Montag, 19. Februar 2024
Es gilt das gesprochene Wort.
Präsident Mag. Wolfgang Sobotka: Meine sehr geehrten Damen und Herren! Sehr geehrter Herr Professor! Werte Verlagsvertreter! Lieber Bundesratspräsident außer Dienst Kneifel! Es freut mich, dass so viele der Einladung gefolgt sind. Das Thema ist offenbar sehr, sehr prickelnd und weckt großes Interesse.
Warum findet die Buchpräsentation im österreichischen Parlament statt? Wenn Sie sich die Forschungslandschaft von Professor Sandgruber vor Augen halten, dann sehen Sie einen, der nicht nur die historische, sondern auch die sozialhistorische Forschung in Österreich in seinem Œuvre ganz maßgeblich beeinflusst und getragen hat. Das ist auch für uns der Grund gewesen: Es geht nicht nur um das biografische Detail, sondern es geht letzten Endes auch darum, diese Epoche zu charakterisieren, die auf der einen Seite in der Ersten Republik – wenn Sie sich unser Besucherzentrum ansehen, kennen Sie die Geschichte – gerade mit der Demokratie und der Geschichte der Demokratie aufs Engste verwoben ist. Das Zweite, was uns natürlich auch in ganz besonderem Maße interessiert, ist das jüdische Kulturleben dieser Zeit.
Wir haben gerade, was das Thema Antisemitismus anlangt, einen Schwerpunkt in unserer Bibliothek darauf gelegt. Das ist eine Ausstellung mit Yad Vashem, die gerade im Umbau ist. Antisemitismus als solcher ist demokratiefeindlich, und wenn man die Gefahren für die Demokratie bekämpfen möchte, dann ist es eine der primärsten Aufgaben des öffentlichen Lebens, gerade in der Situation, in der wir heute sind, gegen den Antisemitismus Stellung zu beziehen. Wir haben heute einen Antisemitismus von rechts – den kennen wir seit langer Zeit –, aber auch einen von der linken Seite, der sich heute wie jener in migrantischer Form ganz verheerend als Antizionismus und Antiisraelismus zeigt.
Das heißt, es ist für uns immer eine ganz wesentliche Aufgabe, die Geschichte des Judentums in seinen verschiedenen Facetten im österreichischen Parlament heimisch werden zu lassen. Der Präsident des österreichischen Parlaments ist zugleich auch der Vorsitzende des Nationalfonds und des Friedhofsfonds.
Wenn wir heute den Währinger Friedhof betrachten – ich weiß nicht, wer von Ihnen ihn kennt –, so ist das nicht nur ein Friedhof, sondern er ist Kulturgeschichte und Geistesgeschichte des Biedermeiers bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Das hat sehr viel mit unserem Haus zu tun. Die Familien Ephrussi und Epstein sind dort bestattet. Es erschließt sich ein ganzer Kosmos, der durch die Nazis zerstört wurde und durch die Stadt Wien leider Gottes nicht mit der nötigen Wertschätzung wiedererrichtet wurde, sondern ganz im Gegenteil: Man hat die zerstörten Gräber mit einem Wohnblock versehen. Wenn man weiß, was Gräber im Judentum bedeuten, weiß man diese Tat noch einmal besonders einzuschätzen.
Unsere heutige Aufgabe ist es, das in unserer Geschichte ganz klar zu machen und auch die Ableitungen für heute zu treffen. Wir werden in Kürze den Simon-Wiesenthal-Preis vergeben, jenen Preis, der das zivilgesellschaftliche Engagement unserer Gesellschaft gegen Antisemitismus in besonderer Art und Weise hervorhebt. Wir sehen, dass auch in den Bereichen der Bevölkerung, wo überhaupt keine Jüdinnen und Juden gelebt haben, der Antisemitismus genauso vertreten ist, wie auch in Städten und urbanen Bereichen, wo man Jüdinnen und Juden angetroffen hat. Wir wissen, dass das seit 2 000 Jahren eine negative Kulturtradition ist, die so schwer auszurotten und zu bekämpfen ist.
Es ist uns heute ein besonderes Anliegen, diese Zeit der Zwanzigerjahre und auch der Familien Rothschild darzustellen. Professor Sandgruber ist in ganz besonderem Maße ein Kenner der Familien Rothschild. Das Buch, das diesem vorangegangen ist, ist ja eigentlich der Auftakt dazu, diese Familien darzustellen, die ganz wesentlich Jüdisches, Österreichisches, Kulturelles und Wirtschaftliches miteinander verbunden haben und auch für den Aufstieg Österreichs im 19. Jahrhundert mitverantwortlich gewesen sind.
In diesen Ausprägungen sind für mich die Zwanziger- und Dreißigerjahre besonders interessant, weil ich aus einer Region komme, in der die Rothschilds bis vor Kurzem eigentlich sehr, sehr vieles geleistet haben und lange Zeit Waidhofen an der Ybbs und das ganze Ybbstal in besonderer Art und Weise nicht nur gepflegt, sondern mitentwickeln geholfen haben. Sie haben nach 1918 Hervorragendes geleistet, um die Hungersnot zu lindern. Darüber hinaus ist bis heute das Rothschild-Schloss ein Ort der Begegnung und auch der Aufarbeitung der Regionalgeschichte.
Die soziale Einstellung zeigt sich vor allem auch darin, dass die Rothschild‘schen Forstbetriebe dem Staat überlassen und überantwortet wurden und so sämtliche Arbeiter, die dort beschäftigt waren, zumindest eine Pension bekommen haben. Die Familie hat diesbezüglich auf alles verzichtet. So sehen Sie, dass die Familie Rothschild gerade in der Kultur- und Sozialgeschichte eine besondere Rolle für Österreich und auch für meine Heimatregion gespielt hat.
Ich bin schon ganz gespannt darauf, zu erfahren, was heute quasi unsere besondere Aufmerksamkeit erregen wird. Ich bin überzeugt davon, dass dieses Buch nicht nur Eingang finden wird, sondern ein tieferes Verständnis dieser Jahrzehnte mit sich bringt.
In diesem Sinne: Herzlich willkommen im österreichischen Parlament! Ich darf Sie auch sonst gerne einladen, etwa mit einem QR-Code, den Sie sich einfach zu Hause von der Homepage herunterladen können. Sie können auch jederzeit kommen, wir haben stets von 9 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Von Montag bis Samstag stehen Ihnen 80 Stunden Inhalt in unserem Besucherzentrum zur Verfügung, wo auch diese Themen historisch beleuchtet werden.
Ich freue mich, dass wir heute dieses Buch, ein Juwel der österreichischen Buchgeschichte, präsentieren können. In diesem Sinne darf ich das Wort wieder an Sie zurückgeben. (Beifall.)