
Stenographisches Protokoll

Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus –
im Gedenken
an die
Opfer des Nationalsozialismus
Freitag, 3. Mai 2019
Zeremoniensaal der Hofburg
11.01 Uhr – 12.42 Uhr
Der 5. Mai, der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen im Jahre 1945, wird in Österreich seit dem Jahr 1998 als Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus begangen.
Die Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus findet im Zeremoniensaal der Hofburg statt. In der ersten Reihe nehmen der Präsident des Nationalrates und der Präsident des Bundesrates, Mitglieder der Bundesregierung sowie die Staatssekretärin im Bundesministerium für Inneres Platz. Des Weiteren sitzen Gedenkredner Professor Dr. Bassam Tibi, die Zivildiener der KZ-Gedenkstätte Mauthausen und die Komponistinnen, die an der Gedenkveranstaltung mitwirken, die Moderatorin Mag.a Hannah Lessing, die Direktorin der KZ-Gedenkstätte Mauthausen DDr.in Barbara Glück, die Zeitzeugin Mag.a Elisabeth Scheiderbauer, die Dritte Präsidentin des Nationalrates sowie Botschafterin Dr.in Margot Klestil-Löffler in den ersten Reihen.
In den Reihen dahinter sitzen Klubobleute sowie PräsidentInnen der Höchstgerichte, Abgeordnete zum Nationalrat, Mitglieder des Bundesrates, Mitglieder des Europäischen Parlaments, ehemalige Mitglieder der Bundesregierung und der beiden parlamentarischen Kammern, die Präsidentin des Rechnungshofes sowie VertreterInnen der Opfer des NS-Regimes, Mitglieder des Diplomatischen Corps, VertreterInnen der Religionsgemeinschaften und andere Ehrengäste.
Die verbleibenden Sitzreihen sind mit RepräsentantInnen des öffentlichen Lebens und zahlreichen weiteren BesucherInnen besetzt.
Nikola Djoric am Akkordeon gestaltet die musikalische Umrahmung der Gedenkveranstaltung.
Beginn der Gedenkveranstaltung: 11.01 Uhr
Nikola Djoric leitet die Gendenkveranstaltung mit der musikalischen Darbietung der Komposition „Die kranke Puppe!“ aus: Kinderalbum, op. 39 von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky ein.
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Mag. Hannah Lessing: Kol hamazil nefesch achat, ke-ilu kijem olam male. – Im Talmud steht dieser Satz, den spätestens seit dem Film „Schindlers Liste“ fast jeder kennt, und der, so hat es den Anschein, doch zu wenig verstanden wurde: „Wer auch immer ein einziges Leben rettet, der ist, als ob er die ganze Welt gerettet hätte.“ Das bedeutet: Alles, was wir tun, zählt, das Gute wie das Böse, im Großen wie im Kleinen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es ist mir eine große Ehre, Sie heute durch die diesjährige Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus geleiten zu dürfen.
Angesichts des Holocausts fragen wir uns immer wieder: Was können Menschen anderen Menschen antun? Wir sollten uns aber auch fragen: Was können Menschen für andere Menschen tun? Mein Name ist Hannah Lessing, in meiner Arbeit im Nationalfonds beschäftigen mich diese Fragen seit nun bald 25 Jahren.
Durch diese Gedenkveranstaltung begleitet uns die Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, vorgetragen von dem wunderbaren Akkordeonisten Nikola Djoric. Es sind Stücke aus dem Klavierzyklus „Kinderalbum“, die Tschaikowski eigens für Kinder geschrieben hat. Sie berühren in ihrer Einfachheit. Ich darf nun Herrn Ingo Appé, Präsident des Bundesrates, um seine Gedenkworte bitten.
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Grußworte des Präsidenten des Bundesrates der Republik Österreich
Präsident des Bundesrates Ingo Appé: Sehr geehrte Damen und Herren! Ich darf Sie zu dieser Gedenkveranstaltung recht herzlich willkommen heißen. Herzlich begrüßen darf ich den Präsidenten des Nationalrates Mag. Wolfgang Sobotka und die Dritte Präsidentin Anneliese Kitzmüller. Weiters heiße ich alle anwesenden Mitglieder der Bundesregierung, an ihrer Spitze Herrn Bundeskanzler Sebastian Kurz, sowie Staatssekretärin Mag.a Karoline Edtstadler herzlich willkommen.
Besonders freue ich mich über die Anwesenheit von Frau Botschafterin Dr.in Margot Klestil-Löffler.
Ich begrüße die anwesenden Klubobleute und Fraktionsvorsitzenden an der Spitze der Abgeordneten zum Nationalrat und der Mitglieder des Bundesrates sowie die Abgeordneten zum Europäischen Parlament, die VertreterInnen der Höchstgerichte und die Präsidentin des Rechnungshofes sowie die ehemaligen Präsidentinnen und Präsidenten des Nationalrates und des Bundesrates.
Ich begrüße die Vertreterinnen und Vertreter des Diplomatischen Corps sowie der Kirchen und Religionsgemeinschaften! Ich freue mich, die zahlreichen ehemaligen Mitglieder der Bundesregierung und die Repräsentantinnen und Repräsentanten der Bundesländer zu begrüßen. Ich begrüße die Vertreterinnen und Vertreter unserer staatlichen Institutionen und Behörden sowie die anwesenden Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur.
Eine besondere Ehre ist es für mich, alle Überlebenden des Holocausts und des NS-Terrors sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in unserer Mitte begrüßen zu können. Auch die Vertreterinnen und Vertreter der Gedenkinitiativen, Vertreterinnen und Vertreter der Opferverbände und der Lagergemeinschaften sowie Erinnerungsinitiativen heiße ich herzlich willkommen.
Außerdem freue ich mich über die Anwesenheit der Teilnehmer des Jugendprojektes der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, eine Initiative der hier anwesenden Direktorin DDr.in Barbara Glück. Bedanken möchte ich mich bei den Studierenden der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, die ebenfalls an diesem Projekt teilgenommen haben.
Ganz besonders herzlich möchte ich den Festredner, Herrn Professor Dr. Bassam Tibi, begrüßen.
Danken möchte ich Frau Mag.a Hannah Lessing für die Moderation der heutigen Gedenkveranstaltung.
Sehr geehrten Damen und Herren! Am 5. Mai 1945 befreiten amerikanische Soldaten die Überlebenden des Konzentrationslagers Mauthausen. In Erinnerung an diese Befreiung führt das österreichische Parlament seit 1998 jährlich die Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus durch.
Meine Damen und Herren! Ich komme aus der südlichsten Stadt Österreichs, aus Ferlach, nahe an der Grenze zu Slowenien. Slowenien und Kärnten sind dort durch den Loibltunnel verbunden. Der Bau des Loibltunnels begann im April 1943 und ist von der Tatsache überschattet, dass sich ab Juni 1943 Häftlinge, als eine Art Sklavenarbeiter, im Einsatz befanden. Viele wissen nicht, dass es in den Karawanken am Loiblpass eine Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen gab. Im Konzentrationslager Loibl mussten schätzungsweise 1 800 Häftlinge einen Tunnel durch die Karawanken an der Grenze zwischen Slowenien und Österreich graben. Zu beiden Seiten des Tunnels befanden sich Lager, ein Südlager und ein etwas kleineres an der Nordseite, also auf der Kärntner Seite. Am 7. Mai 1945 wurden auch am Loibl die Gefangenen befreit.
Während die slowenische Regierung auf dem ehemaligen Lagerareal bereits 1954 ein Denkmal errichtete und den Ort zur Gedenkstätte erklärte, erhielt das lange Zeit vergessene Außenlager von Mauthausen auf der österreichischen Seite 1995 lediglich zwei Gedenktafeln am Tunnelportal. Auf Initiative des Mauthausen Komitees Kärnten/Koroška unter der Federführung von Peter Gstettner findet seit den Neunzigerjahren alljährlich eine internationale Gedenkfeier zur Erinnerung an die Opfer statt. Am 22. Mai wird nun ein Denkmal, gestaltet vom international renommierten Künstler Seiji Kimoto, am Tunnelvorplatz, beim Tunnelportal am Loibl Nord übergeben, um an das Leid, den Tod, aber auch an den Widerstand der KZ-Häftlinge zu erinnern.
Die Geschichte muss eine Mahnung sein. Ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen ist heute wichtiger als je zuvor. Die Erinnerung an die furchtbaren Gräueltaten der Nationalsozialisten scheint immer mehr zu verblassen. Die Zeitzeugen sterben, und mit ihrem Verschwinden verändert sich auch die Erinnerungskultur. Die Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus verliert vor allem bei den jüngeren Generationen immer mehr an Bedeutung. Das Zitat des spanisch-amerikanischen Philosophen und Schriftstellers George Santayana unterstreicht, wie wichtig Erinnerungsarbeit ist. „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“
Es muss die Aufgabe und die Verpflichtung jedes Einzelnen sein, die Rolle der aussterbenden Zeitzeugen zu übernehmen und ihre Gedanken wachzuhalten. In einer Zeit, in der fehlende Empathie die Fähigkeit des sozialen Miteinanders reduziert, in einer Zeit, in der Populisten die Idee verbreiten, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Hautfarbe verschiedene Rechte hätten, manche mehr wert seien als andere, in der verunsicherten Menschen ein besseres Leben – aufbauend auf ein Fundament aus Hass und Vertreibung anderer – versprochen wird, in einer Zeit, in der in Interviews Aussagen getroffen werden, das Recht habe der Politik zu folgen und nicht die Politik dem Recht, will man da wirklich behaupten, dass sich die Geschichte nicht wiederholt?
Meine Damen und Herren! Angst und Hass sind in Österreich leider wieder salonfähig geworden. Wer Populismus verharmlost und nicht ernst nimmt, hat aus der Geschichte nichts gelernt. Der Holocaust hat nicht mit körperlicher Gewalt begonnen. Am Anfang stand das Wort – zuerst am Papier, dann in Reden, und dann wurden Worte zu Taten. Es sind vor allem Worte, die die Wegbegleiter für schlimmere Taten sind. Worte führen zu starken Emotionen.
Heute verbreiten sich diese Worte durch die Digitalisierung in kürzester Zeit weltweit. Wir kennen sie unter der Bezeichnung Fake News oder Hate Speech. Letztlich sind beides falsche Behauptungen, die, mehr oder weniger gesteuert, verbreitet werden. Mit Worten werden Taten begründet und mit Worten wird zu Gewalt angestiftet. Erneut heißt es, den Hass in der Gesellschaft zurückzuweisen.
Meine Damen und Herren! Die Gräueltaten der Nationalsozialisten dürfen sich nie wieder wiederholen. Diese Gräueltaten müssen eine ewige Warnung und Erinnerung sein, uns für eine demokratische Gesellschaft, basierend auf gegenseitiger Toleranz, Verständnis und Menschenrechten, einzusetzen. Demokratie ist mehr als ein Wahlrecht. Demokratie braucht Menschenrechte, Demokratie braucht Gewaltenteilung, Demokratie braucht Meinungsfreiheit – dazu zähle ich auch kritische Medien und Journalisten. Demokratie braucht Pluralismus und Dialog.
Wer in der Demokratie schläft, wird in der Diktatur erwachen. – Über die Herkunft dieses Zitats wird gestritten, man schreibt es fälschlicherweise sogar Goethe zu. Wir müssen uns jedoch vor Augen führen, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist. Wir haben gemeinsam die Aufgabe, die Demokratie zu wahren, zu stärken und zu schützen. In diesem Sinne lassen Sie uns gemeinsam für die Demokratie kämpfen, damit sich die Geschichte nie wiederholt. (Beifall.)
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Mag. Hannah Lessing: Worte bereiten den Weg, auf Worte folgen Taten. Wir dürfen die Macht der Sprache nicht unterschätzen. Alles nimmt seinen Ausgang in den Gedanken.
Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, tragen eine besondere Verantwortung. Ihre Worte sind die Saat. Was daraus erwächst, liegt in Ihrer Hand. Doch darin liegt auch eine große Chance. Wir haben die Wahl, „ die Saat einer besseren Zukunft in den Boden einer bitteren Vergangenheit zu streuen“, wie es in der Stockholmer Erklärung des Internationalen Forums über den Holocaust so bildhaft ausgedrückt ist.
Ich bitte nun Frau Staatssekretärin Mag.a Karoline Edtstadler in ihrer Funktion als Zuständige für die Gedenkstätte Mauthausen um ihre Worte zum Gedenken.
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Worte zum Gedenken der Staatssekretärin im Bundesministerium für Inneres
Staatssekretärin im Bundesministerium für Inneres Mag. Karoline Edtstadler: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“. Der Herr Bundesratspräsident hat das Zitat von George Santayana bereits gebracht – es zeigt für mich so klar und deutlich, was unser Leitgedanke in der Gedenk- und Erinnerungsarbeit sein muss.
Sehr geehrter Herr Präsident des Nationalrates! Sehr geehrte Dritte Präsidentin des Nationalrates! Sehr geehrter Herr Bundeskanzler! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen der Bundesregierung! Exzellenzen! Meine sehr geschätzten Fest- und Ehrengäste! Als Staatssekretärin im Bundesministerium für Inneres bin ich unter anderem für die Bundesanstalt Mauthausen und damit für die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager sowie die zahlreichen Außenlager zuständig. Von Beginn meiner Tätigkeit an war es mir ein besonderes Anliegen, ein würdiges Gedenken an die Opfer der Schoah und ihre Familien zu ermöglichen. Das Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018 gab uns dazu vielfach Anlass.
Wir dürfen aber niemals aufhören, uns an die Millionen von Ermordeten zu erinnern. Ich glaube fest daran, dass wir ihnen dadurch wenigstens einen Teil ihrer Identität und Würde zurückgeben können – beides wurde ihnen auf so unvorstellbar brutale Art und Weise genommen. Es ist daher mein erklärtes politisches Ziel, dass jeder Schülerin und jedem Schüler einmal während der schulischen Laufbahn ein Besuch in Mauthausen ermöglicht werden soll. Gemeinsam mit Bundesminister Faßmann habe ich daher für alle Schulen eine Informationsbroschüre mit dem pädagogischen Angebot der KZ-Gedenkstätte herausgegeben. Ich durfte aber auch einige große Zeitzeugengespräche in Schulen organisieren – mit Marko Feingold in Salzburg, mit Anna Hackl in Linz, mit Kurt Rosenkranz in Wiener Neustadt und erst vor wenigen Wochen mit Viktor Klein in Wien. Dabei habe ich immer wieder aufs Neue erlebt, wie prägend dieses Zusammentreffen für junge Menschen ist, wie nachhaltig sich das Berichtete bei ihnen einprägt und wie viel sie davon für ihr weiteres Leben mitnehmen.
Am meisten aber beeindrucken mich immer wieder diese unnachahmliche Willensstärke und der positive Zugang von Zeitzeugen, die so Schreckliches erlebt haben. Ich habe nie erlebt, dass Schuldzuweisungen gefallen sind oder so etwas wie Rache aufblitzte. Ganz im Gegenteil: Marko Feingold, 105 Jahre alt, hat die jungen Menschen sehr eindringlich und mit starken Worten an das Recht zu wählen erinnert. Kurt Rosenkranz hat betont, dass man mit Hass nicht leben kann. Sie alle weisen damit in eine völlig andere Richtung. Das wiederum bestärkt mich in meiner Ansicht, dass wir nicht in der Betrachtung der Vergangenheit stehen bleiben dürfen, sondern mit den Menschen, mit den jungen Menschen sensibel und optimistisch die Zukunft gestalten müssen. Das können wir nur gemeinsam, in Österreich und in einem vereinten Europa, das seine Kräfte gegen jede Form des Antisemitismus, der Gewalt, des Rassismus und des Hasses bündelt und entschieden dagegen auftritt, egal von welcher politischen oder religiösen Gesinnung das auch immer ausgehen möge.
Gerade in den vergangenen Tagen und Wochen waren wir wieder mit erschütternden Anschlägen auf Gläubige konfrontiert. In Christchurch in Neuseeland wurden am 15. März mehr als 50 betende Muslime getötet. Am Ostersonntag kamen bei einer Serie von Anschlägen in Sri Lanka 253 Menschen ums Leben, mehr als 400 weitere Personen wurden verletzt – viele von ihnen Christen. In San Diego wurden vor wenigen Tagen bei einer Schießerei in einer Synagoge eine Frau getötet und drei weitere Menschen verletzt. Schmerzlich in Erinnerung sind uns auch noch die Anschläge vom vergangen Oktober in Pittsburgh in der Tree-of-Life-Synagoge.
Am 6. Dezember 2018 konnte unter österreichischer Ratspräsidentschaft eine Ratserklärung verabschiedet werden, die einen verbesserten Schutz jüdischer Gemeinden in ganz Europa sowie eine einheitliche Definition des Antisemitismus vorsieht. Zweifellos, das ist ein wichtiger Meilensteine, aber wenn ich mir die gestern veröffentlichte Studie der Claims Conference anschaue, dann muss ich erschüttert feststellen, dass unsere Arbeit noch lange nicht getan ist. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, nicht gewusst zu haben, dass vom Naziregime sechs Millionen Juden ermordet wurden. Auf die Frage nach Konzentrationslagern in Österreich konnten 42 Prozent der Befragten das ehemalige Konzentrationslager in Mauthausen nicht nennen.
Eine im Februar 2018 in Wien abgehaltene Konferenz trug den Titel „An end to Antisemitism!“, also: Ein Ende dem Antisemitismus! Anhand der jüngsten österreichischen, aber auch europäischen Studien müssen wir leider feststellen, dass dieses Ende noch nicht absehbar ist, denn – im Gegenteil – die Vorfälle europa- und auch weltweit häufen sich. Dennoch möchte ich diese Vision des Endes der Gewalt, des Endes des Hasses, des Extremismus und des Antisemitismus nicht aufgeben, denn Visionen sind da, um die darin enthaltenen Ziele zu erreichen.
Eines dieser Ziele muss lauten: Tragen wir die Fackel des „Niemals vergessen“ weiter! Entfachen wir in jungen Menschen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, eine europäische Identität, und kämpfen wir gemeinsam für Frieden, für Freiheit und für Wohlstand in Österreich und in Europa, um der Welt zu zeigen, dass es gelingen kann! (Beifall.)
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Es folgt die musikalische Darbietung der Komposition „Süße Träumerei“ aus: Kinderalbum, op. 39 von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky durch Nikola Djoric.
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Gedenkprojekt #hinschauen
Mag. Hannah Lessing: Mauthausen – je mehr Jahre vergehen, je ferner das Grauen, desto weniger ist es zu begreifen, wie es zu diesem gewaltigen Zivilisationsbruch des Holocausts kommen konnte.
Was hat das mit mir zu tun, wenn die Täter von damals lange tot sind? – Diese Frage hört man heute sehr oft, und es ist klar, die nachgeborenen Generationen trifft keine Schuld an den Verbrechen der Vergangenheit. Und doch: Was in Mauthausen geschehen ist, hat mit uns allen zu tun. Es ist ein Teil unserer Geschichte. Man muss sich nur annähern und verstehen wollen.
Der folgende Film dokumentiert ein besonderes Projekt. Sechs junge Menschen – drei Zivildiener, drei Komponistinnen – haben sich auf ihre sehr persönliche Weise dem Schreckensort Mauthausen angenähert: durch Bilder eingefangen, aus ganz eigenen Perspektiven, durch Töne und Geräusche, die sie auch im ehemaligen Lager aufgezeichnet haben. In den eingefrorenen Momenten der Fotografien ist ein Stück Vergangenheit mit einem heutigen frischen Blick festgehalten. Wer genau hinhört, der kann die leisen Stimmen der Geschichte hören. Der Film hat diese Annäherung begleitet. Mich erinnert er an einen Satz, den ich einmal gehört habe: Wenn ihr eure Augen nicht gebraucht, um zu sehen, werdet ihr sie brauchen, um zu weinen. – Hashtag #hinschauen.
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Es folgt die Vorführung eines Films zum Gedenkprojekt #hinschauen.
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Mag. Hannah Lessing: In einer Zeit, in der die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen immer mehr verstummen, müssen die Gedenkstätten lernen, zu sprechen. Das Lernen aus der Geschichte muss stets neu begonnen werden, denn Menschen vergessen; das sehen wir ganz aktuell an der gerade veröffentlichten Studie über das Wissen um den Holocaust.
Nach diesem filmischen Einblick freue ich mich nun auf ein Gespräch mit jener Frau, unter deren Ägide die KZ-Gedenkstätte Mauthausen vor einigen Jahren so umgestaltet wurde, dass sie zu den Menschen in einer Weise spricht, die heute verstanden wird. DDr.in Barbara Glück hat als Leiterin der KZ-Gedenkstätte Mauthausen dieses große Unterfangen dank der ihr eigenen Fokussiertheit und mit viel Kraft und Entschlossenheit umgesetzt. Dank ihr würdigt die Gedenkstätte im Raum der Namen die Opfer dieses Ortes vor allem persönlich, mit ihren Namen, als Menschen.
Zu allen Zeiten geht es um Menschen. Dieser persönliche Zugang liegt mir gerade aus der Erfahrung der Arbeit im Nationalfonds besonders am Herzen, denn wir sollten nie vergessen: Mit jeder und jedem Ermordeten ist eine eigene Welt untergegangen, die es wert ist, erinnert zu werden. (Beifall.)
Liebe Barbara, warum ist es so wichtig, dass junge Menschen heute an diesen Ort kommen?
DDr. Barbara Glück: Wir haben den Film gesehen, und du hast es auch schon erwähnt: Mauthausen ist mehr als ein statischer Gedenkort und Friedhof. Mauthausen ist ein lebendiger Ort, ein Bildungsort, ein offener Vermittlungsort. Mauthausen ist mehr als ein reiner Ort der Wissensvermittlung, denn es geht um mehr als um die nüchternen Zahlen, Daten und Fakten, die die Geschichte des KZ Mauthausen von 1938 bis 1945 erzählen.
Wir verstehen uns als ein Angebot zur Reflexion. Wir sind eine Plattform für Meinungen, für Gedanken und für Diskussionen, und wir erzählen die Geschichte als eine Geschichte von Menschen. Menschen gestalten Geschichte – damals wie heute. Wir diskutieren Handlungsoptionen, die Menschen damals gehabt haben. In diesem Zusammenhang fragen wir auch junge Menschen nach ihren ganz persönlichen Handlungsmöglichkeiten und Spielräumen, die sie heute haben. Die Brücke zum Jetzt bringen die jungen Menschen selber mit, die sind sie selber. So können wir Vergangenheit und Gegenwart miteinander kombinieren.
Ich bin auch davon überzeugt, dass wir ein Mehrwert für die Gesellschaft, ein Mehrwert für uns alle sind.
Mag. Hannah Lessing: Wie gewinnt man aber die jungen Leute? Wie funktioniert Vermittlung heute?
DDr. Barbara Glück: Wir gehen auf sie zu, wir sprechen die jungen Menschen an, wir hören ihnen zu und lassen sie zu Wort kommen. Vermittlungsarbeit am historischen Ort verstehen wir als einen Dialog. Unsere Vermittlerinnen und Vermittler halten keine Vorträge, sondern sie treten in Diskussionen ein.
Eine ganz zentrale Frage für unsere Arbeit – du hast es einleitend schon erwähnt, und diese Frage stellt sich auch jeder Mensch, wenn er zu uns an diesen Ort kommt – ist immer wieder: Was hat das mit mir zu tun? Was hat Geschichte mit unserem Leben zu tun, mit uns allen? Genau das diskutieren wir mit ihnen, und genau darum geht es uns.
Mag. Hannah Lessing: Eine letzte Frage noch, die mir sehr am Herzen liegt: Was geben diese jungen Menschen uns zurück?
DDr. Barbara Glück: Die jungen Menschen geben uns unglaublich viel zurück – wir haben es im Film gesehen, wir werden es jetzt auch noch hören –; seien es Empörung, Verständnis, Unverständnis, Macht, Ohnmacht, Fragen, unglaublich viele Fragen und Antworten.
Eine wahre Begebenheit, die sich vor ein paar Jahren ereignet hat, möchte ich hier ganz kurz erzählen: Terroranschläge in Paris, Charlie Hebdo – wir erinnern uns an diese Geschichte. Es war, glaube ich, einen oder zwei Tage später, dass ich eine Gruppe junger Menschen an der Gedenkstätte begleitet habe. Die Klasse kommt zu uns an den Ort, sehr präsent, weil vor allem die jungen Mädchen weiße T-Shirts getragen haben, auf denen stand: Je suis Charlie! Sie sind zu uns nach Mauthausen gekommen, um mit uns darüber zu reden. – Dann haben wir natürlich die Möglichkeit, zu sagen: Na, bitte, das geht uns nichts an, wir möchten mit euch darüber reden, was zwischen 1938 und 1945 passiert ist!; oder aber wir nutzen die Gelegenheit und sprechen genau das an, was sie beschäftigt, was sie in den Nachrichten gehört haben, was sie gesehen haben, worüber sie mit uns reden möchten. Das haben wir aufgegriffen; und dann sprechen wir über Themen, die uns heute auch wichtig sind: Zivilcourage, Ausgrenzung, Gewalt, Handlungsoptionen.
Am Ende des Rundgangs fragt dann ein Mädchen die ganze Klasse: Na, hätten wir uns das damals auch getraut, 1938, am Weg zur Schule ein T-Shirt zu tragen, auf dem steht: Auch ich bin Jude!? – Darauf sagt einer aus der Gruppe – und alle anderen haben genickt –: Nein, das hätten wir uns damals nicht getraut!
Genau solche Momente ermutigen uns und geben uns Zuversicht, dass wir in diesen jungen Menschen etwas aufwecken können und dass wir sie als Verbündete für unser Anliegen gewinnen können. (Beifall.)
Mag. Hannah Lessing: Danke vielmals, ich glaube, das ist genau der Punkt.
Da wir gerade von diesen wunderbaren Jugendlichen gesprochen haben, die wir im Rahmen unserer Projekte im Nationalfonds gerne fördern – denn darum geht es wirklich –, würde ich jetzt gerne die Protagonistinnen und Protagonisten des Projekts auf die Bühne bitten: die Zivildiener Furkan Cavuslu, Daniel Undesser und Stefan Habitzl sowie die Komponistinnen Isabella Forciniti, Rojin Sharafi und Lissie Rettenwander mit dem Weltweit Ersten Stimmgabelensemble. (Beifall.)
Lieber Furkan, ich habe eine Frage an dich. Bereits dein Bruder hat als Zivildiener in der Gedenkstätte Mauthausen gedient. Das Hinschauen, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen, hat sich in deiner Familie fortgesetzt. Wie hat sich dein Schauen, dein Blick auf das Thema Holocaust in den letzten Monaten verändert?
Furkan Cavuslu: Ja, bei mir in der Familie hat sich dieser Gedanke fortgesetzt. Mein Bruder war dort Zivildiener, hat dort seinen Zivildienst absolviert, jetzt ich; mein kleiner Bruder hat auch vor, dass er an der Gedenkstätte den Zivildienst absolviert. Eigentlich bin ich durch meinen Bruder darauf aufmerksam geworden, der schon dort war. Er hat sich für diese Thematik sehr interessiert, das hat auch in mir Interesse geweckt, weil ich an Geschichte interessiert bin. Ich bin einer, der gerne liest, über Geschichte liest und sich mit der Geschichte beschäftigt und auseinandersetzt, deswegen war es für mich wichtig, und das war der richtige Ort.
Mein Blick auf den Holocaust hat sich ziemlich verändert. In der Dienstzeit habe ich sehr viel mitbekommen, in der Ausbildungsphase sehr viel gelernt, in Fortbildungen habe ich viel gesehen und gehört, deswegen habe ich sehr viele Informationen darüber gesammelt.
Ich habe auch gesehen, wie groß die Notwendigkeit der Gedenkstätte ist. Es ist sehr wichtig, dass wir die Verbrechen, die da begangen wurden, in Erinnerung haben, damit wir alle gemeinsam in Zukunft besser miteinander in Frieden leben – deswegen sage ich Nein zu Rassismus und Nein zu Gewalt! (Beifall.)
Mag. Hannah Lessing: Danke für deine Worte.
Liebe Rojin, eine Symbiose zwischen Bild und Musik kann sehr stark sein. Was ist für dich die Essenz deiner Komposition im Zusammenspiel von Musik und Fotografie?
Rojin Sharafi: Die Musik ist per se abstrakt, deswegen bietet sie einen großen Interpretationsraum fürs Publikum. Darauf bezogen kann die Fotografie einen bestimmten Rahmen für die Musik schaffen.
Meine Komposition heißt Tunnel, das kann als metaphorischer Name gesehen werden. Meiner Meinung nach ist das Leben ein Tunnel, zuvor eine bereits gefestigte Vergangenheit und vor uns eine unklare Zukunft, die wir selbst gestalten und beeinflussen können. Ich versuchte bei meiner Komposition, die Stimmung im Bild mit den Klängen und dem Aufbau von Texturen zu erzeugen.
Parallel dazu wollte ich auch über Mahnen und Gegenwart reden. Für mich war die ganze Zeit, die wir in Mauthausen verbrachten, sehr nachdenklich. Genau an dem Tag, an dem wir für dieses Projekt in Mauthausen waren, lasen wir über den zukünftigen Mindestlohn für Flüchtlinge, welcher vom österreichischen Innenminister vorgeschlagen wurde – ich fand es sehr schockierend. Aber, wie schon erwähnt: Jeder von uns kann zur Gestaltung der Zukunft etwas beitragen. (Beifall.)
Mag. Hannah Lessing: Danke für die Gespräche.
Es folgen drei Bilder, verbunden mit drei außergewöhnlichen Kompositionen. Uns erwarten Klänge, die die Abgründe von Zerrissenheit und Irritation widerspiegeln, entstanden aus der Begegnung mit dem Gedenkort Mauthausen.
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Es folgt die Projektion der Fotografien von Furkan Cavuslu, Daniel Undesser und Stefan Habitzl; jede der drei Fotografien wird von der Darbietung eines dafür komponierten Musikstücks – von Isabella Forciniti, Lissie Rettenwander und Rojin Sharafi – begleitet.
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Mag. Hannah Lessing: Die Symbiose zwischen Bildern und Musik soll uns verdeutlichen, wie wichtig es ist, auch die Symbiose zwischen den Generationen, zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart ständig zu beleben.
Die Musikerinnen möchten ihre Kompositionen gerne symbolisch der Generation der Überlebenden weiterreichen, sie erneuern damit das Versprechen, dass sie nicht wegschauen, sondern hinschauen werden. Dieses Versprechen wird Frau Mag.a Elisabeth Pollak-Scheiderbauer im Gedenken und stellvertretend für alle Opfer des Nationalsozialismus nun entgegennehmen. (Beifall.)
Liebe Lisa, dein Vater wurde nach Auschwitz deportiert, du wurdest als sechsjähriges Mädchen mit deiner Mutter und deiner älteren Schwester nach Theresienstadt deportiert. Du hast überlebt und teilst deine Erfahrungen mit den jungen Menschen von heute. Wie belastend dieses ständige Erinnern ist, das ja auch ein Wiedererleben des Schmerzes ist, weiß ich aus vielen Gesprächen mit Überlebenden. Wir können dir und den anderen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen für diese wunderbare und wichtige Arbeit, die ihr macht, nicht oft genug Dank sagen.
Heute gibt es dieses Versprechen: Wir werden hinschauen! Was möchtest du der jetzigen Generation mitgeben, damit es ihr gelingt, besser hinzuschauen?
Mag. Elisabeth Scheiderbauer: Aus meiner Lebenserfahrung habe ich gelernt, man kann vieles überleben und vergessen, aber nach dem, was mir widerfahren ist, sage ich auch, man darf Unrecht, wenn man es sieht, nicht tolerieren. Man muss probieren, die Menschen in ihrer Verschiedenheit zu verstehen.
Ich kann nur von mir sagen, heute sind meine besten Freunde muslimische Bosnier. Ich selbst bin seit 56 Jahren mit einem nichtjüdischen Österreicher verheiratet und habe eine große jüdische Familie, aber auch eine große nichtjüdische Familie. Das Wichtigste ist immer, dass man andere Menschen akzeptiert, wie sie sind. Das ist eigentlich meine Lebensweisheit. (Beifall.)
Mag. Hannah Lessing: Danke noch einmal, liebe Lisa!
Dieser Gedanke, die Frage des gegenseitigen Verstehens und Akzeptierens führt uns direkt zum Gastredner der diesjährigen Gedenkveranstaltung, dem deutschen Politikwissenschaftler Professor Dr. Bassam Tibi. Er hat sich einen Namen als Kenner der arabischen Welt und des politischen Islam gemacht. Heute so bekannte Begriffe wie Leitkultur und Parallelgesellschaft wurden von ihm geprägt.
Geboren 1944 in Damaskus, studierte Bassam Tibi ab 1965 in Frankfurt am Main Sozialwissenschaft, Philosophie und Geschichte und habilitierte sich 1981 an der Universität Hamburg. Er unterrichtete nicht nur in Deutschland, sondern unter anderem auch in Harvard, Sankt Gallen, Jakarta, aber auch in Wien. Mit seiner kritischen Stimme hat Bassam Tibi wichtige Akzente im gesellschaftlichen Diskurs gesetzt; in Fragen von Flüchtlingspolitik, Fundamentalismus und Antisemitismus hat er die Diskussion in der Zivilgesellschaft belebt und bisweilen auch polarisiert.
Meine sehr verehrten Damen und Herren begrüßen Sie nun mit mir gemeinsam Professor Bassam Tibi.
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Gedenkrede von Professor Dr. Bassam Tibi
Professor Dr. Bassam Tibi: Lassen Sie mich mit einem Wort des Dankes anfangen. Ich bin am 4. April 75 Jahre alt geworden und arbeite seit vier Jahren an meiner Autobiografie mit dem Titel: Ein Syrer von Damaskus in die ġurba – ġurba bedeutet die Fremde –, und dem Untertitel: Integration, Identität und Anerkennung. Ein Teil der Integration der Zuwanderer ist Anerkennung, und ich fühle mich von Ihnen dadurch anerkannt, dass ich hier vor Ihnen reden darf, auch von Ihrem Bundeskanzler, den ich sehr verehre; er weiß das.
Ich bin ein hybrider Mensch. Ich habe einen Teil meines Lebens in Damaskus verbracht, wo ich aufgewachsen und sozialisiert worden bin – ich schäme mich, zu sagen: auch als Antisemit. Ich bin als Antisemit nach Europa gekommen, sogar als militanter.
In Frankfurt habe ich bei zwei Holocaustüberlebenden studiert, Adorno und Horkheimer, die mein Leben verändert haben. Ich war ab 1982 parallel in den USA; ich habe in den USA sehr viele Holocaustüberlebende kennengelernt, vor allem den großen, den allergrößten jüdischen Historiker des 20. Jahrhunderts, Bernard Lewis. Er war mein Mentor, ich war auch mit ihm befreundet. Er ist voriges Jahr im Mai im Alter von 101 Jahren, zwölf Tage vor seinem 102. Geburtstag gestorben. Er ist der größte Historiker generell, auch Islamhistoriker, und er hat das grundlegende Werk: „The Jews of Islam“ – „Die Juden in der islamischen Welt“ – geschrieben; dieses Werk wird eine Rolle in meiner Rede spielen.
Vielleicht eine Aussage zu diesem Buch: Bernard Lewis sagt in diesem Buch, Antisemitismus gab es im Islam vom 7. bis zum 20. Jahrhundert nicht. Antisemitismus ist in der islamischen Zivilisation neu und beginnt im 20. Jahrhundert. Derselbe Bernard Lewis, der den Islam vom Antisemitismus freispricht, hat den Begriff „The New Anti-Semitism“ geprägt, und das ist der Gegenstand meiner Präsentation. Ich verspreche Ihnen, die 15 Minuten einzuhalten, in 14 Minuten höre ich zu reden auf. In Amerika habe ich gelernt, dem Schwätzen aus dem Weg zu gehen. Jeder Mensch neigt zum Schwätzen, und vor einem großen Publikum zu reden ist schön, da neigt man dazu, lange zu reden. Die Amerikaner sagen aber: What are we talking about? – We are talking about the new antisemitism.
Es gibt einen Konsens darüber, dass der Nazi- und der rechtsradikale Antisemitismus zu verdammen sind, nicht nur zu verdammen, auch zu bekämpfen. Wenn man aber gegen Antisemitismus ist, dann muss man gegen alle Formen des Antisemitismus sein. Was ist der neue Antisemitismus? – Das erkläre ich Ihnen später.
Was ist der gegenwärtige Bezug? Ich bin gebeten worden, einen gegenwärtigen Bezug herzustellen. Es gibt neue Studien, eine davon von diesem Hause, wonach der Antisemitismus heute nicht nur aus der üblen Naziecke, aus der üblen rechtsradikalen Ecke, sondern von links – das ist unglaublich – und auch aus der islamischen Zivilisation kommt. In einer Studie der Europäischen Union, die kürzlich veröffentlicht worden ist, „Experiences and perceptions of antisemitism“ –, wird statistisch nachgewiesen, dass nur – es ist schlimm genug – 13 Prozent der antisemitischen Attacken gegen Juden aus der rechten, aus der Naziecke kommen, aber 21 Prozent von links und sogar 30 Prozent aus der islamischen Diaspora.
Es ist gefährlich, wenn man sagt: Ich habe auch einen Juden als Freund! – Bitte, bringen Sie mich nicht in diese Ecke! In Amerika fühlte ich mich in der Jewish community am wohlsten, und ich war in meiner Karriere als erster Moslem am Holocaust Memorial Museum in Washington als Resnick Fellow for the Study of Antisemitism am Center for Advanced Holocaust Studies.
Wie kommt es dazu, dass es im Islam heute Antisemitismus gibt? – Bernard Lewis schreibt in seinem Buch „The Jews of Islam“, es gab im Mittelalter eine islamisch-jüdische Symbiose, eine kulturelle Symbiose zwischen Muslimen und Juden. Ein jüdischer Historiker schreibt, der Höhepunkt der Entwicklung der jüdischen Zivilisation war im islamischen Spanien.
Wie kommt es dazu, dass Menschen, die früher Freunde und Promotoren der Juden und der jüdischen Kultur waren, in Berlin jedes Jahr zum Jerusalemtag aufrufen und dort 3 000 bis 5 000 Muslime mit dem Ruf: Hamas, Hamas, Juden ins Gas!, demonstrieren? – Es gibt keine Verfolgung. Wenn Nazis das tun würden, würden sie im Gefängnis sitzen. Wie kommt es dazu? – Es gibt einen Konsens, dass wir alle, auch in diesem Kreis, es nicht wagen würden, den Nazi- und den rechtsradikalen Antisemitismus nicht zu verurteilen. Wenn man aber über den islamischen Antisemitismus redet, dann läuft man Gefahr, als islamophob bezichtigt zu werden. Den linken Antisemitismus, sogar in der Labour Party in Großbritannien, darf man nicht angehen – das ist nur Israelkritik und Kritik daran, wie die Israelis die Palästinenser behandeln. Das ist der Gegenwartsbezug meiner Ausführungen.
Wie gehe ich an diese Problematik heran? – Ich bin ein hybrider Mensch; hybrid heißt gemischt. Menschen werden in einem Wertesystem erzogen. Ich bin islamisch-arabisch in Damaskus aufgewachsen, ich wurde europäisch – im Sinne von Aufklärung – in Frankfurt, bemerkenswerterweise sogar mithilfe von jüdischen Gelehrten. Ich bin dem Erbe meines jüdischen Lehrers Max Horkheimer treu, der sagte, Europa sei eine Insel der Freiheit im Ozean der Gewaltherrschaft – Insel der Freiheit im Sinne von Demokratie und Aufklärung; zur Gewaltherrschaft gehört auch Antisemitismus. Europa, das freiheitliche Europa der Aufklärung, der Demokratie ist zu bewahren.
In Amerika habe ich eine dritte Sozialisation durchgemacht. Obwohl ich von 1982 bis 2009 Professor an der Universität Göttingen war, habe ich jeweils die Hälfte des Jahres in den USA verbracht. Ich war 18 Jahre lang an der Harvard University, und zum Abschluss war ich A.-D.-White-Professor an der Cornell University. Dort habe ich gelernt, die Welt anders zu sehen. Europäische Zivilisation und amerikanische Zivilisation sind verschieden, sie heißen: der Westen, aber sie sind nur ähnlich.
In Damaskus bin ich als Antisemit aufgewachsen. Ich bin Orientale geblieben, trotz wissenschaftlicher Ausbildung und wissenschaftlicher Aktivitäten. Orientalen berichten über einen Tatbestand mit einer Geschichte, und meine Geschichte fängt in Damaskus an. Ich habe mit meinem zwei Jahre jüngeren Bruder gerauft. Wer ist der Stärkere, ich oder mein kleiner Bruder? Wir haben manchmal brutal gekämpft. Meine Mutter, die eine liebe Frau war – sie hat mit Antisemitismus und Judenhass nichts zu tun; das ist die Kultur –, kam auf uns zu und sagte zu mir, weil ich der Stärkere war: Das ist kein Jude in deiner Hand! Behandle ihn nicht wie einen Juden, schlage ihn nicht! – In diesem Milieu bin ich aufgewachsen, und ich bin kein Einzelfall.
Ich war im vergangenen März hier in Wien beim Österreichischen Integrationsfonds und habe der Zeitung „Die Presse“ ein Interview gegeben, das unter der schönen Überschrift: „Einzelfall ist das hässlichste [...] Wort“ erschien. Wenn jugendliche Muslime in Berlin eine Synagoge schänden, sagt man, das sei ein Einzelfall oder sie wollten nur ihren Ärger über Gaza zum Ausdruck bringen. – Das ist Verdeckung des Antisemitismus. Die Ideologie des Einzelfalls verdeckt, was passiert ist.
Ich habe in einem Zeitraum von 40 Jahren in 22 islamischen Ländern gearbeitet, von Senegal bis Indonesien. In Senegal gibt es keinen Antisemitismus, in Indonesien gibt es keinen Antisemitismus, aber es gibt einen nahöstlichen, nicht nur arabischen, Antisemitismus – ich habe zwei Jahre in der Türkei gelebt und habe darüber gearbeitet –, im Iran, in der Türkei und in den arabischen Ländern mit Ausnahme von Marokko; in Marokko ist es besser. Es gibt einen nahöstlichen Antisemitismus. Mein jüdischer Kollege Jeffrey Herf hat voriges Jahr ein Buch veröffentlicht – wir haben es am Holocaust Museum vorbereitet –, es heißt „Antisemitism Before and Since the Holocaust“. Wir sind uns in dem über 350 Seiten dicken Buch einig, der Holocaust wird sich in Europa nicht mehr wiederholen. Die Europäer sind reif geworden, es gibt Nazis, es gibt Rechtsradikale, aber sie bestimmen nicht, wo es langgeht. Gott sei Dank wird so etwas in Europa nicht mehr stattfinden, aber wenn sich ein Holocaust wiederholt, dann wird das im Nahen Osten sein.
Es ist eine Tatsache: Ich bin Flüchtling – ich bin aus Syrien vor der Assad-Diktatur geflüchtet –, ich bin Moslem, ich bin Araber; ich bin also für Flüchtlinge, ich bin für Migranten, für den Islam, aber ich bin gegen Antisemitismus. Das ist kein Widerspruch. Ich habe den Begriff des zugewanderten Antisemitismus geprägt. In der Islamgemeinde in Europa gibt es einen sehr starken Antisemitismus, und wenn man darüber redet, wird man von einigen Kreisen mit dem Vorwurf konfrontiert, dass das Islamophobie ist.
Erlauben Sie, dass ich das so emotional sage: Meine Mutter hat mir auf ihrem Schoß im dritten Lebensjahr den Korantext beigebracht; vom dritten bis zum sechsten Lebensjahr, in drei Jahren, wurde ich alphabetisiert. Ich kenne den Koran auswendig, deswegen trage ich den Titel Hafis, das ist jemand, der den Koran auswendig kennt; der Islam fließt also in meinem Blut. Wie können manche Leute sagen, ich bin islamophob, nur weil ich den islamischen Antisemitismus kritisiere? Das müssen wir abwehren!
In diesem Buch, „Antisemitism Before and Since the Holocaust“, weisen wir nach und zeigen auf, dass der Antisemitismus Mutationen entwickelt. Er erscheint heute als Kritik an Israel, aber Israel wird zur Verkörperung des Weltjuden. Sehen Sie sich an, wie viel Israel in der Weltöffentlichkeit verurteilt wird! Schauen Sie, welches Unrecht überall in der Welt passiert! Ich bin gegen das, was die israelische Regierung gegen Palästinenser tut, das ist kein Problem, aber die Idee, dass Israel der Weltjude ist, den es auszumerzen gilt, ist nur ein Aufruf zu einem neuen Holocaust.
Wir müssen zwischen Islam und Islamismus unterscheiden. Islam gibt es seit dem 7. Jahrhundert, Islamismus gibt es seit 1928. 1928 wurde die Bewegung der Muslimbruderschaft in Ägypten gegründet, und heute gibt es diese Bewegung überall, auch in Österreich, auch in Deutschland, und sie ist sehr mächtig. Gestern war ich sehr verstört, als ich einen Artikel in einer Zeitung, die ich früher geschätzt habe, in der „New York Times“, gelesen habe. Präsident Trump hat entschieden, die Muslimbruderschaft als rechtsradikale und terroristische Bewegung einzustufen, er wird deshalb in der „New York Times“ als islamfeindlich kritisiert. – Ich verstehe die Welt nicht mehr! Ich kenne diese Bewegung von innen, und bereits in den Dreißigerjahren – da gab es Israel noch nicht – hat Hasan al-Bannā, der Begründer dieser Bewegung, zur Ausrottung der Juden aufgerufen. Wenn das kein Terrorismus ist, weiß ich nicht, was Terrorismus ist.
Es gibt heute eine Islamfeindlichkeit in Europa. Wir müssen sie bekämpfen, aber wir müssen gleichzeitig auch den islamischen Antisemitismus bekämpfen.
Die letzte Idee, die ich hier vortrage, habe ich 1993 an der Universität München vorgetragen. Es gab eine Ringvorlesung an der Universität München über den neuen alten Rechtsradikalismus; die Vorlesungen sind als Buch beim Piper Verlag erschienen. Ich trat dagegen auf, Islamfeindlichkeit und Antisemitismus gleichzusetzen. Muslime kommen nach Europa und bekommen Schutz, politischen Schutz, sozialstaatliche Betreuung. Ich weiß von keinem Mord an Muslimen in Europa, aber in Europa sind sechs Millionen Juden ermordet worden. Wenn man sagt, Muslime sind Opfer eines neuen Holocaust – nicht mehr die Juden, sondern auch die Muslime sind Opfer eines Holocaust –, ist das reine Ideologie. Ich habe damals, 1993, in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ – damit schließe ich ab – einen großen Artikel mit dem Titel „Falsche Parallele“ geschrieben. Die falsche Parallele ist, Antisemitismus mit Islamophobie gleichzusetzen; das ist reinste Ideologie.
Ich bin Moslem, ich verteidige den Islam, aber ich bin Begründer des jüdisch-islamischen Dialogs und ich verteidige im Namen des Humanismus das Leben der Juden nicht nur in Israel, sondern auch hier in Europa. Das jüdische Leben in Europa ist gefährdet, und ich weiß von Frankreich, wo ich regelmäßig bin: Viele Juden wandern aus Europa aus, weil sie sagen, es ist sicherer, in Israel zu leben als in Europa. Wenn aber eine Atombombe von Iran Richtung Israel schon geplant wird, ist das ein Holocaust. Wer das verleugnet, muss bestraft werden wie jeder Holocaustleugner. – Ich danke Ihnen. (Beifall.)
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Es folgt die musikalische Darbietung der Komposition „Wintermorgen“ aus: Kinderalbum, op. 39 von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky durch Nikola Djoric.
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Mag. Hannah Lessing: Einstellungen, Handlungen und Haltungen kann man nicht verordnen. Jede Generation muss aufs Neue ihre Lehren aus der Geschichte ziehen und sich ihr Bild von der Welt machen. Die Erfahrungen der Opfer des Nationalsozialismus können dazu beitragen, politische Sensibilität und das Bewusstsein für gefährliche Entwicklungen in der Gegenwart zu schärfen.
Als Vorsitzender des Nationalfonds unterstützt Nationalratspräsident Mag. Wolfgang Sobotka die Weitergabe der Erinnerung und das Lernen aus der Geschichte in besonderer Weise. Wir haben auch erlebt, wie sehr er den Überlebenden selbst verbunden ist. Dieses Hinschauen, diese große Empathie und Unterstützung, die viele damals Verfolgte und Vertriebene heute aus dem Herzen dieser Republik erfahren, ist ein wichtiges Zeichen. Es bedeutet viel für die Überlebenden, aber ebenso viel für dieses Land. Ich darf nun das Wort übergeben. – Bitte, Herr Präsident.
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Abschlussworte des Präsidenten des Nationalrates der Republik Österreich
Präsident des Nationalrates Mag. Wolfgang Sobotka: Werte Überlebende! Zeitzeuginnen und Zeitzeugen! Sehr geehrter Herr Bundeskanzler! Herr Präsident! Frau Präsidentin! Werte Regierungsmitglieder! Werter Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Oskar Deutsch! Werte Ehren- und Festgäste! Denken, so vermeint der Duden, ist eine menschliche Fähigkeit, erkennen und sich darauf ein Urteil bilden, quasi eine Gedächtnisleistung, verbunden mit abstrakter und logischer Symbolverarbeitung, ein Reden im Stillen, ein Sprechen im Stillen, das die zeitliche Dimension in ganz besonderer Art und Weise berücksichtigt. Wenn man die aktuelle Situation ansieht, vermeint man oftmals, dass dieser menschlichen Fähigkeit nicht genügend Raum gegeben wird. Man bedient Vorurteile, man verwendet Parolen und Verkürzungen; die Erkenntnis und das Urteil darüber fallen dementsprechend flach aus.
Es gibt eine ganze Reihe von Unterbegriffen des Denkens: das Andenken, das Ausdenken bis zum Zurückdenken. Alle gehen sie von dem durch Descartes geprägten Philosophenspruch „cogito ergo sum“ aus; erkennen und sich ein Urteil bilden.
Ich möchte drei Begriffe herausgreifen, die mir gerade an diesem heutigen Tag wichtig erscheinen: das Bedenken, das Gedenken und das Vorausdenken. Der heutige Tag ist ein Gedenktag, ein ganz besonderer Gedenktag. Wir gedenken jener Menschen, die in den Jahren 1938 bis 1945 in den Konzentrationslagern gelitten haben, denen die Persönlichkeit geraubt wurde, jener Menschen, die ermordet wurden. Wir gedenken auch jener Menschen, die das überleben konnten, aber heute nicht mehr unter uns sind, die uns aber als Zeitzeugen – das ist heute schon mehrmals erwähnt worden – vieles mitgegeben haben und gerade Österreich Zug um Zug geholfen haben, zu seiner Vergangenheit zu stehen.
Wir gedenken der Millionen Jüdinnen und Juden, die im Naziregime ums Leben gekommen sind, der Roma, der Sinti, wir gedenken der Homosexuellen, der politisch Verfolgten, der Zeugen Jehovas und der Behinderten. Wir gedenken aber auch der Kriegsgefangenen, die ganz entgegen den damaligen Kriegsrechten behandelt wurden, und wir schließen auch jene in dieses Gedenken mit ein, die an den Gerichtshöfen durch ein Unrechtsregime verurteilt und hingerichtet wurden. Wir wollen auch jener gedenken, die geholfen haben, die damals – so wie es Barbara Glück erwähnt hat – den Mut aufgebracht haben, den wir uns selbst heute vielleicht gar nicht zutrauen, die Gerechte geworden sind. Wir gedenken jener, die Widerstand geleistet haben.
Dieses Gedenken darf sich aber nicht in der Errichtung von Gedenktafeln erschöpfen, so wichtig und notwendig sie sind, und ich hoffe, dass gerade das Denkmal der Schoah in Wien bald fertig sein wird. Es darf kein Ritualisieren sein, kein formalisiertes Gedenken, sondern es braucht ein empathisches, ein tief empfundenes, eines, das man auch weitergeben kann. Wer jemals den Raum in Yad Vashem betreten hat, in seinem Halbdunkel, in der Stille gefangen wurde, der weiß, dass man in der Stille am intensivsten denken und gedenken kann; die Gedanken setzen lassen und sich daraus ein Urteil bilden.
Ich denke aber, ein Tag wie heute ist auch ein Tag des Bedenkens. Die Fragen wurden auch schon von meinen Vorrednern aufgeworfen: Warum? Wie ist das eigentlich möglich gewesen? – Je länger man sich mit dieser Thematik befasst, desto unvorstellbarer wird dieses Geschehen, unnachvollziehbarer. Wir sehen die Fakten, wir müssen dieses Unrechtsregime in einer entmenschlichten Form, wie es sich nie vorher und nie nachher gezeigt hat, zur Kenntnis nehmen, aber es bleibt unfassbar.
Es gibt aber in der Analyse – und sie wird nicht enden – natürlich auch ganz klare Kennzeichen dafür, was dazu geführt hat. Das war das Gift des Antisemitismus. Deborah Lipstadt bezeichnet den Antisemitismus in ihrem neuen Buch nicht nur als einen Hass gegen Juden. Der Antisemitismus ist eine gesellschaftliche Grundhaltung. Es ist rassistisch, es ist fremdenfeindlich, es ist vor allem auch antidemokratisch und auch antimuslimisch, es ist autoritär, es ist patriarchalisch. Es ist eine Vielzahl von Eigenschaften, und es auf einzelne zu reduzieren, ließe uns zu kurz greifen. Es war sicherlich ein Chauvinismus, ein Nationalismus, und Rathenau hat es weit vorher so bezeichnet: Der deutsche Patriotismus hat sich in seiner aggressivsten Form gezeigt, indem er die Liebe zum Heimischen in den Hass gegen Fremdes gekleidet hat.
Grund waren sicherlich die Gedanken: Herrenmenschen und Untermenschen und dass kein Vertrauen in die Fähigkeit, Konflikte durch Verhandeln, durch Reden, durch ein Aufeinanderzugehen zu lösen, gefunden wurde. Es waren sanktionslose, rechtsfreie Räume, wie Jörg Baberowski in seinem Buch „Räume der Gewalt“ nachgewiesen hat, und – was mir am Wesentlichsten erscheint – es gab keine starke durchgängige demokratische Haltung. Da genügt ein Parlament nicht.
Dieses Bedenken wirft weitere Fragen auf: Warum haben wir so lange gebraucht, bis wir aus unserer Opferrolle heraus auch anerkennen konnten, dass es Täter aus Österreich gewesen sind? Warum haben wir die Leute, die wir vertrieben haben, nach 1945, nach 1950, nach 1955 nicht zurückgeholt? Warum haben wir so lange gebraucht, bis wir im Rahmen des Nationalfonds eine Anerkenntnis für jene finden, die sich heute noch in aller Welt als Opfer des Holocaust zu erkennen geben? Heute wie damals vor 25 Jahren ist der Nationalfonds ein ganz besonders wichtiges Instrument des österreichischen Parlaments, und ich danke Hannah Lessing und all ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern für ihre jahrelange intensive Arbeit. (Beifall.)
Wir müssen uns fragen: Warum gibt es noch immer keine vollständige Aufarbeitung des Geschehens nach 1945? Es geht immer wieder um Erkenntnis und sich daraus ein Urteil bilden. Es wird weiter zu bedenken sein.
Es ist für mich auch ein Tag des Vorausdenkens, des öffentlichen Vorausdenkens: Wie können wir auch den nächsten Generationen ein Gedenken mitgeben? Ich darf mich bei der Direktorin der Gedenkstätte Mauthausen ganz herzlich bedanken, bei Barbara Glück, die es mir ihren MitarbeiterInnen versteht, das durch Vermittlung auch die nächsten Generationen so hautnah erleben zu lassen, durch dieses persönliche Erlebnis des Eintauchens in eine kollektive Verantwortung mitzunehmen und sich in einer intensiven Diskussion gedanklich damit auseinanderzusetzen – nicht an der Oberfläche, nicht nach den ersten Zurufen, nicht nach Parolen von links und rechts zu urteilen.
Ich darf mich bei den Komponistinnen und ihren Interpreten für die künstlerischen Interventionen bedanken. Sie zeigen uns, dass es möglich ist, dieses Gedenken auch in eine neue Zeit zu führen.
Ich bedanke mich bei Professor Bassam Tibi. Wir haben eine Studie machen lassen und werden sie alle zwei Jahre wiederholen: Wie steht es mit dem Antisemitismus in Österreich? – Wir sehen, und das zeigt sich durchaus auch, dass unsere Bemühungen nicht umsonst sind, dass der traditionelle Antisemitismus Gott sei Dank ein wenig zurückgeht. Wir sehen aber im gleichen Atemzug, dass sich ein neuer Antisemitismus zeigt – in seiner Art hat ihn Bassam Tibi schon weit vor 9/11 entsprechend wissenschaftlich bearbeitet. Necla Kelek hat uns lange Zeit Permissivität vorgeworfen, dass wir nicht darauf reagieren, dass wir Parallelgesellschaften, autoritären Strukturen in Familie und Gesellschaft nicht entsprechend Einhalt gebieten. Daher ist es für mich ganz wesentlich, dass wir aus dieser Haltung heraus auch sehen, welche Aufgaben wir heute haben. Trotzdem habe ich eine ganz große Zuversicht, dass wir diese Herausforderungen meistern.
Ich bin Ihrer Meinung, dass es in Europa – ich hoffe das – keinen Holocaust mehr geben wird. Worauf gründet sich meine Zuversicht? – Es sind drei ganz wesentliche Momente: die Bildung, die starke Demokratie und das Gesetz. Ich denke, wir haben eines der schärfsten Gesetze, das Wiederbetätigung verhindert. Das reicht aber nicht aus. Wir sehen gerade in dieser Studie, dass junge gebildete Österreicherinnen und Österreicher mit und ohne Migrationshintergrund ganz einfach weniger antisemitisch sind; daher ist dieser Auftrag der Bildung in jeder Form, von der Familie bis hin zu den Vereinen, von der Schule bis zu den Universitäten, nahtlos zu erfüllen.
Ich sehe eine starke demokratische Struktur. Vergleichen Sie die Zwanzigerjahre, die Dreißigerjahre mit unseren gesellschaftlichen Strukturen! Wir haben heute in nahezu allen Familien ein demokratisches Prinzip, in unseren Gesellschaften, in unseren Vereinen, in unseren Schulen, in unseren Betrieben und vor allem auf den verschiedensten Ebenen der politischen Entscheidungsträger. Das macht mich zuversichtlich, gibt mir die Zuversicht – wie es heute schon angesprochen wurde: wir gehen in einen Tunnel hinein und sehen Licht am Ende des Tunnels –, dass wir unseren historischen Herausforderungen des Gedenkens, des Bedenkens und auch des Vorausdenkens gerecht werden.
Ich darf mit einem Gedanken schließen, den ich seit Langem immer wieder höre, zuletzt vor einer Woche von einem Begleiter bei einer Wallfahrt auf den Sonntagberg. Er ist mir auch besonders deshalb in Erinnerung geblieben, weil sich die Wallfahrer mit stillem Nicken einverstanden erklärt haben; woher die Weisheit kommen mag, mögen andere entscheiden: Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden zu deinem Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.
In diesem Sinne möchte ich Sie ermuntern, sich nicht nur heute, sondern auch an all den anderen 364 Tagen dessen bewusst zu sein, dass wir einen Auftrag haben – jeder einzelne von uns. (Beifall.)
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Mag. Hannah Lessing: Die Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus des Jahres 2019 neigt sich dem Ende zu. Seit den Jahren des Nationalsozialismus ist nun schon fast ein Menschenleben vergangen, dennoch zeigt sich nur allzu deutlich, dass Rassismus und Antisemitismus, die wesentliche Elemente nationalsozialistischer Herrschaft waren, nicht verschwunden sind; sie bestehen in den Köpfen zu vieler Menschen fort und drohen zu erstarken. Doch wenn die Erinnerung, so wie heute bei dieser Gedenkveranstaltung, von jungen Menschen mitgetragen wird, dann ist das ein Anlass zur Hoffnung, dass die Lehrerin Geschichte auch künftig Schüler findet.
Ich möchte Ihnen nun, sehr verehrte Damen und Herren, bevor Sie nach dem nun folgenden abschließenden Musikstück diesen Saal verlassen, folgende Worte aus den Pirke Avot, den Sprüchen der Väter, aus dem Talmud mit auf den Weg geben: „Jeder einzelne soll sich sagen: Für mich ist die Welt erschaffen worden, daher bin ich mit verantwortlich.“ Den Menschen verbindenden Geist, der in diesen Worten liegt, finden wir nicht nur im Judentum, er ist universell für uns alle gültig. Nehmen wir daher diese Worte mit uns hinaus und tragen wir sie weiter. (Beifall.)
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Abschließend folgt die musikalische Darbietung der Komposition „Morgengebet“ aus: Kinderalbum, op. 39 von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky durch Nikola Djoric.
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Schluss der Gedenkveranstaltung: 12.42 Uhr