Sehr
geehrte Damen und Herren!
Ich bin über das neue Lehrerdienstrecht in der jetzt vorliegenden Form
nicht nur enttäuscht und entsetzt, sondern geradezu schockiert, weil es
mehr als deutlich belegt, dass es der Regierung und den Parteien in keinster
Weise um eine Qualitätssteigerung und damit um eine Verbesserung unseres
Bildungssystems in Österreich geht, sondern einzig und allein um ein
Sparpaket.
Und zwar um ein Sparpaket von einer im Bildungswesen noch nie da gewesenen
Härte und Brutalität.
Es zeigt überdeutlich, dass anscheinend niemand, der dabei war, wie das
Paket geschnürt wurde, sich wirklich an der Basis Schule auskennt, sondern
dass die Politik vielmehr nur allzu gern auf den Zug der Diffamierung und
Lehrerhetze aufspringt, anstatt diese zu verhindern und zu entkräften.
Es ist halt um so viel leichter, einen allgemeinen Sündenbock zu
erschaffen und diesen noch global für alles zu bestrafen, was bei uns
schon lang im Argen liegt, als zuzugeben, dass die Wurzel dieser Übel in
einer jahrelang verabsäumten Neustrukturierung des Bildungswesens
begründet liegt.
Was nur allzu deutlich die allseits übliche Lehrerhetze bestätigt,
ist der Umstand, dass man ja das Ganze den Nicht-Lehrern in der
Bevölkerung unter dem Titel einer Qualitätssteigerung verkauft,
von der ja nicht einmal völlig Ahnungslose glauben können, dass sie
durch die beschlossenen Maßnahmen eintreten könnte.
Man belügt den Steuerzahler also auch noch, und das, um sich
genüsslich den allgemeinen Volkszorn gegen Lehrer und Lehrerinnen zunutze
zu machen und so einfach ohne viele Diskussionen ein Sparpaket auf Kosten einer
wahren Verbesserung des Bildungswesens durchzusetzen.
Denn es kann ja wohl nicht sein, dass Sie ernstlich annehmen, dass der
Unterrichtsoutput sich steigert, wenn Lehrer und Lehrerinnen, um eine volle
Lehrverpflichtung zu erfüllen, mindestens zwei weitere Klassen
unterrichten müssen und daher für diese selbstverständlich auch
wieder neue Vorbereitungen erarbeiten müssen, das bedeutet aber auch ein
Vielfaches mehr an Korrekturen.
Gab es bis jetzt schon manchmal Stimmen, die laut wurden, weil die Lehrer und
Lehrerinnen zu wenig Zeit für ihre Schüler hätten, so kann ich
Ihnen nun versichern: ab jetzt wird man für den einzelnen Schüler
ÜBERHAUPT KEINE ZEIT mehr haben, geschweige denn die Nerven.
Und es kann ja wohl nicht sein, dass niemand in Ihrem Resort rechnen kann. Dass
niemandem auffällt, dass die Einstiegsgehälter zwar verglichen an den
jetzigen (aber wohlgemerkt mit der jetzigen Lehrverpflichtung mit WENIGER
gehaltenen Stunden) zwar höher sind, aber dann deutlich abflachen, also
gemessen an der Mehrarbeit der einzelne Lehrer deutlich weniger verdienen wird.
Es kann Ihnen ja auch nicht entgangen sein, dass Lehrer, die dazu ausgebildet
sind, Englisch und Französisch zu unterrichten, auf einem Oberstufenniveau
bei der Vermittlung des Lehrstoffes in Mathematik, Chemie oder Physik vermutlich
äußerst mäßige Erfolge erzielen würden und vice
versa.
Oder könnten Sie nur durch Lesen einiger Bücher eine Klasse
in allen Fächern für die Matura vorbereiten?
Und diese Maßnahme soll unserem Schulsystem zu einer
Qualitätssteigerung verhelfen?
Es kann ja wohl auch nicht sein, dass niemand in Ihren Reihen begreift, dass
man für eine gelungene außerordentliche (also über das
Durchschnittliche hinausgehende) Leistung auch einen gewissen
Anerkennungsbeitrag verdient.
Warum also bitte sollte ein Schikursleiter, der stundenlang mit der
Organisationsarbeit für eine gelungene Veranstaltung ZUSÄTZLICH zu
seiner vollen Lehrverpflichtung beschäftigt ist, nicht auch entsprechend
dafür finanziell abgegolten werden?
Oder würden Sie IRGENDEINE Zusatzleistung gratis anbieten? Würde das
ein Arzt? Oder ein Rechtsanwalt?
Nein! Warum also ein Lehrer?
Und es kann ja wohl nicht sein, dass andauernd von längerer Anwesenheit
der Lehrer und Lehrerinnen in den Schulen gesprochen wird, ja sogar lautstark
von Ganztagsschulen, und kaum eine Schule hat auch nur ANNÄHERND die
architektonischen Voraussetzungen und sonstigen Ressourcen dafür.
Wenn der Arbeitsplatz eines Lehrers ca. 50cm mal 50cm ist (wie es in vielen mir
bekannten Schulen der Fall ist), dann kann er gerade mal die Hefte EINER Klasse
vor sich am Tisch ablegen. Es geht aber schon nicht mehr, ein Heft zu
korrigieren und daneben den restlichen Stapel an Heften am Tisch zu deponieren.
Das ist die Realität an unseren Schulen.
Machen Sie sich doch einmal die Mühe, die Arbeitsplätze vor Ort zu
inspizieren!
Sie werden überrascht sein, wenn Sie merken, dass es in vielen Schulen
für 60 Lehrer und Lehrerinnen gerade einmal 6 Computer gibt.
Ich könnte diese Liste beliebig lang fortsetzen, aber es wäre
für mich schon eine Freude, wenn Sie nur ganz kurz einmal realistisch
über die oben beschriebenen Probleme nachdenken würden.
Ich weiß, wovon ich rede. Ich unterrichte seit 25 Jahren, und ich
unterrichte immer noch gern. Ich liebe die Arbeit mit den Kindern. Und ich
würde mich so sehr freuen, wenn dies so bliebe.
Natürlich hat die Politik die Macht, uns all die schrecklichen vorher
erwähnten Dinge aufzuzwingen, und natürlich müssen wir
Arbeitnehmer das, was gesetzlich beschlossen wird, hinnehmen.
Aber kann das wirklich im Interesse guter Politik stehen, den Bildungsbereich
eines Staates zu ruinieren und dafür verantwortlich zu zeichnen?
Was Sie aber mit Sicherheit damit erreichen werden, ist, dass auch der letzte
Idealist diesen Beruf nicht mehr mit Enthusiasmus
ausüben wird. Es wird keinen Spaß mehr machen, eine Arbeit zu
verrichten, die ohnedies in der Bevölkerung und der Politik nicht
wertgeschätzt wird, UND dazu alle oben besprochenen Neuerungen zu
ertragen.
Es wird unter diesen Umständen keine Freude mehr machen, sich für
unsere Kinder einzusetzen und zu engagieren und einen tollen Unterricht samt
gewinnbringender Projekte auf die Beine zu stellen.
Und wir Lehrer und Lehrerinnen werden es nicht mehr schaffen, unsere Motivation
in dieses dunkle Tal zu retten.
Sicher brauche ich gerade IHNEN nicht zu sagen, WIE MASZGEBLICH
Idealismus, Motivation, Freude, Spaß und Enthusiasmus am Gelingen
einer Arbeit beteiligt sind.
All dies wird aber ohne die nötige Wertschätzung unserer Situation
auf der Strecke bleiben.
Das Traurigste daran ist: Die wahren Leidtragenden sind nicht wir Lehrer und
Lehrerinnen, sondern unsere Kinder und Kindeskinder, für die niemand mehr
mit Freude eine aufwendige Unterrichtseinheit vorbereiten wird, und für
die niemand mehr freiwillig eine immer in Erinnerung bleibende Schiwoche
organisieren wird.
Und das betrifft auch IHRE KINDER UND KINDESKINDER!!!
Mit freundlichen Grüßen
Gabriele W.