Transkript der Veranstaltung:

Buchpräsentation: Wirtschaft. Steiermark. Zwischen Utopie und Realität

Nadja Bernhard (Journalistin, ORF): Meine Damen und Herren, ich darf Sie im Namen von Bundesratspräsidenten Christian Buchmann sehr herzlich zu dieser Veranstaltung, zu dieser virtuellen Buchpräsentation „Wirtschaft. Steiermark. Zwischen Utopie und Realität“ begrüßen. Wir werden Ihnen nicht nur dieses Buch vorstellen; es wird dann als Grundlage dienen, darüber zu diskutieren, wie es die Steiermark geschafft hat, von einer relativ abgegrenzten, auch größtenteils verarmten Region an der Grenze, am Rande, zu einem international kompatiblen, offenen Wirtschaftsstandort zu werden und sich da zu etablieren.

Aufgrund von Corona findet die Veranstaltung natürlich virtuell statt, ich darf aber jetzt ein paar Leute begrüßen, natürlich allen voran den Gastgeber, Bundesratspräsident Christian Buchmann. (Beifall.)

Wir freuen uns sehr auf seine Präsentation des Buches, der Autor ist hier: Univ.-Prof. DDr. Michael Steiner. (Beifall.) Am Podium teilnehmen werden auch Bundesratsmitglied und Landesvorsitzender des ÖGB Steiermark Horst Schachner – ich freue mich sehr (Beifall) – sowie Präsident der Wirtschaftskammer Steiermark Ing. Josef Herk – willkommen! (Beifall) – und last but not least die Geschäftsführerin des Mobilitätsclusters ACstyria Dipl.-Ing.in Christa Zengerer – willkommen! (Beifall.) Natürlich ist aufgrund von Corona alles virtuell – wir sind hier ein kleiner geschlossener Personenkreis, der natürlich alle Coronamaßnahmen respektiert.

Vor Ort darf ich Vizepräsidentin des Bundesrates Doris Hahn begrüßen. (Beifall.) Auch der Vizepräsident des Bundesrates ist hier: Dr. Peter Raggl. Weiters begrüße ich – und daraus mache ich jetzt eine kleine Gruppe – die Mitglieder des Bundesrates: Fraktionsvorsitzenden und Präsidenten des Bundesrates a.D. Karl Bader, Vizepräsidentin des Bundesrates a.D. Bundesrätin Mag.a Elisabeth Grossmann, Bundesrat Ernest Schwindsackl sowie Bundesrat Dr. Karlheinz Kornhäusl. – Willkommen!

Außerdem freuen wir uns, dass die Leiterin des Bundesratsdienstes, Dr. Susanne Bachmann, der Einladung gefolgt ist, und herzlich begrüßen will ich auch den Geschäftsführer des Leykam-Verlags, Dr. Leopold Gartler, der natürlich auch an der Entstehung des Buches mitgewirkt hat. (Beifall.)

Und natürlich darf ich auch Sie, meine Damen und Herren zu Hause, begrüßen – zu Hause oder wo immer Sie uns verfolgen. Wir freuen uns sehr über Ihr Interesse an dieser Veranstaltung.

Ich darf jetzt den Gastgeber um Begrüßungsworte bitten. – Bitte, Herr Präsident.

Christian Buchmann (Präsident des Bundesrates): Sehr geehrte Damen und Herren, die Sie hier mit uns im schönen Palais Epstein versammelt sind, leider in einer sehr kleinen Gruppe, geschuldet der aktuellen Pandemie, aber danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben! Liebe ZuhörerInnen und ZuseherInnen über Livestream, schön, dass Sie mit dabei sind, wenn es um eine von 281 Regionen im gemeinsamen Europa geht, um eine Region, die mein Heimatbundesland ist: die Steiermark. Daher freue ich mich, dass auch wenigstens einige Steirer die Möglichkeit haben, heute hier live dabei zu sein. Ich werde zur einen und zum anderen noch persönlich eine Anmerkung machen. Ich freue mich über das große Interesse an dieser Buchpräsentation, das ich im Vorfeld mitbekommen habe. Viele Menschen bedauern, hier nicht dabei sein zu können, aber sie folgen uns gerne eben über Livestream.

Wir präsentieren heute ein Buch, das die Steiermark und die Wirtschaft in der Steiermark als, wie gesagt, eine von 281 Regionen in Europa abbildet. Das trifft sich sehr gut mit meinem Motto, das ich mir als Präsident des Bundesrates gesetzt habe, dass nämlich die Regionen das Fundament des gemeinsamen Europas sind, und es trifft sich deshalb gut, weil die Steiermark in den vergangenen Jahrzehnten es sehr, sehr gut geschafft hat, von einem sehr grundstofflastigen Wirtschaftsstandort an der Grenze zu einer sehr innovationsorientierten Region im Herzen Europas zu werden. Das ist eine Erfolgsgeschichte, wie ich es sehe, die immer wieder auch ihre Rückschläge erfahren hat, aber eine Erfolgsgeschichte, von der man lernen kann und die uns in diesem geeinten Europa gemeinsam begleiten soll.

Es ist jetzt einige Monate her, dass ich in der Grazer Innenstadt unterwegs war, damals traf ich auf Michael Steiner, den ich seit vielen Jahrzehnten kenne, einen profunden Kenner nicht nur des Wissenschaftsbetriebes und des Innovationsbetriebes bei uns im Lande, sondern natürlich auch des Wirtschaftsstandortes. Am Rande unseres höflichen Austausches habe ich ihn gefragt, wie es ihm so geht und was er aktuell macht, und er sagte mir damals: Ich bin gerade gemeinsam mit dem Leykam-Verlag dabei, ein Buch über den Wirtschaftsstandort Steiermark zu publizieren. – Ich habe damals spontan gesagt: Wenn ich tatsächlich die Präsidentschaft im Bundesrat habe, dann möchte ich dich gerne einladen, um mit dir gemeinsam und mit Wegbegleitern über diese Entwicklung der Jahrzehnte zu diskutieren. – Es ist schön, dass du heute da bist, weil du immer einer warst, der Utopien vertreten hat, der auch die Wirtschaftspolitik über viele Jahre beraten hat – nicht nur mich, sondern du hast auch viele meiner Vorgänger sehr intensiv beraten – und der immer auch sehr kritisch mit uns umgegangen ist, der den Finger auf die Wunde gelegt hat, wenn er der Meinung war, dass die Wirtschaftsförderung nicht so funktioniert, wie er es im internationalen Kontext gerne gesehen hätte, was uns aber dann in diesem Reibungsprozess gemeinsam einen Schritt weitergebracht hat.

Ich bin sehr, sehr glücklich, dass wir heute hier zusammen sind, weil ich in meinem beruflichen Leben, in meinem politischen Leben, in der Wirtschaftskammer Steiermark, aber dann insbesondere auch im Ausschuss der Regionen in Brüssel als Fachkommissionspräsident die Chance gehabt habe, hinter die Kulissen europäischer Regionen zu blicken, und dort schon festgestellt habe: Na ja, wir Steirerinnen und Steirer haben in den letzten Jahrzehnten schon etwas zusammengebracht, natürlich geschuldet Meilensteinen, die es möglich gemacht haben, eine solche Prosperität zu entwickeln.

Ich erwähne dabei den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union, für den Landeshauptleute maßgeblich verantwortlich waren, aber wir haben dann aus diesen europäischen Strukturfondsmitteln, die Folge dieses Beitritts waren, schon auch wirtschaftspolitische Entscheidungen getroffen, die wieder unsere Wirtschaft stimuliert und damit Arbeitsplätze geschaffen haben. Die Pandemie möge sich bald dem Ende zuneigen, aber dass wir bis zum Eintreten der Pandemie über 500 000 Menschen in der Steiermark in Beschäftigung gehabt haben, ist eine beispielhafte Erfolgsgeschichte, die tüchtigen und fleißigen Menschen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Betrieben geschuldet ist, natürlich auch einer Unternehmerschaft, die immer auch einen Blick dafür gehabt hat, wie sie ihre Unternehmen weiterentwickeln kann und wie wir mit unseren Produkten und Dienstleistungen neue Märkte in diesem gemeinsamen europäischen Markt und am Weltmarkt insgesamt entwickeln können.

Ich habe die Freude gehabt, im Jahr 2003 als Grazer Kultur- und Wirtschaftsstadtrat in der Grazer Stadtregierung tätig zu sein. Ich sage, es war eine Gnade, weil das das Jahr war, in dem meine Landeshauptstadt Graz Kulturhauptstadt Europas war. Ich habe damals gespürt – mit vielen, die sich in diesem Jahr in Graz engagiert haben –, dass sich da so etwas wie ein künstlerisches Biotop, ein künstlerisches Milieu entwickelt hat, das aber nicht nur für Kunst- und Kulturentwicklung steht, sondern auch für Wirtschaftsentwicklung, für Design. Ich habe damals gemeinsam mit dem Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl die Creative Industries Styria begründet, weil wir der Meinung waren, dass man aus dem etwas machen kann. Die Gründungszahlen in diesem Bereich geben uns recht. Es ist noch viel zu tun, aber es war ein Schritt in die richtige Richtung und hat auch gezeigt, dass die Steiermark eine ganz besondere Innovations- und Designregion sein kann.

Einige Jahre später hat mich Hermann Schützenhöfer in die Landesregierung eingeladen, ich war wieder für Wirtschaft und Innovation zuständig, und damals habe ich gemeinsam mit Menschen - - Mir ist es wichtig, das heute zu betonen, weil es auf dem Weg immer kritische Erfolgsfaktoren gibt, die man berücksichtigen sollte: dass es der Mensch war, und zwar nicht der Mensch als Mittel, sondern der Mensch als Mittelpunkt, der es ausgemacht hat, dass wir diese Wirtschaftsentwicklung gemeinsam haben tragen können.

Ich habe immer auch großen Wert auf die Expertise nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Sozialpartner gelegt, und einer, der von der ersten Stunde an immer mit dabei war, war Horst Schachner. Das Schicksal wollte es, dass du nicht nur seit vielen Jahren Landesvorsitzender des Österreichischen Gewerkschaftsbundes bist, sondern jetzt auch Mitglied des Österreichischen Bundesrates, und ich freue mich immer auch auf den Austausch im Bundesrat, wenn es um die Wirtschaftsentwicklung geht – und wenn ich über Wirtschaftsentwicklung rede, meine ich natürlich selbstverständlich immer auch die Menschen, die in diesen Betrieben arbeiten, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ohne diese wäre das ja alles nicht möglich.

Ein Zweiter, mit dem mich seit vielen Jahrzehnten eine Freundschaft verbindet, der heute Präsident der Steirischen Wirtschaftskammer ist und der immer offen für Neues, für Kreatives, für Innovatives war, ist Josef Herk. Danke, dass auch du dir heute die Zeit nimmst, hier mit dabei zu sein! Ohne die Sozialpartnerschaft wären wir nicht dort, wo wir heute sind – und das gilt für gute Zeiten, in denen es ohnedies einfach ist, das gilt aber auch für Zeiten, in denen Betriebe Schwierigkeiten haben. Ich kann mich noch gut an die Jahre 2008/2009 und die folgenden erinnern, am Ausklang der Wirtschafts- und Finanzkrise, als wir zum ersten Mal einen veritablen Dämpfer erhalten haben, viele Betriebe nicht wussten, wie es weitergeht, und wir gemeinsam durch sehr gezielte Maßnahmen auch Wirtschaftsentwicklung ermöglicht haben.

Ein Thema, das mir immer ein großes Anliegen war – die Steirer haben es nicht erfunden, aber wir haben es zu einer gewissen Perfektion getrieben –, ist das Thema der Cluster und Netzwerke. Daher freue ich mich, dass die aktuelle Geschäftsführerin des ACstyria, unseres Mobilitätsclusters, Christa Zengerer, heute auch bei uns ist, weil diese Cluster und Netzwerke nicht nur Wirtschaftsbetriebe verschiedener Größenklassen, vom Einpersonenunternehmen bis zum großen Industriebetrieb, miteinander vernetzt haben, sondern weil wir in diesen Clustern und Netzwerken – und vielleicht kann Michael Steiner dann in seiner Buchpräsentation darauf eingehen, denn das war schon etwas unterschiedlich zu anderen europäischen Regionen – sehr stark auch den Brückenschlag in die Wissenschaft und in die angewandte Forschung geschafft haben.

Die Steiermark ist ein Wirtschaftsstandort, wo wir sehr stolz darauf sind, dass wir zwei technische Hochschulen haben, eine in Graz und eine in Leoben, wo wir mit unseren Universitäten und Fachhochschulen, mit unseren Forschungseinrichtungen wie Joanneum Research schon vieles zu bieten haben. Die Vernetzung all dieser Player im gemeinsamen Betrieb hat dann letztendlich dazu geführt, dass die Steiermark zur europäischen Unternehmensregion geworden ist, dass wir mit einer Forschungs- und Entwicklungsquote von 5 Prozent – ich kann mich erinnern, als ich 2005 in der Steiermark in die Regierung gekommen bin, hatten wir 3 Prozent – europaauffällig geworden sind. Das ist nichts, das für immer so bleiben muss, das bedeutet tägliche Anstrengungen im gemeinsamen Wirken für den Wirtschaftsstandort und für die Arbeitsplätze in unserem Bundesland.

Um nicht zu euphorisch zu werden: Natürlich gibt es auch Herausforderungen – die Pandemie stellt uns vor eine solche Herausforderung. Ich verstehe unsere heutige Veranstaltung auch als eine Mutinjektion zum Comeback der österreichischen Wirtschaft und damit auch der steirischen Wirtschaft. Wir wollen natürlich dieses Comeback, wir wollen die Sehnsucht nach einer gewissen Normalität und nach den Möglichkeiten, auch frei und offen agieren zu können, die uns alle treibt, gemeinsam befeuern. Möge diese Übung gelingen!

Wenn uns das gelingt, wird es uns auch gelingen, dass wir den Fachkräftemangel möglichst in den Griff kriegen. Ich freue mich schon auf die Euroskills – lieber Peppi, möge das im Herbst möglich sein –, bei der wir jungen Fachkräften die Chance geben, in Graz ihre Leistungsfähigkeit zu zeigen. Dann werden wir die Möglichkeit haben, auch beim Thema der Digitalisierung, das unseren Bundesrat immer wieder beschäftigt, einen Schritt weiterzukommen. Ich sage nur: Wenn wir schnelles Breitbandinternet wollen, dann werden wir schnelles Breitbandinternet auch finanzieren müssen. Dafür braucht es den entsprechenden Treibstoff, denn ohne diese Infrastruktur wird beispielsweise ACstyria die Testregion für autonomes Fahren nicht verwirklichen können – ohne Infrastruktur, ohne Datenautobahnen keine Möglichkeit, auf der physischen Autobahn unterwegs zu sein.

Michael Steiner, wenn man so wie ich das Buch im Namen trägt – ich habe dein Buch sogar gelesen –, wenn man dein Buch liest, dann sieht man, dass du auch den Finanzen einen nicht kleinen Abschnitt in deinem Buch widmest. Natürlich ist das auch ein kritischer Erfolgsfaktor für Regionen in Österreich. Das Steuerfindungsrecht von Bundesländern ist ein eingeschränktes, aber nichtsdestotrotz bekommen wir den Finanzausgleich des Bundes und haben auch auf Landesebene die eine oder andere Möglichkeit, und wir werden mit Blick auf die Auswirkungen der Pandemie in den nächsten Jahren immer auch im Hinterkopf haben, dass es eine sehr starke Güterabwägung geben wird, wohin wir investieren. Ich werbe dafür – und weiß mich da mit dem Vorsitzenden der Landeshauptleutekonferenz auch eins –, dass wir in Forschung und Entwicklung weiter ganz, ganz stark investieren. Das ist die Chance für unsere gemeinsame Zukunft.

Ich bedanke mich abschließend bei Dr. Leopold Gartler, dem Eigentümer des Leykam-Verlages, dafür, dass er dieses Buch mit Prof. Michael Steiner möglich gemacht hat. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Der Leykam-Verlag hat eine mehr als 400-jährige Geschichte, wir konnten erst vor einigen Monaten in Graz ein besonderes Jubiläum feiern. Ich erwähne aber Dr. Gartler nicht, weil er einen Buchverlag besitzt, sondern weil er einmal Geschäftsführer der Landesholding in der Steiermark war, wie ich mir beim Hergehen in Erinnerung gerufen habe, und auch ein Zeitzeuge und ein Wegbegleiter dieser steierischen Entwicklung ist.

Last but not least bedanke ich mich bei der Parlamentsdirektion, bei Susanne Bachmann und bei Iris Lechner von der Veranstaltungsorganisation, dass sie dieses Setting heute hier möglich machen konnten – das ist in Coronazeiten kein ganz einfaches Unterfangen. Herzlichen Dank dafür!

Was wäre eine Diskussionsveranstaltung ohne eine profunde und charmante Moderatorin? – Ich habe nicht lange nachzudenken gebraucht: Wen können wir denn aus der Steiermark aufbieten? Dann ist es eine junge Dame geworden, die Sie alle aus dem Fernsehen kennen – ich freue mich, dass du das machst, danke, liebe Nadja! – The floor is yours! Danke vielmals! (Beifall.)

Nadja Bernhard: Vielen Dank, Herr Präsident, vor allem für die junge Dame – darüber können wir noch ein bissel diskutieren –, aber die steirischen Wurzeln sind gegeben, und ich freue mich sehr, dass ich Teil dieser Veranstaltung sein darf.

Das Rednerpult wurde desinfiziert – ich darf gleich Sie, Herr Steiner, an das Rednerpult bitten, und wir freuen uns auf Ihren Vortrag. – Danke schön.

Michael Steiner (Autor, Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Graz): Grüß Gott und einen schönen frühen Abend aus dem österreichischen Parlament! Laut unserer Verfassung ist Österreich ein Bundesstaat, der Staat wird von den Bundesländern gebildet. Darum freut es mich und ich danke dafür, dass der Präsident des Bundesrates Christian Buchmann mich und alle real und virtuell Anwesenden zu einer Vorstellung eines Buches über die Wirtschaft eines Bundeslandes, der Steiermark, eingeladen hat – vielen Dank dafür!

Die steirische Wirtschaft ist ein herausforderndes, spannendes, gleichzeitig aber auch dankbares Thema. Ich habe diesem Thema den Untertitel „Zwischen Utopie und Realität“ gegeben. Warum? Was war die Realität vor knapp 40 Jahren? – Damals war die Steiermark das Bundesland mit der höchsten Arbeitslosenrate, dem geringsten Beschäftigungszuwachs, wenig Innovation, wenig angewandter und wirtschaftsorientierter Forschung und unterdurchschnittlichen Einkommen, ein Land an einer toten Grenze, gleichzeitig am Höhepunkt der Krise des Grundstoffsektors und der Verstaatlichten.

Wie steht die Steiermark heute da – wenn wir Corona vorläufig ausblenden? – Die Steiermark liegt laut EU-Berechnungen mit einem regionalen Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt – dem Hauptindikator sowohl von Wirtschaftskraft als auch von Wohlstand – von 40 000 Euro klar über dem Durchschnitt der 281 auf der gleichen Ebene erfassten Regionen – der Durchschnitt ist nur 31 000 Euro. Damit ist die Steiermark vergleichbar mit Berlin, mit Unterfranken, mit Limburg – den bedeutenden deutschen Regionen –, den meisten schwedischen Regionen, sie liegt knapp vor der Lombardei, dem starken Industriezentrum des nördlichen Italiens, vor allen italienischen Regionen bis auf Südtirol, vor allen französischen Regionen bis auf Paris und vor allen spanischen Regionen inklusive Madrid und Katalonien.

Die steirischen Unternehmen haben eine hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit, sonst hätten wir nicht eine Exportquote von 50 Prozent mit einem Exportvolumen von knapp 27 Milliarden Euro. Die Zahl der Unternehmen hat ganz stark zugenommen, mehr als 45 000 arbeitgebende Betriebe, dazu mehr als 46 000 Einpersonenunternehmen, die berühmt-berüchtigten EPUs. Die Forschungsquote, bereits erwähnt, liegt bei 5 Prozent, bei Weitem die höchste in Österreich, und die Steiermark liegt damit an vierter Stelle aller 281 Regionen der Europäischen Union.

Aus der Sicht der Realität der Achtzigerjahre wäre eine solche Zukunft utopisch gewesen. Wie war das möglich? – Mehrfaches: zunächst eine unternehmerische Grundhaltung, die auch die Unternehmenslandschaft der Steiermark verändert hat, umgesetzt von Personen, die die brachliegenden Potenziale erkannten, Auslagerungen aus den Großbetrieben übernommen haben und zu international agierenden Firmen gemacht haben. Diese Grundhaltung zeigte sich in den Firmengründern, die den Mut gehabt haben, auch in harten Zeiten Neues zu beginnen, wie beispielsweise AT&S, Pankl, auch die Reorganisation der Voest in der Obersteiermark, aber auch im Süden: steirische Weinbauern, die den Weinskandal der Achtzigerjahre zu ihrem Vorteil zu nutzen wussten und draufgekommen sind, dass man für guten Wein auch einen höheren Preis verlangen kann.

Auch die Beschäftigten sind unternehmerischer geworden, mit neuen Qualifikationen und Erfahrungen: Ein Stahlarbeiter bleibt zwar ein Stahlarbeiter, vollzieht aber nun ganz andere Tätigkeiten als vor 30 bis 40 Jahren. Wir haben jetzt etwa 6 000 Neugründungen pro Jahr – schnell dazu gesagt: mehr Frauen als Männer; und gleichzeitig dazugesagt: selbst im Jahr 2020 hat es nicht weniger als in den Jahren davor gegeben –, dazu hoch technologische Start-ups. Das heißt, Unternehmer und Beschäftigte waren gleichzeitig an diesem Wandel beteiligt, der Unterschied von Arbeitgeber und Arbeitnehmer nimmt zunehmend ab, vor allem in kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Diese unternehmerischen Menschen waren aber – und da kommt dann doch auch die Politik dazu – auf ein unterstützendes Umfeld angewiesen. Sukzessive Öffnung: Die Steiermark ist vom Land am Rand zur offenen Region geworden.

Da war – bereits erwähnt – der EU-Beitritt. Wenige wissen, dass die Initiative dazu von den Ländern ausging; 1989: Aufforderung der Landeshauptleutekonferenz an die Bundesregierung – damals noch skeptisch hinsichtlich dieser Aktivitäten –, Beitrittsverhandlungen mit der EU aufzunehmen. Es waren die Personen Josef Krainer, Martin Purtscher und Wilfried Haslauer, die die treibenden Kräfte in dieser Bewegung waren. Mit dem Beitritt 1995 – am Anfang nicht sicher, die Zustimmung musste erarbeitet werden – wurde ein neuer Markt eröffnet, mit klaren Spielregeln, aber natürlich neuen Herausforderungen, ein großer Markt mit sehr viel mehr Konkurrenten. Diese Herausforderungen mussten von den steirischen Unternehmen erst bewältigt werden. Die sukzessive wachsenden Exporte sind ein Zeichen dafür, dass dies gelang.

Öffnung heißt aber auch noch mehr: Öffnung für Kapitalströme, Direktinvestitionen in die Steiermark – Eurostar, Magna, AMS, damals noch American AMS –, aber auch Direktinvestitionen aus der Steiermark in die weite Welt: AT&S in China und Indien, AMS – inzwischen Austrian Micro Systems – auch in Deutschland rezent –; natürlich auch Banken und Versicherungen, aber auch Ströme von Menschen – Facharbeiter, die von außen kommen und kommen müssen –, auch Ströme an Wissen, Austausch von Forschungsinstitutionen, von Forscherinnen und Forschern. Ohne diesen Wissensaustausch wäre vieles nicht gelungen. Damit ist Forschung der Schlüssel für die Zukunft. Auch da war die Steiermark ein Vorreiter für regional unterstützte Forschung.

Bereits 1969 hat Josef Krainer Senior einen Forschungsförderungsfonds ins Leben gerufen – nicht ohne Widerstände. Damals Geld für Forschung aufzutreiben war nicht einfach. 1979 wurde die Abteilung für Wissenschaft und Forschung in der Landesverwaltung geschaffen – ein Novum unter den Bundesländern. Etwa zur selben Zeit wurde die landeseigene Forschungsgesellschaft Joanneum geschaffen, die später in Joanneum Research übergegangen ist.

In den Neunzigerjahren kamen neue, vom Land mitgetragene Institutionen dazu: Fachhochschulen, Kompetenzzentren – die meisten Kompetenzzentren Österreichs sind in der Steiermark –, forschungsintensive Cluster. Präsident Christian Buchmann hat das bereits erwähnt. Das waren so die Schritte in den Neunzigerjahren.

Ab dem neuen Jahrtausend hat sich dann so etwas wie ein regionales Innovationssystem entwickelt, sprich diese einzelnen Institutionen mussten miteinander kooperieren und haben miteinander kooperiert, auch mit einer neuen Rolle von Universitäten durch die Drittmittelfähigkeit, dadurch verstärkt wirtschaftsorientierte Forschung. Dennoch: Der Großteil der Forschungsaktivitäten, etwa 2,5 Milliarden Euro pro Jahr, wird nun von der Wirtschaft selbst betrieben und finanziert, damit 75 Prozent der Forschungs- und Entwicklungsquote; das aber nicht als Hobby – forsch’ ma halt a bissel –, sondern im Wissen, dass es ohne Forschung keine wirtschaftliche Dynamik gibt.

Eine weitere wichtige Dimension ist Infrastruktur – bereits erwähnt. Die Steiermark war immer benachteiligt: die dreien großen W – Wien, Westbahn, Westautobahn – gegen drei kleine S: Südbahn, Südautobahn – hat lange gedauert –, Semmeringbasistunnel – noch immer nicht fertig. Das hat sich erst spät entwickelt, ältere Semester in der Steiermark, aber auch in Gesamteuropa können sich noch an die Gastarbeiterroute von Schladming bis Spielfeld erinnern, auf der dann vor Weihnachten, vor Ostern und vor den Sommerferien alle Landesstraßen verstopft waren, auch beispielsweise daran, dass der Gutteil des Nord-Süd-Verkehrs lastkraftwagenmäßig durch das Zentrum von Graz gelaufen ist, bis ab 1969 die Südautobahn erst langsam aufgebaut wurde.

Die Steiermark hat aufgeholt: in Straße, Bahn, Flug – auch das nicht zu unterschätzen, weil gerade Neuansiedler von außen kommend, aber auch Clustermitglieder nach außen gehend und akquirierend auf Flüge angewiesen sind. Lücken gibt es noch, vor allem auch in der digitalen Infrastruktur – die kommende Herausforderung.

Das Budget, ganz kurz schon angesprochen, erwähne ich nur: Ohne Geld keine Musik! Dieser Frage ist ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem ich auf die immer enger werdenden Spielräume der Gestaltbarkeit, der finanziellen Gestaltbarkeit eingehe. Ein Land kann quasi keine Einkommen lukrieren, darum die Forderung einer inhaltlichen Erneuerung des Finanzausgleichs. Das heißt im Westlichen: Was müssen Länder im arbeitsteiligen Prozess zwischen Bund, Land und Gemeinden auch an neuen Aufgaben übernehmen, und stehen dafür genügend Ressourcen zur Verfügung? – Das ist die kommende Herausforderung.

Jetzt komme ich zum Kern der regionalen Tätigkeiten für die Wirtschaft: der regionalen Wirtschaftspolitik mit ihrem umfassenden Förderungsansatz – mit 52 Seiten das längste Kapitel in diesem Buch. Wesentliche Stationen in der Entwicklung seien kurz angesprochen: zunächst die Bemühungen, aus der Strukturkrise der Achtzigerjahre herauszukommen, mit der – Schlagwort damals, auch heute noch – endogenen Erneuerung, erstmals 1982 formuliert, zuerst nicht verstanden, dann aber sehr langsam umgesetzt. Ich darf dazu Josef Krainer Junior zitieren, mit dem ich diesbezüglich einmal ein langes Gespräch geführt habe und der dann gesagt hat: Dieser Begriff brachte eine entscheidende Positionierung und die eigentliche Wandlung in der Perspektive. – Der Begriff war zwar kompliziert, aber richtig. Er hat auch gemeint, dass dieser Begriff auch für die späteren Schritte wie die Ansiedlung von Chrysler notwendig war – Originalzitat: wenn auch mit Bauchweh; Direktinvestitionen sind nicht so einfach politisch durchzusetzen – und auch in den frühen Ansätzen einer Clusterpolitik.

Weiterer wichtiger Schritt in der regionalen Wirtschaftspolitik: 1991 die Ausgliederung der administrativen Wirtschaftsförderung als Bestandteil der Landesverwaltung durch die ausgegliederte Steirische Wirtschaftsförderungsgesellschaft SFG. Damit entstand ein ganz wichtiger neuer Spieler in der steirischen Institutionenlandschaft mit einer neuen Ausrichtung: Strategieorientierung, technologische Ausrichtung, regionale Schwerpunktsetzung, weil es auch innerhalb eines Bundeslandes unterschiedliche Typen von Regionen gibt, und ein Eigenverständnis als Servicestelle – die Unternehmen als Kunden nicht als Bittsteller. Das hat dann in anderen Bundesländern durchaus Furore gemacht: Es gibt Ecoplus in Niederösterreich, es gibt eine ähnliche Institution in Oberösterreich, und auch andere Bundesländer – Kärnten, Tirol, zum Teil auch das Burgenland mit anderen Schwerpunktsetzungen – haben diesen Schritt übernommen.

Weitere wesentliche Änderung: Die Steiermark wird Teil der EU-Regionalpolitik. Das bedeutet nicht nur zusätzliche Förderungsmittel, sondern auch neue konzeptive Vorgaben: Mehrjährigkeit, Förderung auf Basis von Konzepten, von Stärken und Schwächen der jeweiligen Regionsteile, Evaluierungen, nicht Geld auszugeben je nach Bittsteller, sondern: Wofür brauchst du das? Warum brauchst du das? Wie passt das in die Region hinein?

Im selben Zeitraum entstand die Clusterpolitik als neue Form einer regionalen Wirtschaftspolitik und auch als Antwort auf neue Formen des Wirtschaftens. Der wesentliche Gedanke dabei: Unternehmen müssen kooperieren, um wettbewerbsfähig zu sein, mit der Spannung von Wettbewerb und Kooperation in unterschiedlichen Stärkefeldern, die auch einem Wechsel unterworfen waren. Das heißt, wir kooperieren nicht nur in der Zulieferung, sondern auch im Wissensaustausch: Du kannst mir nicht zuliefern, wenn du nicht weißt, was ich brauche und wie viel Innovation du brauchst, um mir zuliefern zu können – dem größeren Konzern beispielsweise.

Am Anfang war es der ACstyria – voriges Jahre 25 Jahre alt geworden; nachträglich Gratulation zum Geburtstag! –, dann der Green Tech Cluster – auch da bereits Umweltorientierung, auch in der regionalen Wirtschaftspolitik, 2005 weltweit mehrfach als Nummer eins eines umweltorientierten Clusters gereiht –, Human Technology – in dem Sinn medizin- und gesundheitsorientiert –, Creative Industries – bereits erwähnt –, zuletzt 2018 Silicon Alps mit dem Schwerpunkt Digitaltechnologie und Mikroelektronik.

Aber auch Cluster haben inzwischen regionsübergreifende Dimensionen gewonnen: ACstyria hinein nach Oberösterreich, Silicon Alps ganz stark auch mit Kärnten. Diese Clusteridee ist dann von anderen Regionen durchaus kompetitiv aufgenommen worden: Niederösterreich, Oberösterreich sind prototypische Beispiele dafür.

Damit kommen wir aber auch schon in die Gegenwart. Ab dem neuen Jahrtausend hatte die Steiermark aufgeholt, sie spielt jetzt in der wirtschaftlichen Oberliga mit. Es geht um ein Sichbehaupten in einer sehr komplexen, vernetzten Welt mit weltweiten Konkurrenten auf hohem Niveau. Die Steiermark hat sich in dieser Welt bisher sehr gut behaupten können – ein nicht unstolzer Standortoptimismus ist berechtigt.

Zum Schluss drei kurze Bemerkungen: Damit ich nicht der Schönfärberei bezichtigt werde – es gibt noch einiges zu tun! Die Produktivität der steirischen Wirtschaft, gemessen am Produktionswert je Beschäftigten, liegt unter dem Österreich-Durchschnitt. Das BIP pro Kopf, anfangs erwähnt, ist im Europavergleich überdurchschnittlich, liegt aber knapp 10 Prozent unter dem Österreichwert. Das Bruttomedianeinkommen – das Einkommen, das man durch Arbeit erzielt – liegt ebenfalls unter dem Österreichdurchschnitt. Dennoch, insgesamt ist es eine positive Entwicklung, aber diese war nicht linear nach oben gerichtet. Im Rückblick schaut alles sehr harmonisch aus, aber es gab Konflikte, es war immer auch ein Prozess von Versuch und Irrtum. Gelegentlich verweise ich anekdotisch auf alle Konflikte, Christian Buchmann könnte darüber viel erzählen, es war nicht selbstverständlich. Der ACstyria hat sich interregional entwickelt, es war nicht sicher, dass Silicon Alps gemeinsam mit Kärnten gemacht wird. Über die politischen Querelen über die Wirtschaftspolitik will ich mich ansonsten nicht allzu verbreitern.

Um Corona nicht auszulassen: Die Steiermark ist schon länger stark betroffen, schon Mitte des vergangenen Jahres wurde ein stärkerer Rückgang als in Gesamtösterreich prognostiziert: minus 8,3 Prozent, das entspricht etwa 4 Milliarden Verlust an Produktion, natürlich auch an Einkommen, und natürlich hat das auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Von 520 000 Arbeitsplätzen sind wir jetzt auf 499 000 gesunken, mit komplementären Negativbegleiterscheinungen, einer massiven Vergrößerung der Arbeitslosenrate. Leider muss man diese Prognose verlängern. Aus einer Mischung von Pessimismus und Optimismus gehe ich davon aus, dass der Aufschwung sich stärker als ursprünglich angenommen verzögern wird – pessimistisch; optimistisch: aber dann stärker ausfallen wird.

Eine letzte Bemerkung, und damit komme ich wieder auf den Untertitel und den Begriff des Utopischen zurück: Das Wort Utopie verwende ich für Vorhaben, die durch menschliche Anstrengungen realisiert werden können. Wir brauchen auch in Zukunft utopische Realisten. Die Steiermark hat mit einer solchen Geisteshaltung schon mehrere Krisen überwunden, und mit dieser Einstellung wird ihr das auch diesmal gelingen. (Beifall.)

Nadja Bernhard: Vielen Dank, Herr Steiner. – Hoffen wir, dass wir diese Krise auch bewältigen! Corona wird natürlich auch Teil unserer Diskussion sein. Ich möchte ein paar Punkte aus Ihrem Vortrag aufgreifen und auf diese näher eingehen. Ich würde vorschlagen, dass wir die Diskussion in vier Blöcke teilen, in Blöcke, die die steirische Wirtschaft zentral ausmachen, allen voran natürlich die Clusterpolitik. Dann würde ich sehr gerne auch über die Bedeutung der Kultur als Wirtschaftsfaktor sprechen, Forschung – Sie haben es angesprochen – ist ein ganz wichtiger Bereich für die steirische Wirtschaft, und am Ende eine Abschlussrunde mit einem Blick in die Zukunft. Ich hoffe, Sie sind damit einverstanden.

Ich würde gleich bei Ihnen bleiben, Herr Steiner, noch einmal zu dieser Clusterstrategie: Die Steiermark – wir haben es gehört – war in den Neunzigern eine der ersten Regionen, die die Clusterstrategie in die regionale Politik oder Wirtschaftspolitik implementiert hat. Sagen Sie uns noch einmal kurz: Wie ist es dazu gekommen? Was war da für eine Idee dahinter und wer hatte Sie – auch von der politischen Seite?

Michael Steiner: Es war eine Idee, die in den frühen Neunzigerjahren zunächst einmal verbalisiert wurde: Wie kommen wir über die Krise der Großbetriebe der verstaatlichten Industrie hinweg? – Dann war die Idee da: Wir müssen den ausgegliederten Betrieben, den klein gewordenen, auch neu gegründeten ja helfen, über diese Anfangsschwierigkeiten hinwegzukommen. Das hat dann aber auch bedeutet, dass diese kleinen, mittelgroßen Betriebe miteinander kooperieren müssen, um den großen zuliefern und sie bedienen zu können. Sehr simpel gesagt: Magna produziert Autos, will aber nicht von dem einen Kleinbetrieb die Schraube, von dem anderen Betrieb das Lamperl und vom dritten die Teppiche, sondern ihr müsst uns Systemlösungen anbieten. Dazu seid ihr allein nicht imstande, ihr müsst das gemeinsam machen. Dann war die Schwierigkeit: Wie arbeiten wir gemeinsam? – Da hat es eigene Projekte gegeben, wie Klein- und Mittelbetriebe miteinander kooperieren. Die brauchen dasselbe Computersystem, die brauchen dieselben Verrechnungsmethoden, die müssen auch wissensmäßig miteinander kooperieren.

Magna – jetzt sage ich das einmal prototypisch – sagt: Das will ich von euch, dieses System, die Elektronik, aber da habe ich internationale Anbieter. Ihr müsst miteinander innovativ und produktiv genug sein, um die anderen ausstechen zu können. Langsam hat sich so etwas wie ein regionales Zuliefernetzwerk entwickelt. Mit wachsender Größe des Automobilclusters, der Produktionsstätte, sind auch von außen zunehmend Betriebe angesiedelt worden, die gesagt haben: Da möchte ich zuliefern. – Damals war die kritische Größe 100 000 Autos im Jahr, dann zahlt es sich aus, auch vor Ort zu produzieren.

Das waren die Anfänge des ACstyria, das war nicht unumstritten. Es hat dann Leute gegeben, die gesagt haben: Hörts ma auf mit dem, gebts ma lieber des Geld! – Zaster statt Cluster war damals das Schlagwort. Auch viele Betriebe haben gesagt: Da brauche ich nicht zu kooperieren, gib mir die alte Subvention, und passt schon! – In diesem Sinn war es damals durchaus sehr stark zuerst von Waltraud Klasnic und dann vor allem von Herbert Paierl getrieben: Das müssten wir durchsetzen – Zaster in die Cluster!

Nadja Bernhard: Herr Buchmann, als politischer Entscheidungsträger: Könnten Sie uns kurz skizzieren, wie Sie diese Clusterpolitik jetzt beurteilen? Welche Bedeutung hat sie nach wie vor für die steirische Wirtschaft?

Christian Buchmann: Ich glaube, sie ist ganz wesentlich für die Wirtschaftsentwicklung. Ich habe ja Frau Zengerer nicht ohne Grund gebeten, heute hier auch mit dabei zu sein, weil ja in dieser Philosophie der Clusterbildung – und der ACstyria ist prototypisch für die Cluster, die wir haben, und doch wieder ganz anders als andere Cluster – die Wirtschaft und die Industrie im Besonderen von Beginn an bereit waren, auch aktiv eine Rolle einzunehmen. Es gibt ja Cluster, in denen die Meinung vertreten wird, die öffentliche Hand soll 100 Prozent zahlen, und dann gibt es einen Cluster wie den ACstyria, in dem die Industrie und die Wirtschaft ganz wesentlich die Financiers und auch die Shareholder in diesem Cluster sind und damit das Geschehen treiben.

Das war schon immer auch Spannungsverhältnis, und die Anekdote von den Clustern und Zastern ist ja bis in den Steiermärkischen Landtag gegangen, wo es diese Diskussionen gegeben hat. Ich erinnere mich an den Beginn, als ich beim ACstyria, der ja im Jahr 2005 am Markt sehr gut eingeführt war, begonnen habe, auch darüber nachzudenken, ob man ihn nicht weiterentwickeln könnte, ob man neben dem Automobil nicht auch Bahn- und Schienensystemtechnik und Luftfahrttechnik in diesen ACstyria integrieren und einen Mobilitätscluster daraus machen könnte, weil das, was Michael Steiner für das Automobil gesagt hat, auch für diese Bereiche im ganz Besonderen gilt, und wenn wir auf internationalen Märkten mitspielen wollen, dann müssen wir dort auch tiefer einsteigen. Das war eine heftige Diskussion, es waren damals nicht alle Gesellschafter des ACstyria von der ersten Stunde an überzeugt, dass die Idee von Herrn Buchmann eine vernünftige ist. Heute, glaube ich, wird das breiter gesehen und hat sich auch sehr, sehr positiv entwickelt.

Nadja Bernhard: Weiterdenken wäre eh auch ein Stichwort: Frau Zengerer, Cluster sind natürlich auch nicht krisenresistent, das ist klar. Wie muss man in diesem Clustergefüge weiterdenken, was sind zum Beispiel die größten Herausforderungen, die auf diese Clusterstrategie zukommen?

Christa Zengerer (Geschäftsführerin des ACstyria Mobiltiätsclusters): Es ist so, wie Präsident Buchmann gesagt hat: Man hat über den Tellerrand hinausgeblickt, Automobil weiterentwickelt und auch in andere Branchen geschaut. Das ist ganz, ganz wichtig, denn es gibt immer wieder Themen, die die Branchen verbinden, es gibt viele Unternehmungen, viele Forschungseinrichtungen, viele Fachhochschulen, Universitäten, die ja in allen Bereichen tätig sind. Da gibt es Querschnittsthemen und -felder. Ein Themenfeld wäre zum Beispiel die Digitalisierung – jetzt in aller Munde und ein ganz, ganz wichtiges Thema auf dem Weg zu einer Transformation in der Mobilität. Dieser Themen muss man sich annehmen, und dann wird man auch im Cluster oder innerhalb der Clusterlandschaft Erfolge haben. Man muss auch über den Tellerrand blicken, das ist ganz, ganz wichtig.

Zuerst war diese Regionalität, wie Sie, Herr Prof. Steiner, gesagt haben, man hat dann auch nach Oberösterreich geschaut, aber man schaut auch über die Grenzen Österreichs hinweg, um sich mit anderen Clustern zu verbinden, um sich Unternehmungen und das Know-how aus anderen Regionen, aus anderen Erdteilen zu holen. Das ist ganz, ganz wichtig. Jetzt ist dieser gesamte Transformationsprozess im Mittelpunkt, dem wir uns ja vor allem in der Mobilität stellen müssen, und da haben wir uns im ACstyria im letzten Jahr strategisch komplett neu aufgestellt: Wir haben fünf strategische Themenfelder identifiziert, von denen wir glauben, dass die Steiermark in den nächsten Jahren darauf setzen sollte, und in denen sich der ACstyria mit den Themen und mit der Partnerlandschaft wiederfindet. Das sind Themen wie Digitalisierung, das sind die autonomen Systeme, die Sie schon erwähnt haben, das ist aber auch das ganze Thema der Nachhaltigkeit, das sind alternative Antriebs- und Fahrzeugkonzepte, aber auch ein ganz, ganz neues Thema, mit dem wir in der Steiermark bis dato wenig Berührungspunkte haben: das ganze Thema der Mobilitätsservices. Eine breite Facette an Themen also, die nicht nur den ACstyria und unsere Unternehmungen betreffen, sondern auch die komplette Clusterlandschaft, und noch weit darüber hinaus gehen.

Nadja Bernhard: Weil Sie jetzt sehr oft die Digitalisierung angesprochen haben, vielleicht einfach eine Frage in die Runde: Wo steht denn die Steiermark, was Digitalisierung betrifft? Das ist immer in aller Munde, wo steht man da in der Steiermark, Herr Steiner?

Michael Steiner: Die Steiermark ist insgesamt nicht schlecht aufgestellt, es gibt aber noch viele weiße Flecken, und diese weißen Flecken durch Digitalisierung färbig zu machen ist die Herausforderung. Die Herausforderung ist jetzt nicht nur, dass die öffentliche Hand sagt: Wir stecken da Geld hinein!, sondern damit neue Formen von Public-private-Partnership zu finden. Wie ist das Gemisch von privater Initiative, wenn es manchmal für den letzten Kilometer und die letzten paar Kilometer fehlt, mit öffentlicher Unterstützung, aber nicht ohne private Initiative? So sehe ich die eigentliche Herausforderung der nächsten Schritte, um auch genau diese regionalen Kleinregionen zu bedecken und färbig zu machen.

Nadja Bernhard: Um die auch zu erreichen. – Herr Schachner, Sie haben zugestimmt, als Herr Steiner gesagt hat: Da gibt es noch Defizite in der Steiermark.

Horst Schachner (Landesvorsitzender des ÖGB Steiermark, Bundesrat): Nein, ich glaube, dass wir generell in der Steiermark sehr gut aufgestellt sind, und ein ganz wichtiger Punkt, über den heute noch sehr wenig gesprochen wurde, sind einfach die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die tagtäglich dafür arbeiten, dass die Firmen bei uns so gut laufen, und wie man die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mehr oder weniger schult, was für Schulungsprogramme man hat – ob das Firmenschulungen sind oder sonstige. Ich glaube, das läuft bei uns in der Steiermark hervorragend, und man muss wirklich sagen – ich habe das Buch auch gelesen –: Das ist wirklich aus dem Leben geholt!

Nadja Bernhard: Das wäre auch meine Frage gewesen, wenn wir noch beim Cluster bleiben: Wie hat sich die Situation für die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in diesen Jahrzehnten geändert, in dieser Konzentration auf Cluster?

Horst Schachner: Vor 20, 30 Jahren haben wir eine komplett andere Arbeitswelt vorgefunden, und jetzt, in der digitalisierten Arbeitswelt, muss man sagen, sind das alles Profis, die mit Computer arbeiten. Ich komme von der Holding Graz, wir reparieren Straßenbahnen oder bauen auch Straßenbahnen zusammen, und ich kann Ihnen sagen: Früher ist ein Elektriker hingegangen, ist drei Wochen mitgefahren und hat geschaut, ob er einen Fehler findet, heute hat er einen Laptop dabei, und in 10 Minuten weiß er ganz genau, wo es Fehlentwicklungen gibt. Also, da muss man ganz ehrlich sagen, da hat sich schon etwas getan, und da werden wir weiterhin draufbleiben müssen.

Nadja Bernhard: Es verschwimmen auch ein bisschen die Begriffe Unternehmer und Arbeitnehmer, also es wird immer mehr zur Grauzone.

Horst Schachner: Wir merken das besonders. In einem guten Betrieb, in dem die Arbeitnehmer wirklich eng mit dem Arbeitgeber verbunden sind, funktioniert das tadellos. Da gehen die Menschen auch mit Engagement arbeiten und haben Freude bei der Arbeit. Dort, wo es zu ecken anfängt, hat er auch keine gute Mitarbeiter, dort funktioniert es einfach nicht – das wissen wir, wie das läuft.

Nadja Bernhard: Und weil ich Sie beide gleich da habe: Welche Rolle spielen die Sozialpartner in der regionalen Wirtschaftspolitik?

Josef Herk (Präsident der Wirtschaftskammer Steiermark): Ich glaube, es ist in der Steiermark auch ein Erfolgsmodell, dass die Sozialpartnerschaft wirklich sehr, sehr gut funktioniert. Wir sind lösungsorientiert. Prof. Steiner hat gesagt, die Steiermark spielt in der Oberliga, wir haben aber den Ehrgeiz für die Champions League. Ich glaube, das ist auch wichtig, wenn wir über Punkte diskutieren. Wir sind gut aufgestellt – heute –, aber wir müssen am Ball bleiben.

Neben vielen strategischen Punkten, die schon angesprochen wurden, hat die Steiermark, glaube ich, auch einen ganz wesentlichen Punkt gestaltet: dass wir sämtliche Fachkräfte qualifizieren und ausbilden. Wir brauchen die Forscherinnen und die Forscher – wir haben über 60 000 Studenten in der Steiermark –, wir brauchen aber auch die qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die duale Ausbildung spielt bei uns eine ganz wesentliche Rolle, denn am Ende des Tages müssen die innovativen Produkte, die wir am Weltmarkt verkaufen, von qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gestaltet werden. Diese angesprochene Trennlinie ist, glaube ich, Old Economy. Für uns sind Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit – das ist auch die DNA der Wirtschaftskammer Steiermark: selbstverständlich selbstständig – ein ganz wesentlicher Punkt. Diese Trennlinie ist nicht durch den Gewerbeschein dargestellt, sondern durch das Engagement.

Das ist, wie der Kollege schon gesagt hat, ganz, ganz wichtig. Dass man bei uns auch die Systematik von der allgemeinen Subvention hin zur Innovation getrieben hat, hat zuerst die großen Betriebe begeistert und natürlich auch – wo Tauben sind, fliegen Tauben hin – Innovation und eine Begeisterung ausgelöst. Ich sage immer, das Wichtigste für einen steierischen Unternehmer, eine Unternehmerin ist der Paragraph eins: Wir sind dem Optimismus verpflichtet, in allen schwierigen Situationen. Ich glaube, das zeichnet uns auch aus, das ist eine ganz wesentliche Eigenschaft. Zum Glück hatten wir in den Siebziger- und Achtzigerjahren so eine große Krise, denn die hat natürlich diese Notwendigkeit der Veränderung wie ein Katalysator angetrieben, und so sind wir heute gut aufgestellt. Laut Prof. Steiner: Oberliga; ich sage: Wir wollen in die Champions League. Das ist auch wichtig: nicht stehen bleiben, sondern weitertun!

Nadja Bernhard: Bitte.

Horst Schachner: Ganz kurz zur Sozialpartnerschaft, zu dem, was Peppi Herk jetzt gesagt hat: Wir leben wirklich eine gute Sozialpartnerschaft, und wir machen uns alles aus. Das soll nicht heißen, dass wir nicht irgendwann einmal streiten oder dass irgendwann einmal die Fetzen fliegen – das kann auch passieren –, aber im Endeffekt gehen wir zusammen raus. Ich kann mich noch erinnern: Wir sind wegen des Semmeringbasistunnels draußen vor Wien gestanden und haben gesagt: Wie schaut das aus, damit wir den noch kriegen? Denn den brauchen wir. Wie schauen in Zukunft die vierspurigen Autobahnen aus? Wo geht das hin – geht das über die Steiermark oder sonst irgendwo? – Da sind wir auch noch mitten im Gespräch.

Nadja Bernhard: Abschlussfrage noch zum Cluster, Herr Steiner: Ich habe natürlich ein bisschen recherchiert. Es gibt viele, auch wissenschaftlich belegte und dokumentierte Clustermodelle, aber es gibt kein steirisches Clustermodell. Warum nicht?

Michael Steiner: Das steierische Clustermodell besteht schon darin, wie Christian Buchmann erwähnt hat, dass es quasi eine Clusterpolitik von unten ist. Das heißt, die Firmenbetriebe, die da involviert sind, müssen erstens selbst dazukommen wollen, und zweitens müssen sie das auch mitfinanzieren. Es ist quasi – auf Englisch sagt man bottom-up – ein Zugang von unten her kommend, mit nur geringer politischer Vorgabe. Die Politik hat eher die Initialzündung gehabt, und es hat sich dann auch entwickelt. Je entwickelter ein Cluster war, desto weniger öffentliche Förderung hat er gebraucht – braucht er dann zum Teil auch nicht mehr –, möglicherweise organisatorisch. Auch im Monitoring werden noch die richtigen Fragen bearbeitet: Ist das noch ein Stärkefeld? Gibt es neue Stärkefelder, die sich für Clusterbildung eignen? – Das ist dann quasi eine Aufgabe der regionalen Wirtschaftspolitik, aber die Cluster selbst sind von den Firmen getrieben, und das ist für mich das eigentliche steirische Modell – etwas anders als beispielsweise in Niederösterreich, wo das viel stärker vom Land mitgestaltet wird.

Nadja Bernhard: Interessant. – Herr Herk, Sie haben auch gesagt, wir haben es geschafft, in den Achtzigern aus dieser Negativspirale rauszukommen, und irgendwie fühlt sich das so an, als wäre die Steiermark aus diesen vielen Krisen, die Sie ja in Ihrem Buch auch beschreiben, gestärkt herausgekommen. Derzeit haben wir eine ganz große Krise – eine Runde muss ich auch zu Corona machen: Frau Zengerer, wo sehen Sie da die größten Herausforderungen in der Pandemie?

Christa Zengerer: Die größten Herausforderungen sind vor und nach der Pandemie eigentlich nicht sehr unterschiedlich: Der Fachkräftemangel ist eine ganz, ganz große Herausforderung, die wir bewältigen müssen, es gibt aber auch viele Chancen, die aus der Krise entstehen, und ich glaube, wenn wir auf unser Erfolgsmodell, auf die Innovation und auf Wachstum durch Innovation setzen, dann sind wir auch nach dieser Krise gut für die Zukunft aufgestellt.

Nadja Bernhard: Herr Buchmann, was machen wir mit dem Fachkräftemangel in der Steiermark?

Christian Buchmann: Konjunktur beginnt in den Köpfen von Menschen, wie wir wissen. Wenn wir ein positives Bild der dualen Ausbildung haben, dann werden auch viele Eltern ihren Kindern mit auf den Weg geben, dass das ein Berufsmodell sein könnte. Die Steiermark macht in diesem Bereich auf der einen Seite eine, glaube ich, sehr schlüssige und zukunftsorientiere Imagearbeit. Ich habe schon erwähnt, auch die Euroskills, die in der Steiermark sein werden, sollen als Best-Practice-Beispiele zeigen, wie die Schaffenskraft junger Facharbeiterinnen und Facharbeiter ist und wie man weiterkommen kann, wenn man gut ausgebildet ist.

Auf der anderen Seite liegt es natürlich auch an den Betrieben. Es ist auch eine Hausaufgabe der Betriebe, sich um den Nachwuchs zu kümmern und diesen entsprechend zu qualifizieren, um die Fachkräfte der Zukunft in den Betrieben zu haben. Es ist ein Geben und es ist ein Nehmen. Natürlich ist die Produktivität bei einem Jungen, der sich für die duale Ausbildung entscheidet, nicht so, wie wenn ich einen fertig ausgebildeten von irgendwoher abwerbe und zukaufe, aber in Summe wird es dem Betrieb guttun, weil er damit eine Basis für Jahrzehnte legt. Einen Lohnsöldner einzukaufen ist die eine Sache, eine Fachkraft der Zukunft selbst auszubilden, Chancen zu zeigen, Karrieremöglichkeiten im Betrieb anzubieten ist etwas anderes. Dort sehe ich die Herausforderung, aber auch die Chance.

Nadja Bernhard: Was muss die Steiermark machen, um gestärkt aus dieser Krise hervorzukommen oder diese Pandemie gut zu überstehen?

Christian Buchmann: Ich habe es schon gesagt: Die Konjunktur beginnt in den Köpfen. Wenn wir daran glauben, dass wir gestärkt daraus hervorgehen können, dann werden wir gemeinsam die richtigen Maßnahmen einleiten können. Wenn wir in eine Depression verfallen und glauben, es ist eh alles vorbei und wir haben keine Chancen, dann wird es schlimm. Ich spüre eine solche Stimmung in der Steiermark nicht, ganz im Gegenteil: Es scharren eigentlich alle Betriebe quer durch die Sparten – es sind ja nicht nur Gewerbe und Industrie, sondern auch die Industrie, der Tourismus, der Handel –, alle wollen die Öffnungen und möchten gerne tätig sein. Das heißt, wir müssen das eine tun, ohne das andere zu lassen. Wir müssen jetzt noch schauen, dass wir die gesundheitlichen Folgen im Griff behalten, gleichzeitig aber schon die Schritte in Richtung einer Öffnung, auch einer internationalen Öffnung, schaffen. Das klingt sehr einfach, ist in der Praxis aber natürlich mit großen Herausforderungen versehen. Der Zukunftsglaube wird uns helfen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, weil wir Steirer es ja gewohnt sind, zu kämpfen. Wir waren einmal Bollwerk und sind jetzt Brücke, auch zu unseren Nachbarn, und das wollen wir ausbauen.

Nadja Bernhard: Nur ganz kurz aktuell: Wie beurteilen Sie diese Öffnung in Vorarlberg? Wäre dieser Versuch etwas, was Sie auch für die Steiermark gut heißen würden?

Christian Buchmann: Das ist ein Feldversuch – möge die Übung gelingen!

Nadja Bernhard: Herr Steiner, wo sind die vulnerabelsten Punkte, die jetzt von der Coronapandemie betroffen sind, in der steirischen Wirtschaft?

Michael Steiner: Zunächst einmal müssten wir uns bewusst sein, dass wir verletzlich sind und dass es so etwas wie Krisen gibt, die in diesem Fall ja nicht aus der Wirtschaft kommen, sondern von außen hereingekommen sind. Nicht die Wirtschaft ist schuld an dieser Krise – das war schon einmal der Fall, aber diesmal nicht. Das heißt, die Wirtschaft muss sich vorbereiten.

Wenn wir die gesundheitlichen Aspekte sukzessive in den Griff bekommen, müssen wir, wie auch Sie schon gesagt haben, vorbereitet auf den Aufschwung sein. Das heißt für mich auch, dass die Internationalität und auch die internationalen Netzwerke weiter bestehen bleiben – quasi eine Wertschöpfungskette in der Automobilindustrie, aber auch in den anderen differenzierten Industrien aufzubauen. Das ist eine Aufgabe von Jahrzehnten, von vielen Jahren, die wir nicht so ohne Weiteres redimensionalisieren und regionalisieren können. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht ein falsches Verständnis von Region und Regionalisierung bekommen. Wir müssen selektiv sein: Welche Ströme – auch wie weitreichende – sind sinnvoll? Ohne diese weitreichenden kommen wir nicht weiter. Nur in ganz gewissen Fällen, wenn in der Steiermark besser und/oder billiger produziert wird, dann: Steiermark. Nicht zu rasch regionalisieren, sonst machen die anderen auch Regionalisierungen, und dann sind wir wieder eine geschlossene Region. Wir müssten also die optimistische Variante der Kooperation auch nach außen beibehalten.

Nadja Bernhard: Also noch weiter offen denken. – Eine Frage an Sie beide, wie Sie das einschätzen: Was muss jetzt passieren, gerade für die Steiermark, damit wir halbwegs gut durch diese Krise kommen?

Horst Schachner: Ich glaube, dass wir sehr viel schulen müssen und gerade jetzt, wenn viele Menschen arbeitslos sind, wenn viele Menschen in Kurzarbeit sind, wenn wir wissen, dass viele Betriebe vielleicht gar nicht aufsperren, hergehen und sagen müssen: Okay, wie schaut die digitalisierte Welt in Zukunft aus? – Da muss man Menschen jetzt schulen, man muss sie einfach umschulen. Es kann nicht sein, dass man sagt, man wartet jetzt, sie sollen Arbeitslosengeld beziehen oder sonst irgendetwas, und man tut nichts dafür. Irgendwann dauert das vielleicht noch ein, zwei, drei Jahre, dann ist der Zug abgefahren und man hat keine Facharbeiter mehr.

Ich glaube, ein gutes Programm ist, mit dem AMS die Menschen in Weiterbildungskurse zu schicken und zu schauen, dass man sie fit für die Digitalisierung macht. Zum heutigen Beruf muss man ganz ehrlich sagen: Früher war es einmal so, dass man einen Beruf gelernt hat, 45 Jahre oder 40 Jahre darin gearbeitet hat und dann in Pension gegangen ist. Das gibt es heute nicht mehr. Heute ist man in einem Beruf und weiß nicht, wann das Ende ist, wann man einmal aufhört und was man dann wirklich macht. Das funktioniert nicht mehr. Das Gleiche wird man wahrscheinlich nicht mehr machen, weil sich einfach die Welt viel zu rasch weiterdreht. Dass sich die Digitalisierung nicht aufhalten lässt, brauchen wir nicht zu diskutieren. Deswegen ist es ganz, ganz wichtig, Menschen, die jetzt am Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, weiterzubilden und weiterzuschulen, damit man sie nachher hat, wenn man sie braucht.

Josef Herk: Das Thema wurde schon angesprochen, das ist der sogenannte Fachkräftemangel. Trotz einer hohen Arbeitslosigkeit treffe ich sehr viele Unternehmungen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter suchen. Aktuell gehen doppelt so viele Menschen in Pension wie nachkommen, und vor 40 Jahren haben wir doppelt so viele junge Leute gehabt. Da braucht man kein Volkswirt zu sein und großartig zu studieren: Da erkennt man schon, dass der Druck gewaltig ist. Das war mit ein Grund, dass wir als Wirtschaftskammer Steiermark ein Talent Center gebaut haben.

Ich glaube, wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Jugendlichen dorthin entwickelt werden, wo die Begabungen sind. Das ist vergleichbar mit dem Sport. Da sehen wir als die größte Herausforderung, dass wir Begeisterung schaffen. Das ist auch der Grund – ich muss Werbung in eigener Sache machen: Euroskills 2021 – wo es die Kamera? – von 22. bis 26. September 2021 in Graz, erstmalig in Österreich. Warum? – Um einfach darzustellen, dass Young Professonials, junge Fachkräfte, unheimlich viel leisten können und dass dasselbe wie auch im Sport gilt: Die Spitze treibt die Breite. Wir wollen Jugend begeistern, wir wollen Eltern begeistern und sagen: Kommt in die Unternehmungen! – Wir haben in der Steiermark mehr offene Lehrstellen als Lehrstellensuchende. Das heißt, die Betriebe warten, und das wollen wir natürlich auch damit initiieren – wie der Kollege gesagt hat –: Qualifizierung, Qualifizierung, Qualifizierung! Das ist, glaube ich, das Wesentliche, das wir jetzt dazu beitragen können, neben allen anderen virologischen Maßnahmen, die ja von Experten hoffentlich dargestellt werden.

Horst Schachner: In Wirklichkeit fängt das in den Köpfen der Eltern an: Was macht mein Sohn? Was macht meine Tochter? – Ich glaube, wenn man Lehre mit Matura anbietet und nachher wirklich den Weg offen hat, was machen will - - Der eine studiert halt, der andere sagt: Ich will mich in meinem Beruf entfalten! – Ich glaube, es ist das Wichtigste, dass die Menschen heute wissen müssen: Ein Beruf ist nicht Schlechtes, ein Beruf ist etwas ganz Gutes, und man kann gutes Geld damit verdienen. Man kann sich professionalisieren und weit aufsteigen, man kann bis zum Geschäftsführer alles machen.

Nadja Bernhard: Muss man dieses Bild vielleicht wirklich korrigieren? – Herr Steiner.

Michael Steiner: Das Bild wird sukzessive korrigiert. Wie Herr Schachner schon gesagt hat: Beispielsweise Digitalisierung ist ja nicht nur eine Hardwaresache, sondern auch eine Softwaresache. Wer ist imstande, digital miteinander umzugehen? – Das sind die Jungen, die es schneller lernen. Man darf auch nicht unterschätzen, dass es da noch einen Bedarf bei den älteren Menschen gibt, die digitalen Fähigkeiten zu entwickeln.

Was Herr Herk auch schon betont hat: Euroskills ist für mich auch ein Beispiel dafür, dass auch in der Lehrlingsdimension, der Dimension der jungen Facharbeiter Internationalisierung und Wissensaustausch notwendig sind. Auch das ist eine Öffnung. Euroskills sind europäische Fähigkeiten, die müssen dann auch durch Internationalisierung - - Da hat es schon mehrfach Wettbewerbe in dieser Dimension gegeben; die Steiermark war nicht unerfolgreich dabei. Auch das ist ein Aspekt. Bleiben wir auch auf dieser Fachkräfteebene alert und offen für Öffnung!

Nadja Bernhard: Ich würde jetzt gerne zum zweiten Punkt kommen, zur Kultur. Die Steiermark und vor allem Graz haben ja eine langjährige Kulturtradition, die sehr innovativ ist, die sehr dynamisch gelebt wird. Ich glaube, jeder von uns - - Wenn man durch Graz geht – so abgeschmackt das jetzt vielleicht klingt –, spürt man, dass da Kultur gelebt wird.

Herr Buchmann, Sie haben einen gewissen Zugang zur Kultur, Sie sind als Landesrat für Kultur zuständig: Wie erklären Sie sich die schon sehr auffallende Affinität für die Kultur in der Steiermark?

Christian Buchmann: Ich glaube, dass die steirische Kulturpolitik in den Siebzigerjahren, vielleicht auch schon ausgangs der Sechzigerjahre – die 68er-Bewegung –, gespürt hat, dass da etwas im Gange ist und dass die steierische Kulturpolitik – Hanns Koren, um einen Namen zu nennen – dann auch sehr früh diese Öffnung favorisiert hat. Es hat dann ja die berühmten Trigon-Ausstellungen gegeben, bei denen man schon gemeinsam mit Teilen des ehemaligen Jugoslawien den öffentlichen Raum bespielt und breite Bevölkerungsgruppen mitgenommen hat. Denken Sie an den Steirischen Herbst, der ein Kulturfestival ist, das sich immer wieder neu erfinden muss!

Wolfgang Bauer – um einen Namen zu nennen – hat seinerzeit mit dem „Magic Afternoon“ einen Riesenskandal im Grazer Opernhaus ausgelöst. Also da gibt es, aus der Historie kommend, schon diesen Puls, dass uns sehr bewusst war, dass Kunst und Kultur ein Lebenselixier sind. Manche sagen auch: ein Grundnahrungsmittel.

Ich erlebe bei vielen Gesprächen mit Unternehmungen, die darüber nachdenken, ob sie möglicherweise nach Österreich oder auch in die Steiermark kommen, dass Kunst und Kultur eher ein Thema sind: Gibt es zweisprachige Schulen für meine Kinder, wenn ich in das Land komme? Gibt es möglicherweise sogar zweisprachige Kindergärten, damit man das vom Kleinkindalter an schon entsprechend bespielen kann? Wie ist es für meinen Ehepartner? Ist man in der Region willkommen, nicht nur um einen Theaterbesuch zu machen, sondern hat der Partner – im Regelfall, wenn es mit jungen Kinder zu tun hat, die Mutter – die Möglichkeit, wieder einen Arbeitsplatz zu finden?

Kultur würde ich einen sehr umfassenden Aspekt nennen, und wir haben das eigentlich über die Jahre, wie ich meine, schön entwickelt. Wir haben eine sehr dichte freie Szene im ganzen Land, wir haben unsere großen Kunst- und Kulturinstitutionen, und ich habe vor wenigen Tagen während der Präsidentschaft in meinem Büro auch einen Akzent gesetzt, bei dem Richard Kriesche sich mit dem Thema meiner Präsidentschaft auseinandersetzt und Kunst und Kultur aus Medienkunstsicht beleuchtet.

Die Steiermark wird am 7. April ja auch den Heldenplatz erobern und dort erstmals die Steiermarkschau präsentieren. Also für uns sind Kunst und Kultur immer auch ein Thema – umso mehr, weil wir uns mitten in einer Pandemie befinden und sehr viele Künstlerinnen und Künstler momentan nicht so agieren können, wie sie es gerne würden.

Nadja Bernhard: Sicher eine der betroffensten Branchen, zweifelsfrei.

Sie haben gesagt, Kunst und Kultur sind Lebenselixier. Was macht diese Kreativität, die vorhanden ist, mit der Wirtschaft? Wie befruchtet sie die Wirtschaft? – Diese Frage würde ich jetzt einfach so in die Runde werfen.

Josef Herk: Das ist ein wichtiger Faktor. Wir sehen, wir brauchen ja auch Fachkräfte aus dem Ausland, und da ist das Thema, wie Herr Präsident Buchmann angesprochen hat, ein ganz wesentliches: Gibt es in dieser Region Kultur, und gibt es auch dieses Lebensgefühl? – Ich glaube, es ist diese Mischung: Kultur, Innovation, Lebensgefühl, Kulinarik. Bitte den Sport nicht zu vergessen: Die Steiermark ist das einzige Land weltweit, in dem alle nordischen Weltmeisterschaften durchgeführt wurden, auch Formel-1, Moto-GP und alpine Bewerbe. Der Austropop würde ohne steierische Innovation auch sehr arm ausschauen – das möchte ich festhalten.

Nadja Bernhard: Sie machen eine sehr überzeugende Werbekampagne für die Steiermark!

Josef Herk: Das ist ja auch meine Aufgabe, deshalb sitze ich ja auch da. Das ist, glaube ich, ganz, ganz wichtig, das gibt natürlich ein Gefühl. Die südliche Region, die Südsteiermark, die ja vor 40, 50 Jahren noch ganz stark von diesem Eisernen Vorhang betroffen war, ist heute so quasi die Inregion im europäischen Bereich, wo Kulinarik, Wein, Lebensgefühl, Kultur und alles zusammenspielen.

Nadja Bernhard: Schöne Gegend!

Josef Herk: Das brauche ich Ihnen nicht näher zu erklären. Das ist der steirische Brauch!

Nadja Bernhard: Noch kurz zurück zur Kunst – Herr Steiner vielleicht –: Inwiefern ist Kunst ein Wirtschaftsfaktor für die Steiermark?

Michael Steiner: Es ist zunächst einmal ein nicht unwesentlicher Produktionssektor. Wenn man zusammenfasst, was auch von den Creative Industries, von dem Cluster betont wird und von dem Netzwerk auch bedient und betont wird, dann sind das ungefähr 2 Prozent der gesamten Wertschöpfung. Das ist ungefähr knapp 1 Milliarde Euro, die da geschaffen wird.

Das Zweite wurde schon gesagt: Es hat so etwas wie inspirative Kraft, ohne die wir keine Utopien schaffen können – ohne Inspiration keine Utopie.

Drittens: Es ist in manchen Industriebereichen eine ganz wichtige Vorleistungsstufe. Design ist nicht nur zur Behübschung da, sondern fließt wirklich als wesentliche, produktivitätssteigernde Fasson auch in die Automobilindustrie, in die Flugzeugindustrie und auch in viele andere Industrien ein – also in diesem Sinn nicht nur schön und nett, was es auch sein soll.

Gleichzeitig sage ich dazu: Wir stehen ja mit der Steiermark nicht isoliert da. Wir preisen jetzt die Steiermark, aber wir wissen, dass wir in Konkurrenz zu Salzburg, zu Oberösterreich mit der Ars Electronica stehen. Also da gibt es ja Differenzierungen in der Kultur, in der Kulturdarstellung, in der Kulturnutzung, und da nimmt die Steiermark einen gewissen Weg ein. Wir müssen aufpassen, dass wir uns in der Kultur nicht zu sehr freundlich verhalten: Kultur ist auch immer Widerspruch und Gegensatz.

Nadja Bernhard: Dann kommen wir zur Forschung – auch ein Fundament der steirischen Wirtschaft. Viele meinen, man ist besonders erfolgreich, weil es eine sehr wirtschaftsnahe Forschung ist. – Herr Buchmann, sehen Sie das auch so?

Christian Buchmann: Es wird immer unterschieden zwischen Grundlagenforschung – da sagt man, das machen die Universitäten oder die Forschungseinrichtungen – und angewandter Forschung – dort sollen die Transformationsprozesse der Grundlagenforschung hin zu Produkten, Dienstleistungen und Verfahrenstechnologien erfolgen, um damit Produkte und Dienstleistungen zu haben, die auf internationalen Märkten abgesetzt werden. Das klingt in der Formulierung einmal recht plausibel, ist in der konkreten Ausgestaltung aber mit vielen Hürden versehen. Ich glaube, was uns gelungen ist, ist, in den letzten Jahren diese Hürden ein bisschen niedriger zu machen. Sie sind nicht weg, aber sie sind niedriger. Denken Sie beispielsweise an die geistigen Eigentumsrechte! Wenn jemand an der Universität etwas entwickelt und erforscht hat, war die Frage: Wem gehört jetzt dieses Eigentum? Da gibt es mittlerweile Ansätze, Prozesse und Wege, wie dieser Prozess stattfinden kann, wie die Universität etwas davon hat, wie die Betriebe etwas davon haben und wie die Cluster beispielsweise die Schnittstellenfunktionen einnehmen können.

Ohne Grundlagenforschung geht sowieso nichts, daher brauchen wir unsere Universitäten. Nochmals: Das große Glück der Steiermark ist es, zwei technische Universitäten und Joanneum Research haben zu können. Damit sind wir von dieser Seite her schon einmal ganz gut aufgestellt, aber es gilt auch für die anderen Universitäten. Den Transformationsprozess zu gestalten ist der entscheidende Punkt, um dann zu absatzfähigen Produkten zu kommen, denn die bringen Wertschöpfung, Wertschöpfung heißt Arbeitsplätze, und Arbeitsplätze heißt in letzter Konsequenz Wohlstand und Wohlstandsmehrung. Das ist ein Grund, warum wir alle in der einen oder anderen Form in der Wirtschaft arbeiten.

Josef Herk: Vor allem glaube ich auch, dass die Universitäten die Türen für die kleineren und mittleren Unternehmungen geöffnet haben. Also da hat es in den vergangenen Jahren doch eher ein bisschen Zugangshemmnisse gegeben. Das ist ein wesentlicher Bereich, und da sehen wir, glaube ich, auch für die Zukunft ein ganz starkes Potenzial für kleine und mittlere Unternehmungen, noch stärker die Verbindungen zu Forschungsinstitutionen auszubauen.

Horst Schachner: Forschung und Entwicklung gibt es natürlich in vielen Betrieben bei uns. Wenn ich nur List mit der Motorentechnik anschaue: Was die auf dem Weltmarkt machen, ist ein Wahnsinn. Wir sind stolz darauf, in der Steiermark solche Betriebe zu haben. Deshalb würde es ohne Forschung und Entwicklung nicht gehen. Der Weg ist der richtige.

Nadja Bernhard: Frau Zengerer.

Christa Zengerer: Ja, Forschung und Innovation sind ganz, ganz wichtige Faktoren und, wie wir gehört haben, Erfolgsfaktoren in der Wirtschaftsentwicklung der Steiermark. Wir als Cluster sind da ein Dreh- und Angelpunkt und oft auch ein Katalysator für Forschung und Entwicklung. Wir bringen Unternehmen, kleine Unternehmen – Sie haben es gesagt, Herr Herk –, die sich vielleicht früher nicht getraut haben, bei einer Universität anzuklopfen und zu sagen: Ich würde da gerne etwas entwickeln!, mit Universitäten mit Forschungseinrichtungen zusammen. Unternehmungen untereinander, die oft auch in Konkurrenz stehen: Da gibt es ein vielfältiges Netzwerk und eine Vielfalt an Kombinationen, bei denen wir oft den Weg ebenen und auch Forschung und Entwicklung ermöglichen, damit diese Kooperationen entstehen.

Nadja Bernhard: Ich würde langsam zur Abschlussrunde kommen: zum Blick in die Zukunft. Ich würde Sie beide bitten, zu beginnen, und enden möchte ich mit Herrn Steiner, weil er, glaube ich, einen utopischen Blick in die Zukunft hat.

Josef Herk: Der Blick in die Zukunft ist ein positiver, überhaupt keine Frage, auch aus dem Grund, dass wir nicht stehen bleiben. Ich denke, das ist eine der wichtigsten DNA-Eigenschaften, die wir haben: dass wir sagen, die besagte Oberliga ist zwar wunderbar, aber wir wollen uns weiterentwickeln, und wir arbeiten intensiv mit allen Möglichkeiten daran – von Qualifizierung und Ausbildung auch im Bereich der Forschung, und ganz wesentlich natürlich auch im unternehmerischen Tun.

Wir haben gesehen: Im Jahr 2020 hat es nicht weniger Unternehmensgründungen gegeben als im Jahr davor. Das heißt, diese unternehmerischen Eigenschaften und diese Bereitschaft, auch aktiv und unternehmerisch agil zu bleiben, sind etwas ganz Wesentliches, und es ist meine, unsere Aufgabe, da in Zukunft mitzugestalten. Gemeinsam mit der sozialpartnerschaftlichen Entwicklung – das darf ich natürlich auch sagen – und mit all unseren Möglichkeiten sind wir gut aufgestellt. Ich sage immer: Die Steiermark hat relativ wenig Bodenschätze. Der wichtigste Bodenschatz sind unsere Jugend und das steierische Hirnschmalz, das wir immer fördern und weiterentwickeln, und dann werden wir auch das gut schaffen.

Nadja Bernhard: Herr Schachner.

Horst Schachner: Wie gesagt, für die Zukunft ist es einfach wichtig – wie wir heute schon besprochen haben –, dass man junge Menschen dazu kriegt, dass sie eine Lehre machen, dass sie anständig geschult werden und dass wir jetzt über das AMS viele Leute schulen können, damit sie bei uns einstiegen können. Ganz, ganz wichtig ist natürlich auch, dass die Pandemie irgendwann einmal vorbei ist, damit wir wieder Fuß fassen können, aber generell sind wir in der Steiermark eigentlich auf einem guten Weg.

Du hast es schon angesprochen: Sozialpartnerschaft – das kann ich wirklich sagen, und ich kenne auch andere Länder, wo Sozialpartnerschaft nicht so gut funktioniert wie bei uns, sie funktioniert überall, aber wir - -

Nadja Bernhard: Wie erklären Sie sich, dass das in der Steiermark so besonders gut funktioniert?

Horst Schachner: Das sind wahrscheinlich die Persönlichkeiten. Man muss aber auch sagen: Wenn man mit einer grundvernünftigen Einstellung in Verhandlungen geht, können beide Seiten gut leben – sagen wir einmal so. Wenn man das nicht kann, dann wird das einfach nie funktionieren – das ist einfach so. Ich habe immer wieder gemerkt – vielleicht darf man das jetzt im Fernsehen nicht sagen –: Die besten Geschäfte macht man nachher am Wirtshaustisch, wo man über gewisse Sachen reden kann.

Nadja Bernhard: Herr Schachner, ich muss Sie warnen: Das Internet vergisst nie! (Heiterkeit der Rednerin.)

Horst Schachner: Okay, passt, alles klar! Aber wie gesagt: Ich bin stolz darauf, Steirer zu sein, und alles zusammen funktioniert bei uns hervorragend.

Für die Zukunft noch einmal: Wir müssen schauen, dass wir Facharbeiter haben, weil die Facharbeiter den Betrieben helfen, denn es wird nicht der Unternehmer alleine machen.

Ein wichtiger Punkt zum Schluss: Wir müssen schauen, dass die Betriebe auch bei uns blieben, dass sie in der Steiermark blieben. Wir müssen Anreize schaffen, damit sie in der Steiermark blieben.

Nadja Bernhard: Wie können diese Anreize aussehen, oder wie müssen sie aussehen? – Herr Steiner.

Michael Steiner: Zunächst einmal so, dass genug an Innovation passiert, auch in der Steiermark für die Steiermark. Zweitens, dass man kooperationsfähig bleibt, innerhalb und auch außerhalb – darum auch die Kooperation der Sozialpartner. Ich habe das im Buch mit dem Begriff konfliktfähige Kooperatoren versehen. Wenn es darauf ankommt, kooperiert man, aber man braucht auch die Konfliktfähigkeit.

Das Dritte ist selbstverständlich über die Qualifikation hinaus, dass die Forschung da ja auch mit hineingreift. Die Facharbeiter, aber auch die qualifizierten Leute, müssen ja irgendwoher kommen, aus einem Bildungssystem mit HTLs, mit Lehrlingsausbildung – das zählt alles dazu, damit die Betriebe auch hierbleiben, weil sie hier genug Nachwuchs an Jugend, an qualifizierter Jugend haben. Das ist durchaus differenziert, das passiert in einem sehr unterschiedlich ausgeprägten Bildungssystem. Das ist eben nicht nur die Forschung, nicht nur die Universität, das sind nicht nur die Fachhochschulen. Das brauchen wir auch verstärkt: diese Mischung und diese Mixtur an Bildungssystemen für die Standortfähigkeit steierischer Unternehmen und Betriebe.

Nadja Bernhard: Frau Zengerer, von Ihnen auch bitte noch ein Blick in die Zukunft: Wo sehen Sie die größten Potenziale für die Steiermark, für die steirische Wirtschaft?

Christa Zengerer: Mein Blick in die Zukunft ist auch ein positiver. Ich glaube, wir müssen auf unser Erfolgsrezept setzen, also auf diese Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und der öffentlichen Hand. Das hat uns durch die letzten Jahre sehr, sehr gut begleitet und uns alle sehr, sehr erfolgreich gemacht. Wir müssen auf unsere Stärkefelder, auf innovative Themen setzen. Ich glaube, dann sind wir für die Zukunft gut aufgestellt. Das hat sich in den letzten Jahren bewährt. Man sagt ja oft, man soll sich nicht immer nur auf das Bewährte verlassen, aber auf Bewährtes und auf Innovationen zu setzen – diese Mischung wird uns, glaube ich, positiv in die Zukunft führen.

Nadja Bernhard: Herr Buchmann: Entwicklungspotenzial – wo sehen Sie das noch in der Steiermark, in welche Richtung soll es gehen?

Christian Buchmann: Ich habe mir erlaubt, diesem Buch von Michael Steiner ein Exlibris hinzuzufügen, in dem ich eine Formel ausgedrückt habe, indem ich gesagt habe: Innovation ist die Erfindungskraft plus Umsetzung, also Inspiration und Transpiration – steirisch gesprochen. Das gilt für alle Sektoren des gesellschaftlichen Lebens: Das gilt für die Wirtschaft, das gilt für die Kunst, das gilt für den Sport, das gilt für den Tourismus, und das gilt letztendlich auch für die Familie. Wer sich nicht weiterentwickelt, wird stehen bleiben, und so gesehen ist das die Formel für die Zukunftsgestaltung. Wenn wir das weiterleben, dann braucht uns um die Steiermark nicht bange zu sein.

Nadja Bernhard: Herr Steiner, noch ein letztes Mal Sie als Abschluss: dieser Blick in die Zukunft, vielleicht mit ein bisschen Utopie versehen – um die Klammer zu schließen.

Michael Steiner: Man könnte natürlich für jedes einzelne Feld – Forschung und Entwicklung, Infrastruktur, Budget, auch für die regionale Wirtschaftspolitik – einiges an Vorschlägen bringen. Ich habe versucht, sie anzudeuten. Wesentlich bleiben die konstitutiven Elemente: Öffnung sowohl in die anderen Bundesländer – wir haben ja das bundesstaatliche Prinzip, die Steiermark steht nicht allein, sondern ist mit allen weiteren acht Bundesländern vernetzt – als dann auch in die Welt hinein, weltoffen bleiben, das Kreativelement von Kultur mitnehmen, das unternehmerische Element mitnehmen, sowohl bei Arbeitnehmern als auch bei Arbeitgebern. Wir müssen wissen, dass Kreativität im Unternehmertum eine wichtige Voraussetzung für die Zukunft und ein regulatives Element, ein utopischer Realismus ist – wollen, dass es besser wird, bis hin zur Champions League.

Nadja Bernhard: Ein wunderbarer Abschluss. – Ich darf mich bei Ihnen allen hier am Podium bedanken – es war schön, wieder ein bisschen Normalität zu leben – und bei Ihnen zu Hause oder wo immer Sie uns per Livestream folgen. Vielen Dank für Ihr Interesse! Ich glaube, es war jetzt ein optimistischer Abschluss, und ich denke mir: Alles wird gut! – Vielen Dank fürs Zusehen, danke. (Beifall.)