jegliche staatliche Filmförde­rung in Europa als Vergleich ausscheidet. Anders gesagt: Ohne Investoren und zusätzliche Finanzierungsquellen werden wir nicht die gewünschten Effekte erzielen können, um Öster­reich als Medien- und Filmstandort zu etablieren. Darauf möchte ich etwas später noch zurück­kommen.

In diesem Zusammenhang möchte ich Folgendes klarstellen: Ich spreche hier über den kommerziellen Film und dessen Potential auf einem Markt von 90 Millionen Menschen. Da heute bereits das Beispiel Dänemark angesprochen wurde, gilt es meiner Meinung nach Fol­gendes festzuhalten: Dänemark ist ebenso wie Österreich ein Nachbarland Deutschlands, hat aber den Nachteil, mit Deutschland nicht in einer gemeinsamen Muttersprache produzieren zu können. Aus der Sicht Dänemarks ist daher die von diesem Land eingeschlagene Strategie durchaus richtig.

Wir haben jedoch auf Grund der gemeinsamen Sprache ein völlig anderes Chancenpotential. Ich möchte nicht das Beispiel des bezüglich seines Publikumserfolges zweifellos als Ausnahme geltenden Films „Der Schuh des Manitu“ strapazieren. 2 Millionen Besucher allein in Österreich sollten uns jedoch zu denken geben – ein Umstand, der sich auch im Marktanteil des österrei­chischen Kinofilms widerspiegelt. Betrachtet man die letzten vier Jahre – 1998 bis 2001 – als Sample, sieht man, dass der Anteil österreichischer Kinofilme, gemessen an der Gesamtzahl der gespielten Filme, 7,57 Prozent beträgt; gemessen am Marktanteil – also daran, was an den Kinokassen hereingekommen ist – 3,22 Prozent.

Ich meine, da gilt es anzusetzen. Filmmarketing sollte nicht als „notwendiges Übel“ am Ende einer Produktion stehen, sondern als fixer Bestandteil am Beginn der Businessplan-Erstellung berücksichtigt werden.

Ganz bewusst möchte ich hier ein Bekenntnis zum österreichischen künstlerischen Film ablegen. Ich bekenne mich zur Förderung dieses Filmgenres. Hier haben wir nicht nur einige hoffnungsvolle Talente, sondern auch entsprechende Erfolge bei renommierten internationalen Festivals wie Cannes oder Venedig vorzuweisen. – Das ist heute schon öfter erwähnt worden.

Dies sind Erfolge, die mich darin bestärken, weiterhin auf die Förderung des Films im Sinne des Kulturgutes Film zu setzen. Für die Förderung dieses Kulturgutes müssen wir daher auch eigene Maßstäbe anlegen: Kriterien der kulturellen Vielfalt, der ästhetischen Qualität und der Behauptung europäischer Filmgeschichten gegenüber den amerikanischen. Dies alles sind kul­turpolitische Ziele. Auch das Kriterium des zu erwartenden Erfolges muss letztlich als kulturpoli­tisches Ziel gesehen werden, denn auch ambitionierte Filme sollen ihr Publikum erreichen. – Ansonsten macht Filmförderung nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell keinen Sinn.

Worum geht es mir konkret, wenn ich von der Stärkung des Film- und Medienstandortes Öster­reich spreche? – Ein wesentliches Anliegen ist mir die bessere Ausstattung der heimischen un­abhängigen Produzentenlandschaft, wobei ich vor allem jene Produzenten meine, die im Sinne eines Unternehmens agieren, und nicht die, die auf Grund der Bestimmung des ASRÄG – besser bekannt als „Werkvertragsregelung“ – mit dieser Berufsbezeichnung leben müssen. Da muss es zu einer verstärkten Miteinbeziehung der Produzenten bei der Finanzierung kommen, ähnlich wie dies im benachbarten Bayern der Fall ist, wo der Produzent mit einem 5-prozenti­gen Eigenmittelanteil an der Produktion beteiligt ist.

Auf der anderen Seite – und dies scheint mir auch im Zusammenhang mit dem EU-Recht gebo­ten – sollten die Rechte für die Filmverwertung nach einem angemessenen Zeitraum wieder an den Produzenten zurückfallen. Aus diesem Grund nimmt das BKA auch an der gegenwärtigen Diskussion um eine europäische Definition des unabhängigen Produzenten und um die Frage der Rechterückfallfristen im Rahmen der Überarbeitung der Fernsehrichtlinien aktiv teil.

Ein weiterer, in Österreich völlig unterentwickelter Aspekt ist dabei wichtig: die Ausschöpfung der Verwertungskette im Filmbereich. Die Kette vom Kinostart über die Video- beziehungsweise DVD-Verwertung bis hin zum Fernsehen ist bei weitem nicht ausgereizt. Die Möglichkeit der Verwertung von Pay-TV-Rechten wurde in der Vergangenheit kaum wahrgenommen, sondern sie wurden gemeinsam mit den Free-TV-Rechten an den ORF verkauft. Dies war mit dem Problem behaftet, dass der ORF eben kein Pay-TV betreibt, was auch nicht im Sinne seines öffentlich-rechtlichen Auftrages wäre.

Tatsächlich wurde in der Vergangenheit auf diese Finanzierungsquelle gänzlich verzichtet und vergessen. Ich bin mir dessen sicher, dass dies wieder thematisiert wird, wenn die Krise, die durch die allgemeine wirtschaftliche Rezession und die Kirch-Pleite ausgelöst wurde, überstan­den ist. Dies führt mich zu einem Umstand, der zwar bereits bei den parlamentarischen Film-Enqueten in den vergangenen Jahren kritisiert wurde, aber erst im vergangenen Jahr durch die gesetzliche Grundlage des Privatfernsehgesetzes geändert wurde.

Der Fernsehbereich stellt für die Filmschaffenden den größten Auftragsbereich dar. Umso unbefriedigender war es für viele Vertreter der Filmbranche, dass es in Österreich – im Gegensatz zu allen anderen europäischen Ländern – nur einen Anbieter gegeben hat.

Diese Bundesregierung hat diesen unhaltbaren Zustand grundlegend geändert. Mit der Lizen­zie­rung von ATV am 1. Februar dieses Jahres wird es in absehbarer Zukunft einen weiteren terrestrischen Anbieter in Österreich geben. Natürlich wird ein neuer Privatsender am Beginn der Markteinführung keine Verdoppelung bringen, jedoch gilt es auch in diesem Zusammen­hang, die Parallelen zu den Entwicklungen in Deutschland, wie sie vor mehr als 18 Jahren stattgefunden haben, zu sehen. Trotz der Kirch-Pleite ist der private Fernsehmarkt heute für die deutsche und auch für die österreichische Filmwirtschaft nicht wegzudenken.

Auf der anderen Seite steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der nach wie vor über eine marktbeherrschende Stellung verfügt und für viele der erste Ansprechpartner in Sachen Koproduktion in Österreich ist. Umso mehr verwundert es, dass der ORF jene Beträge, die im Film/Fernseh-Abkommen festgelegt sind, das in dieser Form seit 1984 besteht, seit fast zehn Jahren nicht mehr erhöht hat. Die Kosten von Rechten und Lizenzen sind gestiegen, die Werbezeit und das Programmentgelt wurden mehrmals erhöht – der Betrag für das Film/Fern­seh-Abkommen ist jedoch mit 4,36 Millionen € seit 1994 gleich geblieben.

Da in diesem Zusammenhang meist die entfallene Refundierung der Gebührenbefreiung – wir haben es heute schon gehört – angesprochen wird, sollte das Film/Fernseh-Abkommen als Indi­kator dafür gewertet werden, wie ernst es die seinerzeitige Geschäftsführung mit den Verspre­chungen den Filmschaffenden gegenüber genommen hat.

Ich denke, dass der originär österreichische Content ein wirklicher Wettbewerbsvorteil für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk darstellt und sich dies auch in einer deutlich besseren Dotation des Film/Fernseh-Abkommens niederschlagen sollte.

Vor kurzem konnte ich gemeinsam mit einigen Experten alternative Finanzierungs- und Fondsmodelle, wie sie in Großbritannien, Irland und Deutschland praktiziert werden, durch­leuchten. Bei diesem Round-Table-Gespräch zum Thema „Filmfinanzierung im europäischen Vergleich“ wurden einige interessante Ansätze für weitere Finanzierungsquellen genannt.

Bemerkenswert erscheint mir die privatwirtschaftliche Tochterunternehmung der ARD „Tele­pool“, die sich im Laufe der Zeit von einer Einkaufsabteilung der öffentlich-rechtlichen Rund­funkanstalt zu einer profitablen Unternehmung für Film-Ein- und Verkauf bis hin zum Partner für die Entwicklung von Projekten und Drehbüchern entwickelt hat. Der ORF könnte da durch­aus Know-how abschöpfen und eine ähnliche Konstruktion anstreben.

Die deutschen Medienfonds haben mittlerweile ein Gesamtkapital von 7 Milliarden €, beginnen langsam zu greifen und bieten natürlich auch für österreichische Produktionen eine Finanzie­rungsmöglichkeit.

Ein Vergleich mit Irland drängt sich da in besonderer Weise auf, da auch Irland einen großen gleichsprachigen benachbarten Markt aufweist und auch dort der terrestrische Rundfunk sehr spät liberalisiert wurde. Auch die Budgetzahlen des „Irish Film Board“ bewegen sich mit 11,297 Millionen € in etwa auf unserem Niveau. Darüber hinaus wird intensiv mit der steuer­lichen Absetzbarkeit von Investitionen in die Filmproduktion gearbeitet – ein Vorschlag, der be­reits vom Vorsitzenden dieser Enquete im Jahre 1997 in Erwägung gezogen, jedoch nicht weiterverfolgt wurde. – Ich werde jedenfalls diesen Punkt der Steuerreformkommission zur Kenntnis bringen.

Bei dieser Gelegenheit darf ich eine Studie, die kürzlich von mir in Auftrag gegeben wurde, erwähnen. – Es handelt sich dabei um eine Evaluierung der Funktion des österreichischen Films als Wirtschaftsfaktor. Mit dieser Studie, die von mir initiiert und mitfinanziert wurde, soll ebenfalls eine Grundlage für das weitere filmpolitische Handeln des Bundes geschaffen werden. – Ich darf daher noch einmal die Produzenten auffordern, sich aktiv an dieser Studie zu beteiligen, da ich der Überzeugung bin, dass die Filmbranche und die Politik nur gemein­sam zu einer Verbesserung der Situation beitragen können.

Neben all diesen Maßnahmen werde ich auch heuer wieder das Budget des Österreichischen Filminstituts aufstocken. Bereits im letzten Jahr habe ich das Budget – nebenbei bemerkt: ohne die allgemeine 3-prozentige Kürzung, die für alle Subventionstöpfe gilt – um 730 000 € aufgestockt. Dieses Jahr werde ich das Budget des ÖFI um 2,18 Millionen € aufstocken, sodass mehr Mittel in die Herstellungsförderung fließen können und vor allem junge Filmschaffende, die bisher nicht in den Genuss einer Förderung kamen, von dieser Maßnahme profitieren können.

Ich glaube, es gäbe noch viel zu diesem Thema zu sagen. Wir werden die Diskussion führen und uns vor keinem Thema scheuen. Wir betrachten Film nicht nur als Kunst, sondern auch als Wirtschaftsfaktor in diesem Land. Ich bin gespannt, ob wir den konstruktiven Dialog mit den Filmproduzenten und mit den Filmschaffenden, der sich in letzter Zeit angebahnt hat, fortsetzen können. – Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall.)

12.41


Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦ (den Vorsitz übernehmend): Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wir gehen nunmehr in die Debatte ein.

Diskussion


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Ich darf als erstem Redner Herrn Gruber das Wort erteilen. Ich ersuche, die Redezeit von 5 Minuten einzuhalten. – Bitte.

12.42


Andreas Gruber¦ (Dachverband der österreichischen Filmschaffenden): Herr Vorsitzender! Ich werde diese Redezeit nicht einhalten, weil mir zugesagt wurde, dass ich sie nicht einhalten muss. – Dazu muss ich die Genesis dieser Veranstaltung kurz ausführen.

Es war der Dachverband der österreichischen Filmschaffenden, dessen Vorsitzender ich bin, der es durch nunmehr ein Jahr andauernder intensiver Lobby-Arbeit und durch Unterstützung der sozialdemokratischen und der grünen Fraktion erreicht hat, dass diese Enquete stattfindet. Der Hauptausschuss des Nationalrates hat jedoch beschlossen – und das steht in einer langen Tradition der Brüskierung der österreichischen Filmschaffenden –, keinen offiziellen Vertreter der österreichischen Filmschaffenden auf das Podium oder zu einem Statement einzuladen.

Meiner Meinung nach ist das typisch für die Lippenbekenntnisse, die immer abgelegt werden, wenn es um den österreichischen Film geht.

Ich bin über die heutige Diskussion, ehrlich gesagt, ein wenig verwundert, weil ich dachte, wir besprechen hier kulturelle Themen. Ich höre fast alle Leute – außer Michael Haneke – von Geld reden, mit Sprachbildern wie „Geld ist Betriebsmittel“, „Geld ist Brot“. – Ich esse kein Geld und würde daher sehr gerne endlich über Kultur reden.

Bevor ich diesen thematischen Ansatz wähle, erlauben Sie mir aber, als Vertreter der Film­schaffenden über die soziale Lage dieser Berufsgruppe zu sprechen, denn neben den drasti­schen Kürzungen im operativen Bereich, in den Budgets, gab es parallel dazu massive soziale Eingriffe, die die Filmschaffenden ganz enorm getroffen haben, gleichzeitig mit einem enormen Rückgang der Beschäftigung.

Es wurde hier ununterbrochen von der „Kontinuität der Beschäftigung“ gesprochen. – Glauben Sie mir: Nicht einmal erfolgreiche Filme sind in unserem Lande ein Garant für eine kontinuier­lichen Beschäftigung. Zum Teil ist sogar das Gegenteil der Fall: Barbara Albert wurde schon angesprochen, es gibt aber noch viele andere Beispiele von Filmschaffenden, die trotz Erfol­gen keine Chance auf kontinuierliche Beschäftigung hier in diesem Land haben.

Dies schlägt sich auch in Zahlen nieder. Ich gebe Herrn Professor Mayer Recht: Es wird offen­sichtlich klugerweise nicht wirklich erhoben, wie die Beschäftigungssituation bei den Filmschaf­fenden wirklich ausschaut. Wir gehen aber von einer Nicht-Beschäftigung von 60 bis 70 Pro­zent aus – und das in einer europäischen Wachstumsbranche! Dies zählt wohl zu den höchsten Werten in Sachen Branchen-Arbeitslosigkeit in Österreich. – Gleichzeitig werden in dieser Situation soziale Leistungen für diese Berufsgruppe weiter gekürzt!

Lassen Sie mich das erklären: Wir standen mit dem Staatssekretariat in langen Verhandlungen über das, was sehr euphemistisch „Künstler-Sozialversicherung“ genannt wird. Tatsächlich ist es ein Pensionszuschuss-Modell, das völlig an der sozialen Realität der österreichischen Filmschaffenden vorbeigeht, denn diese kämpfen zuallererst einmal um eine durchgehende Krankenversicherung. – Auch eine solche ist in Österreich nicht gewährleistet!

In den letzten drei bis vier Jahren gibt es eine Abwanderung des hier in diesem Raum so oft beschworenen kreativen Potentials aus Österreich, die mit offensichtlicher Nonchalance über­gangen wird. Wenn ich in Deutschland arbeite – was ich gerne tue – und in Hamburg oder München bin, treffe ich sehr oft österreichische Kollegen, die – genauso wie ich – eigentlich gar nicht mehr hier arbeiten wollen, weil in Österreich die entsprechenden Bedingungen nicht vorhanden sind.

Es geht eine weitere Demontage des sozialen Systems für Filmschaffende vor sich, und zwar dadurch, dass die Ausnahmebestimmungen zur „neuen Selbständigkeit“ für Künstler aufgeho­ben wurden. Professor Mayer hat angesprochen, welchen Effekt das hat: Das bedeutet auf Grund des Kostendrucks, dass viele Filmschaffende in die so genannte neue Selbständigkeit gedrängt werden, ohne dass ihre Gagen erhöht werden.

Der große Aufschrei hat noch nicht stattgefunden, weil die Steuerbescheide für das Jahr 2001 noch nicht vorliegen. Er wird aber kommen, wenn die Filmschaffenden sehen, dass das Finanzamt alle Daten an die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft meldet und dass diese bis zu 25 Prozent der Honorare abkassiert. Das heißt, dass die Film­schaffenden noch einmal um 25 Prozent ihres Einkommens betrogen wurden, weil es – auch wenn sie diese Abgaben zahlen – keinen wirklich durchgängigen und guten Versicherungs­schutz innerhalb dieses Systems gibt, denn es sind immer befristete Verträge.

All das haben wir oft in den Diskussionen um die Künstler-Sozialversicherung angesprochen. Es wurde mit keinem Beistrich darauf reagiert. Die Situation ist so, dass anerkannte Kollegin­nen und Kollegen, die erfolgreich hier in diesem Land gearbeitet haben, entweder ausgewan­dert sind oder eine Boutique aufgemacht haben, Taxi fahren oder Ähnliches.

Das ist die soziale Realität der Filmschaffenden hier in Österreich: Es gibt keine wie immer geartete Chance auf Kontinuität in der Beschäftigung – auch dann nicht, wenn man erfolgreiche Pro­duktionen vorweisen kann!

Zum zweiten Thema: Ich glaube, die Sache ist ganz einfach, und ich verfolge diese Diskussion seit mindestens fünf Jahren. Es geht darum, das ÖFI-Budget auf 25 Millionen € aufzustocken. Alle anderen Maßnahmen, die diskutiert wurden, können nur funktionieren, wenn zuerst dieser Schritt gesetzt wird. – Das geschieht aber nicht, obwohl ununterbrochen von einem Bekenntnis zum österreichischen Film geredet wird. Ich verstehe nicht, warum dieser Betrag, der einen Bruchteil vieler anderer kultureller Spartenförderungen ausmacht, nicht von der österreichi­schen Bundesregierung aufgebracht wird.

Ich esse kein Geld, und ich bin weder Milch noch Sahne. – Ich wundere mich über die Art der bildlichen Darstellung unserer Problematik. Das sind Sprachbilder, ja, und es wird auch gerne – mittlerweile auch von mediokren Kulturpolitikern – die „kulturelle Identität“ eines Landes be­schworen. Da möchte ich doch nachfragen: Was begründet denn die kulturelle Identität eines Landes? Ich empfehle Ihnen sehr, das neue Buch von Wolfgang Müller-Funk – „Die Kultur und ihre Narrative“ – zu lesen.

Wenn man so deutlich vor Augen geführt bekommt, wie zentral kulturstiftend und sinnstiftend die Erzählung, das Narrative für eine Kultur ist und wie sehr man weiß, dass Film der „große Geschichtenerzähler“ des 20. und des 21. Jahrhunderts ist, dann wünscht man sich das Be­kenntnis zum kulturellen Film in der Hinsicht, dass endlich begriffen wird, was die Narrative für eine Gesellschaft bedeuten: dass nämlich die Wechselwirkung von Abbild und Wirklichkeit kulturelle Identität stiftet.

Ich glaube, es gibt viele Geschichten, die auf Grund des Systems geradezu zwingend jenseits des Marktes erzählt werden müssen. Ich habe auch deshalb Probleme, ununterbrochen mit Geld zu argumentieren, weil es in Wirklichkeit eine furchtbar defensive Strategie ist, als könnten wir unsere Arbeit nur dadurch begründen, dass wir auf die Umwegrentabilitäten, die Standort­effekte und Ähnliches hinweisen. – Nein! Ich will meine Arbeit als einen Beitrag in dieser Gesell­schaft verstanden wissen, der jenseits des funktionierenden Marktes einen großen und wichti­gen Stellenwert im Sinne des Narrativen einnimmt.

Es ist angesprochen worden und kommt immer wieder zur Sprache, dass sofort die Frage nach den Medien und nach visueller Darstellung in den Medien gestellt wird, wenn Amokläufe wie etwa jener in Erfurt passieren. Es gab einige sehr interessante Kommentare zu diesen Ereig­nissen. Einer der wichtigsten berührte die Frage des visuellen Analphabetismus. Wenn in der Kultur­politik endlich verstanden wird, dass gutes Kino und Geschichtenerzählen im Kino nichts ande­res als visuelle Alphabetisierung sind, dann wäre man angehalten, sofort und allein aus diesem Grund sehr viel Geld in diesen Bereich zu investieren.

Lassen Sie mich zuletzt etwas zu den europäischen Förderungstöpfen sagen, da dieses Thema auch ununterbrochen aufs Tapet kommt – ich weiß nicht, wieso sich solche Gerüchte so hart­näckig halten –: Es gibt viele europäische Förderungstöpfe – das ist richtig –, aber europäische Förderungstöpfe können nur dann lukriert werden, wenn die nationale Filmförderung entspre­chende Anteile zur Verfügung stellt. Es können europäische Gelder auch vom Nettozahler Österreich nicht in Anspruch genommen werden, weil der nationale Anteil dafür nicht aufge­bracht wird.

Herr Staatssekretär! Meiner Meinung nach ist es sehr einfach: Es geht nicht um 2 Millionen €, es geht um 25 Millionen €. Alles andere wird funktionieren, wenn dieser erste Schritt gesetzt ist. (Beifall.)

12.53


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Meine Damen und Herren! Ich möchte Folgendes zum Ablauf sagen: Wir haben eine Redezeit vereinbart und befinden uns hier in einer parlamentarischen Enquete. Es gilt also die vereinbarte Redezeit von 5 Minuten. Wir waren jetzt wirklich sehr tolerant, denn es wurde soeben 11 Minuten lang gesprochen. Ich bitte im Interesse aller Beteiligten darum, die Spielregeln einigermaßen einzuhalten, und zwar des­halb, weil wir jetzt nicht in der Lage sind, Motive, die zu dieser Veranstaltung geführt haben, oder sonstige Beweggründe zu bewerten.

Es ist wohl im Interesse aller, dass noch alle zu Wort gemeldeten Personen – es liegen mir etwa zehn Wortmeldungen vor – entsprechend Zeit haben, ihre Meinung hier darzulegen. Ich bitte daher insbesondere die nachfolgenden Redner, auf diese zeitliche Limitierung, durch die doch einigermaßen ausreichend Redezeit zur Verfügung steht, Rücksicht zu nehmen.

Als Nächster zu Wort gemeldet ist Herr Riha. – Bitte.

12.54


Georg Riha¦ (Dokumentarfilmer, Brains & Pictures): Ich möchte an Andreas Gruber und über­haupt an die Kreativen anschließen: an Haneke oder auch an Danny Krausz. Ich erkenne, dass hier zwei „Filme laufen“: der eine ist die Verbitterung und der Zorn der Machenden – und der andere besteht aus den abwiegelnden Aussagen von Herrn Staatssekretär Morak und einigen anderen Thesen, die die Meinungen beinhalten: So schlecht ist es „eh“ nicht, es wird doch ohnehin so viel ausgeschüttet!

Ich möchte dem Argument von Andreas Gruber, der vom Narrativen als wesentlichem Element des Filmes gesprochen hat, noch einen Aspekt hinzufügen, nämlich den des Visuellen, der Kraft des Bildes. Ich rede nicht nur vom Film, sondern allgemein von den bewegten Bildern. – Das kann zum Beispiel das Fernsehen sein, das einen wesentlichen Anteil daran hat, wie Professor Mayer gesagt hat, dass wir sozusagen über das Medium, über die Pracht und die Macht der Bilder reden und darüber, was emotional erzählt und bewegt werden kann.

Ich denke, dass das in einigen Bereichen überhaupt nicht begriffen wird. – Da möchte ich Herrn Fuchs, bei allem Respekt, sagen: Sie haben nicht die geringste Ahnung von dem, worüber Sie da geredet haben! (Beifall. Widerspruch. Abg. Dr. Fekter: Sehr „respektvoll“ war das jetzt!) – Bei allem Respekt!, habe ich gesagt. (Neuerliche Zwischenrufe.)

Ich möchte trotz allem darauf hinweisen, dass man die Gliederungen der verschiedenen Förde­rungstöpfe und Förderungsaspekte überprüfen sollte. Die Themen Film und Fernsehen haben in den verschiedenen Fonds – egal, ob das jetzt der Wiener Filmfonds ist oder das ÖFI – sehr enge Korsetts, und verschiedenes fällt überhaupt durch die Maschen.

Ich weiß nicht, wie weit Sie meine Arbeit kennen. Ich bewege mich einerseits auf der kreativen Ebene, andererseits auf der Dienstleistungsebene, wo ich mich sozusagen in den Dienst nor­maler Produktionen stelle und die dortigen Forderungen genauso kennen lerne wie jene auf der eige­nen Ebene im gestalterischen Bereich. Ich möchte versuchen, all diese Gedanken unter einem europäischen Aspekt zu sehen, durch den man erkennt: Es gibt eine Bewusstseins­schaffung – was eben Andreas Gruber noch gesagt hat –, eine gemeinsame Haltung zu diesen Medien, zum Film und zum Fernsehen.

Ich möchte nicht übers Geld reden, denn es ist ohnehin klar, dass da ein mehr oder weniger großes Manko existiert. Der europäische Gedanke ist mir wichtig, denn wir sprechen immer von der „amerikanischen Übermacht“. Ich will nur einen kleinen Aspekt anführen: Ich arbeite mit einer kanadischen Firma zusammen. Wir waren vor einem Monat in Los Angeles, und da wur­den Unterschriften gesammelt, mittels derer gegen die Vergabe von Hollywood-Produktionen an kanadische Firmen protestiert wurde. Das australische Modell und das kanadische Modell gräbt den Amerikanern genauso das Wasser ab.

Ich möchte also an den europäischen Gedanken und an das europäische Selbstbewusstsein appellieren. – Herr Puschnig hat ja gemeint, Airbus hat Boeing auch überrundet. – Ich möchte dazu aufrufen, diesen Bereich mit einem europäischen Selbstbewusstsein in die Zukunft zu führen. – Danke. (Beifall.)

12.58


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächster zu Wort gemeldet ist Herr von Friedl.

12.59


Fritz von Friedl¦ (Verband Österreichischer Filmschauspieler): Meine sehr geehrten Damen und Herren! Als Vertreter des Verbandes der Österreichischen Filmschauspieler – ich darf hinzufü­gen, dass das Wort „Filmschauspieler“ soeben das erste Mal gefallen ist – möchte ich Ihr In­teresse auf folgenden wesentlichen Aspekt dieser Enquete richten:

Unbestritten sind ja wohl die Erfolge unserer Filme bei Festivals, Juroren und Publikum, und – das nun seit Jahren. Über notwendige Finanzierungen und deren Möglichkeiten wurden heute Vorschläge unterbreitet, deren Dringlichkeit außer Frage stehen muss. Jede Branche – auch unsere –, die Kulturgüter verbreitet und dabei große finanzielle Umsätze verantwortet, bedarf der Werbung. Mancher hier Anwesende hat absichtlich oder per Zufall die ORF-Sendung „Seitenblicke“ verfolgt und sogar ein kurzes Statement abgegeben – mit gutem Grund, denn ihre Breitenwirkung ist enorm. Hie und da wird auch über eine Filmpremiere berichtet. Leider gibt es davon immer weniger, aber es gibt einige Großereignisse.

Die Werbebranche selbst feiert sich jährlich mit Preisen. Der ORF stellt – in Zusammenarbeit mit einer großen österreichischen Tageszeitung – seine Leistungen mit Preisen ins Schau­fenster. In Deutschland wurden heuer zum 52. Mal in einer Großveranstaltung Filmpreise ver­geben, das heißt, es wird öffentlich, in einem großen Rahmen auf die Leistungen in dieser Branche aufmerksam gemacht: nicht zuletzt durch das Auftreten von Stars und Newcomern, die jeder sehen will, auch wenn er nicht dabei sein kann.

Ich appelliere an Sie, Herr Staatssekretär Morak, unsere Bemühungen um einen österreichi­schen Filmpreis zu unterstützen! Vielleicht könnte das zu einem Anliegen unseres obersten Kulturchefs, des verehrten Herrn Bundeskanzlers, gemacht werden. Dann könnte das vielleicht verwirklicht werden. – Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall.)

13.01


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächster gelangt Herr Professor Brazda zu Wort. – Bitte.

13.01


Mag. Kurt Brazda¦ (Verband Österreichischer Kameraleute): Meine Damen und Herren! Ich ver­trete hier den Verband Österreichischer Kameraleute, und ich habe mir das jetzt den ganzen Vormittag über angehört; es war sehr interessant. Was mich ein bisschen schockiert hat, war die Unbedarftheit von manchem, was hier gesagt wurde. Das ist etwas, was ich schon die gan­zen Jahre über – ich bin jetzt schon bei der dritten oder vierten Film-Enquete – immer wieder bemerkt habe, dass nämlich Dinge in den Raum gestellt werden, denen dann vielleicht nicht widersprochen wird und die so ein falsches Bild von den Filmschaffenden und von der Situation selbst entstehen lassen.

Was die Situation betrifft, so bin ich überzeugt davon, dass wir uns in einer Phase befinden, die sehr ernst ist, und zwar nicht nur unter dem Aspekt der Beschäftigung, sondern auch von der Tatsache her, dass Österreich in den Medien überhaupt nicht mehr vorkommt. Ich war vor einem halben Jahr in China – Sie werden vielleicht sagen, das sei weit weg, aber in der heuti­gen Welt ist nichts mehr weit weg –, in Shanghai und so weiter. China kennt Österreich nicht, allenfalls als einen „Teil von Deutschland“. Österreich ist im Moment, was die Medien betrifft – ich sage es ganz hart –, eine deutsche Medienprovinz.

Ich finde das deshalb ganz besonders traurig, weil ich der Meinung bin, dass in diesem Land immer Inhalte produziert worden sind, während zurzeit eigentlich immer mehr Ideen darauf ver­wendet werden, Formate zu suchen – und Inhalte eher links liegen gelassen werden. Ich bin davon überzeugt, dass wir in unserem Land imstande sind, Inhalte zu produzieren, die unver­wechselbar sind. Ich habe das auch schon früher gesagt: Im Grunde genommen habe ich immer den Eindruck, dass über Geld geredet wird, über Vermarktbarkeit, aber es geht ja um die Kreativen. Die Kreativen sind die Einzigen, die in diesem Land andere aus dieser Branche dann beschäftigen.

In Bezug auf die Urheberrechtsangelegenheit: Es stimmt ganz sicher nicht, dass die Vermarkt­barkeit des österreichischen Films durch die Anteile der Urheber an der Verwertung gestört wird. Endlich gibt es Verwertungsgesellschaften für Urheber. Ich finde, dass es dringend an der Zeit ist, diese auch so auszustatten, wie ihnen das zusteht. Ich möchte jetzt nicht weiter darauf eingehen, jedoch einen Irrtum aufklären: An den Urhebern, also an den Verwertungsgesell­schaften, liegt es nicht, dass man österreichische Filme nicht vermarkten kann!

Punkt zwei, zu den Gagen: Nehmen Sie beispielsweise einen Kameramann, der arbeitet sechs, sieben Wochen an einem Projekt und bekommt natürlich eine entsprechende Gage. Er hat aber auch eine derart hohe Verantwortung, dass meiner Ansicht nach auch der Vergleich mit Herrn Gaugg ganz anders ausfallen würde. Das muss man bitte schon ganz klar und deutlich sagen: Hiebei ist eine hohe Verantwortung gegeben, und daran liegt es ganz sicher nicht.

Zum Schluss möchte ich sagen, dass ich auch als Lehrer tätig bin. Es gibt eine Reihe von Studenten in verschiedenen Fachhochschulen, die eben außer aus der Filmhochschule auch noch aus anderen Bereichen kommen – etwa aus dem digitalen Bereich und so weiter –, und die kommen dann am Ende des Studiums zu mir und fragen: Was sollen wir jetzt machen? Wo sollen wir hingehen? – Ich muss sie dann quasi zum Verlassen des Landes aufmuntern, denn ich muss ihnen ganz ehrlich sagen: Ihr habt in Österreich keine Möglichkeit, irgendetwas zu tun! – Ich empfinde das eigentlich als sehr obszön, dass wir Leute ausbilden, ihnen Hoffnungen machen – und sie dann überall anders reüssieren, nur nicht in Österreich. Das ist eine Schande!

Ich weiß, dass es sehr im Sinne der Regierung ist, verschiedene Fachhochschulen zu eröffnen. Ich finde das auch großartig, aber dann müssen wir doch bitte auch die Arbeitsplätze schaffen, damit diese jungen Leute auch arbeiten können. – Danke schön. (Beifall.)

13.04


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächster zu Wort gelangt Herr Dr. Zawrel. – Bitte.

13.05


Dr. Peter Zawrel¦ (Wiener Filmfonds): Es wurden im Verlauf der letzten Stunde einige Behaup­tungen aufgestellt, die ich so nicht akzeptieren kann und denen man in einem Rahmen wie diesem, weil wir uns eben nicht in einem Workshop befinden, nur andere Behauptungssätze entgegenstellen kann.

Erstens: Der österreichische Film braucht weder Krank- noch Gesundredner. Der österrei­chische Film ist kein erschöpfter Sportler, der auf der Bahre liegt, sondern ein sehr fitter Sportler, der bessere Trainingsbedingungen und bessere Startbedingungen benötigt.

Zweitens: Selbstverständlich wird jeder österreichische Film für den deutschsprachigen Markt hergestellt. Ich bin jetzt seit 15 Jahren in der Filmförderung tätig, und ich habe in diesen 15 Jah­ren noch keinen Regisseur und keinen Produzenten kennen gelernt, der mit der Absicht ange­treten wäre, seinen Film für den Bezirk Bruck an der Leitha, das Land Tirol oder für „die Öster­reicher“ herzustellen. Dass wir Deutsch sprechen, verschafft uns den Zugang zu einem sehr großen europäischen Markt, es verschafft uns aber nicht den Zugang zu einem Weltmarkt. Die einander ähnlichen Sprachen zwischen Hamburg und Klagenfurt sind dabei gleichzeitig auch unser größtes Problem.

Drittens: Das ist der Grund, warum die Zukunft des österreichischen Films in Europa liegt und nicht nur in Deutschland. Schauen Sie bitte in die Unterlagen, die das Österreichische Filminsti­tut für die Enquete ganz hervorragend zusammengestellt hat. Dort können Sie zum Beispiel die Besucherzahlen von „Die Klavierspielerin“ in Europa nachlesen.

Im Herbst 2001 konnten in deutschen Kinos gleichzeitig sechs österreichische Filme gesehen werden, davon war ein einziger Film eine österreichisch-deutsche Koproduktion. Ausreißer wie „Der Schuh des Manitu“ oder „Die fabelhafte Welt der Amelie“, ein französischer Film mit deutscher Kofinanzierung, dürfen uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Regelfall nur der künstlerisch hoch stehende europäische Film die Chance hat, in seinem Rahmen auch kommerziell erfolgreich zu sein. Ich kann der Gastronomie-Metapher von Esther van Messel nur zustimmen: Österreichische Winzer haben vor zirka 15 Jahren erkannt, dass die Produktion von Mainstream-Weinen für die Supermarktregale in eine Sackgasse führt, weil sie dort einer quantitativen Konkurrenz ausgeliefert sind, der sie nie und nimmer standhalten können. – Die Ergebnisse dieser Erkenntnis sind hinlänglich bekannt: Österreichische Weine gehören inzwi­schen zu den besten der Welt und sind ein Wirtschaftsfaktor geworden, vor allem auch durch ihre Wirkung als Multiplikator für Umwegrentabilitäten.

Nächster Punkt: Von der Politik erwarte ich mir weder Statistiken noch Handlungsempfehlun­gen, wie wir besser „pantschen“ können, sondern Visionen und Rahmenbedingungen, die es erlauben, von einer breiten und kontinuierlich funktionierenden Basis ausgehend international erstklassige Spitzenprodukte herzustellen. Einer quantitativen Konkurrenz wird der österrei­chische Film genauso wenig wie der österreichische Wein jemals standhalten können, aber in der qualitativen Konkurrenz gehören wir heute schon zu den Besten.

Letzter Punkt: Da im letzten Panel sehr viel über Fernsehen gesprochen wurde, möchte ich Frau Windelov sehr gerne bitten, wenn sie das will, ein paar Worte über die Funktion und Be­deutung des Fernsehens in Dänemark zu sagen. – Danke. (Beifall.)

13.08


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächster zu Wort gelangt Herr Grasser. – Bitte.

13.09


Helmut Grasser¦ (Verband österreichischer Film- und Videoproduzenten): Ich darf mich kurz vorstellen: Ich bin Sprecher des österreichischen Filmproduzentenverbandes und habe min­destens vier der Produktionen, die wir hier in Ausschnitten gesehen haben, produziert.

Ich möchte das sehr konstruktiv angehen. Vieles, was Herr Staatssekretär Morak gesagt hat, begrüße ich; ich möchte aber auch einige Fragen dazu stellen.

Die Erhöhung des Budgets des Film/Fernseh-Abkommens ist etwas, was der Produzentenver­band seit langem fordert. Ich stelle Ihnen die Frage: Nachdem der ORF finanziell geschwächt ist – was verschiedene Gründe hat, auf die wir jetzt nicht im Detail einzugehen brauchen –, ist die Frage zu stellen, woher das Geld dazu kommen soll, denn heuer, das wissen wir, wird der ORF 50 Millionen € aus der „Kriegskasse“ nehmen müssen, also 50 Millionen € Verlust machen.

Auch die Erhöhung des ÖFI-Budgets für heuer um zirka 30 Millionen Schilling oder 2,18 Millio­nen € ist sicherlich ein erster Schritt. Ich darf Sie, Herr Morak, allerdings daran erinnern, dass Sie, als Sie noch nicht Kultur-Staatssekretär waren und Herr Wittmann die Mittel des Film­instituts kurzfristig auf 170 Millionen Schilling brachte, das zwar begrüßt, aber als Mindestmaß 200 Millionen Schilling genannt haben.

Dritter Punkt: Natürlich wird auch von den Produzenten eine Steuererleichterung für private Investoren begrüßt. Sie wissen wahrscheinlich so wie ich, dass es sich dabei nur um eine sehr sinnvolle Spitzenfinanzierung handelt, und zwar in Höhe von zirka 15 bis 20 Prozent des Ge­samtbudgets beziehungsweise des österreichischen Anteils bei Koproduktionen. Wenn das also in sinnvoller Größenordnung zugelassen werden soll, bleibt trotzdem zu fragen: Woher kommt die Basisfinanzierung? Koproduktionen, die Forderung nach Koproduktionen – ich mache das selbst sehr häufig – kann ich nur bejahen; allerdings stellt sich auch da die Frage, woher das Geld kommen soll.

Wie wird das mittelfristig aussehen? Und wie stellen Sie sich beispielsweise das ÖFI-Budget für nächstes Jahr vor? – Danke schön.

13.11


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Nächster Redner ist Herr Bauer. – Bitte.

13.12


jochen Bauer¦ (Oberösterreichisches Filmbüro für touristisch wirksame Produktionen): Meine Damen und Herren! Ich bin das erste Mal bei einer solchen Enquete und bin beeindruckt von den verschiedenen Meinungen. Ich empfinde, dass das wirkliche Problem im Zusammenhang mit der Filmförderung und mit der Möglichkeit, in Österreich einen Medienstandort zu errichten, der mehr ist, als wir im Moment sind, und mehr erreichbar macht, als ohnehin schon groß­artigerweise erreicht wurde, darin liegt, dass an solchen Enqueten offensichtlich Menschen teilnehmen, die überhaupt nicht informiert sind.

Ich finde es beispielsweise außerordentlich erstaunlich, dass man hier darüber spricht, dass Förderungen in anderen Ländern als „Darlehen“ gewährt werden, nicht jedoch erwähnt, dass das bedingt rückzahlbare Darlehen sind. Das ist doch ein entscheidender Unterschied!

Ich bin außerordentlich betroffen vom Statement Andreas Grubers. Ich selbst bin in dieser Beziehung ein Betroffener gewesen und muss ihm Recht geben.

Mir vermittelt jener Mensch, der eigentlich am stärksten für die Produzentenlandschaft in Öster­reich verantwortlich und zuständig ist – wenn auch erst seit kurzem –, nämlich der Programm­direktor des ORF, nicht das Gefühl, als wären die Produzenten seine Mannschaft. Da sich aber der ORF selbst sehr intensiv der Produktionsmittel entledigt hat und viele Dinge nicht mehr selbst, sondern nur mehr mit Hilfe der Produzenten zustande bringen kann, würde mir wesent­lich erscheinen, dass das Verhältnis der Produzenten, die sich unterdessen als Erfolgsprodu­zenten erwiesen haben, mit dem ORF auch in der Außensicht ein vertrauteres würde.

Ich habe die Ausführungen des Herrn Staatssekretärs Morak als außerordentlich positiv emp­funden, wiewohl ich die Größenordnungen nicht wirklich mit dem vergleichen kann, was war oder sein soll. Ich schlage vor, dass wir von der österreichischen Mentalität der Jammerei in die nächste Stufe eintreten, die vielleicht progressiv und nach vorne schauend sein könnte. Ich schlage vor, dass sich – eventuell auf Kosten des Kanzleramtes – die Förderer aus den Län­dern zusammensetzen und ein Konzept erarbeiten, das vielleicht zu einer kumulativen Förde­rung führen könnte, in die auch die Wirtschaftskammer, das ÖFI und der Wiener Filmfonds eingebunden werden sollten, denn der Wiener Filmfonds hat bei jedem Film, der in Österreich produziert und fertig gestellt wird, den Benefit, dass die Nachbearbeitung in seinem Bereich stattfindet.

Ich möchte diese Anregung gerne ernst genommen sehen – und danke Ihnen, dass ich hier anwesend sein durfte. (Beifall.)

13.15


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Nächste Rednerin ist Frau Abge­ordnete Jäger. – Bitte.

13.16


Abgeordnete Inge Jäger¦ (SPÖ): Sehr geehrte Damen und Herren! Ich bin auch sehr froh über diese Film-Enquete, denn ich gehöre auch zu jenen, die nicht so gut über das österreichische Filmgeschehen Bescheid wissen. Für mich als Mitglied des Kulturausschusses ist diese Enquete jedenfalls sehr hilfreich. Ich bedauere, dass Andreas Gruber als Vertreter der Film­schaffenden nicht am Podium hier Platz nehmen konnte, und ich möchte ihm auch insofern Recht geben, als es natürlich – auch wenn wir von Geld reden, von mehr Subventionen für den österreichischen Film – um die Filmproduktion geht, und zwar um den österreichischen Film. Ich meine, kaum ein anderes Medium schafft es so sehr, die österreichische Identität wiederzu­geben. Gerade Sie, Herr Gruber, haben ja mit dem Film „Hasenjagd“ sehr viel zum Thema Vergangenheits­bewältigung beigetragen. – Gerade der österreichische Film bringt sehr viele Themen in die öffentliche Debatte, die einfach wichtig sind für unser gesellschaftliches Zusam­menleben.

Österreich ist zwar ein kleines, aber kein armes Land, und wir geben eine ganze Menge für Kultur aus. Deshalb sollten wir tatsächlich auch den österreichischen Film finanziell wesentlich mehr unterstützen. – Herr Staatsekretär Morak, ich danke Ihnen für die Zusage, dass es mehr Geld geben wird. Sie haben damit natürlich auch der Diskussion hier etwas die Speerspitze ge­nommen. Man muss, wie ich meine, darauf vertrauen können, dass es in den nächsten Jahren zu noch größeren Finanzierungen kommen wird.

Ich hätte auch eine Frage an Sie: Sie sagen sehr oft, dass Österreich auch für den deutschen Markt produzieren muss, weil Österreich zu klein ist. – Ich denke aber, dass es im zusam­menwachsenden Europa gerade diese typischen, regionalen Filme sind, die auch in anderen Ländern sehr gut angenommen werden, die dort reüssieren. Was den deutschen Markt – der ist auch groß genug – betrifft, so denke ich: Die sollen sich ihre eigenen Künstler selbst sub­ventionieren. Wir müssen darauf achten, dass wir tatsächlich unsere Kulturschaffenden för­dern.

Herrn Fuchs möchte ich massiv widersprechen, und ich habe dazu auch Zahlen vorliegen: Im Ausland wird die Förderung natürlich nicht nur in Form von Darlehen gegeben, sondern es gibt auch ganz klar Subventionen. – Österreich liegt da im Vergleich zum europäischen Ausland und gemessen am Förderungsbudget 2000 weit hinten, was eben öffentliche Förderungen anlangt.

Eine Frage an Herrn Munini: Wie ist das mit den Förderungen auf europäischer Ebene? Ich kenne das nur aus dem Bereich der Entwicklungszusammenarbeit. Dort ist es ganz, ganz schwierig, als NGO – im gegenständlichen Fall eben als Filmschaffender – an diese europäi­schen Förderungen heranzukommen.

An den Herrn Staatssekretär Morak gerichtet: Gibt es dazu Unterstützungen seitens Ihres Amtes? Wie sieht die Förderpolitik in diesem Bereich aus? – Danke. (Beifall.)

13.19


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Weil jetzt die Frage aufgetaucht ist, warum Herr Andreas Gruber nicht hier am Podium sitzt, möchte ich dazu nur sagen: Ich meine, es ist nicht entscheidend, wo jemand sitzt, sondern was er sagt und wie lange er dafür Zeit hat. (Beifall.)

Nächster Redner ist Herr Mrkwicka. – Bitte.

13.20


Kurt J. Mrkwicka¦ (Filmstadt Wien, Rosenhügel-Studios): Einiges wurde von Kollegem Grasser schon vorweggenommen. Ich stelle mir die Frage: Wie geht es jetzt weiter? Wir haben viele An­sichten, viele Ansätze, wir haben Förderungen, Finanzierungen, wir haben gejammert, und wir haben uns gelobt.

Wir wissen, dass vor uns eine „große schwarze Kiste“ steht, die keine Henkel hat. Wir wissen, sie hat ein Potential, aber wir können sie nicht aufheben. Wie sollen wir sie transportieren? Wie schauen die weiteren Abläufe aus? Wie schaut das „Drehbuch“ aus, das wir uns nach dieser Enquete schreiben?

Ist es möglich, dass dieses Drehbuch folgende Punkte beinhaltet: Danke zunächst einmal für die erste Aufstockung des Budgets! – Vielleicht machen wir im Herbst eine zweite Enquete, viel­leicht gibt es dann wieder ein bisserl etwas. – Das hilft schon, denn 2,8 Millionen € sind gesamt gesehen ein Film, oder zwei, wenn man die Förderungen dazu nimmt. Der Punkt für mich wäre: Wie sieht es aus mit einer weiteren Aufstockung?

Der zweite Punkt ist: Welche Steuererleichterungsmöglichkeiten sollten wir uns vornehmen? Zu diesem Thema hat es vergangenen Samstag, auf Initiative des ORF, ein internationales Ge­spräch gegeben, bei dem alle gängigen Steuermodelle – bis hin zu dem Australiens – diskutiert wurden. Das Luxemburger Modell kam unseren Vorstellungen sehr nahe. Können wir dieses als Grundlage für unser „Drehbuch“ nehmen?

Zu guter Letzt sollte auch die Aufstockung des Film/Fernseh-Abkommens des ORF mit hinein, aber daran gekoppelt gleichzeitig auch der Ersatz der ORF-Gebührenbefreiungen. Für den Moment, in dem der ORF die Gebührenbefreiungen refundiert bekommt, hat er seinerzeit – ich weiß nicht, ob es nur ein Willensbekenntnis war oder niedergeschrieben ist – versprochen, diese in die Filmwirtschaft zu stecken. – Es sei sogar Gesetz, sagt Herr Dr. Heiduschka soeben.

Und dem Ganzen, diesem „Drehbuch“ also, hätte ich dann noch vorne oder hinten einen Zeit­horizont angehängt. Wie gehen wir in weiterer Folge zeitlich vor? Es ist toll und schön, dass wir in einer derartigen Runde zusammentreffen und uns gegenseitig einiges erzählen, aber: Wie nehmen wir diese Kiste und tragen sie zur Türe hinaus? Das interessiert mich!

Ich weiß nun nicht: Kann man hier einen Antrag stellen, dass wir uns so ein Papier erstellen? Oder kann ich das in Form einer Anregung einbringen? Und wo, wann und mit wem kann ich dieses Papier noch weiter besprechen? – Danke. (Beifall.)

13.23


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächster zu Wort gemeldet ist Herr Ferdinand Morawetz. – Bitte.

13.24


Ferdinand Morawetz¦ (Buena Vista International): Ich bin Geschäftsführer der Firma Buena Vista International und seit zehn Jahren in Österreich tätig. Ich habe das Büro in Wien und habe Gott sei Dank auch schon daran mitarbeiten können, dass wir „The Beauty and the Beast“ nach Wien gebracht haben, ebenso „Die drei Musketiere“. Ich bin sehr daran interes­siert, dass auch österreichische Filme bei mir im Verleih sind.

Am Anfang hatte ich hier sehr viele Schwierigkeiten, weil sehr viele Österreicher gesagt haben, mit Amerikanern wollen wir nicht zusammenarbeiten. In der Zwischenzeit hat sich das Gott sei Dank gelegt. Leider habe ich nicht „Hinterholz 8“ im Verleih gehabt, leider habe ich nicht „Die Klavierspielerin“. Ich würde sehr gerne noch mehr österreichische Produktionen oder Koproduk­tionen in meinem Verleih haben.

Viele hier, die mich kennen, wie Herr Mrkwicka zum Beispiel, wissen, dass, wenn es um andere Dinge geht und ich gebeten werde, zu helfen, ich das dann auch tue. Das heißt, ich nutze die Kontakte – egal, ob in Österreich, in Deutschland oder international – und versuche immer wieder einmal, das Land Österreich als Standort hervorzuheben, und ich versuche auch, dabei zu helfen, dass etwas Gemeinsames auf den Weg kommt. Das ist oft sehr schwierig.

Es ist auch sehr schwierig, mit den österreichischen Medien zu arbeiten, weil Film zumeist von den Leuten, die eine Kraft darstellen und eine Aussage haben, nicht mehr gesehen wird. Sie sind zu alt, in meinem Alter meistens, und in diesem Alter gehen die Leute nicht mehr ins Kino. Das ist unser Hauptproblem, denn das Zielpublikum – darüber müssten wir alle auch einmal sprechen – sind ja die Jugendlichen. Die gehen ins Kino, und das sind auch die 20 Millionen, die wir erreicht haben.

Ich glaube, wir müssten da einmal umdenken. Jeder, der heute in Österreich Filme macht, hat ein Recht darauf, diese Filme auch irgendwo an ein Publikum zu bringen. Und dabei müssten wir helfen. Es wurde aber nie vom Verleih und vom Kino gesprochen! Ohne Verleih und ohne Kino wird es aber auch keinen Film geben. Wir müssten eigentlich alle daran denken, dass wir zusammenarbeiten sollten, statt die gegenseitigen Feindschaften zu pflegen, und die Vibrations beachten – entschuldigen Sie, wenn ich hier das englische Wort gebrauche. Gehen wir davon weg! Versuchen wir gemeinsam, ein Team zu werden – und dann international Österreich so zu vertreten, dass wir stolz darauf sein können. Das sind wir ja auch bereits, aber vielleicht können wir doch noch ein bisschen mehr dazu beitragen. Wenn das möglich ist, bin ich gerne bereit, daran mitzuarbeiten. – Danke. (Beifall.)

13.26


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächster zu Wort gelangt Herr Luisser. – Bitte.

13.27


Mag. Johann Luisser¦ (ORF, Kaufmännische Direktion): Grüß Gott! Ich bin innerhalb der Kauf­männischen Direktion für die Auftragsproduktionen und auch die Filmförderung zuständig. Ich möchte daher zu den hier erfolgten Darstellungen des Film/Fernseh-Abkommens beziehungs­weise der rechtlichen Situation eine kurze Klarstellung oder, aus meiner Sicht, Richtigstellung vornehmen.

Zum einen ist es so, dass keine Unterscheidung in der rechtlichen Situation erfolgt, je nach­dem, um welche Art von Produktionen es sich handelt. – Das ist schlicht und einfach unzuläs­sig. Es ist auch nicht dasselbe, ob man sich ein Auto kauft und es bar bezahlt und damit unein­geschränkte Nutzungsrechte hat – oder ob man sich die Nutzung in einer anderen Art und Weise zugänglich macht.

Zum Film/Fernseh-Abkommen ist richtig zu stellen, dass es bis zum Jahre 1994 zwei Erhöhun­gen, die auch formal einen Niederschlag im Abkommen gefunden haben, gegeben hat. Weiters ist es so, dass in den darauf folgenden Jahren sehr wohl Erhöhungen erfolgt sind, diese aller­dings nicht im Abkommen selbst festgehalten wurden. Es war in der Zeit der vergangenen Geschäftsführung, dass eindeutig und klar festgestellt wurde, dass, sollte es entsprechend interessante Projekte geben, der ORF projektbezogene Sonderfinanzierungen durchführen wird, und diese sind auch erfolgt. Sie sind sogar in einem deutlichen Ausmaß erfolgt: etwa ab dem Jahre 1997 bis zum Jahre 2000 in der Größenordnung von jeweils 30 bis weit über 50 Prozent pro Jahr.

Ich meine, dass das schon Zahlen sind, die man auch anerkennen muss. In dem Jahr, in dem es über 50 Prozent waren, sind von uns statt 60 über 94 Millionen Schilling in Filmförde­rungsproduktionen investiert worden.

Ich meine, dass auch das Bild bei den Auftragsproduktionen in den letzten Jahren diese Ent­wicklung bestätigt, obwohl wir jetzt auf Grund der angespannten wirtschaftlichen Situation natürlich auch reagieren müssen, das ist klar. Trotzdem meine ich – und die meisten der hier Anwesenden wissen das auch –, dass der ORF immer ein guter Partner und Garant für eine gut funktionierende Filmwirtschaft war und ist. (Beifall.)

13.29


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächster zu Wort gelangt Herr Fux. – Bitte.

13.29


Herbert Fux¦ (Schauspieler): Zu einer Kritik – deshalb habe ich mich noch einmal zu Wort gemeldet – möchte ich nur feststellen: Ich habe hauptsächlich die Schweizer Studie aus dem Jahre 2000, diese ist von Rütter, zitiert. Ich bin der Meinung, verschiedene Filmschaffende sollten sich nicht nur mit ihren eigenen Ideen, mit ihren Visionen beschäftigen, sondern auch mit Studien, die sie sehr oft auch selbst, allerdings in parteipolitischem Sinne, verfassen! Das gibt es nämlich auch. – Erstes Statement dazu!

Was vielen nicht gepasst hat: Herrn Zeiler, den ehemaligen ORF-Generalintendanten, habe ich hier wörtlich zitiert, der gesagt hat: Primär ist es nicht eine Frage des Geldes, der Erhöhung der Subventionen und Fördergelder! – Klar ist, dass sich jeder mehr Geld wünscht, aber selbst dann, wenn ein wirklicher Fachmann etwas sagt, passt es verschiedenen Leuten schon nicht, weil es nicht in ihre Strategie passt, zum Teil in eine parteipolitische Strategie eben.

Weiters: Natürlich und selbstverständlich Kunstfilm. Seit 20 Jahren sage ich: Was Herr Haneke, um nur einen Namen zu nennen, oder andere machen, ist ungeheuer wichtig, ist kreativ, ist wirklich eines der wichtigsten Beispiele für einen anspruchsvollen und weltweit interessanten Film, die wir in Österreich haben, aber: Wo bleiben die Filme junger Leute, die die gesellschaft­liche Realität wiedergeben, Herr Gruber? Wo bleibt das? Gilt die Freiheit nur für die gesell­schaftliche Realität, wie sie politische Parteien gerne haben? – Sie brauchen gar nicht den Kopf zu schütteln, das ist uns in Österreich sehr gut bekannt, dass Parteien natürlich sehr gerne Leute haben, die die Freiheit haben, sozusagen eine breite Palette in parteipolitischem Sinne aufzuziehen. (Zwischenrufe.)

Zum Thema Vergangenheitsbewältigung möchte ich Ihnen erzählen: Ich habe schon vor 30 Jahren Artikel zu Mauthausen geschrieben. Da herrschte diesbezüglich noch „Ruhe“ im Land! Zusammen mit Robert Jungk habe ich ZDF, ARD und den Österreichischen Rundfunk 1973 dazu gebracht, eine Gedenksendung über die Vernichtung des Warschauer Ghettos zu machen. Alle drei Fernsehanstalten haben nichts vorgehabt, nur mit einer Hand voll Leuten aus Deutschland und Österreich habe ich das durchgesetzt! Also wollen wir diese Sache, diese wunderbare Sache, was sich auf diesem Gebiete in den letzten zehn Jahren an Vergangen­heitsbewältigung abspielt, dabei bewenden lassen und nicht sozusagen um Urheberrechte streiten.

Wo ist die gesellschaftliche Realität? Wir haben in Österreich so viele brennende Realitäten auf allen Gebieten. Aber wo gibt es die Freiheit dafür? Ich bringe Ihnen ein Beispiel: Als ich eine harmlose Satire gemacht habe – „Ein idealer Kandidat“ –, bekam ich es mit pausenlosen Pressionen einer politischen Partei zu tun – pausenlos! –, die bis zum Berufsboykott und zur Sippenhaftung gegangen sind. Ich hoffe, Sie wollen davon nicht noch weiter hören, denn dann wird es gefährlich! – Also das ist die „Freiheit“! Freiheit haben Sie bei uns nur, wenn es einer regierenden Partei passt!

Herr Zawrel, Sie reden immer so wahnsinnig von oben herab, also wirklich wie ein Vorsitzender eines großen Gremiums. (Zwischenruf.) – Ja, ich sehe nicht so weit, ich schaue halt in die Richtung, wo ich ihn vorhin sprechen gehört habe. – Schauen Sie sich bitte ein bisschen die Ergebnisse der österreichischen Filme auf dem deutschen Markt an, und zwar nicht von ein, zwei oder drei herausragenden, sondern von den 120 oder 130 Filmen, die wir bis jetzt realisiert haben! – Das nur zu dieser Überschwänglichkeit und diesem Von-oben-herab.

Ich habe bis jetzt im Grunde genommen nur zitiert, ich habe bis jetzt auch keine persönliche Stellungnahme abgegeben, aber ich rate Ihnen gut, mich nicht herauszufordern! (Heiterkeit.)

Zum „Intendantenprinzip“. Auch wenn es vielen nicht passt: Ich trete für kein Prinzip ein. Ich habe nur gesagt, dass es zwei Modelle gibt. Das wird man wohl noch sagen dürfen, dass es zwei Modelle gibt! Ein Intendant ist dem Inhalt nach genau dasselbe oder zumindest etwas Ähnliches oder Vergleichbares wie ein Theaterintendant. Ein Theaterintendant hat eine persön­liche Verantwortung für hohen kulturellen Anspruch, klar, deswegen bekommt er die Subven­tionen. Er hat in seinem Programm aber auch dafür zu sorgen, dass es auch Unterhaltung gibt, was sich in Komödien oder Musicals ausdrückt. Das gehört auch zu seinem Programm. Er hat auch noch eine dritte Verantwortung, nämlich eine halbwegs durchgängige Auslastung seines Hauses. Das sind insgesamt drei Verantwortungen. Man kann ihn auch persönlich greifen, was der Vorteil des Intendantenmodells ist. Nichts anderes habe ich gesagt!

Dass Sie nicht applaudieren, ist klar. Das weiß man ja auch, wie hier die Linien durch den Raum gehen, die verschiedenen politischen Blöcke verteilt sind. (Ruf: Bitte stopp jetzt!)

13.35


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Ich hätte folgenden Vorschlag zu machen: Wenn jemand jemandem anderen etwas persönlich sagen möchte, gibt es auch die Möglichkeit des bilateralen Gesprächs. Davon können wir durchaus Gebrauch machen. (Heiter­keit.)

Als nächste Rednerin zu Wort gemeldet ist Frau Hirschbichler. – Bitte.

13.36


Patricia Hirschbichler¦ (Schauspielerin; nominiert vom Österreichischen Gewerkschaftsbund): 90 Prozent aller österreichischen Künstler verdienen weniger als der Durchschnitt der Österrei­cher; bei 20 Prozent liegen die Einkommen unterhalb der Ausgleichszulage. Deshalb brauchen wir eine volle Künstler-Sozialversicherung – und nicht nur einen Pensionszuschuss. Wir brauchen auch eine Neuformulierung der Leistungsschutzrechte für Schauspieler.

Dass der österreichische Markt zu klein sei, ist kein stichhaltiges Argument. Österreichs Filmin­dustrie ist Schlusslicht in Europa. Belgien beispielsweise beschäftigt im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl fünfmal so viele Menschen in diesem Wirtschaftszweig.

Es geht auch um eine Wertschätzung. Ich kenne niemanden, der es sich leicht macht: Entwe­der man muss die Höchstleistung halten – oder man will sie erreichen. Wir, ich meine damit die Kreativen, investieren ständig: Bänder, Fotos, Homepages, Castings, Konzepte, Ideen, Bücher, Seminare, Sprachen. Wozu? – Damit wir am Arbeitsamt einen besseren Eindruck machen?

Wir gehen ins Ausland und nehmen familienbelastende Umstände auf uns. Was kommt zu­rück? – Es mangelt an Arbeitsbedingungen, in denen man sich längerfristig bewähren könnte. Noch hat Österreich einen Ruf zu verlieren! Es ist ein Zeichen von Zivilisiertheit eines Landes, seine Kreativen nicht der Selbstausbeutung, die ihnen meist schon innewohnt, zu überlassen.

Die Aussage „Qualität setzt sich durch“, scheint mir in der jetzigen Situation äußerst zynisch. Qualität ist weder Zufallsprodukt noch Resultat langjähriger Selbstausbeutung. Qualität kann nur durch Kontinuität entstehen. Dafür muss dringend ein breites Arbeitsfeld geschaffen wer­den. Wie lange müssen wir noch zusehen, wie das in Österreich vorhandene künstlerische Potential im eigenen Land mit Füßen getreten wird?! – Gut, dass wir im Ausland bestätigt werden.

Damit diese eigentlich selbstverständlichen Rahmenbedingungen endlich geschaffen werden, müssten die Entscheidungsträger allerdings Selbstvertrauen, Risikobereitschaft, Mut und Kon­sequenz mobilisieren. (Beifall.)

13.37


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächste zu Wort gelangt Frau Dr. Kollmann. – Bitte.

13.38


Dr. Maria Anna Kollmann¦ (Dachverband der Österreichischen Filmschaffenden): Sehr geehrte Damen und Herren! Ich arbeite für den Dachverband der Filmschaffenden, und ich beziehe mich jetzt darauf, dass in dieser Runde schon einige Male vom Urheberrecht die Rede war. Ich möchte das aus Sicht der Filmschaffenden etwas präzisieren, denn es ist so, dass sich Öster­reich europaweit in einer einmaligen Situation befindet: Hier gilt die cessio legis, das heißt, alle Rechte sind bei den Produzenten. Überall sonst gilt die Vermutungsregel, das heißt, es gibt auch für die Kreativen einen Anteil an den Verwertungsrechten.

Wir Filmschaffenden fordern, dass im Zuge der Umsetzung der Copyright-Richtlinie der EU, die dieses Jahr stattfinden muss, endlich die gravierenden Mängel des Filmurheberrechts beseitigt werden, die da sind: die cessio legis auch für künftige Rechte, das Fehlen einer gesetzlichen Regelung der Leistungsschutzrechte der Filmschauspieler und eine Übergangsregel, die vor­sieht, dass nur Filme aus einer bestimmten Zeit berücksichtigt werden. – Danke. (Beifall.)

13.39


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächster zu Wort gelangt Herr Wolkenstein. – Bitte.

13.39


KR Michael Wolkenstein¦ (Firma „SATEL“; Wirtschaftskammer Österreich): Ich werde mich sehr kurz fassen, weil sehr vieles, was ich sagen wollte, sowohl von Kurt Mrkwicka als auch von Helmut Grasser gesagt wurde; das erspart mir sehr viel.

Zum Thema, das jetzt gerade aufkommt, könnten wir stundenlang diskutieren; das gehört aber momentan nicht hierher. – Was ich nur sagen wollte, ist, dass 80 Prozent des Filmschaffens, des Kinofilmschaffens durch die Fernsehwirtschaft getragen wird.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Ausführungen von Herrn Staatssekretär Morak und Herrn Fuchs eingehen. Als Produzenten sind wir wirklich nicht dümmer, als der Markt erlaubt. Vielleicht ist das auch missverstanden worden. Als Kaufmann kann ich sehr wohl nach­vollzie­hen, dass Sie in den Anfangsjahren nicht in der Lage sind, das umzusetzen, was Sie verspro­chen haben, nämlich 500 Millionen bis 1 Milliarde Schilling in fiktionale Produktion zu stecken. Das geht nicht, das verstehe ich völlig.

Allerdings befinden wir uns – das muss man ganz klar sagen – in einer Situation, in der auf der einen Seite der ORF als größter Partner – mit 80 Prozent – aus hier bereits angesprochen Gründen nicht mehr und die andere Seite noch nicht in der Lage ist, die österreichische Film­wirtschaft ausreichend zu unterstützen. Das heißt, wir befinden uns in einer Schere, und diese Schere gilt es nicht nur zu überbrücken, sondern, wenn es leicht geht, in beide Richtungen hochzufahren. – Das wollte ich sagen. (Beifall.)

13.40


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Nächste Wortmeldung: Herr Mag. Seikmann. – Bitte.

13.41


Mag. Bernhard Seikmann¦ (Wunderwerk Digitale Medien Produktion GmbH): Ich möchte gerne ein ganz allgemeines Statement abgeben. Mir ist die ganze Veranstaltung heute ein wenig zu negativ. Das gebe ich ganz offen zu. Mir geht es auch nicht um Kunst oder Kommerz, mir geht es eindeutig um Kunst und Kommerz. Ich weiß, dass jeder von Ihnen seine Probleme hat, es hat auch jeder irgendwo Recht. Ich bin allerdings auch der Überzeugung, dass wir mit gegenseitigen Vorwürfen sicherlich nicht weiterkommen.

Was mich aber viel, viel mehr stört: Es ist auch viel zu kleinkariert. Ich bemerke überhaupt kein Selbstvertrauen mehr. Wenn zum Beispiel Frau van Messel sagt, Österreich könne kein Welt­markt beziehungsweise kein Weltland der Produktion sein, dann muss ich ganz eindeutig fragen: Warum nicht? Im Schifahren erachtet es dieses kleine Land als selbstverständlich, zur Weltspitze zu gehören. Wir reklamieren sogar in die Formel 1 einen Rennfahrer hinein, obwohl es nur 18 Autos gibt und Österreich dort wahrscheinlich überhaupt nichts zu suchen hätte. Wir sehen uns auch jedes Fußballspiel gegen England oder Deutschland, in dem wir normalerweise keine Chance haben, immer wieder voller Hoffnung an, weil wir vielleicht doch gewinnen könn­ten. – Ich wundere mich daher sehr, dass so etwas beim Film nicht einmal in Erwägung gezo­gen wird.

Jetzt einmal ganz unabhängig von dem, was Herr Fux gesagt hat: Aus dem Auditorium habe ich den Satz aufgeschnappt, Fux sei ein Träumer. – Gott sei Dank gibt es noch Träumer! Leider gibt es so wenige! Ein zweiter Satz ist gefallen: Das hier ist kein Workshop. – Ich meine, genau das wäre das Nächste, was wir bräuchten.

Ich danke den Leuten, die Fragen gestellt, die Unterstützungserklärungen abgegeben haben und mehr auf Ideen eingegangen sind, was denn in Zukunft getan werden könnte. Das würde ich mir eigentlich wünschen, und das hätte ich mir auch vom heutigen Tag ein bisschen erwar­tet. – Danke. (Beifall.)

13.42


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächster zu Wort gelangt Herr Aschauer. – Bitte.

13.43


Arno Aschauer¦ (Filmschule Wien): Auch ich möchte etwas positive Stimmung in den Raum bringen, und ich beginne mit einem Zitat eines bedeutenden Filmschaffenden, das da lautet:

Das US-Kino übt einen negativen Einfluss auf den europäischen Film aus. Das Streben nach kommerziellem Erfolg um jeden Preis hat eine Kultur verdorben, die auf Authentizität beruhte und ihr Herz sprechen ließ. In Europa ist der Film noch eine reinere Kunst als in den USA. – Dieses Zitat stammt von Steven Spielberg.

Klar ist: Amerika hat – nicht zuletzt mit europäischer Hilfe – einen „Werkzeugkasten“ entwickelt, mit dem es gelernt hat, Inhalte publikumsorientiert zu transportieren, um den kommerziellen Film auch einmal anders zu definieren. Offensichtlich ist aber auch, dass Hollywood dabei ist, eigentlich nur mehr den „Werkzeugkasten“ zu transportieren. – Das heißt, Österreich ist mit Filmen, die bewusst Inhalte zeigen, die bewusst auf Inhalte, auch kontroversielle losgehen, eigentlich ein Vorreiterland. Wenn wir investieren, dann investieren wir nicht in die Perfektionie­rung des „Werkzeugkastens“ im österreichischen Sinn, sondern wir investieren in die Harmoni­sierung zwischen Inhalt und Form, die dann auch ein größeres Publikum findet.

Was mir auch noch abgeht: Es wird zwar immer nach dem deutschsprachigen Markt geschielt – die Gemeinsamkeit der Sprache, klar, oder wie Karl Kraus sagte: Das Einzige, was uns vom Deutschen unterscheidet, ist die gemeinsame Sprache –, was hier jedoch überhaupt nicht an­gesprochen wurde, ist die so genannte Osterweiterung – ein Wort, das ich bis heute nicht ver­stehe, weil ich nicht weiß, was sich wohin erweitert. Es ist bekannt, dass im Osten phantas­tische Filmschulen existieren, auch eine Filmindustrie existiert, die sich trotz aller auch finanziel­ler Krisen erhalten hat – vor allem deswegen erhalten hat, weil sie die Tradition nie aus den Augen verloren hat. Es ist klarerweise zu erwarten, dass die Leute aus diesen Ländern in weite­rer Folge auch in den mitteleuropäischen Raum, in den westeuropäischen und den US-Raum strömen werden.

Daraus folgt, dass es darum geht, die Drehscheibe sowohl in Richtung Osten als auch in Rich­tung Westen dazu zu nutzen, zu einer mitteleuropäischen Filmkultur zu finden. Österreich sehe ich dabei als Achse dieser Drehscheibe. – Danke. (Beifall.)

13.45


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächster zu Wort gelangt Herr Fuchs.

13.46


Tillmann Fuchs¦ (ATV Privat-TV Services): Einige der hier im Saal Sitzenden habe ich in Deutschland kennen gelernt, wo ich Anfang der neunziger Jahre bei der Liberalisierung der Produktionslandschaft und beim Aufbau derselben dabei sein durfte. Es ist aus meiner Sicht doch völlig unbestreitbar, dass die größte Förderung, die die deutschen Produzenten je bekom­men haben, die Einführung des dualen Rundfunksystems war. Das brauche ich Herrn Mrkwicka, den ich aus dieser Zeit kenne, nicht zu erklären, und auch Herrn Wolkenstein nicht.

Natürlich stimmt, dass der ORF momentan eine schwere Zeit hat, wie eben alle Medienunter­nehmen. Sicherlich aber nicht wegen der Konkurrenz und wegen der Werbebeschränkungen, an die er sich ohnehin nicht hält. Und die anderen gibt es noch nicht so richtig. In diesem Zusammenhang kann ich Herrn Wolkenstein nur zurufen: Hätten Sie mir doch geholfen, dass es uns schon geben kann, hätten Sie doch daran mitgearbeitet, dass es schneller zu einer Liberalisierung kommt und der ORF schneller seine Sender ausbaut! Dann wären wir schon eine Alternative, und dann könnten wir schon mehr für Sie tun und Sie mehr für uns. (Zwi­schenrufe.)

Privates Fernsehen in Österreich und ein duales Rundfunksystem wird es nur geben, wenn hier auch etwas produziert wird, das sich von dem, was die Österreicher ohnehin schon zur Genüge haben, abhebt. Das ist uns bewusst, und ich würde mich sehr freuen, wenn wir gemeinsam so etwas herstellen könnten. – Danke. (Beifall.)

13.47


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächster zu Wort gelangt Herr Schedl. – Bitte.

13.47


Mag. Gerhard Schedl¦ (Österreichisches Filminstitut): Vorweg möchte ich mich bei jenen Damen und Herren Abgeordneten bedanken, die sich der Mühe unterzogen haben, sich dem Thema Film so intensiv zu widmen. Ich möchte mich auch sehr herzlich für die Zeit vor dieser Enquete bedanken, denn ich wurde von der Mehrheit der Fraktionen zu vorbereitenden Ge­sprächen eingeladen. Es waren sehr konstruktive Gespräche, die dann auch dazu geführt haben, dass wir das heute Zitierte, nämlich diese Datensammlung für den Kulturausschuss, zur Verfügung stellen konnten.

All denen, die nicht wissen, was das ist: Nutzen Sie neue Medien, gehen Sie ins Internet, gehen Sie auf die Website des Filminstituts: www.filminstitut.at. Dort finden Sie diese Unterlage und auch noch andere zum Downloaden; eine Zusammenstellung von Daten.

Wir stellen jährlich einen so genannten Evaluierungsbericht über die eigene Tätigkeit her. Ich schlage Ihnen vor, diesen Evaluierungsbericht nicht nur für den internen Gebrauch zu erstellen, sondern ihn auch zu veröffentlichen und damit in das Umfeld zu stellen, in dem sich der öster­rei­chische Film an sich befindet. Wenn Sie damit einverstanden sind, werden wir das im Herbst angehen und durchbesprechen.

Anregen würde ich, dass es bei dieser Enquete nicht bei einem Einmaleffekt bleibt, sondern dass diese Gespräche permanent weitergeführt werden. – Von unserer Seite her haben wir jedenfalls die Absicht, Sie „zwangszuinformieren“, das heißt, wir werden Sie in unsere Informa­tionslisten aufnehmen. Ich möchte mich sehr, sehr herzlich für diese Informationen bedanken. (Beifall.)

13.49


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächster zu Wort gelangt Herr Rüdiger Morawetz. – Bitte.

13.49


Rüdiger Morawetz¦ („Telemotion“): Ich komme aus einer kleineren Ecke des Filmgeschäftes und gehöre nicht zu den großen Produzenten. Ich kann mich aber darauf berufen, dass ich in den sechziger Jahren Filme produziert habe, aber damals war alles noch ein bisschen anders. Heute haben Filmproduktionen grundsätzlich keine so schlechten Voraussetzungen, weil durch gewisse Förderungen und verschiedene Abkommen doch Voraussetzungen gegeben sind, die das Risiko des Produzenten reduzieren. – Das war in den sechziger Jahren nicht so; Herr Fux kann das bestätigen.

Es wird hier sehr viel von Geld geredet, und ich habe gehört, dass manche gesagt haben: Warum reden wir vom Geld, warum reden wir nicht von der Kunst? – Beim Film sind aber die Kunst und das Geld leider unmittelbar zwingend miteinander verbunden, denn ohne Geld wird es wenig Kunst geben. Wenn wir für die Filmschaffenden zu wenig Geld haben, dann liegt das auch daran, dass die Produzenten zu wenige Aufträge haben und nicht so können, wie sie gerne wollten.

Ich meine daher, dass es wunderbar ist, wenn Herr Staatssekretär Morak hier sagt, dass er mehr Geld hergeben will. Wir Produzenten – egal, ob große Filmemacher oder kleine Doku­mentarfilmhersteller – haben einen ganz großen Partner, und das ist der ORF. Dem ORF wurden durch neue Gesetzesmaßnahmen verschiedene seiner Einkunftsmöglichkeiten entzo­gen – mit der Absicht, dadurch privates Rundfunk- und Fernsehprogramm zu ermöglichen.

Was ATV anlangt, muss ich sagen, dass ich mich mehrfach bemüht habe, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Das Einzige, was ich jedoch gehört habe, war: Wir brauchen nichts! Auch wenn ich mir die heutige Ausgabe des „trend“ ansehe, muss ich feststellen, dass Ihre Zahlen nicht so ganz stimmen können. Ich kann nur sagen: Ich vernehme die Kunde, allein mir fehlt der Glaube, dass ATV in absehbarer Zeit zu einem wertvollen Partner der Filmwirtschaft werden kann! – Ich würde es mir wünschen, es scheint aber nicht so zu sein.

Es bleibt uns also als großer und größter Partner der ORF, und daher wäre mein Wunsch an den Gesetzgeber, zu überlegen, die eine Maßnahme, von der ich meine, dass sie zu streng war – andere Maßnahmen waren sicherlich richtig –, etwas zurückzunehmen. Es macht keinen Sinn, wenn man auf der einen Seite – kurzes Beispiel – die Ringwerbung im ORF-Radio im Glauben reduziert, dadurch würden die privaten Radios mehr Aufträge bekommen. – In der Praxis stellt sich dann aber heraus, dass die Werbeindustrie das nicht will – und das Geld, das eigentlich umgeleitet hätte werden sollen, ist weg.

Das heißt, der ORF und damit verbunden auch die Filmproduzenten haben das Geld nicht, aber auch die anderen haben es nicht. Man sollte versuchen, diese Gelder dem ORF wieder zukom­men zu lassen. Nur das kann unser Wunsch sein, denn wir leben ja mit dem ORF, wir sitzen mit ihm sozusagen in einem Boot. Wir müssen daher auch für den ORF Lobbying betreiben, es nutzt uns ja sonst nichts, denn wenn uns der ORF nicht hilft und wir dem ORF nicht helfen, mit Verlaub gesagt: Bei ATV bleiben wir über!

Meine Bitte daher: Versuchen wir doch für den ORF dort, wo die Reduktion übers Ziel hinaus gegangen ist, wieder etwas zurückzubekommen!

Was den Spielfilm anlangt, hat bereits mein Namenskollege etwas angeschnitten, was bislang wirklich noch nicht ausreichend diskutiert wurde: Der Spielfilm muss sich verkaufen, und ver­kaufen und vermarkten kann er sich nur mit dem Verleih. Ohne Verleih geht nichts! In diesem Bereich ist sicherlich die amerikanische Dominanz sehr groß geworden, und daher, so meine ich, sollte man da mehr kooperieren.

Was aber noch zu sagen ist, und das würde ich Herrn Dr. Peterlunger bitten: Ich höre immer davon, dass zwischen Österreich und Deutschland mehr Kooperation gewünscht wird. – Soviel ich mitbekommen habe, ist das ja gar nicht so einfach, weil es in Deutschland gewisse Maß­nahmen gibt, die die Kooperation zwischen österreichischen und deutschen Firmen zumindest im Moment einschränken. Vielleicht sollte man auch auf Regierungsebene versuchen, auf diesem Gebiet eine bessere Basis zu finden. – Danke. (Beifall.)

13.54


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächster und Letzter zu diesen beiden Tagesordnungspunkten gelangt Herr Staatssekretär Morak zu Wort. – Bitte.

13.55


Staatssekretär im Bundeskanzleramt Franz Morak¦: Herr Vorsitzender! Meine Damen und Herren! Ich möchte mich zunächst dafür entschuldigen, dass ich wieder vom Geld rede, weil eben Inhalte gewünscht waren. Ich muss Ihnen aber sagen, dass es als Staatssekretär immer mein guter Brauch war, von Strukturen zu reden, vom Geld zu reden. Für die Inhalte sind andere verantwortlich. Unter anderem haben wir heute einen gehört, Herrn Haneke, der dar­über geredet hat. Ich finde: Bei dieser Arbeitsteilung sollte es bleiben.

Es ist auch das Wort gefallen, das möglicherweise leicht humoristisch gemeint war, dass man in China Österreich nicht kenne. – Wissen Sie, ich war erst vor kurzem in China und darf daher sagen: Dort kennt man die Philharmoniker, Mozart, unsere Musik et cetera. Und in China kennt man auch den Film „Der Bockerer“ von Franz Antel. – Da möchte man fast fragen: Was kennt Österreich von China in dieser Breite?

Frau Abgeordnete Jäger, Sie haben ein wichtiges Thema angesprochen, eines, das auch mich beschäftigt: regionale Themen international „fotografiert“. Grundsätzlich gehen wir immer davon aus, dass jeder Künstler eine Heimat hat, die er auch „fotografiert“ oder beschreibt – das aber mit Mitteln, die auch international verstanden werden. Wir reden in diesem Zusammenhang von Ästhetik, wir reden von Schnittfolgen, die dem internationalen Standard entsprechen, und wir reden auch von einer Sprache, die international verstanden wird. Damit ist nicht nur die Bild­sprache gemeint, sondern natürlich auch die, die wir tatsächlich sprechen.

Selbstverständlich ist Film wesentlich mehr, als wir das in dieser Diskussion haben anklingen lassen, und deswegen bin ich auch dankbar dafür, dass Herr Munini jetzt bei uns ist, denn es ist das auch ein zutiefst europäisches Thema. In allen Ländern – nicht nur in Österreich – gibt es das Pro­blem, dass man sozusagen Landesgrenzen im Kopf hat und Filme nicht über diese Landes­grenzen kommen. Deswegen ist auch das Insistieren darauf zum Beispiel durch Herbert Fux – auch wenn man das möglicherweise nicht alles unterschreiben möchte – so wertvoll.

Wir müssen einfach über die Grenzen hinausgehen, und die geringste „Grenze“ im Kopf ist natürlich die Grenze zu Deutschland. Auch die Franzosen haben das Problem, dass sie ihre Filme zwar wunderbar finanziert haben, aber damit nicht ins Ausland kommen, weil es eben die Landesgrenzen gibt. – Wir müssen also diese Grenzen im Kopf wegbringen!

Aus diesem Grund bin ich auch sehr dankbar dafür, dass wir uns heute mit Herrn Munini einen Termin ausmachen konnten, um uns über diesen EIB-Fonds, diesen Risikokapitalfonds, der von der EU aufgelegt wurde, zu unterhalten. Wir müssen uns überhaupt einmal damit beschäftigen, wie unsere Banken dieses System verstehen, denn bisher habe ich in Österreich noch keinen Banker getroffen, der gesagt hätte: Super, das machen wir!

Da EU-Förderungen immer über nationale Banken beziehungsweise Institutionen abgewickelt werden, ist dieser Konnex herzustellen. Das ist ein sehr wichtiges Thema. Deswegen bin ich auch schon sehr gespannt darauf, wie wir diesen Termin gemeinsamer Arbeit für den österrei­chischen Film verbringen werden.

Ein Thema, das mich in meiner politischen Karriere schon sehr lange begleitet, ist gleichfalls hier angeklungen: Produzent Grasser zerbricht sich immer den Kopf darüber, wie denn der ORF das überleben könne; auf jeden Fall aber soll die Bundesregierung das bezahlen! – Da ist schon unter anderem auch ein Körnchen Wahrheit dabei. Daher sagen wir auch: Okay Freunde, wir stehen dazu! Ich sage Ihnen auch, dass wir in der vorigen Koalition zum öster­reichischen Film gestanden sind, und wir stehen auch in dieser Koalition zum österreichischen Film, und zwar im Rahmen der Möglichkeiten, die uns gegeben sind, und Sie wissen ganz genau, dass diese bei den Budgetverhandlungen sozusagen ausgeschnapst werden.

Zum Thema ORF: Sie wissen und ich weiß, dass der ORF als öffentlich-rechtlicher Rundfunk – ich habe es oft gesagt, man hat mir wenig zugehört – im Verhältnis zu allen anderen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Europa die großzügigsten Werbezeitregelungen hat, die es gibt. Und Sie wissen genauso gut wie ich, dass es auf dem internationalen Werbemarkt  – und was Österreich betrifft: nicht durch eine Reform des ORF – einen Einbruch gibt. Das wird auch in den Zeitungen oft apostrophiert – die Printmedien haben genauso ein Problem –, aber die Zahlen, die der ORF jetzt transportiert, machen mich hoffnungsvoll, dass sich das ändert.

Ich will damit sagen: Wir haben großzügige Werbezeitregelungen, die nicht ausgebucht sind. Reden wir dann weiter, wenn die ausgebucht sind, aber dann müssen wir auch darüber reden, dass zum Beispiel die deutschen Privaten oder überhaupt die Privaten sagen werden: Freunde, wodurch unterscheidet sich denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk angesichts dieser Werbe­zeiten überhaupt noch von einem Privaten?! – In Wirklichkeit war das eine mittelfristige Sanie­rung des ORF, die wir mit unseren Maßnahmen betrieben haben, und ich bitte, das irgendwann einmal zur Kenntnis zu nehmen!

Ich bitte auch, zur Kenntnis zu nehmen, dass wir mit der GIS – das ist jene Firma, die die ORF-Gebühren einhebt – zum ersten Mal in der Geschichte des ORF die Möglichkeit geschaffen haben, auf gesetzlicher Basis – die GIS befindet sich quasi zu 100 Prozent im Eigentum des ORF – die Gebühren selbst einzuheben. Sie werden sich an die Forderung Gerhard Zeilers erinnern, der immer wieder gesagt hat: Der ORF kennt seine Kunden nicht; die kennt nur die Post! – Nunmehr ist es so, dass es durch die GIS zu einer wesentlichen Erhöhung der Gebühreneinnahmen gekommen ist. Es gibt aber immer noch 13 oder 14 Prozent Schwarz­seher. Der internationale Schnitt liegt da bei 6 Prozent. – Dann, wenn der ORF diese Möglich­keit für sich erschlossen haben wird, werden wir weitersehen.

Wir haben im neuen ORF-Gesetz auch – ich sage das mit Stolz, es ist nur nicht gewürdigt worden, auch nicht von den Kreativen in unserem Lande – exzessiv die österreichischen Kreativen, das österreichische Produktionspotential verankert. Mehr ist gesetzlich nicht mög­lich! – Das andere ist eine Sache, die der Stiftungsrat mit den Kreativen und mit der Führung des ORF zu klären hat.

Zum Thema Steuererleichterung: Ich habe in meinem Referat zu Beginn gesagt, dass ich das selbstverständlich in die Steuerreformkommission einbringen werde. Ich gehe einmal davon aus, dass Sie mich, Herr Grasser, dabei beim Herrn Finanzminister und Ihrem Namensvetter unterstützen werden.

Da der Ausspruch – lassen Sie mich diesen Schlusssatz sagen – bezüglich „Wein neu“ und „gute Umwegrentabilität“ gefallen ist: Wein, der in Österreich produziert wird, wird normaler­weise deshalb produziert, damit die Leute ihn trinken – und nicht deshalb, damit Umweg­rentabilität entsteht. – Danke. (Beifall.)

14.01

*****

Schlussfolgerungen


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Wir gelangen damit zum letzten Tagesordnungspunkt, zu den Statements der Kultursprecherinnen der vier Parlamentsfraktio­nen.

Ich darf als erster Rednerin Frau Abgeordneter Mag. Muttonen das Wort erteilen. – Bitte.

14.03


Abgeordnete Mag. Christine Muttonen¦ (SPÖ): Sehr geehrte Damen und Herren! Es ist heute der Satz gefallen: Österreich muss keine Kulturnation bleiben! – Ich meine, das ist schon ein Damoklesschwert, das da über uns hängt.

Als Kulturpolitikerin möchte ich in erster Linie vom Film als Kulturgut sprechen und die kultur- und gesellschaftspolitisch wichtige Aufgabe des Films unterstreichen. Es ist heute schon von Identität die Rede gewesen, von verschiedenen Geschichten, die erzählt werden sollen und müssen, vom Rollenverständnis und dergleichen mehr. Dabei geht es eben nicht um den Markt allein.

Dazu möchte ich auch einen deutschen Filmproduzenten zitieren, der in einem Artikel im „Spiegel“ geschrieben hat – ich zitiere –:

„In Marktanteilen zu denken und auf die Mitte abzuzielen, hat dem deutschen Film bei einem wesentlich höheren Förderbudget nicht wirklich geholfen.“ – Zitatende.

Das sagt Rohrbach und beklagt zugleich einen – ich zitiere – „Mangel an Identität“.

Und weiters heißt es in diesem Artikel: „Das Neue, das Ungewöhnliche, das Identitätsstiftende kommt von den Rändern.“

Wenn wir heute gehört haben, dass in Dänemark zurzeit zwei österreichische Filme gezeigt werden und kein deutscher, so sagt das vielleicht auch etwas aus.

Zu den Ausführungen des Herrn Staatssekretärs Morak möchte ich sagen, dass es ja großartig ist, wenn das Budget des ÖFI erhöht wird. Hinzufügen möchte ich jedoch, dass mit dieser kleinen Erhöhung, die versprochen wird, noch lange nicht das Budget von 1999 erreicht sein wird. Das muss man einfach einmal sagen, denn das ist eine Tatsache. Was wir von der SPÖ als schnelle Maßnahme fordern, ist die Verdoppelung des Budgets des Österreichischen Film­instituts zur Filmfinanzierung. Das wäre ein ganz wichtiger Punkt und würde sozusagen die Basis bilden. Rundherum muss es jedoch noch zusätzlich weitere begleitende Maßnahmen geben.

Überlegt werden muss auch, wie man zu weiteren Mitteln kommen könnte. Man kann da durch­aus kreativ sein und könnte etwa so wie für den Denkmalschutz Lottomittel zur Verfügung stellen. Warum soll man so etwas eigentlich nicht ganz schnell als kurzfristige Maßnahme machen, für den österreichischen Film eben? Warum kann man sich nicht mittelfristig etwas überlegen, und zwar zum Beispiel, wie das in Frankreich der Fall ist, eine zweckgebundene Abgabe auf Kinokarten einheben? Ich denke, das sind Möglichkeiten, die durchaus vorhanden sind. (Ruf: Und damit das Kinosterben beschleunigen!) – Nein, bei Programmkinos muss man sich selbstverständlich überlegen, dass diese zum Beispiel davon ausgenommen wären.

Zu den Ausführungen von Herrn Staatssekretär Morak möchte ich noch sagen, dass es zynisch ist, vom ORF zu fordern, dass das Fernsehfilmbudget erhöht werden soll, wenn dem ORF gleichzeitig rundherum Geld weggenommen wird. Das ist zwar schon wichtig – auch wir fordern eine Erhöhung des Filmbudgets des Fernsehens und eine Sicherstellung des Budgets für Auf­tragsproduktionen –, aber der ORF muss auch dazu in die Lage versetzt werden, diese Mittel aufzubringen. Ein ganz wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang wäre die Wiederherstellung der Refundierung der Gebührenbefreiungen, aber auch die Aufhebung von Werbebeschrän­kungen.

Sie, Herr Staatssekretär Morak, haben gesagt, dass der ORF derart viele Möglichkeiten in der Werbung habe wie sonst kein öffentlich-rechtliche Sender. – Es gibt aber auch keinen öffent­lich-rechtlichen Rundfunk, der davon so abhängig wäre wie der ORF. Insgesamt geht es also darum, den ORF wieder in die Lage zu versetzen, den Film wirklich unterstützen zu können.

Heute ist auch ein Vorschlag gemacht worden, der doch wirklich ganz interessant wäre, nämlich die Länder in dieser Sache an einen Tisch zu bringen. Hauptsächlich sind es ja ÖVP-regierte Bundesländer, deren Zusammenarbeit zu fördern wäre und die auch Maßnahmen ergreifen sollten, damit eben auch die Länder zur Unterstützung des Films beitragen. Beispielsweise könnten die ORF-Gebühren in jenen Bundesländern für den Film zweckgebunden werden, in denen das noch nicht der Fall ist und es noch keine wirkliche Filmfinanzierung wie in Wien gibt. Man kann wirklich sagen: Wien ist anders!, denn das Wiener Filmbudget ist zum Beispiel höher als jenes des Bundes.

Es ginge auch darum, inwieweit man alternative Finanzierungsmodelle sucht und auch findet. Sie, Herr Staatssekretär Morak, sagten, Sie hätten noch keinen Banker hiefür gefunden. – Ich meine, es wäre wirklich wichtig, auch die Banken einmal an einen Tisch zu holen. Dazu muss aber auch für eine positive Stimmung gesorgt werden. Wenn stattdessen aber gezeigt wird, dass der Staat nicht in den Film investiert, und wenn sich der Staat da zurücknimmt, ja warum sollte dann ein Investor das Gegenteil tun! Warum sollte dann eine Bank Risikokapital hiefür bereitstellen?

Ein weiterer wichtiger Punkt – auch das wurde heute mehrfach angesprochen –: steuerliche Anreize für Filmproduzenten; weiters: die Schaffung eines Filmbeteiligungsfonds.

Das wären so im ganz Groben und Schnellen Vorschläge, die von unserer Seite befürwortet werden. Es wäre auch sehr wünschenswert, wenn aus dieser heutigen Enquete heraus die Möglichkeit geschaffen würde, weiter an diesem Thema zu arbeiten. Dazu wäre es auch wich­tig, statistisches Material zur Verfügung zu haben, und zwar sollte das verpflichtend sein. Eine generelle Statistikverpflichtung betreffend österreichische Filmwirtschaft sollte eingeführt wer­den, damit daraus heraus weitere Strategien ausgearbeitet werden können.

Abschließend: Das Jahr 2001 war wirklich ein kleines Wunder für das Filmland Österreich, und es sollte nicht das letzte gewesen sein. – Danke. (Beifall.)

14.09


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Als Nächste zu Wort gelangt Frau Abgeordnete Dr. Povysil. – Bitte.

14.10


Abgeordnete Dr. Brigitte Povysil¦ (Freiheitliche): Sehr geehrter Herr Vorsitzender! Meine Damen und Herren! Fällt Ihnen auf, dass die Kultur im Parlament durchgehend weiblich ist? (Beifall.)

Als Kultursprecherin meiner Fraktion möchte ich Ihnen unseren Leitsatz zum österreichischen Film mitgeben: Wir wollen den internationalen Publikumserfolg für den österreichischen Film. – Es gibt auch Maßnahmen, die ich Ihnen im Folgenden darlegen will, aber das ist unser Grund­bekenntnis.

Der österreichische Film ist den Freiheitlichen in all seinen Sparten ein sehr wichtiges Anliegen. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen sind der österreichische Spielfilm und der österreichische Dokumentarfilm wirklich wichtige kulturstiftende Faktoren. Zum anderen ist die österreichische Filmwirtschaft insgesamt ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor, Filmförderung ist daher immer auch Wirtschaftsförderung.

Meine Damen und Herren! Wir alle haben uns heute lange Zeit darüber unterhalten, dass wir wirkliche österreichische Erfolge auf dem Sektor des Kunstfilms haben. Wir haben erwähnt: Haneke – „Die Klavierspielerin“, wir haben erwähnt „Hundstage“ – Seidl, wir haben erwähnt „Nordrand“. Allein die Publikumsakzeptanz und der wirtschaftliche Erfolg hinken um einiges hinter dem künstlerischen Erfolg nach. Deswegen sind wir hier, um auf diesem Gebiet Maßnah­men zu setzen, deswegen haben wir uns hier unterhalten, um eben Maßnahmen zu finden, und einige möchte ich Ihnen dann auch noch präsentieren.

Wenn wir uns die Filme der letzten Zeit anschauen und uns dabei auch die Zahlen der Publi­kumsakzeptanz vor Augen halten, sehen wir, dass es in den letzten Jahren zwei österreichische Filme gab, die das „Golden Ticket“ bekommen haben: „Müllers Büro“ und „Comedian Harmo­nists“. Einen österreichischen Film mit dem „Super Golden Ticket“ gab es: „Hinterholz 8“.

Was sind die Maßnahmen und Vorschläge meiner Fraktion, um dem Filmstandort Österreich jene Wertigkeit zu geben, die er wirklich verdient, und damit die Wertigkeit zu geben, die wir für ihn für richtig halten? Das eine hat meine Kollegin bereits angeschnitten: Wir sind dafür, dass jährlich ein Bericht zur österreichischen Filmwirtschaft an den Nationalrat gesendet wird. Warum? Wir haben in der heutigen Diskussion gesehen, dass der Informationsstand ein sehr unterschiedlicher ist, dass sehr oft zu wenige oder auch sehr unterschiedliche Daten zu den einzelnen Filmen vorliegen. Um Basisinformation zur österreichischen Filmwirtschaft, um eine verbindliche Datenquelle zu haben, möchten wir – wie das ja auch in anderen Bereichen ge­schieht: etwa im Umwelt- oder Gesundheitsbereich – auch einen jährlichen Bericht über die österreichischen Filmwirtschaft im Parlament haben und diesen dann auch diskutieren. (Abg. Mag. Muttonen: Aber nicht enderledigen! – Abg. Dr. Glawischnig: Aber nicht nur im Aus­schuss, oder?)

Eine zweite Möglichkeit und eine sehr wichtige Frage ist auch noch die Reform beziehungs­weise die Diskussion des Vergabewesens der österreichischen Filmförderung. Eine gewisse Unvereinbarkeit ist dadurch gegeben, dass in der derzeitigen Vergabekommission Filmschaf­fende sitzen. Das heißt, jene Leute, die eigentlich die Filmförderung brauchen, entscheiden über die Vergabe der Filmförderung, natürlich nicht über die eigenen Projekte in dem Moment, in dem Sie in der Kommission sitzen. Dennoch ist unserer Meinung nach eine gewisse Unver­einbarkeit gegeben, und man kann diskutieren, ob man diese Auswahlkommission wie in ande­ren Län­dern, wie in Bayern zum Beispiel, nur mehr mit Mitgliedern aus dem Sekundärverwerter­bereich beschickt oder ob man das Intendanzmodell, das in Berlin sehr erfolgreich ist und zu sehr, sehr erfolgreichen Filmen führt, auch auf Österreich umlegen kann.

Neue Wege der Finanzierung, Filmfinanzierung – ein endloses Thema! Es wird immer schwierig sein, die gesamte Finanzierung, die gefordert wird, auch aufzubringen. Aber welche Möglich­keiten gibt es? – Wir treten für eine steuerliche Anrechenbarkeit von Investitionen in den öster­reichischen Film ein, wie das zum Beispiel in Luxemburg oder Irland praktiziert wird. Stichwort: Risikokapital. Ich bin mit dem Herrn Finanzminister ständig im Gespräch darüber. Es ist nicht leicht zurzeit, aber es ist unsere Meinung und unser Anliegen.

Natürlich kann man auch überlegen, ob man das Glückspielgesetz ändert, natürlich ist es mög­lich, auch im Lotto-Toto-Bereich, wo ja der Sport gefördert wird, auch Kunst und Kultur zu för­dern. Warum nicht beides? Wir wissen aus der Tourismusbranche: Im Sommer ist unser Land ganz klar Kulturland, im Winter ist es Sportland. Also: Was spricht dagegen, aus dem Lotto-Toto-Bereich nicht nur Sport, sondern auch Kultur zu fördern?

Ein weiterer Punkt: Mittel aus dem EIB-Fonds. Herr Staatssekretär Morak hat gesagt, er werde sich dafür einsetzen und führe schon Gespräche mit den betreffenden Banken.

Was ich für äußerst wichtig halte, ist eine regionale Strukturförderung für den Film über die Wirt­schaftsförderung. Wie ich schon zu Beginn meiner Ausführungen sagte: Filmförderung ist Wirt­schaftsförderung. Wichtig ist, dass der Standort Österreich und Wien gewahrt bleibt – und nicht, wie es ja jetzt schon üblich ist, Filme in Prag und in Budapest produziert werden. Regional prescht die Filmwirtschaft Prags und Budapests nach vorne, und wir bleiben auf der Strecke. Dass das anders wird, ist etwas, was wir auf jeden Fall unterstützen.

Vergnügungssteuer zweckgebunden für den österreichischen Film, und ganz wichtig: eine Schnittstelle zu EU-Investitionsprogrammen für internationale Kofinanzierungen. Ich bin über­zeugt davon, dass es sehr viele Investitionsmöglichkeiten gäbe, die aber nicht bekannt sind, weil die zugehörige Schnittstelle fehlt.

Ganz kurz noch zwei Maßnahmen: Im ORF-Gesetz die Erhöhung des Anteils österreichischer Filme in Anlehnung an das französische Modell festlegen, und ein weiteres, mir sehr wichtiges Anliegen: Die Filmakademie, die ja die Institution der Filmlehre in Österreich darstellt, sollte als Think-tank im Bereich Film etabliert und eingebunden werden.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Wir haben derzeit das Filmwunder Kunstfilm. Die Regierung hat sich der Thematik „Film“ als Schwerpunkt angenommen. Lassen Sie uns gemeinsam struk­turpolitische Maßnahmen ergreifen, um den Filmstandort Österreich und den österreichischen Film wieder wirklich international reüssieren zu lassen! (Beifall.)

14.16


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Nach der Kultursprecherin der Frei­heitlichen Partei nun die Kultursprecherin der Österreichischen Volkspartei, Frau Abgeordnete Dr. Wolfmayr. – Bitte.

14.16


Abgeordnete Dr. Andrea Wolfmayr¦ (ÖVP): Herr Vorsitzender! Meine Damen und Herren! Ich habe es in meinem Diskussionsbeitrag bereits angedeutet: Ich kann meine Erfahrungen als Autorin nicht von denen der Kulturpolitikerin trennen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es schwierig ist, qualitative Ansprüche, persönliche Anliegen und Aussagen mit dem beinharten Markt, mit den Bedürfnissen des Publikums und wirtschaftlichen Zwängen unter einen Hut zu bringen. Ich weiß aber auch, dass die Zeiten, in denen Politiker mit übervollem Füllhorn durch die Lande ziehen konnten, zweifelsohne vorbei sind. Es braucht also zusätzlich zu den staat­lichen Fördermaßnahmen neue Allianzen.

Meine erste Schlussfolgerung betrifft daher nicht den Inhalt dieser Enquete, sondern die Enquete an sich. Das positive Signal ist der ihr zu Grunde liegende Vier-Parteien-Beschluss. Es gibt eine hohe Übereinstimmung zwischen allen Parlamentsparteien, unserem wichtigsten Ver­bündeten in der Regierung, Staatssekretär Franz Morak, und den betroffenen und beteiligten Filmschaffenden. Hier darf kein Platz sein für parteipolitisches Kleingeld. Es geht hier – unge­achtet der persönlichen oder politischen Weltanschauung – um den Filmstandort Österreich. Wir werden also im Interesse der österreichischen Filmwirtschaft die nächsten Monate intensiv nutzen, um jene Rahmenbedingungen und Entwicklungsmaßnahmen zu erarbeiten beziehungs­weise festzulegen, um den Prozess, der heute begonnen wurde, fruchtbringend fortzusetzen. Ver­einbart ist ja auch, dass wir im Kulturausschuss, und zwar nach der Sommerpause, intensiv an diesem Thema weiterarbeiten.

Ich sehe diese Enquete also als fundamentalen Ansatz zur Generierung von kollektivem Wissen, als Austausch von Sichtweisen und zur Pflege des Dialogs. Natürlich sind wir nicht in allem einig, das war auch nicht anders zu erwarten, und selbstverständlich spielen bei diesem Thema Emotionen eine Rolle.

Was wir heute jedenfalls erreicht haben, ist Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit, und zwar positive Aufmerksamkeit. Die Verdichtung von Einzelinformationen zu gemeinsamem Wissen, die Identifikation von Problem- und Handlungsfeldern, die Diskussion von Lösungsmöglich­keiten und deren erstes Durchdenken sind eine gute Basis.

Meine Damen und Herren! In der Vergangenheit war die öffentliche Diskussion von geradezu manichäischen Differenzierungen geprägt. Es ist um künstlerischen Film versus Publikums­film gegangen. Das mag vielleicht etwas überzeichnet sein, aber es wurde teilweise auch wirklich so ausgedrückt: Was künstlerisch wertvoll ist, kann, ja darf kein Publikumserfolg sein! – Ich denke, diese Position wurde ja auch durch viele der heutigen Statements falsifiziert. Das Entweder-Oder wird ersetzt durch ein Sowohl-als-Auch. Beides ist möglich, beides ist notwen­dig – muss aber nicht notwendigerweise gleichzeitig eintreten. Ganz deutlich gesagt: Wir brauchen Avantgarde, wir brauchen aber genauso den Publikumsfilm.

Dann gibt es noch eine andere große Dichotomie: öffentliche Finanzierung versus kommer­zielle Finanzierung. Bund und auch Länder, die wir nicht aus der Verantwortung entlassen, daher haben wir sie heute auch eingeladen – leider sind nicht alle gekommen, was mir Leid tut –, können Impulse setzen und Anstöße geben; sie können unterstützen. Ihre eigentliche Aufgabe ist es aber, Rahmenbedingungen zu gestalten – und da gibt es wahrhaft genug zu tun.

Meiner Ansicht nach ist der Gegensatz zwischen dem etatistischen Ansatz – es sei im weites­ten Sinn staatliche Verantwortung, die erwünschten Geldmittel beizusteuern – und dem neo­liberalen Ansatz – wenn nicht genug zahlendes Publikum kommt, dann: Pech gehabt! – aufzu­lösen. – Der österreichische Weg sieht anders aus: Wir brauchen beides! Österreich kann es sich um seiner Identität willen und angesichts des Nachholbedarfs auf dem internationalen Markt nicht leisten, auf öffentliche Filmförderung zu verzichten – klares Bekenntnis hiezu. – Auf der anderen Seite kann und will sich wohl kein Filmschaffender, der gut beraten ist, mehr leisten, die kommerzielle Seite hintanzureihen.

Konkret könnte ich einiges anführen. Wir haben das im Lauf der Enquete gehört: Handlungs­möglichkeiten, Handlungsbedarf gibt es in vielen Bereichen. Wir haben gehört – Direktor Munini hat Wesentliches beigetragen: sehr wichtig! –, die inländischen Banken sind gefordert, Mittel der Kofinanzierung müssen „aufgestellt“ werden, wir brauchen echtes Venture-Capital, wir müssen einiges ändern, was die Frage der Rechte der Filmschaffenden betrifft, Kabelrechte und so weiter.

Impulse erwarte ich mir auch von Seiten der Auftraggeber: Privates terrestrisches Fernsehen sollte – ich glaube auch, dass es das tut – dazu beitragen, den Markt ein Stück weiterzubringen.

Wir brauchen neue Berufsfelder, Berufsausbildungs-Curricula: Nicht nur die Akademie kann Beiträge leisten: Auch die Sozialpartner sind gefordert. Die neuen Medien müssen integriert werden.

Wir brauchen den Vertrieb österreichischer Filme ins Ausland. Da ist auch die AFC gefordert. Sie könnte, möchte ich einmal anmerken, österreichische Filme vielleicht ein wenig besser als bisher ins Ausland verkaufen. Placierung bei Festivals und Verkauf finden eher nur marginal statt. Dringender Handlungsbedarf ist gegeben. – ORF ebenfalls.

Der Verleih, Vertrieb in Österreich befindet sich auch im Schlagschatten der öffentlichen Auf­merksamkeit, und über manches, was sich in der Kino-Szene abspielt, könnte man fast entsetzt sein: Es gibt einen Verdrängungswettbewerb, der auf mittlere Sicht überhaupt keine Gewinner kennt: weder Publikum, Kinobetreiber und auch nicht die Investoren in Kino-Center. Länder und Kommunen sind gefordert, geeignete Flächenwidmungen vorzunehmen und die Film-Nahver­sorgung gezielt zu unterstützen.

Das Thema Drehbuch habe ich kurz angesprochen: Da könnte man mehr machen. Und dann gibt es auch noch das große Thema Film-Sponsoring im Zusammenhang mit Kultur-Spon­soring. Wir möchten in diese Richtung auf den Finanzminister einwirken.

Unser aller Engagement ist Ihnen also sicher, das sei von hier aus versichert. Wir von der Poli­tik her werden die Entwicklung beobachten, werden Kunst-Staatssekretär Morak und Wirt­schaftsminister Bartenstein ersuchen, uns regelmäßig Berichte zu geben.

Als Steirerin noch eine ganz kurze, an den „Diagonale“-Macher Constantin Wulff gerichtete Be­merkung: Die nächsten Schritte werden ganz bestimmt kommen, und zwar auf Landes- als auch auf Bundesebene. – Danke. (Beifall.)

14.23


Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Es folgt nun die Kultursprecherin der Grünen, Frau Abgeordnete Dr. Glawischnig. – Bitte.

14.23


Abgeordnete Dr. Eva Glawischnig¦ (Grüne): Herr Vorsitzender! Herr Staatssekretär! Meine Damen und Herren! Resümierend für mich als jemanden, der hier im Parlament sitzt und be­stimmte Auf­gaben hat, nämlich das Budget zu beschließen, gesetzliche Rahmenbedingun­gen zu schaffen: Wir stehen jetzt am Ende des dritten Jahres dieser Legislaturperiode. Es sind mittler­weile drei Budgets beschlossen worden, wir haben nur mehr ein Budget vor der nächsten Wahl zu beschließen. Es ist jetzt kurz vor der Sommerpause. Die Regierung hat vor mittlerweile drei Jahren einen Film-Schwerpunkt ausgerufen, die Situation ist aber immer noch bedenklich, wenn nicht sogar sehr ernst.

Bei vielen wesentlichen Kennzahlen der Branche sind wir Schlusslicht – was die Wertschöpfung betrifft, was die Beschäftigungszahlen betrifft –, und insgesamt bleibt als großes Resümee stehen: Es gibt extrem großen Handlungsbedarf. Man darf sich jetzt nicht durch irgendwelche Dinge beschwichtigen lassen, die für die Zukunft angekündigt werden: zum Beispiel eine Studie zur steuerlichen Absetzbarkeit, man wird schon weiter arbeiten. Es sind heute aber auch einige konkrete Zusagen gemacht worden, und ich hoffe, dass diese auch eingehalten werden, und nicht erst im nächsten, übernächsten Jahr, irgendwann, sondern dass wir das im Herbst in einem konkreten Paket auch so beschließen können.

Die Budgetverhandlungen laufen jetzt. Wenn nicht unverzüglich mit dem Finanzminister gere­gelt wird, dass es für den Film in der Bundesförderung eine Aufstockung gibt, dann ist das Ding gelaufen. Im Übrigen hat die Bundesregierung gestern beschlossen, den teuersten Deal der Zweiten Republik abzuschließen, nämlich die teuersten Abfangjäger überhaupt zu kaufen, die angeboten wurden.

Mein Gesamt-Resümee ist also immer noch sehr, sehr pessimistisch, obwohl ich durchaus honoriere und respektiere, dass jetzt einige gute Vorschläge von Ihnen gekommen sind. Ich hoffe nur, dass das auch ernst gemeint war.

Noch einmal zu einer grundsätzlichen Frage: Wenn es um Geld geht, wenn es um Förderungen geht, kann ich diese Zögerlichkeit nicht verstehen. Wenn man sich andere Bereiche anschaut – zum Beispiel die Landwirtschaftspolitik oder die Wirtschaftspolitik –: Es gibt keinen politischen Bereich in Österreich, keine Branche, in der es keine Förderungen gibt.

Um jetzt einmal den Hinweis aufzugreifen, man solle sich in irgendeiner Form auf Massen­pro­duktion verlassen: Wir investieren 26 Milliarden Schilling in die österreichische Landwirt­schaft. Theoretisch könnte man da den Ansatz wählen, dass man das eigentlich gar nicht brauche, weil Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt viel billiger zu bekommen sind. Das will ich hier nur einmal in den Raum stellen, um deutlich zu machen, wie hier gewertet wird. Speziell im Bereich Kultur­politik, in dem es sich im Vergleich dazu um wirklich geradezu lächer­liche Beträge handelt, werden diese dann aber immer so nachdrücklich in die Waagschale geworfen.

Es dreht sich um 100 Millionen Schilling, die die Filmförderung jetzt ausmacht, oder sind es viel­leicht 113, und vielleicht bekommen wir nächstes Jahr, wenn das Versprechen wahr gemacht wird, 116 Millionen Schilling. – Vergangene Woche bin ich in der Umwelt-Förderkommission ge­sessen: Die Müllverbrennungsanlage Arnoldstein bekommt mit einem Schlag 80 Millionen Schil­ling. – Also das sind da geradezu lächerliche Beträge, sage ich nur, und um diese streiten wir schon seit Jahren! Warum ist es nicht möglich, da einfach einmal einen großen Wurf zu machen und zu sagen: Okay, investieren wir eben einmal 300 Millionen Schilling oder 400 Millionen Schilling? – Das ist ja im Vergleich zu dem, was sonst im Budget vorhanden ist, überhaupt kein Betrag! (Beifall.)

Zum Thema Bundes-Fördermittel: Ich würde mich nicht damit zufrieden geben, dass wir da jetzt 2 Millionen € zusätzlich noch hineinbekommen.

Eine tatsächliche Berichtigung, was die Aussage betreffend Budgetzahlen 2000, 2001 und 2002 für diesen Bereich anlangt: Da ist nirgendwo erhöht worden. Es war ein Einfrieren auf dem niedrigsten Stand seit Jahren, und es hat auch vergangenes Jahr keine Erhöhung gegeben. Das ist nur durch die Umschichtung der ÖFI-Fonds so gelaufen.


Zu unseren Vorschlägen: Unser Leitbild, mein persönliches Leitbild, ist nicht der absolute Publi­kums­erfolg als das erstrebenswerteste Ziel. Meine grundsätzliche Auffassung ist, dass eine moderne Gesellschaft ein vielfältiges kulturelles Angebot braucht. Ein vielfältiges kulturel­les An­ge­bot ist ein Grundpfeiler und macht eine Gesellschaft stark und leistungsfähig, und dieses viel­fältige kulturelle Angebot soll auch qualitätsvoll sein. Ich weiß nicht, ob man einem französi­schen Wein oder auch einem Mittelburgenländer vorwerfen kann, dass ihn nur so wenige Leute trinken, weil er eben eine gute Qualität hat und teuer ist. Ich denke, das kann man solchen Weinen nicht vorwerfen, und man kann auch österreichischen qualitätsvollen Pro­dukten, die nicht von so vielen Leuten gesehen werden, nicht vorwerfen, dass sie keine Publi­kumserfolge sind.

Ich meine, man braucht beides, da haben Sie schon Recht. Aber meine Vision ist eben diese qualitätsvolle, vielfältige kulturelle Seite, und das macht meiner Meinung nach die Stärke einer modernen Gesellschaft aus. – Das ist unser Leitbild.

Zu den konkreten Filmförderungen: Was Bundes-Filmfördermittel anlangt, könnten wir doch einmal einen größeren Wurf wagen – vielleicht können wir uns da dazu entschließen. Zum Thema steuerliche Absetzbarkeit würde mich nur interessieren: bis wann? Die Steuerreform­diskussion läuft jetzt – dazu gibt es auch schon absurde Vorschläge, Steuerzuckerln, Steuer­senkung, alles Mögliche –, aber in diesem Bereich habe ich noch keinen konkreten Vorschlag von den hiefür zuständigen Regierungspolitikern gehört. Den würde ich mir aber wünschen, auch einen Zeitplan – und dann machen wir das in einem bestimmten Ausmaß.

Herr Staatssekretär Morak! Das ORF-Gesetz ist von vielen Seiten massiv kritisiert worden, und einige Punkte sind wirklich sehr ernst zu nehmen. Ich möchte noch einmal ... (Rufe: Rede­zeit!) – Okay, die abschließenden Punkte.

Ich sehe überhaupt nicht ein, dass, wenn man für bestimmte Gruppen eine Gebührenbefreiung will – das ist ein politisches Ziel, das will man als Republik Österreich –, eine staatliche Anstalt dafür aufkommen soll. Ich sehe auch nicht ein, warum die Rundfunk-Steuer voll ins Budget fließt, warum man diese nicht für bestimmte kulturelle Leistungen des ORF zweckbinden kann; Stichwort: Produktionsaufgabe. Ich meine also, wir brauchen auch ein markantes ORF-Paket.

Letzter Satz: Ich gehe einfach gerne ins Kino, und ich schaue mir gerne schöne Filme an. Ich glaube, das machen viele Leute in Österreich, und das ist auch etwas, was das Leben in Öster­reich sehr lebenswert macht. Ich bin Leuten wie Virgil Widrich oder Michael Haneke jedenfalls sehr dankbar dafür, dass sie uns solche Produkte genießen lassen. – Das war mein ganz persönliches Schlusswort. (Beifall.)

14.29

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Vorsitzender Abgeordneter Dr. Reinhold Mitterlehner¦: Damit sind wir am Ende der Enquete angelangt.

Meine Damen und Herren, ich denke, Sie stimmen mir zu, dass diese Enquete zwar ein Ende hat, jedoch ein Ausgangspunkt sein soll erstens für eine verdichtete Meinungsbildung, zwei­tens aber selbstverständlich für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen und drittens natür­lich zu einem Erfolg der gesamten Branche beitragen soll.

In diesem Sinne danke ich Ihnen allen für Ihre Teilnahme, für die Zeitdisziplin, die Sie gezeigt haben, und ich darf diese Enquete hiemit schließen. – Ich wünsche Ihnen noch einen angeneh­men Tag. (Beifall.)

Schluss der Enquete: 14.31 Uhr

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