Eröffnung der Ausstellung „Aus dem Leben gerissen. Schicksale österreichischer Jüdinnen und Juden nach dem Anschluss 1938“

Präsident Mag. Wolfgang Sobotka: Meine sehr geehrten Damen und Herren! Lieber Dani Dayan! Es ist eine große Ehre, dass Sie die Reise auf sich genommen haben. Ich weiß nicht, zum wievielten Male Sie in diesem Jahr schon in Österreich sind. Sehr geehrter Herr Botschafter, werte gnädige Frau! Lieber Ossi! Lieber Jaron! Ich freue mich, dass die Delegation aus Yad Vashem mitgekommen ist. Einige dieser Gegenstände durfte ich bei meinem Besuch schon sehen und auch erkennen, was eigentlich die Intention dieser Ausstellung ist.

Für mich ist das heute ein ganz besonderer Tag. Wir haben am Nachmittag schon mit unserer Sitzung des Kuratoriums des Nationalfonds quasi unsere Periode abgeschlossen, auch das novellierte Gesetz mit einer Konferenz in Kraft gesetzt und uns damit auseinandergesetzt: Was ist unsere Aufgabe?

Vor mehr als 25 Jahren, eigentlich genau 1995 gegründet, hat dieser Fonds bis heute eine bedeutende Aufgabe entwickelt und viele Initiativen getragen. Er ist im Parlament angesiedelt, und der jeweilige Präsident darf dort den Vorsitz führen. Es ist für uns gerade in dieser Zeit so wichtig, eine große Zahl von Mitstreitern zu finden, die Antisemitismus zu bekämpfen helfen.

Diese Ausstellung ist in diesem großen Puzzle ein ganz besonderer Baustein; ich würde nicht Schlussstein sagen, aber sie ist ein besonderer Baustein geworden. Die Artefakte, die hier gezeigt werden, erinnern mich daran, als ich das erste Mal im Konzentrationslager Mauthausen gewesen bin und mir der in dieser damals noch nicht sehr ausgestalteten Gedenkstätte Hans Maršálek eine Brille gezeigt hat und gemeint hat: Was bedeutet sie eigentlich? Er hat durch diese Brille eine ganze Geschichte erzählt, wem sie gehört hat, wessen Schicksal dahintersteht und was das heute für uns bedeutet.

So ist es auch bei diesen Gegenständen. Wir haben uns gerade in der Säulenhalle das eine oder andere schon vorweg ansehen dürfen und auch gesehen, mit welcher Bedachtsamkeit diese Gegenstände ausgewählt wurden. Daher auch dem Kurator ein herzliches Dankeschön, in welcher Form er die Gegenstände ausgewählt hat, die auf den ersten Blick scheinbar nicht den Kosmos erschließen, der sich dahinter verbirgt, und die für uns heute, wenn wir sie richtig einordnen und in den richtigen Konnex bringen, die ganze Tragik des Jahres 1938, das schon viel früher begonnen hat, verdeutlichen.

Dass diese antisemitische Haltung, die Hunderte Jahre alt ist, eine Ausformung wie im Jahre 1938 und in den folgenden Jahren genommen hat, war vorweg zwar erkennbar, aber in der Tragweite nicht wirklich erahnbar. Bei diesem Vernichtungswahn, dem industrialisierten Massenmord an Jüdinnen und Juden und auch an anderen Opfergruppen unter dem Nationalsozialismus war Österreich nicht nur ein Opfer, sondern vielfach auch ein Täter und hat einen ganz besonderen Anteil gehabt.

Das muss Österreich in seiner Verantwortung – und wo am besten als im österreichischen Parlament, das letzten Endes die gesamte Republik repräsentiert? – auch zum Ausdruck bringen. Es ist diese Verantwortung vor der Zeit des 9. November 1938, als sich dann dieser Hass in der Pogromnacht entladen hat. Was aber davor schon immer wieder in der Haltung klar spürbar gewesen ist, hat sich in ungeheurer Kraft und negativer Energie wie eine Welle über unsere Landsleute ergossen.

Zuvor war die jüdische Gemeinschaft 200 000 Menschen stark, heute haben wir 9 000, 10 000. Ich hoffe, es werden mehr. Wir nehmen gerne auch jene auf, die aus der Ukraine oder aus anderen Ländern kommen, damit sie hier eine sichere und eine für sie lebenswerte Heimat finden.

Uns freut es, dass viele von dem Recht Gebrauch gemacht haben, die Doppelstaatsbürgerschaft wieder anzunehmen, und sie und auch die Kinder und Kindeskinder wieder zu ihrer alten Heimat einen Bezug zu suchen pflegen. Für uns ist das ganz wichtig, um zu zeigen, dass Österreich aus der Geschichte wirklich die richtigen Lehren gezogen hat, um auch klar unsere Verantwortung im Gesamten zu unterstreichen und das Nie-wieder nicht nur in der Ausstellung, sondern aus Aktualitätsgründen zu leben.

Es war, als wir die Pläne gehegt haben, diese Ausstellung zu gestalten, nicht klar, was für einen grausamen Bezug es hat, gerade in diesem Jahr diese Ausstellung zu zeigen. Niemand wurde gewahr, was am 7. Oktober 2023 passiert ist. Die Kooperation mit Yad Vashem, für die wir sehr dankbar sind, geht, wie schon Frau Junger betont hat, schon weiter zurück, und heute hat gerade diese Arbeit eine ganz andere und eine viel tiefere Bedeutung.

Wenn der Botschafter des Staates Israel nicht müde wird, auch überall zu erklären, was sich heute in Israel wirklich ereignet, wie purer Antisemitismus das jüdische Volk in allen umfänglichen Situationen bedroht, so darf es nicht seine Aufgabe und seine primäre Aufgabe sein, sondern muss es unsere Aufgabe sein, dem auch couragiert entgegenzutreten. From the River to the Sea!, ist in Österreich einfach untragbar und darf in dieser Form nicht zum Ausdruck gebracht werden! (Beifall.)

Ich habe das auch ganz klar in einem offenen Brief an den Österreichischen Rundfunk zum Ausdruck gebracht: Jemanden, wie es im Radio war, alleine als sogenannten Botschafter auftreten zu lassen – ich weiß nicht, welchen Staates, aber als Palästina benannt –, der ohne Entgegnung seinen Antisemitismen, seiner Täter-Opfer-Umkehr, letzten Endes auch seinen Fantasien dieser Verschwörungsmythen freien Lauf lassen kann, ist untragbar.

Auch das Interview in der „ZIB 2“! Schon alleine die Einladung halte ich am Jahrestag des 7. Oktober 2023 und im Jahr 2024 für eine wirklich beschämende Aktion unseres öffentlichen Rundfunks. Ich werde das auch nicht hinnehmen und das sowohl dem Stiftungsrat als auch dem Publikumsrat sehr deutlich zur Kenntnis bringen. (Beifall.)

Ich brauche dafür viel Unterstützung, wenn ein Konflikt länger dauert, wenn ein Konflikt letzten Endes diese Bilder produziert, die wir sehen, wenn undifferenziert von 40 000 gesprochen wird, die gestorben sind, und nicht differenziert wird, wie viele Kämpfer dabei gewesen sind. Wir sehen Bilder, und die sehe ich gerade durch unsere Medien, die das auch transportieren: Das sind Zivilisten, die sind nicht als Kämpfer erkenntlich.

Dann braucht es auch eine klare Erklärung, wie das passiert, dann braucht es auch ein Dazustehen, dass es ein Guerillakrieg ist. Wie man einen Guerillakrieg bekämpft, in dem tagtäglich von denen, die ihn führen, auch Kriegsverbrechen begangen werden, dafür kann Israel letzten Endes nicht als Schuldiger herangezogen werden. Das muss auch immer wieder betont und unterstrichen werden.

Mir ist es ganz wesentlich, in dieser Form auch zum Ausdruck zu bringen, dass Österreich, das offizielle Österreich auch eine klare Haltung hat. Gerade wenn wir so eine Ausstellung von Yad Vashem zeigen, muss uns mehr denn je bewusst sein, dass wir diesem größten genozidalen Verbrechen des Vorjahres nach der Schoah hier nicht nur das Gedenken und das Erinnern ermöglichen, sondern auch die Aktivität an den Tag legen, dagegen aufzutreten.

Es wird nicht mit dieser Ausstellung zu Ende sein, es wird nicht mit unseren Aktionen zu Ende sein. Wir werden den Simon-Wiesenthal-Preis wieder im März vergeben können. Wir haben heute auch die Preisträger, die von der Jury vorgeschlagen wurden, beschlossen. Wir werden sehen, dass es vielleicht ein Stück des Weges ist, um Leute zu ermutigen, in der gesamten Breite der Gesellschaft dagegen aufzutreten, aber es soll uns heute ein Auftrag sein, auch unsere Besucher damit zu konfrontieren. Die Ausstellung wird auch in die Führung eingebaut, und es ist wesentlich, dass Menschen, die zu uns kommen, sich mit dieser Situation konfrontieren.

Nur Bildung, nur Wissen darüber ermöglichen es – das zeigen unsere Forschungen sehr klar –, diese antisemitischen Einstellungen zu reduzieren. Und das muss unser Anspruch sein. Diese Ausstellung gemahnt uns. Wenn Sie sich die einzelnen Geschichten dort vor Augen halten und lesen, dann ist das nicht Geschichte, dann ist das Heute, dann ist das für uns heute der Auftrag.

Ihnen das zu erzählen, bin ich falsch am Platz. Ich muss das draußen tun, und Sie können sich darauf verlassen, in welcher Funktion auch immer ich tätig sein werde, ich werde das nicht im Geheimen tun, nicht im Kreis der Mitstreiter, sondern dort, wo man es nicht hören will.

In diesem Versprechen können Sie mich auch beim Wort nehmen, lieber Dani Dayan. Vielen Dank für eure große Kooperationsbereitschaft! Yad Vashem war für uns immer ein Vorbild, wie man etwas darstellt, wie man Menschen berührt, wie man auf Menschen zugeht, welche Möglichkeiten sich in der Vermittlung, in der Forschung und letzten Endes auch in der Darstellung eröffnen. Daher auch ein herzliches Dankeschön für Ihr und für euer Engagement. Es seien alle Mitarbeiter herzlich inbegriffen. In diesem Sinne freue ich mich schon auf den heutigen Abend. (Beifall.)