Trauerrede der Zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures anlässlich der Verabschiedung von Richard Wadani – Träger des Ehrenzeichens für Verdienste um die Befreiung Österreichs

Dienstag, am 12. Mai 2020

– es gilt das gesprochene Wort –

Es ist schon eigenartig.
Als Kind hörte ich oft von Helden­geschichten. Ich hörte von ihrer Über­men­schlich­keit, sie können fliegen, ja ganze Berge versetzen.

Und im Laufe meines Lebens erfuhr ich – nach und nach – wer die wirklichen Helden der Geschichte sind. Und dass das, was sie so besonders macht, in erster Linie eines ist: ihr großes und starkes Herz. Dass sie nicht übermenschlich, sondern einfach ganz besonders menschlich sind.

Einer dieser wirklichen Helden hat uns am 18. April verlassen: Richard Wadani. Träger des Ehrenzeichens für Verdienste um die Befreiung Österreichs.

Liebe Frau Linde Wadani, lieber Herr Richard Wadani Junior, der Sie aus Australien gekommen sind, um sich von Ihrem Vater zu verabschieden und Ihre Mutter zu stützen.
Geschätzte Trauergemeinde!

Vor Ihnen muss ich Richards Kampf, der lange über die Befreiung Österreichs hinaus ging, nicht erläutern. Wir alle wissen von seiner Geschichte, wie er ganze Berge versetzt hat.

Als Linde Wadani mich gebeten hat heute zu sprechen, verspürte ich eine große Verantwortung und eine ganz besondere Ehre. Eine Verantwortung, mich im Namen der Republik Österreich, die ihm die Anerkennung für sein Leben erst viel zu spät gegeben hat, zu bedanken und ihn zu würdigen. Eine Ehre, mich als Mensch vor Richard Wadani ein letztes Mal verneigen und verabschieden zu dürfen.

Ja, Österreichs Nach­kriegs­geschichte ist keine, auf die wir immer stolz sein können. Es waren Anti­faschisten wie Richard Wadani, die nicht aufgehört haben, uns einen Spiegel vor zu halten, zu sagen: „Seht euch an! Ist das das Österreich, das ihr sein wollt?“

Lange haben wir weggeschaut, ja die Spiegel zerschlagen. Doch diese Helden hatten einen starken, einen entschlossenen Charakter und eine nicht enden wollende Kraft. Damit haben sie in unserem Land wahrlich Großes bewegt. Dass Richard die späte Rehabilitierung erleben durfte – etwas das wir vielen Opfern der NS-Militärjustiz nicht ermöglicht haben – das stützt unser Herz in diesen Tagen.

Als Präsidentin des Nationalrates durfte ich dem Personen­komitee „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“ vor drei Jahren den Demokratiepreis des Parlaments überreichen. Damals konnte ich Richard Wadani meine Hochachtung und meinen tiefen Respekt auch wissen lassen. Dafür bin ich dankbar!
Bei dieser Feier stellte mir Richard „seine Linde“ vor. So weiß ich, dass ein Teil seiner Kraft in der Stütze von Linde ruhte. Und so gilt mein Respekt auch Ihnen: für Ihr Wirken, Ihre Geduld, Ihre Stärke, Ihre Hingabe.

Frau Wadani, kurz nach dem Ableben Ihres Mannes haben Sie mir geschrieben. Sie haben mir geschrieben, mit welchem Satz Richard seine Biographie signiert hat: „Es war ein langer mühsamer Weg, aber er hat sich gelohnt“. Dass er so empfinden konnte, auch das soll uns in diesen traurigen Stunden Trost geben.

Richard und Linde lernten sich in der Freien Jugend Österreich kennen. Wie man sich halt damals kennengelernt hat: beim Tischtennis spielen. In Richards Biographie liest sich vom ersten Treffen folgendes: „Es war ein Riesenhallo! Wir zwei gegeneinander! Ihr Anhang hat immer nur geschrien: „Richard, sei galant, sei galant! Du kannst doch nicht gewinnen und so!“ Und mein Anhang hat gebrüllt: "Richard, bleib hart, bleib hart!“
Am Ende haben Sie beide gewonnen. Nämlich sich gegenseitig. Und waren von nun an immer miteinander.

In Richards Biographie findet sich kurz nach dieser Passage ein Foto, das mir in Erinnerung geblieben ist: ein Foto vom 1. Mai 1956. Die beiden, Linde rechts, Richard links, tragen rote Fahnen beim Maiaufmarsch der KPÖ. Im Jahr nach diesem Maiaufmarsch kam Richard Junior zur Welt – sein ganzer Stolz. Und sie heirateten: am 19. April 1957. Der 19. April. Richard starb in der Nacht auf euren 63. Hochzeitstag.

Auf der Parte las ich die so treffenden politischen Zeilen von Bert Brecht. Und so nahm ich mir gestern Abend, seit langem wieder, meinen Gedichtband von Bert Brecht zur Hand. Und fand, neben den vielen politischen Texten, auch sein viertes und letztes Liebeslied, das ich Ihnen heute mitgeben möchte.

„Die Liebste gab mir einen Zweig
Mit gelbem Laub daran.
Das Jahr, es geht zu Ende
Die Liebe fängt erst an.“

Unser Land verdankt Richard Wadani so Vieles. Auch ein Denkmal für so viele, die doch viel zu wenige waren.

Und so werden wir diesem Helden der Geschichte, als mutigen, aufrichtigen und lebensfrohen Humanisten der er war, selbst ein großes Denkmal setzen. Dort, wo es die größte Wirkung zeigt: in unseren Herzen.