Transkript der Veranstaltung zum Weltfrauentag:
Frauengeschichten. Lesung wider die Gewalt.
Julya Rabinowich (Moderatorin): Meine sehr geehrten Damen und vielleicht ein paar sehr geehrte Herren! Es wäre immer schön, wenn man auch welche hier finden würde. Ich glaube, man findet. Ich darf heute diesen wunderschönen Abend eröffnen und auf Texte hinführen, die sich mit Gewalt und der Überwindung dieser Gewalt beschäftigen. Vorgetragen werden sie von ganz großartigen Schauspielerinnen, tollen Künstlerinnen. Ich fühle mich sehr geehrt, diese Texte für sie zusammengestellt haben zu können. Sie werden sehen, die Texte sind sehr unterschiedlich. Sie werden unterschiedlichste Aspekte von Gewalt und Gewaltbeziehung behandeln und auch unterschiedliche Lösungen beziehungsweise unterschiedliche Möglichkeiten einer Lösung beleuchten – doch davon später mehr.
Für mich war auch sehr wichtig, aufzuzeigen, wie ein Frauenschicksal vor nicht allzu langer Zeit hat aussehen können, wenn einfach rechtlich nicht genug Möglichkeiten gegeben waren, dieser Situation zu entkommen. Das werden wir heute kennenlernen und wir werden auch hören, wie man es heutzutage glücklicherweise anders machen kann.
Ich würde bitten, dass die Frau Nationalratspräsidentin den Abend eröffnet. Ich werde danach weiter moderieren. – Vielen Dank. (Beifall.)
Doris Bures (Zweite Präsidentin des Nationalrates): Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wenn Sie möchten, wir haben diese Plexiglaswände, können Sie am Sitzplatz auch gerne die Maske ablegen – aber ganz wie Sie das wollen. Herzlich willkommen am Vorabend des Internationalen Frauentages hier im großen Redoutensaal der Hofburg. Ich muss gestehen: Die Vorfreude auf den heutigen Abend war schon sehr groß, und als ich jetzt in diesen Raum gekommen bin, hab ich mich noch mehr gefreut, weil die letzte Veranstaltung zum Internationalen Frauentag, als wir auch sozusagen diese physische, kraftvolle Energie der Frauen spüren konnten, liegt drei Jahre zurück.
Eigentlich auf den Tag genau sind wir am 7. März 2019 das letzte Mal – hier physisch anwesend – den Frauentag begangen. Wir haben damals die Ehrung der acht Pionierinnen, die ersten weiblichen Abgeordneten zum Nationalrat in den Mittelpunkt gestellt. Wir haben dazwischen jedes Jahr natürlich mit virtuellen Veranstaltungen den Frauentag begangen. Ich glaube, Sie werden mir recht geben, der Vergleich macht uns sicher, allemal ist es schöner, wenn wir uns sehen und wenn wir uns treffen können.
Vor drei Jahren – das letzte Mal mit physischer Anwesenheit beim Internationalen Frauentag – waren so viele Dinge so ganz selbstverständlich: Wir haben uns die Hände geschüttelt, einige haben sich auch umarmt. Es hat also Begrüßungen gegeben, die wir heute auslassen mussten. Das Virus hat plötzlich etwas wie Abstandsregeln, wie Lockdowns gebracht – und das waren nur einige Monate, nachdem wir das letzte Mal hier zum Internationalen Frauentag physisch anwesend waren. Das hat unser Leben massiv verändert, wie wir heute auch gesehen haben, nachhaltig verändert.
Es war der Beginn eines gesundheits- und gesellschaftspolitischen Ausnahmezustands mit Eingriffen in Grund- und Freiheitsrechte. gleichzeitig gerieten gerade wir Frauen noch unter zusätzlichen Druck, denn diese Aufteilung neuer Aufgaben fand unter sozusagen alten Rollenbildern und alten Mustern statt, zum Beispiel dass unbezahltes Homeschooling ganz schnell und scheinbar selbstverständlich von den Müttern übernommen wurde.
Wie ein Brennglas hat die Pandemie auch Probleme verstärkt, die wir alle ja allzu gut kennen und wogegen wir schon lange ankämpfen: prekäre Arbeitsverhältnisse von Frauen, die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern, die ungerechte Entlohnung, vor allem auch in den sogenannten systemrelevanten Berufen, vom Kindergarten über die Pflegeheime bis zum Supermarkt.
Leider hat dieser verstärkte Effekt auch bei dem Thema zugeschlagen, mit dem wir uns heute beschäftigen wollen. Während der Coronapandemie ist es weltweit zum Anstieg von Gewalt gegen Frauen gekommen. UN Women spricht sogar von einer Schattenpandemie. Während des Lockdowns wurden wir vom öffentlichen Raum in die eigenen vier Wände gedrängt – und spätestens seit Johanna Dohnal wissen wir, dass gerade für Frauen diese eigenen vier Wänden mitunter der gefährlichste Ort sein kann. Allein in Österreich wurden im Vorjahr 31 Frauen ermordet, 31 Frauen und 31 Schicksale. Sie waren Mütter, Großmütter, Töchter, Freundinnen, Arbeitskolleginnen und sie wurden alle brutal aus dem Leben gerissen – in fast allen Fällen vom Partner oder vom Ex-Partner. Die Jüngste war 13, die Älteste 86 Jahre alt. Wir wissen natürlich nichts von ihren Träumen und auch nichts darüber, was sie in ihren Leben alles noch vorhatten, sondern wir können nur ahnen, was sie bereits hinter sich hatten, denn Frauenmorde sind oft das furchtbare Ende einer langen Gewaltgeschichte, einer Gewaltgeschichte, die irgendwann als Liebesgeschichte begonnen hat. Femizide sind die furchtbarste Spitze eines Eisbergs von tagtäglicher Gewalt.
Wenn wir einen Blick in die polizeiliche Statistik machen, dann zeigt das ein erschreckendes Bild. 13 600 Mal wurden im Vorjahr Betretungs- und Annäherungsverbote über Gefährder verhängt. Das sind 37 Betretungsverbot Tag für Tag – 37 jeden Tag – und um 55 Prozent mehr seit Beginn der Pandemie.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir wissen Gewalt gegen Frauen hat ganz viele Gesichter. Ob psychische, körperliche, sexualisierte oder ökonomische Gewalt, immer geht es dabei um die Ausübung männlicher Gewalt und Kontrolle. Täter setzen Gewalt ein, um ein Machtgefälle aufrechtzuerhalten. Gewalt gegen Frauen ist daher auch immer Ausdruck patriarchaler Verhältnisse. Wenn es um den Schutz von Frauen geht, dann sind die schützenden Wände von Frauenhäuser, die hervorragende Expertise von Gewaltschutzexpertinnen, ein starkes Gewaltschutzgesetz und Sicherheit durch Justiz und Polizei unverzichtbare Säulen – und trotzdem zu wenig.
Um das Problem bei der Wurzel zu packen, bedarf es wesentlich mehr. Es braucht nämlich eine proaktive Frauenpolitik. Es braucht eine Frauenpolitik, die für gleiche Chancen kämpft, die dafür eintritt, dass es gerechte Einkommen gibt, wodurch Frauen ein unabhängiges, ein selbstbestimmtes und ein gleichberechtigtes Leben führen können. (Beifall.)
Nicht nur der morgige Weltfrauentag – aber auch er – ist Grund genug, das mit Nachdruck wieder einzufordern. Sehr geehrte Damen und Herren, die Stimmen der betroffenen Frauen, der Frauen, die von Gewalt betroffen sind, sind meistens sehr, sehr leise. Sie sind leise oft aus Angst und manchmal auch aus Scham. Die heutige Lesung soll von Gewalt betroffenen Frauen eben eine laute Stimme ermöglichen und verleihen. Die Lesung soll auch unseren Blick für die Wunden und Narben schärfen, die die Gewalt an diesen Frauen, an ihren Körpern, an ihren Seelen und letztendlich auch in unserer Gesellschaft hinterlässt.
Liebe Julya Rabinowich, ich bedanke mich bei dir ganz herzlich für die künstlerische Leitung des heutigen Abends und diese hohe Sensibilität, mit der du die Texte für uns ausgewählt hast. Vielen Dank, liebe Julya. (Beifall.)
Es sind wirklich schöne Texte. Ich konnte sie schon lesen, aber noch nicht so hören, wie wir sie jetzt gemeinsam hören werden. Es sind deshalb so schöne Texte, weil sie uns auch Hoffnung geben sollen und weil Hoffnung in diesen Texten auch zum Ausdruck kommt. Hoffnung gibt uns Kraft und Mut. Na, das können wir ja alle einmal in unseren Auseinandersetzungen um Frauenrechte gebrauchen.
Ich danke den drei großartigen Burgschauspielerinnen Dorothee Hartinger, Dörte Lyssewski und Sabine Haupt, die eben diese Texte lesen werden.
Bevor ich aber den Künstlerinnen das Wort übergebe, möchte ich aus aktuellem Anlass einen weiteren, ganz wesentlichen Aspekt des Weltfrauentages ansprechen. In seiner über 100-jährigen Geschichte ist der Frauentag auch immer ein Tag der internationalen Solidarität und des Friedens gewesen. Deshalb lasse ich den Krieg in der Ukraine auch nicht unerwähnt. Millionen Menschen, Männer und Frauen, kämpfen um ihr Überleben und fliehen vor dem Krieg. Krieg ist zweifelsohne die schlimmste und fürchterlichste und verheerendste Form von Gewalt. Ich denke, Österreich ist auch in der Ukrainekrise gut beraten, weiterhin an der Neutralität und ihrem friedensstiftenden Charakter festzuhalten. (Beifall.)
Ich denke aufgrund der aktuellen Diskussion auch, dass wir gut beraten sind, keinen Zweifel an diesem friedensstiftenden und auch identitätsstiftenden Charakter aufkommen zu lassen. Aktive Neutralitätspolitik bedeutet: Wir beteiligen uns nicht an militärischen Auseinandersetzungen; die Neutralität verpflichtet uns umso mehr zu Solidarität. Auch daran soll uns der Weltfrauentag erinnern, der Tag der internationalen Solidarität. Ich wünsche Ihnen und allen Frauen einen friedlichen und glücklichen Weltfrauentag 2022 – und ich freue mich unendlich, Sie auch heute hier alle sehen zu können. Einen schönen Weltfrauentag! (Beifall.)
Julya Rabinowich: Meine sehr geehrten Damen und vielleicht auch Herren, willkommen also jetzt zu unserm Abend! Machen Sie sich bereit, eine Reise in die Tiefe zu unternehmen, in die Geschichte dieser Frauen einzutauchen, ihre Kraft und ihre Schicksalsschläge mitzuerleben, die so viele Parallelen haben und alle dennoch so unterschiedlich sind. Die hier verlesenen Frauengeschichten bilden verschiedene Aspekte der erlebten Gewalt ab, zeigen auf, was sich verbessert hat, welche Rechte ausgebaut wurden, welche Lösungswege möglich sind, die früher schutzsuchenden Frauen nicht offenstanden. Es geht also zuerst quasi in die Tiefe und dann wieder hinauf ins helle Sonnenlicht. Lassen wir also diese Reise beginnen!
Die Textausschnitte werden verlesen – wie schon vorher angekündigt – von den großartigen Schauspielerinnen des Burgtheater-Ensembles. Es eröffnet die erstaunlich wandelbare Dorothee Hartinger, die seit 2002 Ensemblemitglied im Burgtheater ist, bei den Wiener Festwochen sowie Salzburger Festspielen auftrat, abgesehen davon auch noch in Fernsehserien mitspielte und vor allem für ihre Gretchendarstellung in der monumentalen „Faust“-Inszenierung von Peter Stein den Deutschen Kritikerpreis für Theater erhielt.
Wir beginnen mit Veza Canetti und ihrem „Oger“, der um 1930 in Wien spielt: ein gierige, berechnender Mann, der eine junge Frau heiratet – wegen ihrer Mitgift, die er verprasst, um sein Ansehen zu heben, während er seine Frau Stück um Stück in den Wahnsinn treibt, während er sie ausnimmt wie eine Weihnachtsgans. Veza Canetti wirft einen schmerzhaft genauen Blick auf die Verlogenheiten und Rücksichtslosigkeiten der Umgebung, auf das Ausgeliefertsein und den vergeblichen Ausbruchsversuch der jungen Frau namens Maja, auf das enge Korsett, das Frauen dieser Zeit aufgezwungen wurde, die Hindernisse, sich scheiden zu lassen. – Ich bitte darum.
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(Burgschauspielerin Dorothee Hartinger liest Passagen aus Veza Canettis „Der Oger“.)
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(Beifall.)
Julya Rabinowich: Das, meine sehr geehrten Damen und Herren, war die Realität vieler Frauen, bevor die Gesetzeslage geändert wurden, bis die Rechte der Frauen gestärkt wurde – und ihre Unabhängigkeit damit mit. Wir wissen was für ein langer Weg es war, was für ein Kampf!
Ich kann nur jeder einzelnen Frau empfehlen, nicht auf diese Rechte und Möglichkeiten zu verzichten, wenn sie Hilfe braucht. Ihr habt ein Recht darauf: auf Unversehrtheit, auf Unabhängigkeit, auf Sicherheit. Ich kann auch nur jede Frau bitten, andere Frauen dabei zu unterstützen, diese Hilfestellungen auch annehmen zu können. Die Beratungsstellen, die Frauenhäuser, die Telefonhotlines – sie sind für euch geschaffen worden, sie sind für euch da.
Sabine Haupt wird nun den nächsten Textausschnitt vorbereiten. Sie ist seit Saison 1999/2000 ein virtuoses Burgtheater-Ensemblemitglied, spielte auch als inspirierende Darstellerin in Inszenierungen von Andrea Breth, Martin Kušej und Thomas Ostermeier mit. Neben ihrer Tätigkeit am Theater ist sie auch in verschiedenen TV-Produktionen zu sehen.
Diese nächste Frauengeschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht, führt uns zuerst noch weg aus Österreich, in die Türkei und dann wieder nach Österreich zurück. „Blauschmuck“ von Katharina Winkler ist die Geschichte von Gewalt, die ein kleines Mädchen zuerst erlebt, sodass es diese Gewalt als erwachsene Frau so gewohnt ist, dass es einen Höllenritt benötigt, um dieser Gewalt endlich entkommen zu können. Filiz wächst in einem Dorf auf, in dem diese Gewalt alltäglich ist. In einem Aufbäumen gegen den Willen ihres Vaters heiratet sie viel zu jung Yunus, der eine schöne neue Welt verspricht. Die Ehe führt aber noch tiefer in die Abhängigkeitsspirale und kostet sie beinahe das Leben.
Erschreckend ist übrigens die Parallele zwischen der Maja der Dreißigerjahre und der Filiz der Neunzigerjahre: Beide sind sie in der Vorstellung gefangen, ihr Martyrium nicht verlassen zu können – wegen der Kinder, wegen der Isolation. Zusätzlich dazu trennt Filiz noch die Sprachlosigkeit der neuen Welt, in der ihr Mann ihren Pass wegnimmt, ja, sie als eigenständige Person völlig auszuradieren versucht. Ihre Befreiung und die Befreiung ihrer drei Kinder führt durch ein tiefes, dunkles Tal und ist dadurch in ihrem Mut und ihrer Kraft umso beeindruckender. – Bitte, Sabine.
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(Burgschauspielerin Sabine Haupt liest Passagen aus Katharina Winklers „Blauschmuck“.)
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(Beifall.)
Julya Rabinowich: Nochmals möchte ich hier festhalten, wie wichtig der aufmerksame Blick von außen ist Er kann alles bedeuten, auch über die Sprachbarriere und sozialisierte Unterschiede hinweg. Nicht jede Frau findet gleich die Kraft, in einer neuen Sprache in einer neuen Welt Unterstützung zu suchen. Achtet auf sie, bestärkt sie, schaut nicht weg! Wobei dieses Nichtwegschauen für alle Frauen, die von Gewalt betroffen sind, gilt, bitte.
Der aufmerksame Blick, das Hinhören der anderen kann Leben retten und Leben verändern. In der Stille hinter verschlossenen Türen blühen manchmal Blumen des Bösen. Desto rankwilliger blühen sie, je weniger auf sie geachtet wird, je weniger sie geächtet werden – Gewalt an Frauen aber geht uns alle an. Und das bezieht sich natürlich nicht nur auf die Zivilgesellschaft, sondern umso mehr auf die Politik. Das ist kein Bereich, in dem man sparen darf. Das ist kein Bereich, in dem man verharmlosen sollte. Das ist kein Bereich, in dem man einfach Laissez-faire betreibt.
Der dritte Text wird von der preisgekrönten Schauspielerin Dörte Lyssewski präsentiert. Sie ist seit 2009 Mitglied des Burgtheater-Ensembles. Sie blickt auf eine mit vielen Auszeichnungen gekrönte Schauspielkarriere. Um nur ein paar davon zu nennen: mehrfach die beste Schauspielerin des NRW-Theatertreffens, 2003 den Gertrud-Eysoldt-Ring, Josef-Kainz-Medaille der Stadt Wien und 2012 der Nestroy-Preis als beste Schauspielerin in „Endstation Sehnsucht“.
Wir wechseln wieder das Land – sogar mehrere Länder und Sprachen und Gewaltkonstellationen. Die „Blaue Frau“ von Antje Rávik Strubel wurde 2021 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, und zwar sehr zu Recht, und ist ein faszinierendes, virtuoses Werk, das in Collagen die Geschichte von Adina, Sala, Nina erzählt, die doch ein und dieselbe junge Frau sind, die verschiedene Identitäten annimmt, annehmen muss. Losgezogen voller Neugier, Lebenshunger und Erwartungen aus dem Ort in einem Gebirge an der tschechisch-polnischen Grenze in die weite Welt dauert es nicht lange, bis Adina entsetzliche sexuelle Gewalt begangen von einem mächtigen Mann aus der Politik samt nachfolgender Folter durch ihre Arbeitskollegen, die das vertuschen wollen, erlebt, um sie zum Schweigen zu bringen Sie flieht bis nach Finnland, wo sie dem Politiker auf einer Gala zufällig wieder begegnet. Nun steht ihr Entschluss fest, das Erlebte anzuklagen – trotz ihrer Ängste und dem erlittenen Trauma. Die Geschichte Adinas, die erst zu Nina und dann zu Sala und dann wieder zu Adina wird, um zu ihrer Stärke zu finden, ist ein beeindruckendes Porträt einer tief verletzten und dann gereiften, mutigen Frau, die zu ihrer Stärke wiederfindet. – Darf ich bitten?
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(Burgschauspielerin Dörte Lyssewski liest Passagen aus Antje Rávik Strubels „Blaue Frau“.)
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(Beifall.)
Julya Rabinowich: Dies ist nun die dritte Frauengeschichte, die uns weiter und weiter aus der Gewaltspirale hinausführt in Richtung einer Aufarbeitung, in Richtung einer Lösung und einer Neuorientierung. Niemand kann den Selbstwert einer Frau rauben, die sich selbst neu definiert hat, ob mit oder ohne Unterstützung – und ich glaube doch, dass es mit Unterstützung schneller gelingt. Was gebrochen wurde, kann heilen, was erschüttert wurde, die Balance wiederfinden. Das darf man nie vergessen, auch in manchen Augenblicken nicht, wenn alles dunkel und ausweglos erscheint.
In meinem Roman „Hinter Glas“ setzen wir exakt an dieser Stelle fort, an der das Opfer von Gewalt sich dazu entschließt, sich dem Erlebten zu stellen und ihr Leben zu verändern. Alice, ein Mädchen aus sogenanntem bestem Haus, das hinter den dicken Villawänden unschöne Geheimnisse verbirgt, beschließt, aus der beengenden, gewaltvollen Atmosphäre ihres Elternhauses zu fliehen – mit Niko, einem Draufgänger aus ihrer Schule. Es scheint, frei und schön zu werden, aber es dauert nicht lange, bis sie merkt, dass aufgearbeitete Gewaltsysteme der Kindheit dazu neigen, sich auch in den Beziehungen danach zu etablieren. Nach einer Eskalation sucht und findet sie Hilfe bei ihrem ehemaligen Lehrer und seiner Frau. Hier beschließt sie, der Gewalt ein Ende zu setzen, indem sie sich als Erste ihrer Familie dagegenstellt und sie ausspricht – ein erster Schritt dazu, das Leben frei von Gewalt zu gestalten.
Ich habe gedacht, dass das einfach alle zu dritt verlesen, damit es einen schönen Abschlussakkord gibt. – Ich bitte darum.
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(Die Burgschauspielerinnen Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Dörte Lyssewski lesen Passagen aus Julya Rabinowichs „Hinter Glas“.)
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(Beifall.)
Julya Rabinowich: Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren! Ich hoffe, dass dieses Eintauchen und Auftauchen Sie durch Schmerz zu einer Art Aufklärung gebracht hat, Sie vielleicht bestärkt hat, sich zu wehren, Hilfe zu holen, Hilfe zu bieten und aufmerksam zu sein. Die Gesellschaft trägt Verantwortung. Die Gesellschaft darf vor dieser Verantwortung nicht zurücktreten.
Es ist viel passiert in Österreich. Wir haben viel erreicht, aber wir haben immer noch einen weiten Weg vor uns. Die Gewalt an Frauen ist hoch. Bei Femiziden sind wir führend. Nehmen wir uns die Ressourcen, die Kraft, den Willen, sich dem entschlossen entgegenzustellen! Das haben die Frauen verdient – nein! –, es steht ihnen zu, das sind wir ihnen schuldig, wir alle!
Ich danke sehr für diesen Abend. Ich hoffe, dass wir jetzt bestärkt in den Frauentag gehen, der erst morgen anbricht, und wünsche einen wunderbaren Abend zum Ausklang. – Danke sehr. (Beifall.)